richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Merkwürdigkeiten in Nizza, 14. Juli 2016: Wenn Katastrophenmedizin zum Kasperltheater herabgespielt wird

Hören Sie sich das Interview mit Antoine Chauvel, einem in Nizza lebenden Fotografen in aller Ruhe an. Sehen Sie sich seine Aufnahmen an. Die Bilder entstanden, laut seiner Aussage, nach 23 Uhr. Es vergingen (drei) Stunden, bis die Rettungskräfte eintrafen bzw. tätig wurden und die Toten hätte man deshalb mit Tischtüchern der umliegenden Restaurants zugedeckt. Sagt Antoine Chauvel. Über seine große Nervosität wollen wir jetzt mal nicht befinden, aber warum man gerade ihn als Augenzeuge des Events ausgesucht hat, ist mir ein Rätsel, da er ja zu Hause war, als der LKW, wie es offiziell so schönschrecklich heißt, durch die Menge pflügte. Ja, nobody understands it. Wie dem auch sei. Kommen wir zum wesentlichen Punkt.

Mehr von diesem Beitrag lesen

Nizza, Paris, Charlie, San Bernardino, Boston und der Krieg gegen deine Wahrnehmung

Der obige Video erzählt von einer kleinen australischen Filmgesellschaft, die in zwei Jahren acht Clips produzierte, diese für echt und authentisch ausgegeben und über Umwege ins Netz gestellt hatte. Einige der Clips gingen viral und wurden sogar von großen Medienhäusern aufgegriffen und im TV gezeigt. Allerhand, nicht? Im Video hören wir, was Forensiker David McKay zu sagen hat, wenn es darum geht, zwischen echtem und unechtem Filmmaterial zu unterscheiden:

„Unsere Augen sind ziemlich komplex. Wenn sich etwas nicht richtig anfühlt, dann ist es wahrscheinlich auch der Fall.“ [meine Übersetzung:] Our eyes are pretty complex.  If something does’t feel right, that’s probably the case.

Was hat das jetzt mit Nizza, Charlie Hebdo, Brüssel, Paris, Boston, San Bernardino und anderen Terroranschlägen zu tun? Nun, wenn man die behördlichen und medialen Verlautbarungen überprüfen möchte, bleibt einem nichts anderes übrig, als Außenstehender, überliefertes Bildmaterial sowie Augenzeugenberichte zu sichten und mit dem Narrativ in Einklang zu bringen. Gewiss, Sie können Behörden und Mainstreammedien vollkommen vertrauen und diesen einen Persilschein ausstellen. Aber ehrlich gesagt, ich möchte noch für eine Weile skeptisch und kritisch bleiben, weil früher oder später werden wir so oder so vor vollendeten Tatsachen gestellt. Sie wissen schon, die Sache mit dem Stiefel und dem Gesicht und George Orwell.

Egal welches Ereignis der letzten Jahre ich zur Überprüfung heranziehe, das Bildmaterial und die Aussagen der Augenzeugen fühlen sich nicht richtig an. Könnte ich mich irren? Natürlich. Schließlich ist es ja nur ein Bauchgefühl – aber eine andere Möglichkeit der Überprüfung gibt es für mich (und auch für Sie) nicht.

Nehmen wir Nizza und die (vermeintliche) Tatsache, dass ein LKW in eine und durch eine Menschenmenge gerast sei. Hier der Bildausschnitt aus einem Videoclip, der die Menschenmenge vor einer der vier Bühnen zeigt. Die Aufnahme entstand letztes Jahr, 2015.

Nizza_PromPartyCrowd_2015

Versuchen Sie sich jetzt vorzustellen, ein LKW käme von links ins Bild und pflügte durch die Menge. Was meinen Sie, wie sich das Szenario abspielen würde? Ich will es an dieser Stelle nicht im Detail schildern, aber wenn man sich das bisherig überlieferte Bildmaterial ansieht, kann man nur zum Schluss kommen, dass ein LKW nicht durch solch eine Menge gefahren sein kann. Im obigen Bild gäbe es tausende Augenzeugen, tausende Ohrenzeugen – die meisten von ihnen würden vermutlich einen Schock, jene, die nahe am Geschehen waren, mit Sicherheit eine posttraumatische Belastungsstörung davontragen. Die Umstehenden würden sich mit Sicherheit die Seele aus dem Leib kotzen, so sie das viele Blut, die Körperteile, die Eingeweide, die zerquetschten Leichen usw. sehen. Niemand der auch nur im Ansatz begreifen könnte, was hier gerade geschehen ist. Dann ist da noch die ohrenbetäubende Kakofonie an Schreien. Kein Mensch kann jemals den Hilfeschrei einer Mutter vergessen, die ihr Kind im Blut liegen sieht. Kein Mensch würde sich davon in kurzer Zeit erholen können. Viele in Schock geratene Leute würden ihre verletzten oder toten Angehörigen aufhelfen wollen, andere würden mit glasigem Blick wie ferngesteuert herumgehen und andere würden sich auf den Boden setzen und in eine Leere starren. Nichts von alledem ist in den Clips und Fotos zu sehen. Nichts von alledem ist in den Zeugenaussagen herauszulesen – man höre sich das Interview der SWR-Reporterin Janine Konopka an, die privat mit ihrer Mutter in Nizza weilte und das Fest besuchte: Die beiden entgingen nur knapp dem LKW-Anschlag: „Der LKW hat ja sämtliche Menschen mitgerissen … wir waren, wirklich, ein paar Millimeter von ihm entfernt … die Menschen lagen ja schwer verletzt am Boden …“. Jener Ägypter, der sich heldenhaft vor den LKW stellte, als der Fahrer anhielt, meinte, er hätte zuerst an einen Unfall gedacht [während Konopka sofort an einen Terroranschlag dachte]. Der Platz, an dem der Showdown stattfindet, sollte eigentlich mit Leuten gefüllt sein – tatsächlich aber gibt es nur ein paar Polizisten und den ägyptischen Zeugen. Wo sind all die Leute hin? Das Festival mit den Musikeinlagen hat gerade erst begonnen, niemand, der schon jetzt nach Hause gegangen wäre. Und warum sieht der ägyptische Zeuge nicht, wie der LKW durch die Menge pflügte, sozusagen die „Menschen mitriss“?

„Ich habe dem Fahrer gewunken, ‚Stop! Da ist ein Mädchen unter dem LKW‘, sagt Nader El Shafei, ein ehemaliger Bankier dem französischen Sender BFM-TV. „Wir dachten, er hätte die Kontrolle über das Fahrzeug verloren“, ergänzt Nader.

Echt jetzt? Im Hintergrund müssten sich Horrorszenarien abgespielt haben [Frage: ‚Brach Panik aus?‘ – Konopka: ‚Ja, absolut!‘], die jegliches Vorstellungsvermögen sprengen und der gute Mann sieht ein Mädchen unter dem LKW. Wie kann er überhaupt das Mädchen unter dem LKW gesehen haben? Wurde sie mitgeschleift? Stand er seitlich zum LKW? Und wie schnell oder langsam ist der LKW überhaupt gefahren, dass er das sehen konnte? Auf Konopka wirkte es, wie das „Überrollen von 200 Stundenkilometer“. Sich vor einen fahrenden LKW zu stellen und zu winken, also, das macht man nur, wenn man auch davon ausgehen kann, dass der Fahrer das Fahrzeug rechtzeitig zum Stehen bringen kann.Sie dürfen jetzt Ihre Physik-Schulbücher abstauben und sich die Seite mit den Formeln für Anhalte- und Bremsweg zu Gemüte führen. Sollte der LKW nämlich – wie es offiziell heißt – mit satten 90 km/h dahergekommen sein, müsste der ägyptische Zeuge rund 100 Meter weit wegstehen – ansonsten wäre er wohl – wie das Mädchen – auch unter den LKW gekommen. Und wenn wir vom Endpunkt des LKWs die 100 Meter zurückgehen, dann hätte der Fahrer eigentlich bereits nach dem @gutjahr-clip die Bremsung einleiten müssen – aber er fuhr, wie man eindeutig sieht, anfangs Schrittgeschwindigkeit und beschleunigte aus dem Bild hinaus. Ich hätte ja gerne gewusst, wie schnell so ein 19-Tonner auf 90 km/h beschleunigt, aber es ist mir nicht möglich gewesen, das herauszufinden. Die Strecke, die der LKW nach dem @gutjahr-clip noch bis zu seinem Haltepunkt zurücklegte: ca. 200 Meter. Warum der Fahrer schlussendlich anhielt, bleibt wohl für immer ein (weiteres) ungelöstes Rätsel in der Historie der Terroranschläge.

