richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Hasspredigt gegen Hasspostings: Der Einpeitscher im Mainstream

Das Schreckliche an der Zwei-Minuten-Hass-Sendung war nicht, daß man gezwungen wurde mitzumachen, sondern im Gegenteil, daß es unmöglich war, sich ihrer Wirkung zu entziehen. […] Er glaubte an die Grundsätze der [Partei], verehrte den Großen Bruder, jubelte über Siege, hasste politisch Unkorrekte nicht nur eifrig und unermüdlich aus Überzeugung, sondern wohlinformiert, mit einem Scharfblick, wie ihn ein gewöhnliches Parteimitglied sonst nicht besaß.

1984
George Orwell (1948)

Anmerkung: Als Einführung in die Materie der Manipulation lesen Sie bitte meine folgenden Beiträge Scheiterhaufen und Shitstorm, Mittelalter und Cyperspace: Die Verdrehung des Faktischen und Illusion der Informiertheit.

Die Welt, gesehen durch die rosarote Medien-Brille

Die Welt, gesehen durch die rosarote Medien-Brille – nachzulesen im Online-Standard

Sehen Sie sich den obigen Kommentar von User M. im Online-Standard in aller Ruhe an. Ich hoffe, Ihnen fallen all diese (von mir gelb unterlegten) Neusprech-Vokabeln auf. Der Beitrag ist ein Musterbeispiel, wie die Manipulation des gutgläubigen Medien-Konsumenten funktioniert. Über den “derzeit in Brüssel” lebenden Autor ist nicht viel bekannt – so beschäftigt er sich “seit vielen Jahren mit Rassismus und Rechtsextremismus”. Interessant, dass man damit sein berufliches Auslangen finden kann. Andererseits, in einer Epoche des Terrors und des Extremismus sind wohlinformierte Scharfblicker von größter Bedeutung. Nicht für die Gesellschaft, nope, vielmehr für die Obrigkeit, für den Großen Bruder, wenn Sie so wollen. All diese “Rechthaber”, die wissen, wo die “rote Linie” endet, die festlegen, was tolerierbar und was “aus den Köpfen” zu verschwinden hat, sind nur die Einpeitscher der schulterzuckenden Masse.

Ich frage mich, wie es sein kann, dass die Äußerung eines 17-jährigen Jungen solche Wellen, solchen Hass erzeugen kann. Ja, wie kann das sein? Erinnern Sie sich noch an das französische Satire-Magazin Charlie Hebdo? Suchen Sie doch im Internet nach charlie hebdo caricatures jesus und schauen Sie sich die Zeichnungen an. Für einen religiös empfindsamen Menschen sind all diese “Karikaturen” jenseits der “roten Linie”. Und doch gingen Millionen auf die Straße, um genau für diese “nicht tolerierbare” Satire- und Karikatur-Freiheit zu demonstrieren. Falls Sie meinen, der 17-jährige Bursche hätte sein Posting ernst gemeint, dann ist es eine Vermutung und nicht bewiesen. Genausogut könnte man die Charlie Hebdo Texter der absichtlichen Verunglimpfung christlicher und muslimischer Werte bezichtigen.

Oder wie wäre es mit Hollywood-Ikone Mel Brooks und Seinfeld-Co-Producer Larry David. Als im Jahr 1967 Mel Brooks Film The Producers in die Kinos kam, sorgte der “Nazi-Witz” mancherorts für Sprachlosigkeit und Entsetzen. “Jewish organization at the beginning didn’t get the joke”, merkte Mel Brooks in einer “Making-of”-Dokumentation amüsiert an. Falls Sie den Film gesehen haben, wissen Sie vermutlich, warum. Starker Tobak – trotzdem war der Film letztendlich erfolgreich, so erfolgreich, dass sich Hollywood im Jahr 2005 für ein Remake entschloss. Und in Larry Davids (sehr empfehlenswerter) Comedy-Serie Curb your enthusiasm nimmt der Autor vergangene und gegenwärtige jüdisch-israelische Ereignisse spitzfindig aufs Korn. Für sensible Seelen ist der Witz äußerst grenzwertig.

