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Eine Wahrheit über Israel, eine andere über Iran und was es uns über die westliche Demokratie erzählt

ein wichtiges Buch

Auf der Frankfurter Buchmesse führte mich der Zufall zur blauen Couch, auf der Bahman Nirumand, ein älterer Exil-Iraner, Platz nehmen und über den gegenwärtigen Israel-Iran-Konflikt erzählen durfte. In einer halben Stunde (Video abrufbar in der ZDFmediathek) erfuhr das Messe-Publikum erstaunliche Fakten – im Besonderen über die Politik Israels gegenüber Palästina und den angrenzenden Staaten, als auch über den MI6/CIA-Putsch, der 1953 den demokratisch gewählten iranischen Präsidenten Mussadegh stürzte. Das sehr offen geführte Gespräch hat mich ziemlich überrascht. Der geneigte Leser sollte nämlich wissen, dass die pro-israelische und pro-amerikanische Lobby weltweit tätig ist und jeglicher Kritik im Mainstream zu begegnen weiß. Es ist müßig hier über das Pro und Contra dieser »jüdisch-amerikanischen Schutzmaßnahme« zu befinden, wichtiger ist vielmehr, dass der gewöhnliche Bürger (historische) Fakten und (propagandistische) Fiktionen zu erkennen und zu trennen versteht. Deshalb ist das neue Buch von Nirumand mit dem sehr einfach gehaltenen Titel Iran Israel Krieg: Der Funke zum Flächenbrand  dringend zu empfehlen. Der Text ist leicht verständlich und wurde auf etwa 100 Seiten untergebracht, somit ist es gerade für all jene interessant, die sich in kurzer Lesezeit ein einigermaßen objektives Bild dieses anschwellenden Nahost-Konflikts machen wollen.

Ich würde dem interessierten Leser vorschlagen, dass er nach dem ersten Kapitel: »Die Achse Teheran – Tel Aviv« (S. 7 – 11) gleich zum Kapitel »Israel« (Seite 67 – 95) springt, bevor er sich dem längeren Kapitel »Iran« widmet. Das hat Gründe. Zum einen erachte ich die Bestandsaufnahme der israelischen Politik von Nirumand als akkurat recherchiert – er redet Tacheles -, zum anderen ist sie kurzweilig geschrieben und als gewöhnlicher Bürger sollte man aus dem Staunen nicht mehr herauskommen, was im Mainstream über Israels Politik verschwiegen oder verzerrt dargestellt wird. Die Ansicht des Autors über das iranische »Regime« unter der Führung von Präsident Mahmud Ahmadinedschad ist freilich nicht objektiv, aber wir dürfen das auch nicht von Nirumand erwarten, ist er doch ein iranischer Dissident im Exil. Aber sehr schön, wie er die Unterscheidung zwischen »Regime«/Regierung und »seinem« Iran und der Bevölkerung macht (generell sollte man immer solch eine Unterscheidung treffen, das gilt auch für demokratische Staaten).

Vor dem Wagenbach Verlag muss man den Hut ziehen. Da braucht es eine gehörige Chuzpe, um so ein Buch zu veröffentlichen, das die Schattenseiten einer israelischen Politik schonungslos auf den Punkt bringt; ja, das ist keine Selbstverständlichkeit, schon gar nicht für einen deutschen Verlag. Und es mag die Ironie der Sache sein, dass gerade besagter Ahmadinedschad, »mediengieriger« Präsident eines »Regimes« (der immerhin in der UN-Versammlung darauf verzichtete, Comics zu zeichnen), vor sechs Jahren im Gespräch mit einer Wochenzeitung aus Hamburg zu einer Feststellung gelangte, die weder von freien Polit-Funktionären noch von unabhängigen Journalisten in Deutschland gedacht werden dürfen:

»Zu sagen, dass wir die Welt, so wie sie ist, akzeptieren sollen, bedeutet, dass die Sieger des Zweiten Weltkriegs noch 1000 Jahre Siegermächte bleiben und dass das deutsche Volk noch 1000 Jahre erniedrigt werden muss. Denken Sie, das ist die richtige Logik?«
Gerhard Spörl, Stefan Aust und Dieter Bednarz, „Wir sind entschlossen – Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad über den Holocaust, die Zukunft des Staates Israel, über Fehler Amerikas im Irak und Teherans Anspruch auf Nuklearenergie.“, in: Der Spiegel vom 31.05.2006.
http://www.spiegel.de/spiegel/a-418312.html  