Sehen Sie, all das (und noch vieles mehr) macht für mich keinen Sinn. Deshalb zweifle ich am offiziellen Narrativ. Dabei wäre es recht simpel, die Behörden müssten nur die Bilder der Überwachungskameras mit Zeitstempel freigeben – dann sollten sich die Puzzleteile wie von selbst zusammenfügen. Vorausgesetzt, man schnippelt nicht an ihnen herum – Pentagon 9/11, you know – oder gibt einen Kurzfilm der Filmhochschule mit dem Titel Sternenspritzer als authentische Aufnahme einer Überwachungskamera in einem Pariser Café aus. Mon Dieu.

So lange Behörden und Regierungen den Bürgern die Fakten vorenthalten, so lange darf jeder glauben, was er möchte. Ist ja auch schön, nicht? Oder wollen Sie mir am Ende sagen, dass 2 +2 = 5 ist und der Kaiser sehr wohl ein Kleid trägt?

xxx

Falls Sie wissen wollen, wie ein echter Anschlag und eine echte Untersuchung aussieht, empfehle ich Ihnen, dass Sie sich mit den Bombenanschlag in Bologna, 1980 auseinandersetzen. Die Hintermänner dieses Anschlags wurden nie aufgedeckt, während der italienische Geheimdienst und die Freimaurerloge P2 (die wiederum mit dem CIA und dem Vatikan in Verbindung stand – siehe Gladio) die Untersuchungen mit allen Mitteln sabotierten. Die Opfer des Anschlags können auch nach über 20 Jahren kein normales Leben führen. Im Gegensatz dazu lächeln uns gegenwärtig immer wieder hübsche Gesichter aus dem TV entgegen, die blumig und wortreich beschreiben, wie Leute von den Terroristen erschossen, von Bomben zerrissen oder von einem LKW wie Bowlingkugeln umgeworfen wurden. Authentisch, my ass.

 

 

Merkwürdigkeiten in Nizza, 14. Juli 2016: Timeline der Meldungen auf Twitter

Facts_Huxley

update 23.07.2016: Das explizite „Gruppenfoto“ wurde von @cwilliams gemacht und um 22:55 getwittert.

Ergänzung 22.07.2016: Im ARD Morgenmagazin vom 15.7.2016, um 8 Uhr 07, erzählt @gutjahr: „Ja, es war genau (!) 23 Uhr und 7 Minuten, das Feuerwerk war gerade vorhin zu Ende gegangen, die Lichter gingen hinter mir wieder an, Bands, Musikkapellen spielten, die Familien, Besucher dieses Festes waren auf der Straße, das ganze Gebiet hier war abgesperrt, für den Verkehr, das heißt, es war sehr eigenartig, dass sich plötzlich ein LKW diese Szenerie näherte … da ganz da hinten an der Straße ist er zum Stillstand gekommen und dort gab es dann ein Feuergefecht, etwa 20 bis 25 Sekunden ging das dann. Ja und die Panik, die brach dann hier endgültig aus.“ [Im Morgenmagazin vom 15.7. um 5 Uhr 39 sagt @gutjahr: „Es war kurz nach 23 Uhr“]

Ergänzung 21.07.2016: Die Promenade des Anglais war zwischen dem Hotel Negresco und der Avenue des Phocéens für den Verkehr gesperrt. Die Entfernung beträgt etwa 1 km. Ich habe die zwei Puntke auf google maps eingetragen.

Ergänzung 21.07.2016: Die SWR-Redakteurin Janine Konopka, die privat mit ihrer Mutter in Nizza weilte und das Fest besuchte, entging nur knapp dem LKW-Anschlag: „Der LKW hat ja sämtliche Menschen mitgerissen … wir waren, wirklich, ein paar Millimeter von ihm entfernt“. Interessant ist, dass sie das Ende des Feuerwerks mit 22:25 angibt und danach sei gleich der LKW gekommen.

update 21.07.2016: Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass es zwei Feuerwerke gegeben hat; eines auf der Prom. des Anglais No. 5 (offizielle Beginnzeit: 22:00 – Dauer: 20 Minuten) und ein zweites ca. 22 km entfernt am Strand von Juan-les-Pins (offizielle Beginnzeit: 22:30 – Dauer ist nicht angegeben). Auf dem „Panik-Videoclip“ von @harp_detectives ist tatsächlich in weiter Ferne ein Feuerwerk im Hintergrund auszumachen und würde auch von der Uhrzeit (ca. 22:48) her stimmen. Hier sieht man die beiden Orte auf der Landkarte.

xxx

Falls Sie meine Analyse zum Event in Nizza (14. Juli 2016) noch nicht gelesen haben, so sollten Sie es tun, bevor Sie hier in medias res gehen. Da die Auflistung und Interpretation der verschiedenen Twitter-Meldungen wie bereits bei den Ereignissen rund um die Kölner Silvesternacht einen unbedarften Social-Media-Passanten ziemliche Kopfschmerzen bereiten, dachte ich mir, ich versuche meine Überlegungen gleich zu Beginn des Artikels auf den springenden Punkt zu bringen. Natürlich stellen all diese Gedanken nur meine Meinung dar, die sich wiederum auf Informationen gründen, die mir bis zum jetzigen Zeitpunkt zur Verfügung gestanden sind. Im Großen und Ganzen gestaltet sich die mediale Auftrennung eines gordischen Event-Knotens als ein unmögliches Unterfangen. Nichtsdestotrotz gilt es, auf jede noch so kleine Merkwürdigkeit hinzuweisen, will man sich nicht behördlichen und medialen Verlautbarungen – wie Pawlows Hund – auf ein (Klingel)Zeichen hin unterwerfen. Als Bürger, wie Literaturnobelpreisträger Harold Pinter in seiner Rede sagte, muss man sich stets die Frage stellen, was ist wahr und was ist falsch.

Meine Interpretation der Twitter-Feeds:

Der Account @pzf [Breaking News Feed] mit ca. 331.000 Followern ist mir bereits bei anderen Events (Paris) aufgefallen. Ikonenhafte Fotos und Videoclips wurden von @pzf recht schnell gefunden und verbreitet. Auch sind die Leutchen recht flott, wenn es darum geht, ein Ereignis als TERROR-ATTACK zu bezeichnen, obwohl es noch keine offizielle Verlautbarung in diese Richtung gegeben hat. Am schnellsten dürfte in dieser Hinsicht  ‏ @ILNewsFlash [Israel News Flash] reagiert haben, die bereits nach einer halben Stunde verlautbarten, dass es sich bei dem Ereignis um einen bestätigten (!) Terroranschlag gehandelt hätte. Es sollte eine weitere halbe Stunde vergehen, bis die Presseagentur AP überhaupt Wind von den Ereignissen in Nizza bekam und vorderhand nur von einem Unfall berichtete.

Am schnellsten schoss freilich @Gutjahr aus der Hüfte. In einem Tweet spricht er bereits Minuten nach dem Ereignis von einem Terroranschlag – jeder ist an dieser Stelle eingeladen, sich Gedanken zu machen, ob es sich dabei um Vorsatz oder Fahrlässigkeit gehandelt hat. Faites vos jeux.  Solche in die Social-Media-Welt geworfenen Mutmaßungen angereichert mit Fotos, die mehr verbergen als zeigen, lösen für gewöhnlich einen automatischen emotionalen Reflex bei den Mediennutzern aus. Wut und Trauer, Hass und Entsetzen gewinnen die Oberhand, während Vernunft und Skepsis unter die Räder des bezahlten, gesteuerten und konditionierten Social-Media-Mobs kommen. Wer auch immer eine politisch-gesellschaftliche Agenda mit diesen Events verfolgt, mit Emotionen lässt sich jedes Ziel erreichen.

Der Account @political beauty [Zentrum für Politische Schönheit] mit ca. 59.500 Followern ist mir ebenfalls aufgefallen. Ohne Angabe der Quelle wird der ARD-Nachtmagazin-Ausschnitt des @Gutjahr-LKW-Clips gezeigt. Seltsamerweise fehlen die Wasserzeichen. Erst am nächsten Tag, als es Anfragen von CNN und FOX 2 für die Verwendung des Clips gibt, wird in einem Antwort-Tweet als Quelle @Gutjahr genannt. Merkwürdig ist, dass so große Medienhäuser wie CNN und FOX über dieses deutsche Twitter-Account stolpern müssen, um sich Bildmaterial zu sichern, wo es mit Sicherheit einfacher gewesen wäre, mit ARD in Kontakt zu treten. Der Account @IsraelBreaking verwendete übrigens auch einen Ausschnitt des @Gutjahr-LKW-Clips, löschte aber die Tonspur und schnitt die Wasserzeichen weg. Dieser Clip und jener von @political beauty sowie Bilder von @ILNewsFlash wurde von oben erwähntem @pzf Account re-tweetet oder einfach übernommen. Sie sehen, wir drehen uns im Kreis.