Ein letztes Beispiel an “Grenzwertigkeiten” wäre der allseits bekannte Maler und Aktionist Hermann Nitsch. Sie können sich sogar in Wikipedia ein aktionistisches Appetithäppchen Die Eroberung Jerusalems: Raum 22 Schlachthaus auf der Zunge zergehen lassen. Ich habe einen längeren Auszug des “Werks” durchgesehen und bin der Meinung, dass hier definitiv eine “rote Linie” übertreten wurde. Aber das dürfte niemanden ernsthaft stören. Seltsam, nicht? Wird hier am Ende mit zweierlei Maß gemessen? Wie soll sich da ein junger Mensch im “alle Tiere sind gleich, manche sind gleicher”-Dschungel überhaupt noch zurechtfinden? Vielleicht ist aber genau das der Plan der Obrigkeit, nämlich die Masse so lange einzuschüchtern, bis diese still und folgsam die vorgegebenen Themen der Hass-Tagesschau nachgeifert.

Und gibt es bei alledem nicht ein großes Paradoxon? Darf man in Zukunft “zu Gewalt aufrufen” gegen jemanden, der “zu Gewalt aufgerufen” hat? Darf man in Zukunft “Hass predigen”, gegen jemanden, der “Hass predigte”?  Darf man in Zukunft einen Menschen “verachten”, weil er “menschenverachtend” denkt? Und falls es schlussendlich nicht gelingt, den “Rassismus” aus den Köpfen zu vertreiben, müssen diese dann abgeschlagen werden? Gut möglich, dass ein freundlicher Mob, der sich Toleranz2.0 auf die wehenden Fahnen geschrieben hat, die blutige Aufgabe übernimmt. Sie werden es nicht glauben, aber solche “Säuberungen” kommen immer wieder in der Menschheitsgeschichte vor. Deshalb gilt: Wer sich mit der Historie beschäftigt ist klar im Vorteil.

Falls Sie nun fragen, wie man in Zukunft mit alledem umgehen soll, so ist die Antwort leicht: Die christlich-humanistischen Werte entstauben und mit gutem Beispiel vorangehen. Anders gesagt: Stellen Sie sich vor, der 17-jährige Bursche wäre Ihr Sohn. Würden Sie ihn zur Polizei schleifen und aburteilen? Würden Sie ihn auf den Marktplatz anketten, damit die Menge ihn bespucken und beflegeln kann? Ich denke, wir sollten das Gespräch und nicht die Guillotine suchen.

Eine kurze Parabel über das Wählen und wie der Wähler bedrängt wird

Ich möchte Ihnen eine kurze Parabel über das Wählen erzählen und wie Sie in eine bestimmte Richtung gedrängt werden. Das hypothetische Gedankenspiel sieht so aus, dass Sie mit Ihrer jungen Cousine und deren Freundin, eine Austauschstudentin aus einem fernen Land, einen Waldspaziergang unternehmen. Da geschieht es. Ein schreckliches Ereignis. Sie werden nun vor folgende Wahl gestellt:

Wählen Sie!

Die Hoffnung auf ein menschenwürdiges Paradies in ferner Zukunft beeinflusst Ihre Entscheidung genauso wie die Angst vor der gegenwärtigen Schelte, wenn Sie diese Hoffnung anzweifeln.

Sie können Ihre Cousine (A) retten. Sie können die Freundin Ihrer Cousine (B) retten. Sie können versuchen, beide zu retten, was entweder mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % beide rettet (AB) oder niemanden (Null). Sie haben nun die Wahl.