Zu guter Letzt bleibt vielleicht der Wermutstropfen, dass Nirumand nicht immer richtig liegt und vielleicht auch in die eine oder andere propagandistische Falle des Mainstream getappt ist, zum Beispiel wenn er meint, dass die neuen Kommunikationstools (facebook, E-Mail, twitter, …) im arabischen Frühling eine große Rolle gespielt hätten oder dass er einen »großen Wahlbetrug« nur in einem repressiven iranischen Regime ortet, während in den USA im Jahr 2000 George W. Bush junior unter den wunderlichsten Umständen ins Präsidentenamt gehievt wurde. Überhaupt, wenn ich über Nirumands Darstellung der gegenwärtigen Zustände im Iran lese, werde ich immer wieder an die USA des 21. Jahrhunderts erinnert. Ins Detail möchte ich diesbezüglich nicht gehen, aber es sollte reichen, wenn man daran erinnert wird, dass US-Präsident und Friedensnobelpreisträger Barack Obama die Tötung zweier Dissidenten (im amerikanischen Sprachgebrauch: Terroristen) persönlich befohlen hatte, ohne dabei Beweise offen zu legen. Würde ich die Sache zynisch auf die Spitze treiben, würde ich zum Schluss kommen, dass kein populärer Kritiker der Regimes bzw. Regierungen in Israel, Iran und in den USA seines Lebens sicher sein kann. Gut, dass ich noch kein Zyniker geworden bin.

Der Preis der Ungleichheit in Frankfurt und der Buchmesse, 2012

Steinbrück links, Stiglitz rechts

Frankfurter Buchmesse 2012. Am Freitag lauschte ich den Ausführungen von US-Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, der für eine halbe Stunde am blauen Sofa Platz nehmen durfte. Etwa zwei Stunden später gab es ein Gespräch mit ihm und Peer Steinbrück, ehemaliger teutonischer Finanzminister von 2005 bis 2009. Wie ich der Wikiseite entnehme ist Steinbrück der Kanzlerkandidat der SPD für 2013. Damit wird für mich einiges klarer, streute er sich doch Asche auf sein Haupt, als er meinte, er hätte in der Vergangenheit (als Finanzminister) Fehler gemacht (in Bezug auf die Vermögens- bzw. Transaktionssteuer). Ja, so leicht geht das, in der hohen Politik. Da greifst du aus Inkompetenz, Unvermögen, Lustlosigkeit oder bewusster Ignoranz voll daneben und nach ein paar Jahren kräht kein Mainstream-Hahn mehr danach, es sei denn, du hast einen günstigen Kredit erhalten oder eine wissenschaftliche Arbeit gegen Geld schreiben lassen. Tja, seit ich mich en detail mit der vergangenen internationalen Weltpolitik und dem ausufernden Mainstream-Medienapparat beschäftige, kann mich eigentlich keine politische Unverfrorenheit und dreiste Spin-Lügerei mehr überraschen. Sie ärgern mich nur noch. Dafür aber maßlos. Bezeichnend, dass Steinbrück zu guter Letzt eine Zentralisierung der Bildungspolitik in Germania forderte. Das brachte ihm auf dem Vorwärts-Messestand Applaus ein. Aber wenn wir eines wissen sollten, dann ist es der Umstand, dass Zentralisation noch nie etwas gebracht hat. Jedenfalls nicht für die Bürger. Nur für ein Establishment. That’s fact!

Joseph Stiglitz ist sympathisch. Es gefällt mir, wenn er mit eindringlich sachlicher Stimme die Dinge auf den Punkt bringt, dabei aber trotzdem Humor und ein Lächeln zeigt. Nicht umsonst prägte er in einem Artikel im Mai 2011 den Begriff der »top one percent«, einer superreichen Minderheit, die jeglichen Versuch, Vermögen und Einkommen in der Gesellschaft gerechter zu verteilen, verhindert. Dadurch, so Stiglitz, würde die Kluft zwischen »arm und reich« (besser vielleicht: Debitor und Kreditor) größer werden und diese extreme Ungleichheit würde für jede zukünftige Gesellschaft eine Zerreißprobe darstellen, mit anderen Worten: Für diese Ungleichheit hat die Gesellschaft und damit jeder Einzelne einen, womöglich hohen, Preis zu zahlen. Stiglitz schlug am Ende des Gesprächs vor, dass Bildung kostenlos/kostengünstig zugänglich sein solle, so dass sich Studenten nicht mehr exorbitant verschulden müssten. Weiters setzte er sich für die Einführung einer Transaktionssteuer auf Börsengeschäfte ein (tatsächlich gab es noch in den 1990ern in Österreich eine BUSt, eine Börsenumsatzsteuer, die man aber gänzlich strich, als auch Wien vom internationalen Börsenboom erfasst wurde); schließlich wünschte er sich eine gerechtere Versteuerung bzw. Verteilung von Einkommen und Vermögen. Das waren die Eckpfeiler. Peer Steinbrück stimmte dem zu. Und das sollte einen auf der Stelle nachdenklich stimmen.

