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Der Blick in den Spiegel

Du blickst in den Spiegel, betrachtest für eine Weile dieses Gegenüber und fragst dich, ob dir dieser Kerl tatsächlich ähnlich sieht. Der Mensch ist nicht nur Äußeres, nicht nur Hülle, sondern das Ganze, was wiederum eine Mischung aus Innerem und Äußerem, aus Erlebtem und beinah Erlebtem darstellt. Die gute A. meinte einmal, dass jeder Mensch eine Aura hätte, die ihn umgibt und die man auch sehen könne. Worauf ich sie fragte, ob sie meine Aura jetzt sähe. Sie nickte. Aber bis heute habe ich noch keine Aura gesehen, weder an mir, noch an anderen. Vielleicht ist es eine Gabe, eine besondere Gabe, vielleicht ein gewisse Einbildung, die Gefühltes sichtbar macht.

Das Osterfest neigt sich dem Ende zu. Es war eine stille, so angenehm ruhige Woche. Am Karsamstag las ich auf einer Steintafel, vor dem Eingang zu einer alten Kirche, irgendwo in der Melker Gegend, die Namen der Gefallenen in den beiden Weltkriegen. Ein hoher Blutzoll muss es gewesen sein, damals. Viele junge Männer, in der Blüte ihres Lebens, zogen in die Fremde um nicht mehr wiederzukommen. Helden für die einen. Verräter für die anderen. Und doch waren sie alle Söhne besorgter Mütter und Väter. Das Menschliche ist so alt wie die Menschheit selbst.

Der Blick in den Spiegel verrät nichts darüber, wie man von den anderen wahrgenommen wird. Die gesellschaftlichen Gepflogenheiten ändern sich. Vor zwei Generationen holte man am Sonntag das schöne „Gwandl“ aus dem Kasten. Sonntagsstaat. Sonntagsanzug. Man zeigte, was man hat, was man sich leisten konnte. Jene, die in eine finanziell missliche Lage kamen, ihren einzigen Anzug ins „Pfandl“, also in die Pfandleihe, tragen mussten, gingen Feiertags nicht mehr aus dem Haus – bedacht, den guten Ruf nicht zu verlieren, Angst habend, dass sich die Leut den Mund über einen „z’reißen“.

Wie ich erfuhr, sind Hennen auch nicht gerade nett untereinander. So kann es vorkommen, dass die „Clique“ es nicht zulässt, wenn eine Außenseiterin ihr Ei ausbrüten möchte. Tja. Die Natur hat ihre eigenen Spielregeln – Fairness und „Menschlichkeit“ sind von uns eingeführte Begriffe und Tieren wohl gänzlich fremd. Was uns vom Tier unterscheidet ist vor allem die Sprache. Ein großes Wunder, wenn man bedenkt, dass Kleinkinder das Sprechen „automatisch“ lernen – ohne, dass sie Vokabeln pauken oder Grammatik lernen müssen. Das Gehirn, welches sich noch eine Zeit lang nach der Geburt entwickelt, wächst – im wahrsten Sinne des Wortes – mit der Sprache mit.

„Kann es etwas Wunderbareres geben, als die ganze Welt mit ein paar Argumenten in Bewegung zu setzen?“
Voltaire

Apropos. Ich lese gerade ein faszinierendes Buch über die „Ur-Sprache“. Man möchte nicht meinen, mit welch wundersamen Theorien der Autor aus einer längst untergegangenen Epoche aufwartet. Nur so viel sei verraten, dass die vermeintlich „ältesten“ Sprachen der Welt so alt nicht sind und dass sie alle auf eine Ur-Sprache zurückzuführen sein dürften. Ach, so viele Wissensbrocken, die noch aufzuheben sind und nur ein Menschenleben Zeit dafür. Am Ende wird man wohl in den Spiegel sehen und feststellen müssen, dass man weiß, dass man nichts weiß, trotz hoher Denkerstirn und all der vielen Falten, die durchs Grübeln kamen. Vielleicht wird man sich auch seufzend eingestehen, dass man so manch sonnige Frühlingstage verfaulenzt hat.