Der springende Punkt ist dabei gar nicht so sehr das Ergebnis als die Wahl, die Sie treffen. Würden Sie für Option A plädieren – immerhin ist es Ihre Cousine – könnte man Sie der Herzlosigkeit, Egozentriertheit und Ausländerfeindlichkeit beschuldigen. Weil Sie aber annehmen können, dass Sie dieser Vorwürfe ausgesetzt werden –  Mainstream und Social Media sind voll davon -, wählen Sie Option AB und sind somit auf der “sicheren Seite”. Aber es ist die Zukunft, die zeigen wird, ob die Gesellschaft alles gewinnt oder alles verliert. Faites vos jeux – machen Sie Ihr Spiel.

Warum die Lämmer schweigen: Die Illusion der Informiertheit

Der Vortrag von Prof. Rainer Mausfeld von der Christian Albrechts Universität Kiel ist eine dringende Empfehlung. Auch wenn er hin und wieder in ein für den Normalbürger unverständliches Universitätsdeutsch verfällt und es ein bisschen braucht, bis das Thema an Fahrt gewinnt, es gibt wenige deutsche Professoren, die den Mut haben, die Öffentlichkeit über die Illusion der Informiertheit aufzuklären.

So mag es nicht weiter verwundern, wenn ich für gewöhnlich auf angloamerikanische Denker Bezug nehme, die sich nicht scheuen, die Realität beim Namen zu nennen. Interessant dabei ist der Aspekt, dass der gebildete Europäer generell abschätzig auf das kulturlose und über-patriotische amerikanische Volk herunterblickt. Aber in Sachen Redefreiheit sind uns die Amerikaner weit voraus. Zum Einen ist es eine “genetisch-historische” Komponente, die dafür verantwortlich ist, dass sich ein US-Bürger nicht so leicht den Mund verbieten lässt (wobei Washington seit 9/11 alles unternimmt, um diese “Freiheit” einzuschränken), zum Anderen sehen sich die Amerikaner noch immer als Sieger und die Deutschen als Verlierer zweier Weltkriege. Überhaupt, die stete Gefahr eines deutschen bzw. österreichischen “Dissidenten” mit der Vergangenheit konfrontiert zu werden, lässt viele ins geistige “Exil” gehen. Wir sind, man muss es klar und deutlich sagen, eine Nation von Duckmäusern. Die Ausnahme, wie Prof. Mausfeld zeigt, bestätigt hier nur die Regel. So lange es also solche professionellen Querdenker gibt, die sich getrauen, in die Menge zu rufen, dass der König respektive das System nackt ist, so lange hege ich Hoffnung, dass es zu einer zweiten Aufklärung kommt.

Hier nun ein paar Ausschnitte aus seinem Vortrag – die Übersetzungen sind von mir:

“Wird der gewöhnliche Medienkonsument dieser Flut an Informationen ausgeliefert, so dürfte es eher dabei helfen, ihn zu betäuben als ihn wachzurütteln.” – übers. n.: “Exposure to this flood of information may serve to narcotize rather than to energize the average reader …”, schreibt Paul F. Lazarsfeld (1901 – 1976).

.

Man muss Ihnen die Illusion der Informiertheit geben und wenn Sie dann, beim Frühstück die Süddeutsche Tageszeitung gelesen haben, Nachmittags noch mal in Spiegel Online nachgeschaut haben, Abends dann die Tagesschau geguckt haben, dann sind Sie von Ihrem Gefühl der Informiertheit so überwältigt, dass Sie die Krankheit, an der Sie leiden, schreibt Paul F. Lazarsfeld, nicht mal mehr erkennen können, denn jetzt ist es wirklich Zeit zu Bett zu gehen.

.

Je weniger wir uns in einem Bereich auskennen, um so stärker neigen wir dazu, alle angetroffenen Meinungen als gleichberechtigt anzusehen. Wir integrieren dann gleichsam über das angebotene Spektrum und suchen die “Wahrheit” irgendwo in der Mitte, d.h. wir meiden die als “extrem” angesehenen Ränder des beobachteten Meinungsspektrums (auch wenn tatsächlich die “richtige” Auffassung dort verortet ist). Wer also den Bereich des öffentlichen Meinungsspektrums festlegen kann, bestimmt auch die Gruppenmeinung und insbesondere die Urteile über das, was als “extrem” anzusehen ist.