Wenn Sie meine Meinung hören möchten, dann ist es jene, dass diese (und alle anderen Mainstream-) Lösungsansätze unzureichend und de facto sinnlos sind. Es würde den Rahmen sprengen, wollte ich mich im Detail erklären, dafür ist ja mein Buch Con$piracy geschrieben, aber eine Hand voll Informationen will ich dem geneigten Leser nicht vorenthalten.

Der wichtigste Punkt, um die Welt, die Politik, die Wirtschaft, usw. zu verstehen, ist, wie Geld entsteht und in Umlauf gebracht wird. Wächst es auf den Bäumen? Nope. Wird es durch Gold- oder Silbervorräte gedeckt? Nope. Sind es Sparguthaben, die als Kredite vergeben werden? Nope. Geld entsteht aus dem Nichts. Geld entsteht durch einen gewöhnlichen Eintrag in den Büchern der Banken. Geld kann immer nur durch ein Verschuldungstransaktion (Kredit, Anleihe) in Umlauf gebracht werden. Würde von heute an niemand mehr, also kein Bürger, kein Unternehmen, kein Staat, einen Kredit aufnehmen bzw. eine Obligation ausgeben, würde auch kein Geld mehr in Umlauf gebracht werden. Bargeld macht nicht einmal 10 % des Bruttoinlandsproduktes eines Landes aus. Bei Schweden sollen es überhaupt nur noch 3 % sein. Es könnte also gut sein, dass Bargeld in ferner Zukunft abgeschafft wird. Damit gäbe es nur noch Buchgeld, das virtuellen Charakter hat und demnach unendlich verfügbar gemacht, vollständig überwacht und manipuliert werden kann.

Die wichtigsten Zentralbanken, die das Geldvolumen und die Zinssätze eines Landes steuern, sind in privaten Händen und entziehen sich staatlicher/demokratischer Kontrollen. Der Spin des Establishments ist, dass sie einen staatlichen Eingriff in Finanzangelegenheiten für bedenklich und gefährlich erachten und deshalb auf eine strikte Trennung bestehen. Weiters heißt es, dass an den Zentralbanken nur Banken eines Landes beteiligt sind. Dass diese Landesbanken längst multinationalen Konzernen gehören, wird genauso verschwiegen, wie die Tatsache, dass jede Bank eine Aktiengesellschaft ist, deren (anonyme) Besitzer die Großaktionäre sind. Dass unter den 50 einflussreichsten Multinationalen Konzernen 48 dem Banken- und Finanzbereich angehören, ergab die Studie dreier Professoren der ETH Zürich im Jahr 2007.

Zinseszins ist eine exponentielle Funktion. Werden Kredite nicht zurückgezahlt, sondern durch weitere Kredite verlängert, fressen einem früher oder später die Zinsen die Haare vom Kopf und die Zahlungsunfähigkeit ist unausweichlich. Deshalb sollte die Frage nicht heißen, ob ein verschuldeter Staat bankrott geht, sondern wann. Standard & Poors schätzt, dass innerhalb der nächsten 50 Jahre etwa 60 % aller Staaten Schiffbruch erleiden werden.

Freies Unternehmertum ist nur noch ein Mythos. Tatsächlich ist es für aufstrebende Entrepreneurs nicht möglich, gegen alteingesessene Konzerne zu bestehen. Das hat viele Gründe, aber um es nicht zu kompliziert zu machen, müssen Sie sich nur die Frage stellen, welche Unternehmen jahrzehntelange Lobbyarbeit in der Politik betreiben und welche Unternehmen aufstrebenden Jungunternehmer Kredite einräumen. Sogar Joseph Stiglitz gibt unumwunden zu, dass die »vom Tellerwäscher zum Millionär«-Story ein Mythos ist. Ein Bill Gates, ein Steve Jobs, ein Mark Zuckerberg, sie alle mussten einerseits (politisch verhängte) Auflagen und Konzessionen erfüllen, andererseits ihre Ideen durchfinanzieren und (im Mainstream) vermarkten. Mit anderen Worten, ein Jungunternehmer ist nur so erfolgreich, wie ein Establishment, das Politik, Finanz und Mainstream kontrolliert, diesen erfolgreich werden lässt. That’s fact!

Der Mainstream-Medien- und Verlagsapparat, der nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten (Profit) agieren muss, ist alles, nur nicht unabhängig. Wer Ihnen das Gegenteil erzählt, der möchte Sie nur in die Irre führen und ablenken. Eine Qualitätszeitung muss sich genauso dem Marktdiktat ergeben wie ein Boulevardblatt. Beide erzählen dem Leser eine schöne, schreckliche, spannende oder ernste Geschichte. Die Wahrheit spielt dabei freilich keine Rolle. Wer das nicht glaubt, der schlage bei Noam Chomsky nach.

