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Panama Papers – Pentagon Papers – Watergate

Tietmeyer_Finanz

Natürlich sollten wir in Bezug auf die Panama Papers skeptisch bleiben. Die Geschichte ist ja reich an Fällen von Verrat und Betrug. Möchten Sie beispielsweise einen Ihnen lästigen Fürsten vom Thron stoßen, lassen Sie ihn einfach anschwärzen, setzen Sie die schlimmsten Gerüchte in die Welt, bezahlen Sie die schändlichsten Pamphletisten, die für Geld sogar ihre eigene Mutter der Hexerei bezichtigen und sorgen Sie dafür, dass Ihre Spitzel und Provokateure den Mob zur festgelegten Zeit am festgelegten Ort versammeln und aufpeitschen. Der von Ihnen bestochene Berater am Hof wird sodann dem alten Fürsten raten, das Land zu verlassen – aus Gründen der Sicherheit. Es dauert nicht lange, dann ist der alte Fürst aus der Kutsche gezerrt und vom Pöbel zerrissen, während der junge Fürst auf Händen in den Palast getragen wird. Der Gerechtigkeit, wenn man so will, wurde genüge getan. Der neue Fürst ist freilich in Ihrer Hand, dank seiner Spiel- und Weibersucht, aber keine Angst, niemand wird das eine oder das andere erfahren. Die Geschichtsschreibung wird nämlich ganz in Ihrem Sinne den neuen Fürsten als Held des Volkes zeichnen und den alten als Blutsäufer und Tyrann. Ende gut, alles gut, nicht? Hauptsache, das fürstliche System, das Ihnen und all den anderen Kaufleuten die allergrößten Vorteile bringt, bleibt unangetastet.

Sie fragen sich jetzt vielleicht, was diese nette Geschichte mit den Panama Papers zu tun haben soll. Nun, die Zeiten sind vielleicht moderner und die Mehrzahl der Menschen gebildeter, aber am Ende ziehen all die machthungrigen Kaufleute an jenen Fäden, die bereits ein Machiavelli vor rund 500 Jahren in seinem Büchlein festgehalten hatte.

Sehen Sie, die Panama Leaks (und alle anderen Datenlecks) entstehen nicht in einem Vakuum. Gewiss, in all den Hollywoodfilmen liegen die Fälle sonnenklar auf der Hand: Da der ehrbare investigative Journalist, dort die mutige Tageszeitung, die zusammen gegen die Mächtigsten der Welt antreten und den ungleichen Kampf schlussendlich (nach 90 Minuten) für sich und die Gemeinschaft gewinnen. Hurray! Aber die Welt, in der ich und Sie leben, ist kein Vakuum. Es gibt Interessen. Viele Interessen. Viele Beteiligte. Viele Machtebenen. Viele Verflechtungen. Viele Abhängigkeiten.

Der echte Journalist ist nur ein kleines Rädchen im großen Getriebe der Machtmaschine – er weiß es und handelt auch danach. Oder glauben Sie wirklich noch das Märchen, dass es zwei junge amerikanische Journalisten namens Woodward und Bernstein waren, die durch ihre Enthüllungen einen amtierenden Präsidenten zu seinem Rücktritt bewegen konnten?

Hier nun drei Ausschnitte aus der gegenwärtigen Panama Papers Berichterstattung, die mir aufgefallen sind. In der israelischen Tageszeitung Times of Israel heißt es:

[meine Übersetzung:] Erhard Mossack, der Vater von einem der Mossack Fonseca Gründer, diente während des Zweiten Weltkriegs als Soldat in der Waffen-SS. Laut dem ICIJ, das aus Unterlagen der US Armee zitiert, zeigen die »alten Geheimdienstberichte«, dass sich der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Panama abgesetzte Erhard Mossack der CIA angeboten hätte, um für diese zu spionieren – vermutlich ging es dabei um das nahe Kuba. // Erhard Mossack, father of one of Mossack Fonseca founders, served as a combat soldier in Waffen SS during World War II. According to the International Consortium of Investigating Journalists (ICIJ), citing US Army records, »old intelligence files« showed the father had also offered to spy for the CIA during his time in Panama, apparently on nearby Cuba.