 

“Präsident Truman [1945-53] war in der Lage, das Land mit der Unterstützung einer (noch) verhältnismäßig kleinen Zahl an Wall Street Anwälten und Bankiers zu regieren.” – übers. n.: “Truman had been able to govern the country with the cooperation of a relatively small number of Wall Street lawyers and bankers.”, entn. Samuel Huntington (1975), The Crisis of democracy (p. 98)

.
“Amerika ist keine Demokratie mehr – schon gar nicht die demokratische Republik, die die Gründerväter vor Augen hatten” – übers. n.: “America is no longer a democracy – never mind the democratic republic envisioned by Founding Fathers”, entn. Washington Post, April 21, 2014

.
“Die Meinungen des durchschnittlichen amerikanischen Bürgers hat nur einen minimalen und statistisch gesehen nicht signifikanten Einfluss auf die Politik des Landes. Kurz: So gut wie null Einfluss. […] politische Entscheidungen werden von mächtigen Wirtschaftsorganisationen und einer kleinen Zahl an wohlhabenden Amerikanern.” – übers. n.: Die Meinungen “of the average American appear to have only a miniscule, near-zero, statistically non-significant impact upon public policy” … “policymaking is dominated by powerful business organizations and a small number of affluent Americans”, entn. Gilens & Page (2014) Die unteren 70 % auf der Einkommens- und Besitzskala haben überhaupt keinen Einfluss auf politische Entscheidungen.

.
Meinungsmanagement ist “günstiger als Gewalt, Bestechung oder andere mögliche Kontrolltechniken” – übers. n.: Meinungsmanagement ist “cheaper than violence, bribery or other possible control techniques” entn.: Harold D. Lasswell (1930), Encyclopedia of the Social Sciences.

 

Relation und Perspektive: Weltozean und Erdölverbrauch

Relation_Ozean-Oel

Als ich im Vortrag von Pablos Holman zum ersten Mal mit dem globalen Erdölverbrauch konfrontiert wurde, versuchte ich die Größe in Relation zu setzen. Im Jahr 2013 stieg der Verbrauch auf 14 Kubikkilometer (soll ca. 44.000 Supertanker-Befüllungen entsprechen). Ist das viel? Ist das wenig? Ich hatte keine Idee, deshalb versuchte ich die Menge in Relation zu setzen. Also dachte ich mir, ich schlage nach, wie viel Wasser im Weltozean zu finden ist. Die Zahl hat mich dann doch ziemlich erstaunt. Gleichzeitig bestätigt es meine Vermutung, dass der gewöhnliche Bürger nicht die geringste Vorstellung von den Ausmaßen und Größen seiner Welt hat. Jedes Mal, wenn ich an einem Kiosk (vulgo Trafik) vorbeigehe und die Unzahl an Zeitungen und Magazinen sehe, die angeboten werden, dann frage ich mich, warum es nicht längst zu einem Engpass an Papier bzw. dem zugrunde liegenden Rohstoff gekommen ist. Bedenken wir, was sonst noch alles mit dem Papier gemacht wird, beispielsweise die ganzen Werbematerialien, die Bücher, die Verpackungsbeilagen usw. und so fort. Aber nicht nur hier, in Österreich, nicht nur hier in Europa, sondern weltweit. Global! Täglich! Wahrlich, der gewöhnliche Bürger hat noch viel zu lernen.

Scheiterhaufen und Shitstorm, Mittelalter und Cyperspace: Die Verdrehung des Faktischen von Herrn Nuhr

Spengler_Wahrheit2

Der Kabarettist, Autor und Moderator Dieter Nuhr fabuliert in einem FAZ-Essay über die gegenwärtigen hexenprozessähnlichen Zustände in den Social Media Kanälen. Sein Aufsatz beginnt wie folgt:

Ich habe mit einem Twitter- und Facebook-Post – „Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!“ – satirisch-ironisch darauf hingewiesen, dass man den Bruch eines Kreditvertrages nicht durch demokratische Abstimmung legitimieren kann.