Merkwürdig der Umstand, dass es zwei kurze Videoclips gibt, die beide zeigen, dass Leute (panisch) in eine Richtung laufen – all das ca. 10 Gehminuten vom (späteren) Showdown entfernt. Die Aufnahmen müssen vor dem Hochladedatum auf Twitter, 22:44 und 22:48, gemacht worden sein. Die Frage ist demnach, wovor sind die Menschen (panisch?) geflohen? Zu jenem Zeitpunkt ist der LKW weder in die Menschenmenge gerast, noch von der Polizei beschossen worden. Einsatzkräfte sind wiederum angehalten, jede Panik zu vermeiden – seltsamerweise sieht man keinen einzigen Polizisten in den beiden Clips, der versuchen würden, die Leute zu beruhigen oder zu dirigieren. Außerdem fahren auf der gesperrten Straße private Autos und Motorräder, aber keine Einsatzfahrzeuge. Man fragt sich, wie das sein kann, wo doch Frankreich seit den letzten Events den Notstand ausgerufen und die Polizeipräsenz erhöht hat. Wie dem auch sei, diese beiden Videoclips, die auf allen Medienkanälen rauf- und runtergespielt wurden, haben erst das medial-emotionale Feuer entfacht. Theoretisch könnte diese Panik, so es eine war, ganz andere Ursachen gehabt haben – und es gibt keine Möglichkeit festzustellen, ob diese Aufnahmen tatsächlich mit dem Ereignis in Verbindung stehen. Wir müssen – wie all die großen Medienhäuser – den Twitter-Accounts voll und ganz  vertrauen. Müssen wir wirklich?

Ebenfalls Öl ins Feuer goss Régis Le Sommier, stv. Redaktionsleiter des französischen Magazins Paris Match, der in einem Tweet bekannt gab, dass sich ISIS™ zu diesem Anschlag bekannt hätte – obwohl die offiziellen Medienkanäle der Organisation noch eine Weile schweigen sollten. Kein Wunder, dass das Tweet wieder gelöscht wurde – aber es reichte, um Emotionen hochzukochen und Spekulationen zu nähren. Apropos. Der Regionalpräsident und ehem. Bürgermeister von Nizza Christian Estrosi twitterte am nächsten Morgen eine Zeile, die in den Ohren eines jeden Elitisten wie wahre Poesie klingen muss:

Nach #CharlieHebdo, nach dem #13november, nach #Brüssel, hat man vergessen, dass sich Frankreich und Europa im Krieg befinden. #Nizza06 [meine Übersetzung:] Après #CharlieHebdo, après le #13novembre, après #Bruxelles, on a oublié que la France et l’Europe étaient en guerre. #Nice06

Bitte beachten Sie, dass auch zu diesem Zeitpunkt noch kein Bekennerschreiben der ISIS™ vorlag. Und jenes, welches zwei Tag nach dem Event der Öffentlichkeit präsentiert wurde, könnte genausogut Trittbrettfahrerei gewesen sein. In Zukunft wird man wohl Autounfälle, ja jede Art von Unfällen, näher unter die Lupe nehmen müssen. Aus Gründen der Staatssicherheit, versteht sich.

Wenn Sie wirklich wissen wollen, worum es bei alledem geht, hier ist die Antwort:

Krieg ist Frieden,
Freiheit ist Sklaverei
Unwissenheit ist Stärke.

***

Als respektablen Vorzeige-Augenzeuge haben wir den deutschen Journalisten @Gutjahr, der mit seiner Familie in Nizza weilte und dort vom Balkon des Hotel Westminsters das Feuerwerk zum Nationalfeiertag verfolgte.

Gegen 22:45, so @Gutjahr im Interview, sei das Feuerwerk zu Ende gewesen und die Leute hätten ausgelassen auf der Promenade, die für den Autoverkehr gesperrt war, gefeiert. Plötzlich, so der Journalist weiter, näherte sich ein weißer LKW in langsamer Fahrt. Der Videoclip, der dies zeigt, ging bekanntlich um die halbe Medienwelt. Offiziell wird Tage später verlautbart, dass die Überwachungskameras zeigten, dass der LKW eine Betonsperre durchbrach und die Strecke (2000 Meter lt.Medienberichten) mit 90 km/h in 45 Sekunden zurücklegte – ich schätze, die Behörden gehen davon aus, dass die Journalisten bereits völlig verblödet sein müssen, um hier nicht nachzurechnen: 90 km/h = 25 m/s und bei 2000 Meter = 80 Sekunden – ohne Berücksichtigung der Anfahrt, des Abbremsens, der Gutjahr-Schrittgeschwindigkeitsstrecke usw. Jedenfalls beobachtete @Gutjahr vor 22:45 nichts Ungewöhnliches! Es wäre natürlich für die Untersuchung von unschätzbarem Wert gewesen, hätte @Gutjahr eine exakte Zeitangabe gemacht – auf seinem Smartphone hat die Filmdatei bekanntlich einen Zeitstempel.

Siehe Ergänzung 22.07.2016 am Beginn des Beitrags! Im ARD Morgenmagazin vom 15.7. gibt @gutjahr die Zeit seines Videoclips mit „genau“ 23:07 an. Das steht freilich im Widerspruch mit anderen Zeugen (Konopka: 22:25) und dem offiziellen Ende des Feuerwerks (angekündigter Start: 22:00 – Dauer ca. 20 Minuten). Außerdem twitterte er um 23:07 jenes Foto, das er auf der Straße machte. Verwechselte er Aufnahmezeitpunkt und Twitter-Hochladedatum? Rätselhaft!

Siehe update 21.07.2016 am Beginn des Beitrags! Seltsam, dass beim gefilmten Showdown das Feuerwerk im Hintergrund zu sehen ist und demnach noch nicht zu Ende gegangen ist. Ein weiterer Widerspruch (der sich freilich gar nicht mehr so leicht ‚beheben‘ lässt – entweder war das Feuerwerk noch im Gange oder eben nicht mehr; die Uhrzeit spielt bei alledem keine Rolle mehr. Da es sich bei dem Feuerwerk im Hintergrund um jenes vom Strand Juan-les-Pins handelt, müsste der Showdown demzufolge zwischen 22:30 und dem Ende des Feuerwerks gelegen sein.

Ergänzung 21.07.2016: Die SWR-Redakteurin Janine Konopka gibt das Ende des Feuerwerks mit 22:25 an; gleich anschließend, so die Redakteurin, sei der LKW gekommen. Hat sich @gutjahr tatsächlich so extrem in der Zeitangabe geirrt?

 

Nizza_Tweet_Running2

22:44 @yvnnick: Ich bin in Nizza da gibt es Bewegung in der Menge, weiß nicht wieso [meine Übersetzung:] jss dans nice y’a des mouvements de foule de mutant on sait pas pk

Der kurze Videoclip wurde u. a. von AP, AFP, New York Times, NBC, usw. „angekauft“; Der Account hat übrigens nur 363 Follower und kaum Traffic. Auch setzte der Twitterer kein Hashtag für Nizza. Es ist ein kleines Wunder, dass dieser Clip überhaupt viral ging. Seltsam, dass er keine weiteren Clips oder Fotos machte, dafür re-tweetete er eine Notfallnummer. Sollte es sich tatsächlich um einen jungen Franzosen in Nizza handeln, dem der Account gehört, dann ist es unverständlich, dass es nicht mehr Bildmaterial gibt. Sehr suspekt. Weil, seien wir ehrlich, die jungen Leute von heute sind mit ihrem Smartphone verwachsen und machen von jedem shit Fotos und Clips. Die Aufnahme entstand übrigens bei der Oper von Nizza in der , eine Parallstraße zum Quai des États-Unis, etwa 750 Meter und 10 Gehminuten vom Endpunkt des Showdowns Höhe Rue de Congrès entfernt. So gesehen muss sich @gutjahr in der Zeit geirrt haben, zumal die Panik ja nicht vor dem Ereignis eintreten kann. Schon gar nicht 700 Meter weit weg. Mit anderen Worten: Hier passt etwas nicht zusammen!