Ein Film der Frauen unserer Zeit: Captain Marvel und Liebe 47

Seltsam, nicht wahr? Wie schnell die Zeit vergeht. Und vor allem, wie schnell der Mensch vergisst. Vermutlich ist dieses Vergessen ein Schutzmechanismus, um nicht dem Irrsinn anheim zu fallen, wenn einen das Schicksal ordentlich beutelt. Glücklich ist, heißt es in einer bekannten Wiener Operette, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist. Sigmund Freud & Co haben das freilich anders gesehen und darüber gäb es sicherlich auch viel zu schreiben, aber das ist eine gänzlich andere Geschichte. Und wir wollen doch nicht gleich zu Beginn den Faden verlieren.

Nun gut, ich habe jetzt den Disney-Blockbuster Captain Marvel gesehen. Nicht, weil ich ein Superhelden-MCU-Nerd bin, sondern weil es rund um den Film zahlreiche Kontroversen gab, die in Zeiten des Internets in Foren und Kommentaren auf der einen und auf Plattformen der großen Medienhäuser auf der anderen Seite ausgefochten wurden. Wie viel Öl von der Hollywood-Marketing-Abteilung ($$$) mit Absicht ins Feuer geschüttet wurde, ist schwer abzuschätzen, wir können jedoch davon ausgehen, dass es zumindest ein Benzinkanister (Super) war. Aber als sich das Strohfeuer zu einem unkontrollierbaren Flächenbrand entwickelte, rief man eilends die Google-Algorithmen-Feuerwehr, während die jungen und junggebliebenen Bürschleins als Brandstifter-Trolle ausgemacht und ausgebuht wurden.

Seit sich Sigmund Freuds (aha, schon wieder) Doppelneffe Edward Bernays der subtilen Manipulation der Massen verschrieben hatte, beginnend in den 1920er Jahren, ist es heutzutage für Unternehmen, Regierungen oder ominösen Kräften nicht sonderlich schwer, unpopuläre unternehmerische oder politische Ziele zu erreichen und die Gesellschaft gegen ihren Willen zu formen. Dem Mainstream, der als Werkzeug dient, sei dank. Ob uns das Internet dabei hilft, dieser Manipulation entgegenzuwirken ist in meinen Augen zweifelhaft. Um ausgeklügelte Lügengespinste zu erkennen braucht es nicht nur einen hellen Kopf, sondern auch Zeit, Geduld und die Bereitschaft, gegen den Strom zu denken.

Wie dem auch sei. Die hitzige Debatte rund um den Film Captain Marvel drehte sich in erster Linie um die Frage nach dem Platz der Frau in dem von Männern dominierten Superhelden-Genre. Die Mehrheit der Kinogänger wollte freilich einfach nur ein buntes, gut gemachtes Actionspekatakel sehen, ohne in kulturpolitischen und gesellschaftskritischen Dingen mit dem Holzhammer belehrt zu werden. So schreibt man(n): „I don’t care if the main character in a movie is male or female I just care about delivering a good performance and having a good movie.“ Als absehbar war, dass der Holzhammer im Film ordentlich geschwungen werden würde, flammte lautstarker Protest auf. Dieser Protest wurde in feministischen Augen als Bestätigung aufgefasst, dass (junge) Männer im 21.Jahrhundert noch immer gedanklich in der „Steinzeit“ stecken und Frauen in ihrer (beruflich künstlerischen) Entfaltung einschränken würden wollen. Und so schallte es Gleichberechtigung herüber, dröhnte Frauenpower aus den Lautsprechern und verfasste so manch eine(r) giftige Kommentare: „You guys got triggered by a woman having the audacity to tell you that a film with a female lead who does not need a man to protect her isn’t for you.“

Vor 70 Jahren kam der deutsche Nachkriegsfilm Liebe ’47 in die (wenigen) Kinos – basierend auf das Borchert-Bühnenstück Draußen vor der Tür. Wenn Sie Glück haben, können Sie den Film, den ich Ihnen sehr ans Herz legen möchte, in seiner ganzen Länge irgendwo auf youtube finden. Es ist ein beeindruckendes Werk, zeigt es ungeschönt die hässliche Seite des Schicksals – und welche Kraft es braucht, um in den Trümmern nicht liegen zu bleiben, sondern wieder aufzustehen, sich sozusagen aufzurappeln. Am Ende ist es nicht Liebe, sondern ein Versprechen, das einer Frau und einem Mann wieder Hoffnung gibt. Die letzte Einstellung des Films ist von einer grandiosen Schlichtheit und kaum noch zu übertreffen.