Sodann erfolgt sein Versuch, diese satirisch-ironisch gemeinte Erkenntnis, über die man natürlich gerne diskutieren dürfe, als selbstverständlich (Wahrheit) zu erklären. Aber eine Diskussion schien nicht mehr möglich.

Was allerdings im Internet im Anschluss an mein Posting passierte, hatte nichts mit einer Diskussion zu tun. Ein sogenannter Shitstorm, ein neues und nur im Internet vorzufindendes meteorologisches Phänomen, zog auf. Für den digital Unbedarften sei erklärt: Ein Shitstorm ist ein Massenauflauf, der zum Ziel hat, den Andersmeinenden durch massenhaften Bewurf mit verbalen Exkrementen mundtot zu machen.

Die moderne Hexenverfolgung, die in der Verkleidung eines Shitstorms daherkommt, lässt Nuhr nachdenklich werden. Fein. Aber die Sache hat einen Fehler. Der Autor von Büchern wie “Der Ratgeber für alles” oder “Das Geheimnis des perfekten Tages” hat entweder keine Ahnung von den wirklichen Dingen da draußen oder er hat eine Ahnung, schreibt aber nur das, was die Auftraggeber wünschen. Die erste Frage, die man sich stellen sollte, ist jene, warum ein Kabarettist und volkspopulistischer Sachbuchautor über solch ein ernsthaftes Thema schreiben darf. Nicht etwa in einem Provinzblatt, nope, sondern in der renommierten FAZ.

Falls Sie der Meinung sind, dass die vergangene und gegenwärtige Welt so ist, wie sie Ihnen in der Presse, in den Geschichtsbüchern oder in den TV-News präsentiert wird, wenn Sie der Meinung sind, dass die von Ihnen legitimierte Obrigkeit niemals lügt, dann können Sie an dieser Stelle mit dem Lesen aufhören. Es hätte keinen Sinn. Nicht für Sie. Nicht für mich. Sie können davon ausgehen, dass Herr Nuhr nicht mehr weiterlesen würde.

Gehen Sie davon aus, dass es Kräfte im Hintergrund gibt, die an vielen Fäden ziehen.

Seit ich in der Politik bin, haben sich mir immer wieder Männer anvertraut. Einige der größten Unternehmer der Vereinigten Staaten haben vor etwas Angst. Sie wissen, das es da irgendwo eine Macht gibt, die so organisiert, so subtil, so wachsam, so verzahnt, so vollständig, so durchdringend ist, dass sie besser nur flüstern, wenn sie darüber sprechen. [meine Übersetzung von:] Since I have entered politics, I have chiefly had men’s views confided to me privately. Some of the biggest men in the United States, in the field of commerce and manufacture are afraid of something. They know there is a power somewhere so organized, so subtle, so watchful, so interlocked, so complete, so pervasive, that they better not speak above their breath when they speak in condemnation of it.

Woodrow Wilson
28. Präsident der USA (1913 bis 1921)
The New Freedom: A Call for the Emancipation of the Generous Energies of a People, New York and Garden City, 1913.

Wenn Sie ebenfalls davon ausgehen, dass es diese Macht gegeben hat und noch immer gibt, dann werden Sie vergangene und gegenwärtige Ereignisse besser einordnen können. Viele Geschehnisse, die sonst keinen rechten Sinn machen würden, erklären sich wie von selbst.

Also, kommen wir zurück zum Thema. Herr Nuhr geht davon aus, dass die Hexenverfolgung eine Angelegenheit der “pöbelnden Masse” gewesen sei. Doch warum war sie es nicht vorher und nicht nachher? Gut, die Aufklärung, werden Sie jetzt sagen. Aber wir müssen nur das 20. Jahrhundert kurz vor unsere Augen ablaufen lassen, dann sollten wir erkennen, dass diese Aufklärung nicht dazu geführt hat, Verfolgung von politischen oder religiösen Andersseienden zu verhindern. Ganz im Gegenteil. Der sogenannte War on Terror ist m. E. nach auch nichts anderes als eine Hexenverfolgung. Dazu müsste man sich natürlich mit diesem Sachverhalt abseits des Mainstream auseinandersetzen.