 

Nizza_Panique

22:48 @harp_detectives: Panikreaktionen !! #Nizza [meine Übersetzung:]  Mouvement de panique !! #Nice

Die Aufnahme entstand vermutlich in der Brasserie L’Eden, 69 quai des États Unis, etwa 850 Meter und 11 Gehminuten vom Endpunkt des Showdowns Höhe Rue de Congrès entfernt. Die Frage ist nun, wie kann es zu so einer Panikreaktion kommen, obwohl das Geschehen (welches?) zum einen noch weit entfernt, zum anderen zeitlich zu früh ist?! Die Medienhäuser stürzten sich natürlich allesamt auf den Clip. Die Twitter-Anfragen reichten dabei von ABC bis Nippon TV. Obwohl es sich bei dem Inhaber dieses Twitter-Accounts um eine Detektei handelt, wurde deren investigativer Spürsinn nicht geweckt. Es gab kein weiteres Fotomaterial.

Eine 17-jährige Schülerin, die mit ihrer Klasse in Nizza war, gab an, dass das Feuerwerk um 22:30 zu Ende gegangen sei – was nicht stimmen kann, da auf diesem Clip im Hintergrund noch Feuerwerk zu sehen ist (siehe update vom 21.07.2016). Im Artikel der Berliner Morgenpost heißt es weiter: „In einer Seitenstraße der Promenade habe ich mir noch ein Wasser gekauft, als plötzlich Menschen vorbeirannten. Sie schrien, zuerst habe ich nicht verstanden was. Dann hörte ich: ,gunshots‘. Wir liefen einfach mit, wussten aber überhaupt nicht, was los war.“

23:05 @Glamour_Robyn: Anschlag genau gegenüber dem Restaurant wo ich esse #Nizza [meine Übersetzung:] Attentat juste en face du restaurant ou l’on manger 😭😭😭😭 #Nice [eine Stunde später twittert sie:] Wir waren gerade essen und hatten eine schöne Zeit als der Anschlag praktisch vor uns passierte. Wir haben uns in der Küche in Sicherheit gebracht. Ich sah Polizisten, die schossen [meine Übersetzung:] We were eating & enjoying time together then the attack happened right in front of us. We ran to the kitchen to be safe. I saw cops shooting [00:32]
Die Twitterin wollte das Konzert von @rihanna (63 Mio Follower) besuchen, welches am 15. Juli in Nizza über die Bühne hätte gehen sollen. Das Konzert wurde abgesagt. Die Sängerin dürfte sich demnach am 14. Juli in Nizza aufgehalten haben.

Nizza_Tweet_GJ

23:07 @Gutjahr: Der Moment, wenn sich vor deinen Augen ein Terroranschlag ereignet. Und nein, jetzt kein Periscope-Livestream #Nizza

Wie gesagt, es ist äußerst verantwortungslos, dass ein Journalist bereits zu diesem Zeitpunkt von einem Terroranschlag spricht (de facto eigentlich schon zum Zeitpunkt, als er den Videoclip drehte und zu (s)einer Frau sagte: „Terror Attack! There is a terror attack … down!“); um Mitternacht präsentierte @Gujahr im ARD Nachtmagazin jenen kurzen Videoclip, der um die Welt gehen sollte – ohne dass man jene Stelle ausstrahlte, in der seine Stimme zu hören ist.

Ein klein wenig seltsam fand ich auch den Umstand, dass @Gutjahr keinerlei Ankündigung seiner Reise nach Nizza auf Twitter machte. Für gewöhnlich lassen Social-Media-Profis keine gute Gelegenheit ungenutzt, um Klicks zu generieren und sich ins Gespräch zu bringen. Ein exotisches Foto von Sonne, Strand und Palmen macht sich da besonders gut, da es sich wohltuend vom grauen Bildschirmalltag abhebt. Im zweiten Teil seines Clips schlendert @Gutjahr mit der Kamera auf der Straße und filmt, was es so zu sehen gibt. Leider ist es nicht möglich, herauszufinden, wann diese Aufnahme gemacht wurde. Rettungskräfte sind nicht bzw. nicht mehr zu sehen. Stutzig hat mich dabei der Umstand gemacht, dass drei Polizisten bei ihrem Polizeiauto stehen und keinerlei Anstalten machen, etwas zu unternehmen. Immerhin liegen etwa zehn Meter weiter Personen auf der Straße – überhaupt ist der Bereich ja als Unfall- bzw. Tatort anzusehen und es ist unerklärlich, warum die Einsatzkräfte hier nicht tätig wurden – in einem Interview hieß es wiederum, dass es zu großräumigen Absperrungen kam und man nicht zum Ort des Geschehens gehen könne. Die kurze Aufnahme der Straße mit all den Herumliegenden und Herumstehenden wirkt auf mich surreal. Verletzte sind keine zu sehen – wo sind sie hin? Niemand, der hektisch gestikuliert, niemand, der vor Schmerzen – seien sie seelisch, seien sie körperlich – schreit oder brüllt oder wimmert.

Der Kommentar von @Gutjahr zu seinem Clip möchte ich als suggestiv bezeichnen. Es ist richtig, dass man einen LKW von links nach rechts fahren sieht, aber man kann nicht erkennen, dass er in eine Menschenmenge rast. Tatsächlich ist die Straße bis zur Kollonade frei von Fußgängern und man kann vermuten, dass die Leute die Straße rechts und links verlassen haben. Jedenfalls sieht man Fußgänger über den begrünten Fahrbahnteiler und damit weg von der Straße gehen.

23:18 @Glamour_Robyn twittert das Foto eines TV-Bildes des französischen Fernsehens mit der folgenden Laufschrift: AKTUELL in Nizza: ein Fahrzeug ist auf der Promenade des Anglais in eine Menschenmenge gerast, es gab Opfer (Stadtverwaltung, Augenzeugen) [meine Übersetzung:] DERNIÈRE MINUTE Nice: un véhicule a foncé dans la foule sur la Promenade des Anglais, il y aurait des victimes (mairie, temoins).
Seltsam, dass @Glamour_Robyn sonst keine Fotos oder Clips twitterte, obwohl sie sehr nahe am Geschehen war. Noch dazu, wo sie ein Mitteilungsbedürfnis hatte.

23:25 Präsident der Region @cestrosi: Werte Einwohner von Nizza, der Lenker eines LKWs dürfte Dutzende Tote zu verantworten haben. Bleiben Sie bitte für eine Weile zu Hause.Weitere Informationen folgen. [meine Übersertzung:] Cher niçois, le chauffeur d’un camion semble avoir fait des dizaines de morts. Restez pour le moment à votre domicile. Plus d’infos à venir

Nizza_Confirmed

23:34 Israel News Flash ‏@ILNewsFlash: BESTÄTIGTER TERRORANSCHLAG – FRANKREICH: Panik in Nizza als ein LKW-Fahrer durch eine feiernde Menschenmenge fährt & Schüsse abgegeben, 10 Tote [meine Übersetzung] CONFIRMED TERROR – FRANCE: Panic in Nice as truck drives into crowd celebrating Bastille Day & shots fired, 10 dead

Hier haben wir also, nach @Gutjahr (Paris Match folgte später), ebenfalls die Verlautbarung, dass es sich um einen Anschlag handelt; noch dazu mit den Worten „CONFIRMED“ – obwohl es noch zwei Tage dauern sollte, bis ISIS sich offiziell dazu bekennen wird. Seltsam, finden Sie nicht? @ILNewsFlash postete um 00:08 in diesem Tweet jenen Videoclip, der (vermeintliche) Leichen auf der Straße zeigt mit den Worten: FRANKREICH BLUTBAD: In einem Bericht heißt es, dass die Zahl der Todesopfer im Terroranschlag von Nizza auf 50 gestiegen ist! Viele verletzt! Muslimische Terrorist ist erschossen worden. [meine Übersetzung:] FRANCE BLOODBATH: Reports of death toll in terror attack risen to 50! Many injured! Muslim terrorist shot dead.

Zu den eingestellten Fotos sowie zum Videoclip gibt es keine Quellenangabe. Wer hat sie gemacht? Da das „Gruppenfoto“ von einer erhöhten Position gemacht wurde, war es definitiv kein Schnappschuss. Suspekt! Das Foto zeigt eine Menschengruppe dicht an dicht auf der Straße liegen. Sind sie tot? Woran sind sie gestorben? Da man sehen kann, dass keiner der Körper vom LKW überrollt wurde, stellt sich die Frage, wie es zu solch einer Ansammlung kommen kann. Rästelhaft.

update 23.07.2016: Das „Gruppenfoto“ von einer erhöhten Position wurde von @cwilliams um 22:55 getwittert.