Die Demokratie hat längst abgedankt. Gut zu sehen, als man in Griechenland und Italien Technokraten an die Spitze der Regierungen setzte, obwohl sie keinerlei Legitimation durch das Volk erhalten haben (siehe dazu die »Master of the Eurozone« und wie die Bank Goldman Sachs Europa erobert: The Independent). De facto war es ein Putsch des Establishments, der aber im Mainstream schön geredet wurde. Politiker sind nur noch »Sachzwängen« unterworfen. Egal, welche Partei an die Spitze gespült wird, es ändert nichts daran, dass Geld die Welt regiert. Und da Staaten nicht mehr schuldenfrei und von weiteren Krediten abhängig sind, um fällige Kredite tilgen zu können usw. muss sich die Politik zwangsweise beugen. Das sagte bereits der Präsident der Deutschen Bundesbank, Hans Tietmeyer, im Jahr 1996. Aufruhr gab es damals keinen. Ein gefälliges Nicken im Mainstream. Sollte sich jedoch eine Regierung diesem Finanz-Diktat widersetzen, dann wird es gnadenlos ausgelöscht. Die Liste der Regierungen und Regime, die deshalb vom Establishment einen Kopf kürzer gemacht wurden, ist lang. Beispielhaft: Iran, Guatemala, Afghanistan, Jugoslawien, Irak, Libyen, usw.  Griechenland ist gegenwärtig vom Establishment ausgewählt worden, um als Exempel herzuhalten: Wer sich nicht unserem Diktat beugt, dem werden keine Kredite eingeräumt und falls das nicht reicht, wird die Bevölkerung mittels Propaganda in Angst und Schrecken versetzt. Diese Schocktherapie hat in den Dritte-Welt-Ländern und in der auseinanderbrechenden UdSSR bestens  funktioniert. More to come!

Zum Abschluss sei noch Prof. Lietaer zitiert. Vermutlich werden Sie ihn nicht kennen. Nobelpreis erhielt er keinen, und in großen Verlagen publiziert er meines Wissens auch nicht. Das müsste nichts bedeuten. Freilich nicht.

»Von allen uns bekannten Mitteln, eine traditionelle Gemeinschaft zu zerstören, Religion, Gewalt, was auch immer, das sicherste Mittel ist Geld.«

P.S.: Ich würde per Gesetz verordnen, dass jeder aktive Politiker gezwungen wird, innerhalb eines Stadtgebietes auf sein Auto zu verzichten. Somit sollte er nur noch zu Fuß, mit dem Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln seine Runden ziehen dürfen. Damit müsste die politische Elfenbeinturm-Exklusivität ein Ende haben. Jedenfalls denke ich mir das immer wieder, wenn ich um Mitternacht in der U-Bahn sitze und beobachten muss, dass die Sozialpolitik der letzten fünfzig Jahre völlig versagt hat. Dabei ist es egal, ob man sich in Frankfurt oder Wien bewegt. Die nächsten fünfzig Jahre werden zeigen, ob wir das Kapitel »gelebte Demokratie« offiziell ad acta legen müssen.

Herr Ober, eine Entscheidung, bitte!

»Herr Ober, eine Entscheidung, bitte!«
»Is leider scho aus, Herr Doktor.«
»Schon aus, sagen’S? Ist ja schrecklich. Was mach ich jetzt?«
»Gar nix machen’S.«
»Nichts? Ja, würd denn das gehen tun?«
»Na freili, Herr Doktor. Wir sind ja in Wean und net bei den Preussn. Keine Entscheidung zu treffn, das hat bei uns ja Tradition, net?«
»Ja, das stimmt natürlich, Herr Franz. Alsdann, dann bringen’S mir die Tageszeitung und einen großen Mokka. Aber net so ein lauwarmes Gebräu wie das letzte Mal!«
»Bedaure, Herr Doktor, aber die Kaffeemaschin ist no immer malad.«
»Noch immer? Die war doch schon vor einer Woche halb hinüber! Habt’s ihr noch keine neue angeschafft?«
»Scho recht, Herr Doktor, der Chef will ja eine neue Maschin kaufn.«
»Aber? Wo liegt jetzt das Problem?«
»Er kann se halt gar net entscheiden.«

Der Mensch,wir wissen es ganz genau, mag sich über die Zukunft allerlei und vielerlei Gedanken machen, aber mit seinen beiden Füßen steht er im Hier und Heute. Er kann mit dem Zukünftigen nichts anfangen, es sind nur blasse Gebilde, kaum erkennbar, die da im Hinterkopf gemalt werden und ein vages Gefühl enthalten. Zeit spielt in der Ferne keine wesentliche Rolle für unsere Entscheidungen. Hier ein Beispiel, das meinen Punkt bestätigt:

Ich biete Ihnen JETZT eine Rippe Schokolade an – ODER eine Tafel Schokolade in einer Woche. Im Normalfall werden Sie sich für die Rippe Schokolade entscheiden (»Was man hat, das hat man!«). Klar. Aber es geht weiter! Ich biete Ihnen eine Rippe Schokolade in einem Jahr an – ODER eine Tafel Schokolade in einem Jahr und einer Woche. Im Normalfall werden Sie sich für die Tafel Schokolade entscheiden. Wer ein Jahr warten kann, kann auch eine zusätzliche Woche warten, heißt es. Aber das erste Beispiel und das zweite unterscheiden sich de facto nicht. In beiden Fällen warten wir eine Woche – und doch ist jene, in der weiten Zukunft, kaum der Rede wert. [Das Beispiel ist natürlich nicht auf meinem gedanklichen Mist entstanden, sondern ist dem Radio-Gespräch mit Dan Ariely entnommen, der sich mit dem menschlichen (zumeist irrationalen) Verhalten in der Wirtschaft beschäftigt – hier der youtube link]

Ich bin der Meinung, klipp und klar, dass diese Zukunftsverdrängung zum Wohle und zum Schaden der Menschheit gereicht. Würden wir heute, jetzt, die Auswirkungen unseres schädlichen Verhaltens erfahren und nicht irgendwann in einer unbestimmten Zukunft, wir würden vermutlich eine lebensbejahendere Gesellschaftsform entwickelt haben. Wenn wir eine Entscheidung JETZT treffen, deren unangenehme Auswirkungen wir aber erst in Tagen, Wochen, Monaten oder Jahren zu spüren bekommen, dann bekümmert es uns nicht, mehr noch, wir sind mit uns zufrieden und rundum satt. Aber wehe, dieses Morgen wird zum Heute, zum JETZT.

Demokratie? Ohnmacht!

Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber in Zeiten wie diesen, was bleibt einem übrig? Nada. Man packt die Drehorgel aus und kurbelt die eingestanzten Lieder rauf und runter. Manch einer hört schon nicht mehr hin, weil es gar so dunkle, beinahe deprimierende Töne sind, die da aus der Orgel kommen. Da gefällt einem diese süßholzraspelnde Kindergartenmusik, die allerorts von den Medien aufgeführt wird, schon besser. Schön.

Was wir in den letzten Jahren erlebt haben, ist die Entmachtung der Demokratie. Und die letzten Wochen zeigen, wie man Staatsstreiche unblutig durchführt. Das Rezept ist recht einfach: Man bietet souveränen Staaten billige Kredite an, so dass diese Unternehmer und ihre Eigentümer steuerlich entlasten können, fordert einen Abbau von Wirtschaftsgrenzen, so dass die Produktionen ausgelagert werden können und somit die Arbeiterschaft an Macht und Einfluss verliert und wenn die Schulden- und Zinsenlast der Staaten immer drückender wird, löse man eine Finanzkrise aus, die medial ausgeschlachtet ein apokalyptisches Szenario vorhersagt und Angst und Schrecken bei den Bürgern verbreitet. Natürlich bietet man wenig später die Medizin für diese Apokalypse an: man setze Bankiers, Finanzleute und Technokraten an die Spitze der Regierungen und räume ihnen besondere Befugnisse ein. Immerhin ist es eine Art von Ausnahmezustand und da wird nicht mehr abgestimmt oder debattiert, sondern hier muss gehandelt werden. Voilà, die Finanzelite ist an ihrem Ziel angekommen. Von nun an wird es kein sonderliches Problem darstellen, die Freiheiten der Bürger weiter einzuschränken und die Demokratie weiter abzubauen. Freilich, für die Masse ist es noch immer eine Demokratie, aber wer hinter die Fassade blickt, erkennt das Potemkinsche Dorf: da ist nichts, nur Schein und Glaube und Illusion.

Und jetzt frage ich: Woher kommt dieser Optimismus, den eine europäische Mittel- und Oberschicht hat? Freilich, wer die richtige Seite wählt und brav tut, was das System verlangt, wird auch weiterhin ein unbeschwertes Leben genießen dürfen. Für alle anderen ist das Ende der Fahnenstange bald erreicht. Also? Woher kommt der Glaube, dass es in einem Jahr besser sein würde? Oder in zehn Jahren? Oder in dreißig Jahren?