Tatsächlich gab es in Amerika – abgesehen von 9/11 – mehr Opfer, die in Toiletten ertrunken als durch internationalen Terrorismus umgekommen sind. [meine Übersetzung von:] Indeed, outside of 2001, fewer people have died in America from international terrorism than have drowned in toilets.

Six Rather Unusual Propositions about Terrorism
John Mueller Department of Political Science, Ohio State University
in: Terrorism and Political Violence, Vol. 17, Issue 4/2005, S. 487ff.

Jetzt werden Sie vielleicht entgegenhalten, dass es immer wieder zu Aufdeckungen und Verhaftungen kommt. Ja, richtig. Die Details können Sie sich hier ansehen: Terror Trials by the Numbers. Sie werden bemerken, dass der allergrößte Teil der “Terroristen” durch Spitzel (Informanten) verraten oder in eine Falle gelockt worden ist. Die “Hexenjäger” von damals und die Informanten von heute hatten und haben einen finanziellen Anreiz, einen Schuldigen zu präsentieren. In beiden Fällen, damals wie heute, werden diese “Hexenjagden” von ganz oben nicht nur sanktioniert, sondern sogar gefordert und gefördert. This War on Terror is bogus, schrieb der britische Umweltminister Michael Meacher 2003 im Guardian und wurde für diese korrekte Feststellung von Toni Blair gefeuert. Genauso wurden im England von 1645 Parlamentarier ausgestoßen, die sich gegen die Hexenverfolgung aussprechen hätten können.

Also, was meinen Sie, wie sich die Sache mit dem Terrorismus verhält? Ist es die pöbelnde Masse, die Blut sehen will? Ist es die pöbelnde Masse, die einen Kerl zum Gericht schleift und seine Todesstrafe verlangt? Ist es die pöbelnde Masse, die mehr Sicherheit und weniger Freiheit möchte? Wie kommt es, dass die beiden obskuren Begriffe “Terrorist” und “Terrorismus” unauslöschlich in unsere Köpfe eingebrannt sind? Wie kommt es, dass unsere Ängste gegenüber Terrorismus stetig genährt werden?

Gehen wir einmal davon aus, dass in fünfhundert Jahren eine aufgeklärte Gesellschaft Rückschau halten wird. Die zukünftigen Historiker werden unsere Epoche mit dem “dunklen Mittelalter” vergleichen und feststellen, dass damals, also heute, die “pöbelnde Masse” unschuldige Menschen des Terrorismus bezichtigte und die Höchststrafe für deren “Verbrechen” forderte. Würden Sie, als Zeitzeuge, diese Erklärung für wahr oder falsch halten?

Der Punkt ist, dass all diese Nuhrs und FAZ-Damen und -Herren Ihnen erklären wollen, dass die größte Gefahr von der anonym pöbelnden Masse ausgeht. Niemals wird auch nur die Überlegung angestellt, ob die Masse nicht auch manipuliert, gelenkt und geführt wird. Klingt es zu weit hergeholt? Nicht für den damaligen Propagandisten der ersten Stunde (heutzutage würde man ihn als Marketing-Guru und Spin-Doktor bezeichnen) und Doppelneffen Sigmund Freuds: Edward Bernays. Er schrieb bereits 1928 in den USA:

Unsere muss eine Herrschafts-Demokratie sein, administriert von der gebildeten Minderheit, die weiß, wie man die Massen kontrolliert und führt. [übersetzt von:] Ours must be a leadership democracy administered by the intelligent minority who know how to regiment and guide the masses.