 

Nizza_TAttack

23:42 Breaking News Feed @pzf:  TERRORANSCHLAG: Nizza, Frankreich – LKW rast in Menschenmenge – mind. 30 Tote – Schüsse wurden abgegeben [meine Übersetzung:] TERROR ATTACK: – Nice, France – Truck plows into crowd – At least 30 dead – Shots have been fired
Das Tweet wird mit dem kurzen Clip von @yvnnick versehen, das laufende Leute zeigt – sehr wirkungsvoll, um Emotionen zu schüren. Wahrlich ein Glück, dass @pzf diesen Clip finden konnte. Doch damit nicht genug, @pzf schaltet nun mit dem nächsten Foto einen Gang höher:

Nizza_Grouping

23:44  Breaking News Feed @pzf: EXPLIZITES FOTO: Die Szene in Nizza, Frankreich. Mindesten 20 Tote. [meine Übersetzung:]  GRAPHIC PHOTO: The scene in Nice, France. At least 20 dead.
Dieses Foto wurde vermutlich von ‏@ILNewsFlash übernommen, auch hier ohne Angabe der Quelle. Im Tweet findet sich auch eine Reply von @BTrainzeeeeeeez – einem Twitter-Account, das sich vorrangig für Pokemon, Basketball und Fußball interessiert – aber zwischendurch einen von @pzf eingestellten Videoclip eines türkischen Luftangriffs retweetet und zum o.a. Foto seinen Senf abgibt. Suspekt. Siehe Glen Greenwalds Bericht über die Infiltration des Internets.

23:50 REUTERS: Sebastien Humbert, Vizepräfekt der Region Alps-Maritime, sagt, dass die vorläufige Schätzung der Todesopfer mit etwa 30 angegeben wird und dass der Zwischenfall fürs erste als „kriminelle Handlung“ angesehen wird. [meine Übersetzung:] Sebastien Humbert, deputy prefect of the Alpes-Maritime region that includes Nice, says the early death toll estimate is around 30 and that the incident is for now being described as a „criminal attack“.

23:57 The Associated Press  AKTUELL: Augenzeuge: ‚Leichen überall‘ nach dem ein LKW in Nizza in die Menge raste. [meine Übersetzung:] BREAKING: Eyewitness: ‚Bodies everywhere‘ after truck hits crowd in Nice.
Auf dieses erste Tweet (!) der AP über die Ereignisse in Nizza antwortet @Daroff, Senior Vice President for Public Policy & Director of the Washington office of The Jewish Federations of North America, 9 Minuten später: Einige Twitter-User berichten von Terrorismus. [meine Übersetzung:] Some tweeps reporting terrorism.
Fragt sich nur, auf welche tweeps sich @Daroff bezieht. Etwa auf @Gutjahr? Etwa auf @pzf? Oder gar @ILNewsFlash? Offiziell ist es noch immer kein Terroranschlag. CNN spricht zu diesem Zeitpunkt sogar noch von einem Unfall.

00:34 – 15.07 @LauraWalkerKC: Der Redaktionsleiter von Paris Match sagt, ISIS habe sich für den Anschlag bekannt. [meine Übersetzung:] The deputy head of Paris Match says ISIS has claimed responsibility for the attack in Nice, France. [Tweet wurde später von Régis Le Sommier wieder gelöscht.]

Nizza_Puppe

01:01 – 15.07. Breaking News Feed @pzf: Herzzerreißendes Foto vom Terroranschlag in Nizza, Frankreich [meine Übersetzung: ] Heartbreaking photo from the Nice, France terror attack.

Wieder versucht @pzf die Gemüter zu erhitzen. Diesmal wird der Eindruck vermittelt, es handle sich bei dem mit Folie abgedeckten Körper um ein Kind – die Kinderpuppe liegt goldrichtig davor. CNN zeigt übrigens diese Puppe in einer anderen Aufnahme. Scheinbar war es ein field day für abgebrühte Fotoreporter. So mancher Twitter-User forderte @pzf sogar auf, das Foto zu löschen, da es einen Toten zeigen würde – beispielsweise heißt es: Can you fucking delete that and stop posting pictures of actual dead people PLEASE? just be at least a bit respectful for fucks sake; finden Sie es nicht faszinierend, dass das Foto ohne Kontext wertlos ist. Es impliziert, dass unter der Folie die Leiche eines Kindes liegt, aber genausogut könnte unter der Folie nur eine zusammengerollte Decke sein. Falls Sie jetzt meinen, ich wäre pietätlos, dann muss ich Sie bitten, für einen Moment tief durchzuatmen. Erstens ist es Ihre Imagination, die eine Kinderleiche sieht, nicht die meine und zweitens gehen Sie davon aus – im Unterschied zu mir -,  dass @pzf eine vertrauenswürdige Quelle ist, die der Wahrheit verpflichtet ist. Und falls Sie mich noch immer als ein herz- und gefühlloses Monster sehen, lesen Sie das Märchen Des Kaisers neue Kleider. Sie werden erstaunt sein, wie aktuell diese Parabel ist.

01:18 – 15.07. @AP: AKTUELL: Christian Estrosi, Präsident der Region, sagt, dass der LKW in Nizza mit Waffen und Granaten beladen gewesen sei. [meine Übersetzung:] BREAKING: Christian Estrosi, president of the region, says the truck in Nice was loaded with arms and grenades. [BBC wird später berichten, dass es sich bei den Waffen um eine Spielzeugpistole, zwei Replika Sturmgewehre und eine leere Handgranate handelte.]

04:07 – 15.07.  The Associated Press @AP: AKTUELL: Frankreichs Präsident Hollande sagt, dass der Anschlag mit dem LKW in Nizza einen „terroristischen Charakter“ hätte. [meine Übersetzung:] BREAKING: French President Hollande says the truck attack in Nice was of a ‚terrorist character‘ [04:07]

12:14 – 15.07. Roving reporter Arabic Al Aan TV @jenanmoussa: Ich habe gerade meine morgendliche Runde auf den ISIS und AlQaida Onlineportalen gemacht. Niemand, der die Verantwortung für den Anschlag in Nizza übernommen hätte. [meine Übersetzung:] I just finished my morning round on ISIS & AlQaeda online platforms. None of them have claimed responsibility yet for #NiceAttack.

18:08 – 15.07 @jenanmoussa: Französische Staatsanwaltschaft: Bei Nizza Angreifer Mohamed L. Bouhlel gab es kein Anzeichen von Radikalisierung [meine Übersetzung:] French prosecutor: Nice attacker Mohamed Lahouaiej Bouhlel had never been subject to any sign of radicalization.

18:15 – 15.07 @jenanmoussa: Versteht mich nicht falsch. Ich sage nicht, dass der Vorfall in Nizza nicht von ISIS inspiriert oder ausgeführt worden sein könnte. Ich sage nur, dass ISIS offiziell bis jetzt noch keinen Kommentar dazu abgegeben hat. [meine Übersetzung:] Dont get me wrong. I’m not saying #Nice attack isn’t inspired or carried out by ISIS. I’m saying ISIS hasn’t officially commented on it yet. [18:15 – 15.07.]

20:25 – 15.07 @jenanmoussa: Auf der anderen Seite sagt der französische Premierminister, dass der Angreifer, der 84 Leute in Nizza getötet hatte, auf „die eine oder andere Weise“ mit islam. Extremisten in Verbindung stünde. [meine Übersetzung:] On other hand, French Prime Minister says attacker who killed 84 people in #Nice was „one way or the other“ linked to radical Islam.

21:39 – 15.07 @jenanmoussa: Noch mehr widersprüchliche Meldungen. Es gibt keine bestätigte Verbindung zwischen dem Nizza-Angreifer und islamischen Extremisten, sagt der französischen Innenminister. [meine Übersetzung:] More conflicting reports. No confirmed link between #Nice attacker and radical Islam says French interior minister.

12:30 – 16.07 @jenanmoussa: Na bitte. ISIS übernimmt offiziell die Verantwortung für den Anschlag in Nizza. [meine Übersetzung:] Here you go. ISIS officially claims responsibility for the #Nice attack. @akhbar [12:30 – 16.07.]