Meine Perspektive sieht ein orwellsches Zukunftsszenario vor: Krieg ist der neue Friede. Die USA lässt bereits andeuten, dass China im Weg steht. Russlands Protest gegenüber dem NATO-Raketenschild verhallt ungehört. Also wird in guter alter Kalter-Krieg-Tradition diese Konflikte unterschwellig auf andere Länder übertragen. Syrien. Pakistan. Taiwan. Iran. Nord-Korea. Chile. Afrika. Die Chinesen und die Russen, auch nicht blöd, werden sich nicht Lumpen lassen, und in Mittelamerika und Mexiko für Unruhe sorgen. Ach ja, Israel, dieser giftige kleine Zwerg, will überall mitspielen und rasselt kriegslüstern mit dem Säbel, wissend, dass Uncle Sam nicht weit ist und hilft, wenn es ernst wird. Dass es eine große israelische Friedensbewegung gibt, wird von westlichen Medien natürlich gerne unterschlagen. Warum bloß? Und Europa? Falls Europa sich an die Seite der USA stellt – oder falls sie es nicht tut – dann wird es natürlich auch hier Destabilität geben. Ein freundliches Wort für TERRROR. Am einfachsten erzeugt man nämlich eine wütende Kriegsstimmung mit einem klischeehaften Feindbild: Massen-Hinrichtungen von unschuldige Zivilisten eignen sich da besonders. Oder Terroranschläge im Heimatland. Ob diese von eigenen geheimen Sabotage-Akteuren ausgeführt werden, tut nichts zur Sache. Siehe Operation Gladio, als in den 1970ern geheime NATO-Truppen Bombenanschläge verübten und es kommunistischen Gruppen in die Schuhe schoben. Wir können davon ausgehen, dass es in jedem westlichen Land solche geheimen Handlanger gibt, die jeden Befehl umsetzen. Hören wir endlich auf, zu glauben, Politik wäre ein humanes Geschäft. Bullshit. Oder wie erklären wir, dass in Syrien von westlichen Geheimdiensten bezahlte Söldner von Dächern auf Zivilisten schießen, um Unruhen auszulösen?

Es gibt die Verschwörungstheorie NEW WORLD ORDER, die mit der Idee spielt, dass alles auf eine Weltregierung hinausläuft. Ehrlich gesagt, dort sind wir schon längst. Geld regiert die Welt, heißt es nicht umsonst. Wer also in der Lage ist, Kredite an Staaten zu vergeben, hat sie de facto in der Hand. Hätte ich das noch vor ein paar Jahren geschrieben, man hätte mich als Doomster und Idioten hingestellt. Heute sehen wir, wie durch eine Finanzkrise, durch Bankiers und Technokraten ausgelöst, die nicht dafür verantwortlich gemacht wurden, wiederum Bankiers und Technokraten in Griechenland, Italien, Belgien und Irland an die Macht gekommen sind, um „zu retten, was noch zu retten ist“. Bald werden wir sehen, wie geschützte Bereiche Stück für Stück den Konzernen zum Fraß vorgeworfen werden. Schließlich geht es um die Bewältigung einer Krise, werden wir als Begründung hören, wenn exklusive Hotelanlagen in schützenswerten Buchten errichtet, Rohstoff-Förderungen in Nationalparks durchgeführt, kritische Berichterstattung unterbunden, Internet- und Bildungs-Zugänge verteuert werden usw. Dafür erhalten wir mehr Gratis-Zeitungen, mehr TV-Sender, mehr Junk-Food, mehr Wal-Marts, mehr Verkehr, mehr Glasperlen, die ablenken.

Und wenn die Bürger friedlich protestieren kann sich eine Elite immer noch auf ihre korrupte Exekutive verlassen. Ich weiß, das hört sich wieder völlig überzogen an. Aber wenn der New Yorker Bürgermeister Bloomberg, vielfacher Milliardär, in einer Pressekonferenz großspurig bekannt gibt, dass er seine eigene Armee in der Polizei habe, dann zeigt es nur, wie fest das Finanz-Technokraten-Establishment bereits im Sattel sitzt, nicht? Hier nachzulesen: The New York Observer

Ich würde sagen, es ist angerichtet.