Im Gegensatz dazu zeigt uns Hollywood mit Captain Marvel – knallend und krachend, tobend und taumelnd – dass Frauen ordentlich austeilen und zuweilen einstecken und ‚ihren Mann stehen‘ können. Die stimmungsvolle Montage vom Fallen und Aufstehen hätte in einem besseren Film sicherlich viel Gänsehaut verursacht. Schad drum. Und so verschwimmen auf dem Zelluloid langsam die Grenzen zwischen Mann und Frau. Die einen wittern dabei das große Geld, die anderen die große Befreiung und eine kleine Gruppe gebildeter Leute, the intelligent few, definiert im Hintergrund, was gesellschaftlich akzeptabel ist und was nicht. Auf diese Weise lernen wir, dass das politisch korrekte Ergebnis von 2+2 = 5 ist. Sie möchten doch nicht daran zweifeln, oder?

Zu guter Letzt möchte ich einen längeren Dialog-Ausschnitt aus Liebe ’47 anführen – nur damit Sie sehen, wie schnell sich unsere Sicht auf die Dinge gewandelt hat.

Filmaufbau Göttingen, Spielfilm aus dem Jahr 1949

Beckmann: „Ob 3 Tote oder 2 Tote? Wer fragt heute nach 3 Toten? Gestern waren es vielleicht 3.000, vorgestern 100.000, morgen 4.000 oder 6 Millionen. Abgewandert in die Massengräber der Welt. Und wer fragt danach? Keiner!“

Anna Gehrke: „Aber tun Sie etwas dagegen. Sie sind doch ein Mann. Das ist doch eine Aufgabe. Denken Sie mal nach wie es früher war. Es ist noch gar nicht so lange her, da konnten die Leute in Deutschland nicht einschlafen, weil man in Amerika ein Kind entführt hat.“

Beckmann: „Früher, früher? Ja, wann war denn das? Vor 10.000 Jahren? Heute tun’s ja nur noch Tote mit sechs Nullen. Die Menschen entsetzen sich nicht mal, sondern sie schlafen ruhig und fest, sofern sie noch ein Bett haben. Und sie werden mit Zahlen gefüttert, die sie kaum aussprechen können, weil sie so lang sind. Und diese Zahlen bedeuten Tote, Granattote, Splittertote, Bombentote, Verzweiflungstote, Kältetote, Hungertote, Verlorene, Vertriebene, Verschollene; diese Zahlen haben mehr Nullen als ich Finger an der Hand …“

Anna: „Das Leben geht auf und ab, mal ist es dunkel, mal ist es hell. Kein Grund zum Verzweifeln, wenn es mal etwas länger dunkel ist. Jedenfalls nicht für einen Mann. Aber, sieh doch uns an. Sind wir noch Frauen? In hoffnungsloser Überzahl, nicht mehr Frauen, sondern Nummern. Arbeitseinsatz, Dienstverpflichtung, Frauenbataillon. Und wer’s nicht will, der muss sich verkaufen. Legal oder illegal. Aber du [Mann], du hast eine Aufgabe. Mach’s besser. Ändere die Welt.“


Erinnerungen an eine Welt von Gestern

Es ist noch nicht lange her, da kam ich an meiner alten Volksschule vorbei. Das große Tor stand offen und ich konnte einen Blick hinein machen, in die Einfahrt, dort, wo ich als kleiner Junge oftmals darauf gewartet habe, in meine Klasse gelassen zu werden. Jedenfalls wollte ich ein Foto machen – wozu wusste ich freilich nicht. Während ich den passenden Ausschnitt wählte, kamen vereinzelt Erinnerungsstücke zum Vorschein, die ich am Dachboden meiner Gehirnwindungen in einer verstaubten Ecke liegen sah. Langsam dämmerte mir, dass ich ein Zeitalter erlebte, das zu Ende ging und ein anderes, das seinen Platz einnahm.