Nizza_Condemn

 

Bombs_AirForce

Merkwürdigkeiten in Nizza oder Anatomie eines Events, 14. Juli 2016

Orwell_2und2ist5

Sie werden es zwischenzeitlich sicherlich bereits gehört, gelesen und gesehen haben, was sich am 14. Juli in Nizza zugetragen hat, nicht wahr? Hier der aktuelle Wiki-Eintrag, der sich, wie üblich, auf Meainstream-Quellen beruft:

»Gegen 22:45 Uhr (Spiegel / Standard: ›gegen 23 Uhr‹, BBC: ›a little after 22:30‹) fuhr der Attentäter mit einem weißen Lkw mit Kühlaufbau auf die für den Verkehr gesperrte Strandpromenade. Er überfuhr dort auf einer Strecke von etwa zwei Kilometern (im Bereich zwischen den Hausnummern 11 und 147) absichtlich zahlreiche Menschen. […] Einer vorläufigen Bilanz der Staatsanwaltschaft vom 15. Juli zufolge wurden 84 Menschen aus 21 Nationen getötet und mehr als 202 weitere zum Teil schwer verletzt.« [update 22.07.: im ARD Morgenmagazin vom 15.7. spricht @gutjahr sogar von „genau 23 Uhr 7 Minuten“ als der LKW in die „Szenerie“ fuhr.

Die Geschwindigkeit, laut Augenzeugenberichten, dürfte zwischen 40 und 50 km/h gelegen sein. Nach einem intensiven Schusswechsel mit der Polizei sei der LKW noch 300 Meter weitergefahren bzw. -gerollt und dann zum Stehen gekommen. Damit ist die tatsächlich Länge der Amokfahrt, beginnend beim Kinderspital, Höhe Rue Lenval, 1700 Meter. Sieht man sich die überlieferten Bilder und Clips an, bekommt man den Eindruck, dass der Laster auf der gesperrten Verkehrsstraße, neben der Strandpromenade, gefahren sein dürfte. Auf der Strandpromenade selbst finden sich nämlich in dem oben erwähnten Abschnitt drei Sperren in der Form von längeren Kollonaden aus Beton.

Sieht man sich jenen Videoclip an, der kurz nach der Amokfahrt entstanden sein muss, da im Hintergrund der LKW bereits angehalten hat, dann kommt man aus dem Staunen nicht raus. Die Faktenlage bei Unfällen zwischen Lastkraftwagen und Fußgänger ist eindeutig: Wird der Fußgänger überrollt, endet der Unfall für ihn in 63 von 100 Fällen tödlich bzw. in 37 von 100 Fällen mit einer schweren Verletzung. Wird er dagegen nicht überrollt, so kommt es nur in einem von 100 Fällen zum Tode. (Statistik) Bei den im Clip gezeigten Leichen ist keine einzige überrollt worden. Deshalb muss man nun zur alles entscheidenden Frage gelangen: Woran sind diese Menschen gestorben?

Der LKW zeigt sich auf den Fotos in einem blitzblanken Zustand. Es deutet demnach alles darauf hin, dass das Fahrzeug keine Fußgänger überrollt hat, jedenfalls sind keine Blutspuren oder Körperteile an den Reifen oder am Frontbereich zu erkennen. Ich muss Ihnen hoffentlich nicht im Detail schildern, was geschähe, würde ein 19-Tonner über einen Körper rollen, oder? Falls Sie jemanden bei der (Freiwilligen) Feuerwehr kennen, können Sie ihn ja fragen, was er so an Autounfällen mit Personenschaden bereits gesehen hat und wie sich diese Bilder auf den Betrachter auswirken. Mit Sicherheit ein schockierender Anblick, die einen so schnell nicht mehr loslassen. Wer hart im Nehmen ist, bitte sehr, auf liveleaks finden Sie jeden nur vorstellbaren blutigen Unfall. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Für mich ist das Faktum, dass der LKW keine sichtbaren Anzeichen einer Überrollung von Fußgängern zeigt, the smoking gun.

Im oben erwähnten Clip sind nur ein paar Bystanders zu sehen, die zum Teil ratlos und recht unmotiviert herumstehen, während rechts und links Menschen liegen. Merkwürdig ist, dass bei den Schwerverletzten (Wer weiß denn schon, ob jemand bereits tot ist, ohne es überprüft zu haben?) so gut wie keine Angehörigen sind. Ist das vorstellbar? Würden Sie einen Angehörigen, der verletzt ist, einfach auf der Straße liegen lassen? Würden Sie nicht alles versuchen, um ihn zu beruhigen, um nach Hilfe Ausschau zu halten, um nach Hilfe zu rufen, um auf sich Aufmerksam zu machen? Würden Sie nicht Herumstehende um Rat fragen, um Hilfe bitten? Und wo sind all die Menschen, die zuvor auf der Promenade ausgelassen gefeiert haben sollen? Haben Sie sich plötzlich in Luft aufgelöst? Laut AFP hielten sich dort 30.000 Menschen auf.

In einem anderen publizierten Foto sieht man eine Vielzahl an Leichen eng an eng zusammenliegen. Auch hier ist keine Überrollung festzustellen. Woran sind diese Menschen am Ende gestorben? Und wenn diese nicht überrollt wurden, wie können sie dann so dicht gedrängt auf der Straße liegen?

Und dann gibt es da noch eine weitere Statistik vom Deutschen Bundesamt für 2013: Unfälle von Güterkraftfahrzeugen im Straßenverkehr. In jenem Jahr wurden in Deutschland 1672 Unfälle zwischen Lastkraftwagen und Fußgänger aufgezeichnet. In 86 Fällen war der Zusammenstoß für den Fußgänger tödlich. Hochgerechnet auf die Zahl der Toten in Nizza, müsste es demnach rund 1600 Verletzte geben. Doch davon kann freilich keine Rede sein. Vermutlich werden Sie jetzt einwerfen, die hohe Zahl der Todesopfer hätte damit zu tun, weil der LKW in eine Menschenmenge gerast sei. Dieser Umstand bedeutet lediglich, dass es dadurch öfters zu Kontakten mit Fußgängern kommt – für den Statistiker macht es keinen Unterschied, ob es an zehn Tagen zu einem Unfall oder an einem Tag zu zehn Unfällen direkt hintereinander kommt.

Merkwürdig auch das Verhalten eines deutschen Journalisten und Bloggers, der Zeuge dieses Ereignisses war. Vom Balkon seiner Unterkunft filmte er die (langsame) Fahrt des LKWs, weil der Laster »nicht ins Bild passte«. Nach einem Schusswechsel (?) beschleunigt der LKW. Mehr ist nicht zu sehen. Ein Foto, welches er auf Twitter postete, ist seltsam unscharf, obwohl der Journalist und Blogger – laut seiner Webseite – viel Erfahrung in Sachen Video- und Fotoproduktion hat. Beinahe könnte man vermuten, es sei mit Absicht unscharf gemacht worden, um die Dramatik des Augenblicks zu erhöhen. Wie viele Fotos und Videoclips der Journalist noch machte, ist nicht zu ermitteln – sein Footage schickte er ARD/ZDF und BR. Diese, so der Journalist, seien schließlich Profis. Natürlich. Interessant, dass der Journalist in den internationalen Mainstreammedien – vom Spiegel bis zur BBC – herumgereicht wurde und dort seine Eindrücke zum Besten geben durfte. Es ist schon erstaunlich, wie oft Augenzeugen, die mit Medienhäusern in Verbindung stehen, zur rechten Zeit am rechten Balkon stehen, um während eines Events einen kurzen Videoclip zu drehen, der vom internationalen Mainstream in aller Eile und mit Trompetengeschmetter der Öffentlichkeit präsentiert wird.

Die Aufnahme des Journalisten dürfte aus dem Hotel Westminster gemacht worden sein. Dieses liegt aber 230 Meter vor dem endgültigen Haltepunkt des Lasters – auf der Höhe Rue du Congrés. Ergo haben wir hier einen Widerspruch, da es ja offiziell heißt, dass der LKW nach einem intensiven Schusswechsel die letzten 300 Meter ausgerollt sei – auf dem Videoclip ist aber zu sehen, dass das Fahrzeug, das sehr langsam von rechts nach links ins Bild fährt, wieder beschleunigt. Es gibt nun zwei Möglichkeiten, diesen Widerspruch zu erklären: Der Fahrer brachte mit Absicht das Fahrzeug zum Stehen – darüber ist aber in den offiziellen Verlautbarungen nichts zu lesen – oder das Fahrzeug war viel langsamer unterwegs als die veranschlagten 40 km/h. Wie dem auch sei, sollte es tatsächlich einen intensiven Schusswechsel rund 70 Meter vom Hotel entfernt gegeben haben, dann hätte das der Journalist, der auf dem Balkon stand, in jedem Fall hören müssen. Das Feuerwerk sei nämlich, nach seiner Aussage, um 22:45 zu Ende gegangen und kurz danach wäre der LKW in sein Blickfeld geraten.

