richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

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Über die Beschaffenheit der Welt, Doderer anno 1966

Doderer_Alkoholismus

Birdman oder Die Suche des Künstlers nach der Liebe

Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit, sozusagen

Falls Sie sich schon immer mal gefragt haben, was einen Künstler so antreibt, bitte sehr, mit dem Film Birdman (imdb) des mexikanischen Ausnahmeregisseurs Alejandro González Iñárritu (imdb) erhalten Sie eine Antwort: es geht darum, die Gunst des Publikums zu gewinnen. Der Künstler möchte geliebt werden. Nicht mehr, nicht weniger. Der Haken dabei ist, dass der Künstler, der Mensch, in dieser Liebe hin- und hergerissen wird, immer und immer wieder. Graf Mirabeau schrieb bereits am Ende des 18. Jahrhunderts, dass das Publikum eine undankbare Geliebte sei. Heute mehr denn je.

Alejandro Iñárritu erzählt in einer Q&A-Session über die Lebenskrise des bejahrten Kreativen, genauso wie das stetige Auf und Ab, sei es emotional, sei es finanziell. So werden Ideen gesponnen und für genial gehalten, nur um Minuten später als wertlos in den gedanklichen Papierkorb entsorgt zu werden. Der Künstler ist sich seiner Sache nie sicher – er hofft und tut. Und dann gibt es jene, die über sein Tun kritisch befinden. In einer der intensivsten Szenen des Films gerät Protagonist Riggan, ein in die Jahre gekommener Schauspieler und Ex-Superstar, der sich mit einer Theaterinszenierung noch einmal beweisen möchte, an eine Kritikerin, die ihm nonchalant ins Gesicht sagt, dass sie das Stück verreißen werde – dazu müsse sie es gar nicht erst sehen. Das hitzige Gespräch, das daraufhin folgt, kann man hier nachlesen. Die Quintessenz möchte ich hervorheben:

[meine Übersetzung] Sie schreiben ein paar Absätze und wissen Sie, was? All das kostet Sie einen Scheißdreck! Einen Dreck! Sie riskieren nichts! Nichts! Nichts! Nichts! Ich bin der verdammte Schauspieler. Das Theaterstück kostet mich alles … [You write a couple of paragraphs and you know what? None of this cost you fuckin‘ anything! The Fuck! You risk nothing! Nothing! Nothing! Nothing! I’m a fucking actor! This play cost me everything …]

Das ist der springende Punkt. Wahrlich. Während das Publikum, die Kritiker, die Freunde, die Verwandten, nichts riskieren, riskiert der Künstler (so gut wie) alles. Das klingt im ersten Augenblick unfair, und doch ist es das nicht – objektiv betrachtet. Der Mensch, der sich zum Künstler berufen fühlt, trifft die Entscheidung (oder trifft sie das Schicksal für ihn?) und hat die Bürde zu tragen. Manchmal hat sie das Gewicht einer Feder, manchmal das der ganzen Welt. Der Berufene, der sich nach Liebe und Anerkennung sehnt, hadert und zaudert und hofft und tut. Er hat keine andere Wahl als sich den Unbilden des Künstlerdaseins auszuliefern. Wie ein kleines Schiffchen wird er in den tobenden Wogen der Realität hin- und hergeworfen – als schützender Hafen bleibt für ihn nur noch die Illusion. Dort ist alles möglich, nichts unmöglich. Geliebte Illusion. Verfluchte Illusion.

Grillparzers Unzufriedenheit …

Stuhl_2014

Du hast dir einen bequemen Armstuhl machen lassen, fast zu bequem. Erinnere dich, daß du die ›Ahnfrau‹ auf einem elenden Rohrstuhl geschrieben, dessen geflochtener Sitz eingedrückt war, den du daher mit einem Brett bedecktest und dieses mit einer Decke um nicht gar so hart zu sitzen. Du warst damals der unbekannteste der Menschen, ohne Mittel, ohne Aussicht, ohne Freude, ohne Hoffnung – jetzt bekannt, berühmt fast. – Deine Unzufriedenheit ist Verbrechen.

Franz Grillparzer (1791-1872)
Tagebuch, 1820

Der Irrtum der Masse oder Welche Quelle ist niveauvoll?

»Und denn, man muß das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns her immer wieder gepredigt wird, und zwar nicht von einzelnen, sondern von der Masse. In Zeitungen und Enzyklopädien, auf Schulen und Universitäten, überall ist der Irrtum oben auf, und es ist ihm wohl und behaglich, im Gefühl der Majorität, die auf seiner Seite ist.«

Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
Johann Peter Eckerman.
In drei Theilen. Leipzig 1868

Die drei Bände der Ausgabe von 1868 wurden freundlicherweise von der University of California eingescant und von google zur Verfügung gestellt. Innerhalb des Buches (trotz Fraktur) kann nach Wörtern gesucht werden.

Die letzten Tage begonnen, die notwendigen Quellen in meinem Sachbuch Con$piracy zu verfizieren und diese (wissenschaftlich) korrekt zu zitieren. Dank des weltweiten Webs ist es möglich, rasch und unkompliziert die tollsten Zitate zu finden und akkurat zu belegen. Hin und wieder fragte ich mich, ob eine Quelle als »niveauvoll« angesehen werden würde. Eine Antwort gäbe natürlich der Mainstream, der nur relevant hält, was in angesehenen Verlagen oder renommierten Universitäten publiziert wurde. Somit kann jeder Autor, der sich in den Grenzen des Mainstream bewegt, auf eine ordentliche Anzahl von Beiträgen zurückgreifen. Aber wehe, man würde einen Schritt hinausgehen, dann bleibt nur, die güldene Nadel im Heuhaufen zu suchen, mit anderen Worten, es gilt so lange zu recherchieren, bis man eine passende Publikation aufgetan hat, die vielleicht von einem anerkannten Wissenschaftler, Professor, Medienfachmann oder Autor als richtig bestätigt wurde. Eine andere Möglichkeit ist, ein respektables Mainstream-Medium, sei es die New York Times oder Der Spiegel, als Bestätigung anzuführen. Dummerweise pinkelt sich niemand ans Bein, will heißen: der Mainstream filtert penibel alles aus, was dem Propaganda-Modell (Noam Chomsky) zuwiderläuft.

So. Bevor ich mich wieder in die zeitintensive Recherche begebe, möchte ich dem geneigten Leser natürlich mit dem Gedanken konfrontieren, wie es wohl in einer freien Gesellschaft mit marktwirtschaftlicher Basis möglich sein soll, einen (vom Establishment vorsätzlich) propagierten Irrtum aufzulösen, dem die Masse genauso verfallen ist wie der Mainstream und die Lehreinrichtungen (besser: es geht Hand in Hand). Ja, je länger ich mich abseits des Mainstream herumtreibe und in gefährlichen Fahrwassern schwimme, desto mehr wird mir bewusst, dass der gewöhnliche Bürger nur wissen darf, was er wissen soll. Jeder, der den Versuch unternimmt, gegen diese Mainstream-Desinformationskampagne anzukämpfen, kann eigentlich nur verlieren. Kurzfristig. Auf lange Sicht, so heißt es, wird die Wahrheit obsiegen und ich gehe davon aus, dass es auch so sein wird. Ob wir das noch erleben dürfen? Man wird sehen.