In einem Online-Artikel der britischen IT Pro lesen wir:

[meine Übersetzung:] Es wird nun davon ausgegangen, dass der Datenabgriff das Werk eines Nationalstaates sein könnte bzw. einer Person/Gesellschaft, die dieses Level an Rechenleistung hat. // It is also now being suggested that the attack could be the work of a nation state, or someone with that level of computing power.

In einem Interview mit den beiden Journalisten der Süddeutschen Zeitung, die den Stein ins Rollen brachten, heißt es in der österreichischen Wochenzeitung Falter:

B. Obermayer: Wir haben dann erste Probedokumente erhalten und festgestellt, dass die wahnsinnig interessant sind.

Falter: Was waren das für Dokumente?

B. Obermayer: Das waren Papiere, die mit einer argentinischen Staatsaffäre zu tun hatten, Dokumente aus dem Umfeld von Vladimir Putin und dann noch die Geschichte eines ehemaligen Siemens-Mannes, der über Millionen in Offshore-Konten verfügen konnte […].

Können Sie die Zusammenhänge erkennen?

P.S.: Falls Sie sich jetzt  fragen, wo die Anspielung auf die Pentagon Papers bleibt, tja, die finden Sie im Watergate-Märchen. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Ohne den Pentagon Papers kein paranoider Richard Nixon, der Installateure anheuern muss, um die Lecks im Weißen Haus abzudichten – dummerweise flutet die tollpatschige Truppe den Watergate-Gebäudekomplex, weshalb dem Präsident bald das Wasser bis zum Hals steht.

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Die Wahrheit und die Mehrheit

Meine Angst um Deutschland ist namenlos – Österreich, unser Vermögen, meine Gefahr ist mir nicht halb so viel. […] In den Zeitungen entsetzen mich die Berichte über die Vertreibung der Deutschen aus Paris: so müßte ein Capitel eines Romans beginnen, eines Anti-Romain Rolland, wie eine Liebe plötzlich Haß wird. Ich sehe die gemeine Gaminerie gegen die armen, die doch Frankreich so lieben, sehe wie man sie an den Bahnhöfen höhnt und in die Züge pfercht, halb verhungert und verschreckt. Es ist wie ein böser Traum.

Stefan Zweig
Tagebucheintrag vom 5. August 1914

*

Die letzten vier Monate intensivst an Con$piracy gearbeitet. Ich sagte es bereits. Die nächsten Tage werde ich mich wieder mit weltlichen Dingen auseinandersetzen müssen. Vielleicht gut so. Abstand schadet in diesem Falle nicht, wo die Gedanken immer wieder zwischen einem Adlernest und einem Wolkenkratzer und einer Stadt pendeln. Damit meine ich vor allem den Größenvergleich. Das heißt, zuerst stochere ich in einer längst vergangenen Angelegenheiten en detail herum, dann schwinge ich mich in die historischen Lüfte und versuche mit den gefundenen Details gewisse Zusammenhänge herzustellen, die eine Welt von morgen erklärt. Vielleicht.

Mit F. bis in die frühen Morgenstunden geplaudert, sozusagen monologisiert, und ihn über all diese Indizien und Zusammenhänge aufgeklärt. Es ist erstaunlich, wie wenig wir wissen, obwohl wir uns als gebildete Klasse darstellen. Der bildungsferne Teil der Gesellschaft lässt sich durch einen Konsumismus ver-blöden, der bildungsnahe Teil durch einen Konformismus ver-bilden. Die Ironie ist, dass es schwieriger sein würde, die letztgenannten »aufzuklären«, weil, jeder, der sich eine feste Meinung gebildet (aha) hat auch weiß, dass die Mehrheit derselben ist und ihm damit recht gibt. Dabei darf man die Wahrheit nicht mit der Mehrheit verwechseln. Sagte Jean Cocteau. Wobei, ich habe es nicht geprüft. Vielleicht hat es auch jemand anders gesagt. Aber korrekt ist der Inhalt der Aussage noch allemal. Und Goethe soll ja im Gespräch mit Eckermann verdeutlicht haben, dass man das Wahre immer wiederholen müsse, weil der Irrtum nicht nur vom Einzelnen, sondern von der Masse gepredigt werde.