Die Fahrt des LKW mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 40 km/h dauerte für die 1700 Meter rund 150 Sekunden, also Zwei Minuten und 30 Sekunden. Ich wäre nun davon ausgegangen, dass sich die Sache wie folgt hätte abspielen sollen:

LKW durchbricht die Sperre. Die Polizisten, die an der Kreuzung stehen, geben sofort in der Zentrale Bescheid. Diese gibt den Einsatzkräften, die sich im Zielgebiet befinden, die Weisung, die Straße sofort zu evakuieren und den LKW zum Stehen zu bringen. Ist die Evakuierung geschehen? Darüber konnte ich nichts in Erfahrung bringen. Obwohl sich zum Zeitpunkt dieses Ereignisses Frankreich noch immer im Ausnahmezustand befand, sind keine Einsatzkräfte auf den Bildern zu sehen, die sich um die Verletzten kurz nach der Amokfahrt gekümmert oder Angehörige beschwichtigt hätten. Merkwürdig auch das.

Die Zeit berichtet, dass die Beamten in der Kabine des LKWs die folgenden Waffen gefunden hätten: »eine automatische Pistole vom Kaliber 7.65, ein Magazin mit 75 Patronen und eine weitere automatische Pistole, dazu zwei Sturmgewehre und eine Handgranate.« Bei BBC heißt es »Police said Bouhlel was in possession of an automatic pistol, bullets, a fake automatic pistol and two replica (deux répliques) assault rifles (a Kalashnikov and an M16), an empty grenade«. Im Guardian heißt es »Police found two automatic weapons, ammunition, a mobile phone and documents in the truck, the prosecutor said.« Man glaubt gar nicht, wie schwer es ist, festzustellen, was nun wirklich in der Fahrerkabine des LKWs gefunden wurde. Warum sich ein Terrorist ausgerechnet mit Spielzeugpistolen und einer leeren Handgranate bewaffnet haben soll, bleibt ein Rätsel. Was wollte er damit erreichen?

Sieht man sich die Verteilung der Einschusslöcher in der Windschutzscheibe des LKWs an, bemerkt man, dass die Fahrerseite ziemlich unbehelligt blieb. Saß der Fahrer demnach auf dem Beifahrersitz oder wie ist dieser Umstand zu verstehen? Die Einsatzkräfte werden hoffentlich nicht dermaßen schlecht geschossen haben. Theoretisch könnten natürlich die Polizisten allesamt linker Hand des Fahrzeugs gestanden und seitlich auf die Fahrerkabine geschossen haben.

Wenn sich in aller Öffentlichkeit solch ein dramatisches Ereignis abspielt, würde man Bilder erwarten, die einen unangenehm berühren, die einen aufrütteln, die einen die Dramatik erspüren lassen. Sollten Sie nicht wissen, was ich meine, dann gucken Sie sich die Bilder und Clips von der Geiselnahme in der Schule von Beslan (Russland) im September 2004 an. Sehen Sie in die Gesichter der Leute. Sehen Sie in ihre Augen. Dann wissen Sie, was es heißt, wenn einem das Grauen aus dem Alltag reißt und in die Hölle stößt. Glauben Sie wirklich, da wäre einer damals zum Tanzen aufgelegt gewesen? Da fällt mir ein, dass die verschiedenen Videoaufnahmen von Beslan im Vergleich zu jenen der letzten Ereignisse in Paris, Brüssel oder Nizza weitaus schärfer und klarer rüberkommen – obwohl 12 Jahre dazwischen liegen. Ist es wirklich vorstellbar, dass die Leutchen in Europa allesamt noch keine Smartphones, keine iPhones besitzen, anno 2016, und nur pixelige Kurzclips mit ihren in die Jahre gekommenen Klapphandys machen können?

Mit diesem merkwürdigen Ereignis geht jedenfalls der War of Terror in die nächste Runde. Ende ist demnach keines in Sicht. Weil Goldstein und seine Terrororganisation The Brotherhood einfach nicht kleinzukriegen sind. Schätze, es braucht noch mehr Flächenbombardierungen im Nahen Osten, noch mehr Notstandsgesetze und noch mehr Sparmaßnahmen im Sozialbereich. Cui bono? Ja, Sicherheit hat einen teuflisch hohen Preis. Ihre Regierung verrät sie gerne.

Das Trauma eines Anschlags oder Die merkwürdige Gefühllosigkeit des Betrachters

Dick_Reality

Seltsam, dass mir gestern Abend wieder einmal dieses unangenehme Thema zu Herzen ging. Hin und wieder – zu meist nach einem weiteren Anschlag in Europa oder den Vereinigten Staaten – bemerke ich, wie Medienkonsumenten publizierte Bilder und Videoclips des Ereignisses für bare Münzen nehmen. Sie sind der festen Überzeugung, etwas Authentisches, Echtes, Reales gesehen und gehört zu haben. Woher Sie den Unterschied kennen, zwischen Echtem und Unechtem, bleibt schleierhaft. Niemand, der für gewöhnlich solch traumatische Szenen mit eigenen Augen gesehen, mit seinem eigenen Körper erspürt hat. Würde man ihnen Ausschnitte aus dem Film Blair Witch Project zeigen, würden sie überhaupt erkennen können, dass es sich bei den gezeigten Bildern nur um die low budget Produktion eines Filmstudios handelte?

Der kritiklose Bürger akzeptiert das ihm Gesagte, das ihm Gezeigte. Er hinterfragt nicht. Er nimmt es at face value, weist skeptische Einwände zurück und schlägt Widersprüche in den Wind. Woher kommt diese Leichtgläubigkeit? Erinnert all das nicht an Hans Christian Andersens Märchen Des Kaisers neue Kleider? Wenn ›alle‹ das prachtvolle Kleid des Kaisers sehen, dann muss es doch existent sein, nicht wahr? Oder möchten Sie am Ende behaupten, der Kaiser würde sich tatsächlich nackt dem Volke zeigen? Diese Verschwörungstheorie ist grotesk, geradezu lächerlich. Wir sind demnach in einer Epoche angelangt, in dem die Mehrzahl der Bürger der westlichen Gesellschaft nicht mehr zwischen Echtem und Unechtem unterscheiden wollen. Zukünftige Generationen werden deshalb in eine Welt geboren, die sich – medial betrachtet – künstlich anfühlt. Junge Menschen werden keinen Unterschied mehr machen können, zwischen verordneten und erlebten Gefühlsausbrüchen. Diese Bilder, wird ihnen eindringlich gesagt, sollen Trauer und Mitleid auslösen – und jene Entsetzen und Angst. Mit jeder medialen Berichterstattung über ein weiteres ›traumatisches‹ Ereignis werden die jungen Menschen konditioniert, sozusagen wie der Pawlowsche Hund, abgerichtet. Auf ein bestimmtes in Szene gesetztes filmisches Konstrukt hin – für gewöhnlich sind die Bilder verwackelt, unscharf und von kurzer Dauer – soll der Bürger jeglichen kritischen Gedanken fallen lassen und den Behörden uneingeschränkte Machtbefugnisse zugestehen; nebenbei darf er in Trauer und Agonie die Opfer beweinen, sich mit ihnen solidarisieren, aber niemals dürfe er auch nur daran denken, über den medial-behördlichen Tellerrand zu sehen.

Noch hat der aufgeklärte skeptische Bürger die Möglichkeit, sich mit der Faktenlage vergangener und gegenwärtiger Events vertraut zu machen. Im Web kann jeder eine Vielzahl an Zeugenaussagen finden – seien sie Opfer, seien sie Helfer, seien sie zufällige Bystanders – mal mit, mal ohne Kamera. Man ist erstaunt, was man da zu hören – und vor allem nicht zu hören – bekommt. Beispielsweise sei an dieser Stelle das einstündige Interview einer jungen und hübschen Australierin erwähnt, die im Pariser Bataclan Event mit einer AK 47 in den Allerwertesten geschossen wurde. Eine Woche war gerade einmal vergangen, da sitzt sie bereits strahlend im Studio und lächelt verschämt über ihre Verwundung. Wahrlich, könnte man zur Ansicht gelangen, vielleicht sollte jeder solch eine traumatische Prüfung am eigenen Leib erfahren, um gestärkt und optimistisch in die Zukunft blicken zu können.