Gewiss, es ist eine banale Beobachtung, wohl kaum der Rede oder eines Aufsatzes wert. Und doch muss ich es mir auf eindringliche Weise vor Augen halten, dass es in meiner Kindheit, in meiner Jugend kein weltweites Netz (Internet) gab und schon gar keine Smartphones. Jetzt, Tage später, mit den Gedanken in diese Welt von Gestern zu reisen fühlt sich merkwürdig an. Ich versuche mich zu erinnern, aber es sind immer nur Momentaufnahmen, ausgeschmückt und eingefärbt mit dem Wissen und all den gemachten Erfahrungen der Gegenwart.

Aus heutiger Sicht betrachtet, war das damalige Leben sehr eingeschränkt, man lebte recht konformistisch, passte sich sozusagen an und ging unaufgeregt seiner Aufgabe oder Arbeit nach. Auf der anderen Seite war die Welt damals roh, mit vielen Ecken und Kanten und ein Tag konnte schon recht bitter schmecken. Selten wurden die Dinge ins schöne Licht gerückt, da die damalige Technologie nur simple Verschönerungen zuließ und das Geld immer knapp war. Kurz, man konnte noch keinen großen Wert auf die Verpackung, auf das Design legen – was zählte war in erster Linie die Qualität der Sache selbst. In einem der vielen (verrauchten) Gasthäuser bekam man Hausmannskost. Bodenständig. Sättigend. Eine Haute Cuisine, bunt und verspielt, ideenreich und kunstvoll, gab es vielleicht in Frankreich, aber nicht hier. Heute scheint es, als würde der hungrige Mensch von Bildern, Tönen und Gefühlen, die ihn täglich umgeben, gelenkt werden. Schön anzuschauen. Selten sättigend. Oftmals unnatürlich.

Nostalgie TV-Tipp: Kottan ermittelt – Hartlgasse 16a (1976) und Wien Mitte (1978)

Das Internet hat das eingeschränkte Dasein förmlich aufgesprengt. Die Gedankenwelten rückten tatsächlich näher zusammen – im Guten wie im Schlechten. Mit einmal konnte man lesen und hören, was andere Menschen, wie du und ich, zu einem ganz bestimmten Sachverhalt dachten. Mit einmal erfuhr man Wahrheiten, die einem um den Verstand bringen konnten – nur um später festzustellen, dass es Wahrheiten und Wahrheiten gab und dass nichts ist wie es uns in der Schule gelehrt wurde.

Das Internet der ersten Stunde geht nun langsam zu Ende. Wo früher absolute Redefreiheit herrschte ist nun der (programmierte) Zensor zur Stelle, der löscht, was nicht gefällt und falls das nicht reicht, droht Strafe und Verbannung. Für eine kurze Weile sah es danach aus, als würde die Masse in der Lage sein, die Elite – wenigstens virtuell – in die Schranken weisen zu können. Doch jede Erfindung und Entdeckung wird früher oder später in den Dienst der „großen Sache“ gestellt. Mit anderen Worten, es muss der Führung der Herde dienen. Alles andere kommt danach. Stichwort Edward Bernays. Punktum.

So stand ich vor dem großen Tor meiner Volksschule, steckte das Smartphone wieder weg, blickte kurz auf die gegenüberliegende Straßenseite und erinnerte mich wieder an ein kleines Zuckerlg’schäft, wo wir uns dann und wann Süßigkeiten kauften, so wir ein paar Schillinge in der Tasche hatten. Rechteckige Oblaten waren für eine Weile der Renner. Cola-Flascherln gingen immer.

Ja, wir Kinder der 1970er Jahre waren wohl die erste Generation, die von der Wirtschaft zu Versuchszwecken eingefangen wurden. Zucker spielte dabei eine wesentliche Rolle. Scheinbar bemerkten die damaligen Leutchen in den Führungsetagen, dass man von Drogendealern (und der Tabakindustrie) durchaus etwas lernen konnte. Man mache die Jüngsten von dem Stoff abhängig, dann hat man auf ewig Abnehmer respektive Konsumenten. Und die Ärzteschaft? Sie forderte kein Umdenken, sondern mehr Geld. Das Bruttoinlandsprodukt musste schließlich wachsen und gedeihen. Sehr zur Freude der Politiker.