Propaganda
Edward Bernays
Horace Liveright, New York 1928, S.114

Also, was heißt das jetzt, werden Sie fragen. Nun, für mich steht fest, dass sich die Kräfte im Hintergrund immer wieder Handlanger versichern, die in ihrem Sinne ein Thema vorantreiben. Herr Nuhr und die FAZ prangern die Anonymität im Internet und da vor allem im Social Media Universum an. Es gehe Herrn Nuhr um die “Haftbarkeit des Einzelnen”. Und da er nicht “der König des Internets” sei, fehle es ihm auch an “Macht”, die “pöbelnden” Meinungsäußerungen zu verhindern. Für mich riecht die ganze Chose für eine Aufwärmübung in Bezug auf Kontrolle des Internets. Erst gestern erfuhr ich, dass facebook ernst macht, mit der “Echtnamen”-Politik. Nebenbei impliziert der Autor, dass demokratische Abstimmungen nur zu bestimmten Themen erlaubt sein dürfen. Über Verträge, so Nuhr, dürfe nicht abgestimmt werden. Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, wollte ich auf diese völlig falsche Behauptung eingehen, aber es reicht der Gedankenanstoß, dass verbindende Verträge von Regierungen einfach negiert wurden und werden, wenn es nicht in ihr realpolitisches Konzept passt. Stichwort: Israel und die Rückgabe der besetzten Gebiete. Die demokratische Macht der Abstimmung zu relativieren, hilft nicht Herrn Nuhr, sondern nur den Herrn an den Schalthebeln.

Sehen Sie, der Artikel impliziert, dass der Autor der Leidtragende einer modernen Hexenverfolgung war. Stimmt das? Nope. Jeder, der sich in einer renommierten Tageszeitung lang und breit erklären darf, der dafür – davon gehe ich aus – honoriert wird, kann nicht als Persona non grata gelten. Im Gegensatz dazu gibt es eine Reihe von bekannten und unbekannten Leuten, die es wagten, vom vorgegebenen Mainstream-Weg abzukommen. Diesen erging und ergeht es nicht sonderlich gut. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Du kannst (rein theoretisch) mit einem Tweet oder facebook-Kommentar die Pferde scheu machen, das heißt, du musst dich dann für ein paar Tage mit einer überquellenden Inbox abkämpfen. Nach ein paar Tagen ist der Spuk vorbei. Gefährlich würde es nur dann sein, wenn die sogenannten Systemwächter auf den Plan gerufen und aktiv werden. Diese haben Möglichkeiten, dein Leben zur Hölle zu machen. Und weil sie auf der “politisch korrekten” Seite sind, hast du keine Chance, dich zu verteidigen. Und hier schließt sich wieder der Kreis. Im Vorwort des Buches mit dem Titel An historical essay concerning witchcraft schreibt der Engländer Francis Hutchinson (1661-1739) im Jahr 1720:

How many miserable Creatures have been hang’d or burnt as Witches and Wizzards in other Countries, and former Ages? In our own Nation, even since the Reformation, above a hundred and forty have been executed, if my Book hath any Truth in it, very much upon the Account of one ill translated Text of Scripture. If the same Nontions were to prevail again, (and Superstition is never far off) no Man’s Life would be safe in his own House; for the fantastick Doctrines that support the vulgar Opinions of Witchcraft, rob us of all the Defences that God and Nature have plac’d for our Security against false Accusations. For in other Cases, when wicked or mistaken People charge us with Crimes of which we are not guilty, we clear our selves by shewing, that at that time we were at home, or in some other Place, about our honest Business: But in Prosecutions for Witchcraft, that most natural and just Defence is a mere Jest;

Mit anderen Worten, werden Sie heute fälschlicherweise bezichtigt, ein Nationalsozialist, Antisemit, Geschichtsfälscher, Hassprediger, Terrorist usw. zu sein, haben Sie keine Möglichkeit, diesen Vorwurf zu entkräften. Ja, sind Sie einmal der Hexerei angeklagt, damals wie heute, ist die natürlichste und gerechteste Verteidigung nichts als ein Scherz.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 2.255 Followern an