Wenn wir uns mit echtem Leid, echten Verwundungen, echten Menschen, echten Kämpfen, echten Kugeln, echten Todesfällen, echten Verlusten auseinandersetzen, bekommen wir einen ganz anderen Eindruck. Gefühle können weder die Beteiligten noch die Unbeteiligten aus dem Nichts erschaffen. Der Mensch erkennt im Gesicht, in der Haltung, in der Aura seines Gegenübers wahre Trauer, wahren Schmerz, wahres Leid, wahren Schock. Noch sind wir nicht gänzlich abgestumpft, noch sind wir empathisch genug, um zwischen Schauspielerei und echtem Leben zu unterscheiden. Aber je öfter wir der Schauspielerei im echten Leben ausgesetzt sind, umso öfter verschwimmen auch für uns die Grenzen. Deshalb ist es wichtig, wirklich wichtig, dass wir uns mit dem Authentischen befassen – so unangenehm und abstoßend es auch sein mag. Es führt kein Weg vorbei, leider. Weil Behörden und Medien alles daransetzen, und ich meine wirklich alles, um Sie und mich in einer Illusionsblase gefangen zu halten. Ein gutes Gegenmittel gegen diese Einlullung ist beispielsweise die gut gestaltete interaktive Webseite über das Attentat auf dem Oktoberfest von 1980 des Bayrischen Rundfunks. Leider sind einige der Videos nicht mehr abspielbar, trotzdem geben all die Clips, Bilder, Interviews und Dokumente einen guten Eindruck, was geschieht, wenn das Unvorstellbare blutige, sehr blutige Realität wird. Die Folgen sind Chaos, Ungläubigkeit, Wahnsinn, Schock, Apathie, Verzweiflung, Hysterie, Scham, Angst, Furcht, Leere, Schmerz, Hilflosigkeit, Stress, Ungewissheit, Ahnungslosigkeit, Ratlosigkeit, Ruhelosigkeit, Sinnestaumel, Gehörsturz, Taubheitsgefühle in Glieder und Seele, Kopflosigkeit und vieles mehr. Mit Sicherheit ist allen Beteiligten – seien sie Opfer oder Zeugen – das so einschneidende Erlebnis im Gesicht, in den Augen, in der Haltung abzulesen; wir spüren es (noch) instinktiv.

Gut. Kommen wir nun zum Punkt. Ich zitiere hier Stimmen, die wissen, was es heißt, wenn Menschen in einen blutigen Konflikt geraten und wie es ihnen dabei ergangen ist.

xxx

»Es gibt kein Ding wie ›sich an den Kampf gewöhnen‹ … Jeder Moment eines Kampfes verursacht eine so große Belastung, dass Männer – in Relation von Intensität und Dauer – zusammenbrechen. Psychische Verletzungen sind im Kriegsfall genauso unvermeidlich wie Schuss- und Splitterwunden …« [meine Übersetzung:] There is no such things as ‚getting used to combat‘ … Each moment of combat imposes a strain so great that men will break down in direct relation to the intensity and duration of their exposure … psychiatric casualities are as inevitable as gunshot and shrapnel wounds in warfare … S. 329, The Face of Battle, John Keegan

xxx

» … ist fünf Minuten einer Schlacht verrichten die Organe im Körper des Soldaten die Arbeit von 24 Stunden. Bean, Australiens offizieller Historiker, beobachtete dass ›die Überlebenden, auch noch nach einem Tag Ruhe, ausgesehen haben, als würden sie in der Hölle gewesen sein. So gut wie ohne Ausnahme sah jeder Mann ausgezehrt und todmüde aus und wirkte so benommen, dass man meinte, die Männer würden schlafwandeln und ihre Augen waren glasig und leer. … Sie waren wie Jungs, die nach einer langen Krankheit ihr Bett verließen.« [meine Übersetzung:] … in five minutes of battle, the physical organs performed the work of twenty-four hours. Bean, Australia’s official historian, observed that »the survivors, even after a day’s rest, looked like men who had been in hell. Almost without exception, each man look drawn and haggard  and so dazed that the men appeared  to be walking in a dream and their eyes looked glassy and starey. … They were like boys emerging from a long illness« S. 186f., Death’s Men: Soldiers of the Great War, Denis Winter

xxx

»Ich liege wie versteinert. Jeder Pulsschlag schwemmt eine neue Welle Todesangst in meine vom Übermaß gereizten Sinne. Ich habe einmal Dantes ›Divina Commedia‹ gelesen. Wie konnte er das Grauen der tiefsten Hölle beschreiben, wenn er dies hier nie erlebte?! [S. 45f.] Dem Bordmechaniker muß das zerschossene Bein heute doch amputiert werden. Er war die ganze Nacht vor Schmerzen nicht mehr recht bei Sinnen und wollte immerzu aufstehen. Sie haben ihn eben aus dem Operationssaal wieder hergebracht. Er liegt mit offenen Augen in dem Bett drüben an der Wand und spricht kein Wort. Ich spüre, wie er sich innerlich quält. Ich würde ihm gern helfen, aber welche Trostworte nützen in einer solchen Lage? [S.35]  Drüben an der Wand liegt einer mit einem schweren Bauchschuß. Er stirbt langsam und ich muß immer wieder zu ihm hinschauen. Mit großen, angsterfüllten Augen schaut er immerzu in der Runde umher, fassungslos. Er kann nicht begreifen, daß er nun sterben soll. Sein stummer Blick scheint uns alle zu fragen, was seine Schuld wohl sei, daß es gerade mit ihm jetzt zu Ende geht. Er ist zu einem lebenden Skelett abgemagert; aber was die Schwester ihm auch zu essen reicht, er würgt und bricht es wieder heraus. Einmal sehe ich, wie er die Hand der Schwester ergreift und fest umklammert hält. Mit seinem todtraurigen Blick fleht er sie wortlos an, ihm doch zu helfen, daß er nicht sterben müsse. Aber es gibt ja keine Hilfe mehr.« S. 47f., Besiegt und Befreit, Gert Naumann

xxx

»Im Kasemattblock verursacht der Durchschlag einen gewaltigen Luftstoß, der die Türen aufreißt und alles durcheinanderwirbelt. Da gleichzeitig die Lampen verlöschen, entsteht eine heillose Verwirrung. Flüche, Schreie, Hilferufe gellen durch die Finsternis, Taschenlampen zucken auf, jemand schreit fortwährend: „Sanität! Sanität!“ Tragbahren werden vorbeigeschleppt, die ratlos Umherstehenden kommen erst zur Besinnung, als einer den Einfall hat, die Alarmglocke zu läuten. Der Drill ist so groß, daß dieses Signal das Chaos überwindet … Nun flammt das Licht wieder auf. Aus dem Verbindungstunnel zum Batteriegang quillt schwarzer Rauch, auf dem Boden liegen ohnmächtig gewordene Kameraden. Trappelnde, schleifende Schritte sind zu hören, Sanitäter mit Rauchmasken kommen aus dem verqualmten Loch. Was sie auf ihren Bahren daherschleppen, sind formlose, verbrannte Massen. Als letzten bringen sie einen, dem Kopf und Rumpf völlig plattgequetscht sind. Sie sagen, es sei Valentiner … Während dieser schrecklichen Minuten sitze ich auf den Stufen der Eisentreppe, die zur Flankierbatterie führt. Dorthin hat es mich geworfen. Es ist schwierig, sich später über den Hergang solcher Geschehnisse genaue Rechenschaft abzulegen. Der betäubende Schlag, die Finsternis, das Durcheinander erfolgten zu rasch, um tiefer ins Bewußtsein zu dringen.« S. 86f., Sperrfort Rocca Alta, Luis Trenker

xxx

»Und während wir für gewöhnlich hören konnten, wenn eine Granate angeflogen kam und wir in Deckung gingen, gab es bei einem Gewehrschuss keine Vorwarnung. Und obwohl wir mit der Zeit lernten, dass wir uns vor einer Gewehrkugel nicht zu ducken bräuchten, weil, wenn man den Schuss einmal gehört hatte, musste die Kugel einen bereits verfehlt haben, so machte uns Gewehrfeuer weit nervöser.« [meine Übersetzung:] And whereas we could usually hear a shell approaching, and take some sort of cover, the rifle-bullet gave no warning. So, though we learned not to duck a rifle-bullet because, once heard, it must have missed, it gave us a worse feeling of danger. S. 83, Goodbye to All That, Robert Graves.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 2.249 Followern an