Ich frage mich, wie unser Leben nun aussähe, hätte es dieses virtuelle Fenster in die weite Welt niemals gegeben, bzw. wäre es als einseitiger elitärer Kommunkationskanal (analog dem TV) in der Entwicklung stecken geblieben. Müßig darüber zu sinnieren, ich weiß.

Ich setzte jedenfalls meinen Weg wieder fort. Wer weiß, dachte ich mir, vielleicht wird einer der jetzigen Schüler in vierzig Jahren einen ähnlichen Aufsatz schreiben. Über seine Welt von Gestern.

Der Tag, an dem ich zwei Unterhosen trug – Die Story eines glatten Durchfalls

Ehrlich gesagt, es ist schon eine ganze Weile her, seit ich das letzte Mal die – man verzeihe mir das derbe Wort, aber so nennen wir das Ungemach in meiner Familie – „Scheißerei“ hatte. Um Mitternacht, kurz vor dem zu Bett gehen, gurgelte der Magen auf eine Weise, wie ich es sonst nicht kenne und zwang mich auf die porzellanene Leibschüssel (merkwürdig, dass der Duden das Wort nicht auflistet). Eine explosionsartige Darmentleerung war die Folge. Schlapperlot, das ist nicht gut, dachte ich mir, während mir der Gestank den Atem raubte. Dabei hatte ich die letzten Wochen einen ziemlich guten Stuhlgang-Rhythmus entwickelt, der mir anzeigte, dass ich am besten Wege bin, meine Darmträgheit, die ich seit jeher mit mir herumgeschleppt habe, zu verlieren.

Seit meiner Ernährungsumstellung – auch schon fünf Monate her – hat sich meine Darmentleerung in allen Punkten verbessert. Keine industriell hergestellten Nahrungsmittel (processed food), wenig Kohlehydrate (da vor allem weiße Mehlprodukte und Zuckerhältiges), ausreichend tierische Produkte von guter Qualität, so gut wie keine Ballaststoffe und viel (tierisches) Fett hatten dahingehend einen vollen Erfolg erzielt. In „Fachkreisen“ nennt man diese Form der Ernährung low carb, high fat bzw., wenn man es sehr genau nimmt, ketogenic diet (ketogene Ernährung). Ich habe darüber bereits ausführlich geplaudert (siehe hier) und möchte mich an dieser Stelle nicht wiederholen, kommen wir also zurück zum Punkt.

Die morgendliche Vorstellung am nächsten Tag war ebenfalls ein glatter Durchfall, was mich ziemlich nervös machte. Weil ich mich nicht krank fühlte. Mein Kopf war sonderbar klar und auch sonst war kein Unwohlsein zu bemerken. Generell spüre ich eine Krankheit bzw. ein Unwohlsein zuallererst im Kopf, der sich dumpf und schwer anfühlt und für gewöhnlich schmerzt. Doch diesmal musste ich bei vollem Bewusstsein diese Magen-Darm-Tragödie (vier Akte) miterleben.

Tja. Da saß ich nun und dachte nach. Es galt, das Leck zu stopfen und meine sonst so freundlichen Gastarbeiterbakterien im Darm zu besänftigen. Ein wenig hatte ich ja das Gefühl, dass diese die Arbeit vollständig eingestellt hätten – vielleicht hat es diese auch dahingerafft. Zack. Prack. Vorbei.

Und so besorgte ich mir Zwieback, kochte mir eine kümmelige Einbrennsuppe (eine Einbrenn nennt sich in Germania Mehlschwitze – was ziemlich ekelhaft klingt), trank Kamillen- und später Fencheltee und aß dazu Beinschinkenbrote. Machte mir Ei im Glas (gar nicht einfach, so ein weiches Ei in ein Glas zu bugsieren) und versuchte, den Organismus zu entspannen.