Wer sich mit einer anderen Wahrheit beschäftigen möchte, der ist angehalten, die Bücher auf der Sachbuch-Bestsellerliste sofort zu vergessen. Es spielt keine Rolle, ob die Liste vom deutschen Wochenmagazin Der Spiegel oder von der amerikanischen Tageszeitung New York Times zusammengestellt ist. Die darin enthaltenen Bücher spiegeln nur jene Zeit wider, die ein Establishment für uns konstruiert hat. Gut vielleicht sollte ich jetzt nicht so harsch mit den Mainstream-Büchern ins Gericht gehen. Es gibt immer Perlen, die sich im, pardon, Sauhaufen finden lassen. Manchmal ist die Perle auch nur eine einzige Zeile, eine einzige Aussage, in einem sonst unwichtigen und unrichtigen Buch. Ich bin mir im Moment gar nicht sicher, ob man überhaupt einem jungen Mitbürger den Rat geben soll, sich an ältere ver-bildete Leute zu wenden, falls sie Zusammenhänge und Historie verstehen wollen.

Ach, was ist es für ein Wohlgenuss einen Autor zu finden, der sich erdreistet hat, den unbekleideten König nackt zu nennen. Zumeist geht es übel für den Autor aus, nicht für den König, weil die Mehrheit noch immer der Meinung ist, dass der König ein edles Gewand trüge. »Lügner«, sagen sie dann mit voller Überzeugung. Und Lügner werden in einer ehrlichen Gesellschaft nicht geduldet, sie werden ignoriert.

Über Korruption, Konspiration und Kosmologie

Keine Sorge. Für diesmal wird es nur ein kurzer Beitrag. Weil ich an meinem Conspiracy-Buch schreibe, besser: schreiben sollte. Bis dato habe ich Daten gesammelt und Querverbindungen gezogen. Gestern jedenfalls, auf dem Weg nach Hause, fiel es mir auf und ein: Wo Korruption herrscht, herrscht auch Konspiration. Wo Konspiration herrscht, herrscht auch Korruption. Wie ich das sagen kann? Nun, wenn jemand bestochen wird, so sind zu mindest zwei Leute involviert, nämlich der eine, der gibt und der andere der nimmt. Und damit haben wir – zu mindest – zwei Leute, die alles daran setzen, diese Korruption zu verheimlichen und voilà, schon beginnen sie mit ihrer Konspiration. Banal, nicht? Trotzdem sollte man es als Bürger immer im Hinterkopf haben, wenn es um Aufdeckung von Korruptionsfällen geht. Diese werden gemeinhin als klar abgegrenztes Verbrechen der Öffentlichkeit präsentiert. Aber weil wir ja wissen, oder es wenigstens wissen sollten, dass eine Konspiration per se nicht in seiner Gesamtheit zu verstehen, geschweige denn aufzudecken ist. Aber darüber werde ich im Buch natürlich lang und breit schreiben. Ja, ja.

Und weil wir der Meinung sind, dass wir so gut wie alles zu wissen glauben, für den habe ich diesen entlarvenden TED-Beitrag von Beau Lotto (heißt der Kerl wirklich so?) gefunden, der sich mit optischen Illusionen beschäftigt und ein paar Beispiele dem Publikum vorstellt. Seine Resümee:

Niemand kann die Natur als objektiver Beobachter sehen. Wir sind durch eine Ökologie definiert, die notwendigerweise relativ, historisch und empirisch ist. No one is an outside observer of nature. We are defined by our ecology. Ecology is necessarily relative, historical and empirical.