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Als Star Wars den jungen Menschen die politische Welt (v)erklärte, anno 1977 und 2017

Als ich seinerzeit Star Wars: Eine neue Hoffnung in einem der Wiener Kinos sah (yep, Holzklappstühle und Papiertickets, die aus einem Büchlein gerissen wurden – 50 öS/7 DM kostete damals der Filmspaß), war ich gerade einmal 10 Jahre jung. Damals wusste ich freilich nichts von der politischen Welt, in der ich all die Cowboy-und-Indianer-Filme nachstellte und die lustigen Comic-Taschenbücher verschlang. Gewiss, eines wusste auch der verspielteste Tagträumer, nämlich, dass es den bösen Osten und den guten Westen gab.

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‚Finis Germania‘, ‚Vergesst Auschwitz!‘ und ‚Der Treppenwitz der Geschichte‘

Broder-Sieferle

Conclusio für den eiligen Leser: Rolf Peter Sieferles Buch Finis Germania ist eine Empfehlung. Mit Einschränkung. Henryk M. Broders Vergesst Ausschwitz! eine Zumutung. Ohne Wenn und Aber.

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Alles beginnt damit, dass ein Spiegel-Redakteur das posthum erschienene Büchlein des deutschen Historikers Rolf Peter Sieferle mit dem recht pessimistischen Titel Finis Germania der breiten Leserschaft empfiehlt. Das wiederum stößt einigen anderen Kollegen der journalistischen Zunft säuerlich auf, weshalb das Buch wieder von der Empfehlungsliste verschwindet. Dieses Verschwinden lassen – ein Zaubertrick unserer Zeit  – erweckte aber in manchem Medienkonsument den Eindruck der blanken Zensur, weshalb diese „Auslese“ damit begründet wird, dass das Buch rechtsradikal, antisemitisch und geschichtsrevisionistisch sowie eine völkische Angstfantasie sei.

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Barcelona im August 2017: The show must go on and on and on …

dav

Eigentlich wollte ich mich so gar nicht mit den Ereignissen in Barcelona beschäftigen. Wieder Terrorismus. Wieder ein Fahrzeug. Wieder Menschenmengen. Wieder unzählige Opfer. Wieder Trauerkundgebungen. Wieder das Schüren emotionaler Gefühle. Wieder das politische Ausschlachten an allen Fronten.

Same shit, different smell, wenn es mir erlaubt ist, so salopp die englische Sprache zu verwenden. Schön langsam ist eine eingespielte Routine zu bemerken. Die Behörden und die Medien laufen wie eine geölte Maschine. Die kleineren und größeren Zahnräder greifen scheinbar mühelos ineinander und bewegen die unglaubwürdigsten Storys vorwärts. Wer sich anmaßt, auf Lücken und Widersprüche der offiziellen Verlautbarung, auf seltsam unecht wirkendes Bildmaterial und absurden, aber fotogenen Rettungsmaßnahmen hinzuweisen, wird mit der „Opfer-Keule“ grün und blau geschlagen. Es ist, als würde von einem Moment auf den anderen der Verstand des gewöhnlichen Bürgers aussetzen. Mehr noch, der Medienkonsument zeigt längst Anzeichen einer Pawlowschen Konditionierung. Gut, würde ich nicht wissen, was ich weiß, ich wäre nicht anders. Deshalb ist die Frage aller Fragen, wie man den Einzelnen wieder zum Gebrauch seines Verstandes bewegen kann. Gibt es eine Möglichkeit, diese Konditionierung – oder ist’s gar ne Hypnose? – aufzulösen? Wo sind nur die unschuldigen Kinder, die rufen, dass der Kaiser keine Kleider trägt?

„In der großen Stadt, in welcher der Kaiser wohnte, ging es sehr munter her. An jedem Tage kamen viele Fremde an, und eines Tages kamen auch zwei Betrüger, die gaben sich für Weber aus und sagten, daß sie das schönste Zeug, was man sich denken könne, zu weben verständen. Die Farben und das Muster seien nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Zeuge genäht wurden, sollten die wunderbare Eigenschaft besitzen, daß sie für jeden Menschen unsichtbar seien, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.“ [Märchen]

Die große Ironie bei alledem ist, dass die breite Masse der festen Meinung ist, sie würde die Wahrheit in Händen halten, dabei wiederholt sie nur, was sie in den Medien gelesen, gehört und gesehen hat. Beweise hat sie freilich keine. Beweise gibt es auch keine. Gewiss, jedem steht frei, zu behaupten, dass die Behörden schlagende Beweise hätten. Aber dann läuft es auf eines hinaus – immer läuft es darauf hinaus: Vertrauen Sie der Obrigkeit?

Und bitte, kommen Sie jetzt nicht mit der Gegenfrage: „Aber warum sollte man das tun?“ Auf diese Frage kann es keine Antwort geben. Weil Sie und ich und der ganze Rest keine Ahnung hat, welche Agenda* im Hintergrund abläuft. Deshalb sollten wir uns mit dem Motiv auch gar nicht weiter beschäftigen. Bleiben wir beim Faktischen, beim Widerlegbaren, beim Überprüfbaren. Versuchen wir Zusammenhänge zu erkennen. Verbinden wir das eine mit dem anderen. Verwerfen wir simple Antworten. Stellen wir unbequeme Fragen. Seien wir hartnäckig und ausdauernd. Lassen wir uns nicht ins Bockhorn jagen, lassen wir uns kein X für ein O vormachen. Mag es auch heute keine zufriedenstellende Antwort geben, morgen kann sich bereits eine Tür öffnen.