Gottlob hat sich nach drei Tagen Besserung eingestellt. Aber in dieser Zeitspanne musste ich am eigenen Leib feststellen, wie sich ein nicht funktionierender Darm anfühlt. Die Befürchtung, Nahrung zu sich zu nehmen und diese recht schnell wieder zu verlieren, nagte bedenklich am Selbstbewusstsein. Die Angst, nur noch „stopfende“ Nahrung zu sich nehmen zu können, ließ mich verwelken. Als ich am Samstag Morgen den Bauernmarkt am Naschmarkt aufsuchte, wie jede Woche, und vor der Fleischvitrine stand, streiften meine wehmütigen Augen all die sonst so von mir so hoch geschätzten Stücke, wie Kalbsleber, Lungenbraten, Rinds- und Lammfaschiertes usw. Statt dessen nahm ich einen mageren Kochschinken, Eier (Huhn und Ente!) und – man höre und staune – eine halben Striezel, gebacken von der Oma der Landwirtsfamilie. Und, ich wage es gar nicht laut zu schreiben, aber dieser (süße) Striezel hat zusammen mit einem schwarzen Tee meine Laune in ungeahnte Höhen gezuckert. Der Zwieback ging mir bereits gehörig auf die Nerven und – wie man hier bei uns in Wien sagt – „staubte mir aus den Ohren“.

Und über den Umweg des Striezels fand ich bei meiner türkischen Bäckerei die ungesüßte Variante mit Namen Acma. Blöd. Jetzt hab ich gegoogelt, woraus dieses türkische Gebäck hergestellt wird. Sollte da tatsächlich Pflanzenöl und Margarine verwendet werden, wäre das nicht gut, gar nicht gut, überhaupt nicht gut.

Wie dem auch sei. Während ich mich also ernährungstechnisch einschränken musste, dachte ich über das eine, das andere nach. Vielleicht haben Kohlehydrate aus Weißmehl, seien sie süß, seien sie salzig, ihre (kurzfristige) Notwendigkeit. Sehen Sie, Kohlehydrate (Zucker) liefern für den Organismus am schnellsten Energie. Im Gegensatz zu Fett und Proteinen ist aber die Energie schnell verbraucht – weshalb schon nach kurzer Zeit wieder der Hunger einsetzt und man gezwungen ist, zu essen (oder zu hungern). In einem geschwächten Zustand kann es also von Vorteil sein, dass auf schnellstem und einfachstem Wege dem Organismus Energie zugeführt wird. Vorausgesetzt, man verabreicht in späterer Folge das notwendige „Reparaturmaterial“ in Form von Proteinen (z. B. Kochschinken, Eier). Fett ist bei alledem so eine Sache. In Omas Kochbuch aus den 1930er Jahren wird beispielsweise bei Durchfall davon abgeraten fette Speisen zu sich zu nehmen und Rohmilch zu verzehren – dafür können Einbrennsuppe, Zwieback (gebähtes Brot) und Teigwaren gereicht werden.

Übrigens, wenn Sie Dr. google fragen, was man bei Durchfall essen soll, so erfährt man das Folgende:

Zwieback, geriebene Äpfel, pürierte Bananen, Reis, Kartoffeln, Karottensuppe

Finden Sie das jetzt nicht merkwürdig? Die obigen Lebensmittel sind demnach stopfend. Falls Sie also an einem trägen Darm leiden und sich mit getoastetem Brot, Reis, Kartoffeln und Obst/Gemüse „gesund“ ernähren, sozusagen viele Ballaststoffe zu sich nehmen, dann mag einer der Gründe dafür schon gefunden sein.

Die letzten Tage haben mir jedenfalls vor Augen geführt, dass wir ohne unsere Gäste nur eine leere Hülle sind. Mikrobiom oder Darmflora, wie immer man auch das Ganze nennen mag, es sind all die Bakterien, Pilze, Parasiten und Viren, die bei der Verdauung den Ton angeben und entscheiden, wohin die Reise geht. Das Mitochondrium, das Kraftwerk in jeder Zelle, das Kohlehydrate bzw. Fett in Energie umwandelt, ist eine Mischung aus Bakterium und Virus und eines der (nur im Ansatz erforschten) Wunder unseres Körpers. Nebenbei bemerkt sind unsere Zellen mit einer Art von „Glasfaser“ verbunden und kommunizieren fröhlich vor sich hin. Wenn mir jemand sagt, Medizin und Wissenschaft hätten unseren Körper vollständig erforscht, kann ich nur leise seufzen. Geht es um offizielle Ernährungsempfehlungen, scheint mir hier eine Agenda am Werk, die nichts Gutes für die Menschheit im Sinne hat. Dazu muss man sich nur die gerade veröffentlichten Ernährungsrichtlinien der EAT-Lancet Commission anschauen, die momentan in den Medien die Runde macht und (wieder einmal) tierische Fette in die Ecke stellt – während sie kein Problem mit „pflanzlichen“ hat. Und rotes Fleisch ist scheinbar ein rotes Tuch für diese Leute. Es wird nicht lange dauern, so ist zu befürchten, dass die Regierungen diesen Report als Basis für neue „Gesundheitsempfehlungen“ und Gesetze heranziehen werden. Schlag nach bei Kanada.