P.S.: Haben Sie gesehen, wie der Kampfjet an der Betonwand zerbröselt? Damit will man dem verängstigten Bürger zeigen, dass Flugzeugabstürze bzw. Angriffe mit Passagierjets auf Atomkraftwerke keine Chance haben, die Betonhülle zu durchdringen. Hm. Wenn ich mir die Bilder von 9/11 ansehen, dann glitten die Flugzeuge förmlich durch Stahlträger und Beton. Wenn ich also eins und eins zusammenzähle, dann ist eine der beiden überlieferten Wahrheiten falsch. Hm. Also wenn ich eines weiß, dann ist es, dass kein Militär dieser Welt halb leere Getränke-Dosen auf Panzer oder Bunkeranlagen schießt, in der Hoffnung, die Alu-Dose könnten die Panzerung oder den Beton durchschlagen oder durchdringen. Aber okay, diese Terroristen heutzutage, die haben ja die unglaublichsten Waffen zur Hand, nicht? Eine davon ist mediale Massenhypnose. Jetzt stellt sich nur die Frage, wie diese terroristischen Splittergruppen auf Mainstream-Medien einwirken können? Hm. Damit lasse ich es bewenden. Bald wird man vor Gericht gestellt, wenn man offizielle Versionen  vergangener Ereignisse kritisch hinterfrägt oder eine unabhängige Untersuchung fordern würde. Moment. Das geschieht ja schon längst.

Harry Potter goes Selbstverlag oder Der Schuss ins Verlegerknie

Kindle Digital Publishing is a dangerous thing. That’s why it’s so good.
Thomas Keir

Ehrlich gesagt, ich habe mit Harald Töpfer vulgo Harry Potter nicht viel am lesenden Hut. Gewiss, die Filme musste man wohl gesehen haben (musste man wirklich?), deshalb kann ich wenigstens sagen, eine kleine Ahnung von diesem Aschenputtel-Märchen Pottermore zu haben. Mehr aber auch nicht.

Viel wesentlicher ist da natürlich für einen Selbstverleger und Indie-Autor die Mär, dass man es mit seinem Text zu Ruhm und Reichtum schaffen könnte. Ein Zuschuss-Verlag aus Österreich hat mir mal ein Angebot gemacht, um eines meiner Bücher zu publizieren. Um den horrenden Preis zu rechtfertigen wurde natürlich eine gewisse J. K. Rowling zitiert. Natürlich. Das ist dann wohl der teuerste Lottoschein der Geschichte. Mein Tipp (den gibt es gratis!): man mache es sich selber. Hm. Sollte das jetzt zweideutig klingen, keine Sorge, wir sind hier jungendfrei unterwegs und ich darf des Lesers Gedanken als abwegig abtun. So. Merkwürdigerweise fällt mir da jetzt Emma Watson ein und ich muss gestehen, ihre kurzen Haare sind ein absolutes no way. Ihren Style-Berater würde ich feuern. Oder an einen Drachen verfüttern.

Zurück zu der Prinzessin auf der Geldmaschine. Die Autorin und ihre Crew haben entschieden, die Harry-Potter-Bücher als E-Book nur über ihre Webseite Pottermore anzubieten. Aha. Rowling soll sich die dafür notwendigen Rechte gesichert haben. Hm. Kommt mir jetzt ein wenig seltsam vor. Wie soll das vor sich gegangen sein? Wenn du ein unbekannter Autor bist, mit viel Hoffnung im Gepäck, und einem Verlag dein Manuskript präsentierst, kannst du im Normalfall nicht zum Feilschen anfangen. Es sei denn, die Leute vom Verlag verstehen ihr Handwerk nicht, waren schlampig, faul, nachlässig oder – das wär natürlich auch ein Desaster – hätten es damals nicht für möglich gehalten, dass ein elektronisches Buch Profit abwerfen könnte. Wie man es auch dreht und wendet, schlau werde ich aus der ganzen Potter-Chose sowieso nicht. Und es würde mich nicht wundern, wenn sich später einmal herausstellte, dass alles ganz anders war. Ich schreibe es jetzt mal schnell auf, damit ich dann sagen kann: ich hab es schon im Juni 2011 geschrieben. Möglich wäre, dass der Verlag sehr wohl die Rechte hat, aber sich offiziell aus dem Spiel heraushält (und natürlich kräftig mitkassiert – immerhin muss weder amazon, noch Apple noch sonst ein E-Book-Shop mitfinanziert werden). Wir werden es wohl am besten an der Bepreisung der E-Books sehen. Würde Rowling nur für sich sein, müsste der Preis der E-Books etwa die Hälfte vom offiziellen Buchpreis ausmachen. Alles andere riecht mir nach unklaren Verhältnissen.