Aber vor allem, seien wir wachsam gegen jegliche Form der Zensur bzw. Einschränkung der Rede- und Meinungsfreiheit. Kaiser Joseph II. war seiner Zeit weit voraus, als er 1781 die Zensur weitgehend auflöste:

„Soll man gegen alles, was unsittliche Auftritte und ungereimte Zotten enthält, aus welchen keine Gelehrsamkeit, keine Aufklärung jemals entstehen kann, strenge, gegen alle übrige Werke aber, wo Gelehrsamkeit, Kenntnisse und ordentliche Sätze sich vorfinden, um so nachsichtiger sein, als erstere nur vom grossen Haufen, und von schwachen Köpfen gelesen, letztere hingegen schon bereiteten Gemüthern, und
in ihren Sätzen standhafteren Seelen unter die Hände kommen.“ [Zensurordnung]

Leider dankten es ihm weder die Bürger noch die Schreiberlinge, aber das ist eine andere Geschichte.

….

*) update September 2017: „In Spanien gilt Terrorstufe vier, aber 70 Prozent der Polizeieinheiten von Madrid sind in Katalonien auf der Suche nach Wahlurnen“, schreibt eine Aktivistin: ‚Wie in einer Diktatur‘

Unruhen in London – Chefredakteure, die Merkeln – ein Löschantrag für „Zeuge der Finanzkriminalität“ und die Frage, was hat das mit mir zu tun?

Mattscheibe
Mattscheibe

Ehrlich. Die Zeit läuft ab. Nicht unbedingt jene der Welt. Die wird sich auch noch drehen, wenn diese seltsame Spezies wieder dort angelangt ist, wo sie ihren Anfang nahm: in einer unbedeutenden Anhäufung von Zellen, die sich verbinden. Als die Chose vor hunderten von Millionen Jahren los ging, hätte sich wohl keiner gedacht, dass mal ein Kerl darüber bloggen würde. Okay. Kommen wir zum Punkt. Der ist ein wenig schwammig, wie Sie aus dem Titel entnehmen können. Sprunghaft, könnte man sagen. Aber so ist das, wenn man sich mit einem Thema kurzzeitig beschäftigt und dann bemerkt, dass andere da irgendwie auch von Bedeutung sind, wenn man die Zusammenhänge verstehen möchte. Ja, ehe man sich versieht, wuchert einem eine undurchdringliche Dornenhecke an offiziellen und manipulierten und unter den Tisch gekehrten Fakten, sowie die daraus fußenden Vermutungen und Meinungen entgegen. Freilich, jeder kann, darf und soll sich heute ein BILD (sic!) machen. Falls einem nicht die interessantesten Informationen vor der Nase weggelöscht werden.

Der youtube-Clip Zeuge der Finanzkriminalität mit dem Journalisten Dr. Schumann wurde ratzeputz aus dem Verkehr gezogen. Grund: Urheberrechtsverletzung – eingebracht von der Teudschen Fermögensperatungs AG – laut deren Webseite eine der größten eigenständigen Vinanzfertriebe mit 37.000 Fermögensberatern. Ich schätze, da dürften einige Perater Zeit und Muße haben, das Internetz nach Urheberrechtsverletzungen zu durchforsten – ich hoffe, die Satire ist angekommen. Dass der Inhalt des Clips vermutlich kritische Töne gegen die Finanzindustrie gesungen hätte, nun, das ist freilich irrelevant, nicht? Und wenn Sie noch immer denken, diese ganze Internetz-Urheberrechts-Debatte hätte mit Beatles- und Rolling Stones- und Justin Bieber-Songs oder mit armen brotlosen Musikern und Schriftstellern zu tun, äh, ja, dann würde ich sagen, schlafen Sie bitte weiter und stören Sie nicht meine Kreise.

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Wikipedia und der Ruf nach einer strengen Polizei für die Bücher, anno 2011

Beware of the Donkey - (c) Amaury Henderick / flickr
Beware of the Donkey – (c) Amaury Henderick / flickr

update: Jim Fetzer und seine Erfahrungen mit Wikipedia: link

Vor drei Jahren legte ich mich mit den »Enzyklopaedien-Nazis«(c) Sascha Pallenberg an. Heute gibt es eine angeregte Diskussion in Google+, ob die deutsche Wikipedia-Seite »ein nahezu totalitäres System ist, welches von ein paar hundert Zivilversagern mit erbarmungslosen Mouseclicks geführt und bestimmt wird«.  Auslöser ist ein Artikel in der SZ, dass der Wikipedia die »26-jährigen Streber«, vulgo Autoren ausgehen.

Die Idee einer offenen demokratisch geführten Enzyklopädie ist freilich eine gute. Keine Frage. Aber eine gute Idee heißt nicht, dass sie auch gut umsetzbar ist. Eine Religion, die dazu aufruft, deinen Nächsten zu lieben und ihn nicht zu töten, ist ebenfalls eine gute Idee. Dummerweise führt es aber in der Praxis zu einem sonderbar gegenteiligen Effekt, wenn es nur gute Gründe gibt. Und Interpretationsspielraum gibt es immer. Sie wissen, worauf ich hinaus will, oder?

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