Ich denke, ich habe fürs Erste genug gesagt. Jetzt werde ich mir mal etwas in die Pfanne hauen. Huh. Ich hoffe, es mundet meinen Gästen und die Vorstellung endet mit tosendem Applaus.


Von Mondlandungen und anderen Gespinsten im Jahr 2019

Im Juni feiert die erste „erfolgreiche“ Mondlandung von Apollo 11 ihren 50-jährigen Geburtstag. Sie können davon ausgehen, dass die Medien alles daran setzen werden, die Ungereimtheiten, Widersprüche und Absurditäten dieser „Weltraummission“ wie der Teufel das Weihwasser zu meiden. Man stelle sich vor, NASA müsste zugeben, damals ein wenig „getrickst“ zu haben. Schließlich war der Kalte Krieg in den 1960er Jahren ziemlich heiß geworden und die „Russkis“ waren den „Amis“ beim Erobern des Weltraums ziemlich weit voraus. Mit anderen Worten, der „Kommunismus“ war drauf und dran die Propagandaschlacht zu gewinnen. Washington und der „kapitalistische“ Westen mussten demnach wieder die Oberhand gewinnen. Das stand so im Drehbuch. Und hatte nicht der gute John F. Kennedy seinen Bürgern versprochen, dass Amerikaner noch vor Ende des Jahrzehnts zum Mond fliegen würden? Freilich, bei seiner letzten Ansprache relativierte er bereits das Gesagte und stellte klar, dass die Erforschung des Weltraums gemeinsam mit anderen Ländern, auch der UdSSR, erfolgen sollte. Aber nach seinem Ableben – das Attentat ist ja bekanntlich auch so eine mysteriöse Sache – erinnert sich keiner mehr an seine Worte.

Während wir also in den Weltraum starren, unser Blick nach oben geht, in diese mit Sternen übersäte Himmelskuppel, bemerken wir gar nicht mehr, was sich vor unserer Haustür abspielt. Was noch in meiner Kindheit undenkbar schien ist nun Wirklichkeit: Wir akzeptieren eine gesellschaftliche Verwahrlosung. Der Individualismus, der seit 1945 als Höhepunkt von Freiheit und Glück gepriesen und gepredigt wurde, hat die Gemeinschaft ausgehöhlt und das Wir durch das Ich ersetzt.

Der Wiener Dichter Nikolaus Lenau, der sich in den 1830er Jahren in den USA aufhielt, schrieb an seinen Bruder:

»[…] diese Amerikaner sind zum Himmel stinkende Krämerseelen. Todt für alles geistige Leben, maustodt. […] Eine Niagarastimme gehört dazu, um diesen Schuften zu predigen, daß es noch höhere Götter gebe, als die im Münzhaus geschlagen werden. Man darf diese Kerle nur im Wirtshause sehen, um sie auf immer zu hassen. Eine lange Tafel, auf beiden Seiten 50 Stühle (so ist es da, wo ich wohne); Speisen, meist Fleisch, bedecken den ganzen Tisch. Da erschallt die Freßglocke, und hundert Amerikaner stürzen herein, keiner sieht den andern an, keiner spricht ein Wort, jeder stürzt auf eine Schüssel, frißt hastig hinein, springt dann auf, wirft den Stuhl hin, und eilt davon, Dollars zu verdienen. […] Die Bildung der Amerikaner ist bloß eine merkantile, eine technische. Hier entfaltet sich der praktische Mensch in seiner furchtbaren Nüchternheit.«

So ist das, am Beginn des Jahres 2019.