Ja, die Geldmaschine darf nicht zum Erliegen kommen. Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass die E-Books der Serie gerade dann das Licht der Welt erblicken, wenn es im Kinosaal noch einmal rund geht. Der letzte Teil steht am Programm – vermutlich ein guter Grund, für viele Harry-Fans, noch einmal die Bücher zu lesen. Aus Marketing-Sicht ein perfekter Zeitpunkt, um jetzt die E-Books zu lancieren. Chapeau. Dass sich die Potter-E-Books wie warme Semmeln verkaufen werden, also, dazu brauche ich keine Kristallkugel, um das vorherzusagen. Dass die Bücher auch DRM-free daherkommen werden, dürfte die Manager in den großen Publikumsverlage ziemlich anpissen (mein Tipp: Hose wechseln!) – als „Kopier-Schutz“ wird das gekaufte Buch mit den Daten des Käufers mit eine Art Wasserzeichen versehen. Bravo. Welches Potter-Fan möchte nicht seine persönliche Kopie haben? Auch das ist wiederum Beifall wert. *bitte klatschen*

Kommen wir jetzt zum Schuss ins Verlegerknie. Also. Die Verlage haben erkannt, dass sie mit Effekthascherei Unsummen verdienen können. Der Celebrity-Kult wurde zwar vom TV und Kino erfunden, aber warum sollte das gedruckte Wort nicht auf den Zug aufspringen? Eben. Also gab und gibt es all diese voyeuristischen Autobiographien oder Enthüllungsbücher, die dies und das behaupten. Der (finanzielle) Wert eines „literarischen“ Buches fokussiert sich nun zum größten Teil auf den bereits eingeführten und gut bekannten Autor. Und schließlich gibt es noch den Hype, der Gold vom Himmel regnen lässt, wenn man es geschickt anstellt: Alchemist, Potter, Brown, Biss, Jakobsweg, Nassgebiete, Deutschlandabschaffung usw. Die kaufmännischen Talente (DKT, nicht?) in den Verlagshäusern jubelten. Die Marschroute wurde wie folgt festgelegt: Unmengen von Titeln in überschaubaren (und kostengünstigen) Auflagen produzieren und gucken, welches sich davon als potenzieller Hype durchsetzen könnte. Ist das Buch gefunden, wird auf Teufel komm raus das Werbebudget gesprengt, während die anderen Tapeten-Titeln sang- und klanglos aus den Regalen verschwinden (weil ja bereits die nächsten neuen Titeln angekündigt werden).

Eine äußerst fruchtbare Marketing-Strategie. Für die großen Publikumsverlage. Und eigentlich will ein kaufmännisches Talent ein gewinnbringendes System nicht ändern. Wozu? Dumm, wenn die Änderung von außen kommt und man nun entsetzt feststellen muss, dass man die Geister, die man rief, nicht mehr los wird. Geister? Nun, Celebritys und Möchtegern-Berühmtheiten sind bekannt. Das ist nun mal so. Sie haben ihre Fan-Gemeinde. Das ist nun mal so. Wenn also der Star, das Idol bekannt gibt, seine Memoiren als E-Book zu publizieren und man könne es auf seiner Webseite gegen Einwurf kleiner Münzen herunterladen, welches populäre Medium würde diese Info nicht veröffentlichen? Und damit ist schon die Schlacht so gut wie gewonnen. Hier sehen wir also, was es mit den Geistern auf sich hat. Die Publikumsverlage schürten und befeuerten das Verlangen nach voyeuristischer Entblößungsliteratur berühmter Leutchen. Jetzt können diese Leutchen also hergehen, und dank der Selbstveröffentlichung von E-Books großes Geld machen. Der Verlag hat das Nachsehen. Tja. Dumm gelaufen.

Wir dürfen jetzt nicht glauben, dass ein Rockstar eine Ahnung hat, wie man E-Book korrekt schreibt. Aber sein Manager könnte eine kleine Agentur beauftragen, ein E-Book-Package mit allem Drum und Dran zu machen. Webseite, Facebook, youtube, twitter usw. – ist heute kein großes Ding. Hat man im Handumdrehen und kostet nicht die Welt. Schwupp, schon ist der Rockstar mit seinem E-Book auf allen Kanälen zu Hause. That’s easy, folks!

Dadurch, dass sich die Verlage über die Jahre von ihrer Qualitätskontrolle verabschiedet haben, nur noch ihr Augenmerk auf gehypte und umsatzstarke Inhalte richteten, legten sie den Grundstein für das Kommende. Und in diesem Zukunftsszenario haben große Publikumsverlage keinen Platz. Nun, das stimmt freilich so nicht. Aber sie werden wohl die Pole Position abgeben müssen. Das gedruckte Buch wird wohl noch auf längere Sicht in der Hand der Verlage bleiben, da sie die für den Vertrieb nötigen Strukturen besitzen. Aber jeder berühmte Möchtegern-Autor hat nun eine Alternative zum gedruckten Buch und zum Publikumsverlag: das elektronische Buch und der Selbstverlag. Und man stelle sich vor, es gäbe einen Hype um eines dieser E-Books. Der Autor wird die Rechte für das gedruckte Buch teuer, sehr teuer an einen Publikumsverlag verkaufen können. Ja, ich höre bereits das Zähneknirschen der kaufmännischen Talente.