richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Am Faschingsdienstag rauben wir Goldtransborte aus!

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Als ich etwa dreizehn Lenze zählte, entdeckte ich für mich das Schreiben. Das Heft, in welches ich mit Bleistift meine actiongeladenen Storys kritzelte, sind noch in meinem Besitz. Schauderhaft, was sich da in meinem jungen Gehirn so an Phantasien ausgetobt haben dürften. Aber damals war die Welt eines “schießwütigen” Jungen – im Gegensatz zur Rechtschreibung – noch in Ordnung. Und eine Staatsgrenze war im Kalten Krieg tatsächlich noch eine – mit Kontrollen hüben wie drüben – inklusive der kindlichen Angst, von den Ost-Soldaten mit Waffengewalt am Zurück, in heimatliche Gefilde, gehindert zu werden.

Heute ist Faschingsdienstag. Haben Sie’s bemerkt? In Österreich, besser in Wien, hat das närrische Treiben ja kaum Zulauf – im Gegensatz zu unserem germanischen Nachbar. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Wiener das ganze Jahr über die Ernsthaftigkeit des Lebens mit Schmäh und Gemütlichkeit begegnen. Ein Glaserl Wein schadet freilich auch nicht. Wie sich dieser Wiener Schlendrian in Zukunft darstellt, wird sich zeigen. Die Zeit heilt nämlich nicht nur alle Wunden, sie hobelt am Ende alle gleich. Wobei, nein, alle geschlagenen Wunden heilt die Zeit nicht. Vor allem dann nicht, wenn der Geschlagene seinen Vorteil aus der damaligen Tätlichkeit zieht. Die Bezeichnung “Du Opfer!” wird aber paradoxerweise im Jugend-Slang in einem herabwürdigenden Sinne gebraucht. Gut möglich, dass die jungen Leute von heute kein Geschichtsbewusstsein mehr haben. O tempora, o mores.

Übrigens bin ich auf diesen Artikel gestoßen, der sich mit einem Urheberrechtsstreit auseinandersetzt, bezüglich des publizierten Tagebuchs einer gewissen Anne Frank. Da das Mädchen 1945 verschieden und damit seit 70 Jahren tot ist, sind dessen Publikationen nun gemeinfrei. Doch der Schweizer Anne-Frank-Fonds, der bis dato die Verlagsrechte inne hat, will davon nichts wissen, da Otto Frank “Stellen gestrichen und den Text aus zwei Versionen seiner Tochter erstellt” hätte und somit quasi der eigentliche Urheber des Tagebuchs wäre. Da Otto Frank erst 1980 aus dem Leben schied, würde demnach das Urheberrecht noch nicht erloschen sein. Aha. Das erklärt natürlich einiges – denn, der Vergleich macht Sie sicher! Stöbern Sie doch mal auf dem Dachboden oder im Keller nach ihrem Kindergeschreibsel – Sie werden peinlich berührt das Kapitel schließen wollen. Zur Veröffentlichung taugen nämlich all diese rohen und kruden Kindergedanken nicht. Es bedarf einer Überarbeitung – aber ich wüsste noch von keinem Fall, dass ein Verlag den Lektor kurzerhand als “Urheber” bestimmt hätte. Also, wirklich! Interessant wäre jetzt freilich herauszufinden, wie das Originalwerk in seiner Ursprungsform ausgesehen hat. Immerhin wird einen das Buch ja als eine “authentische Schilderung” der damaligen Jahre verkauft. Hoffen wir mal nicht, dass das gutgläubige Publikum hier kosinskiert bzw. wilkomirskiert wurde.

Und sollte der Fasching einmal abgeschafft werden – lange kann es nicht mehr dauern – tja, dann gibt es wohl überhaupt keine Möglichkeit mehr, Narrenkappe hin oder her, dem König die Wahrheit zu schellen!

Vae victis.

 

 

 

Eine Erklärung für den gegenwärtigen Zustand der deutschen Welt, anno 1864?

 

 

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Der britische Historiker Dr. Charles Kingsley hielt in Cambridge der 1860er Jahre eine Vorlesung zum Thema Der Römer und der Germane (The Roman and the Teuton). Die Vorträge wurden wenig später in Buchform veröffentlicht. Ich empfehle jedem deutschen Bürger, der sich ein ungefärbtes Bild seiner Vorfahren machen möchte, wenigstens in den ersten Kapitel des Buches zu lesen. Sie werden mit Sicherheit nicht mehr aus dem Staunen herauskommen. Was vor rund 150 Jahren noch unverblümt gesagt und geschrieben werden durfte, ist heute generell Tabu. Sie wissen, die Vergangenheit lastet schwer auf unserer Seele, sozusagen.

Für alle jene, die zwar Interesse am Inhalt haben, aber sich jetzt nicht durch ein altes Universitäts-Englisch kämpfen wollen, habe ich hier kleinere Ausschnitte übersetzt, die mir passend erscheinen und die vielleicht auch eine Erklärung für vergangene und gegenwärtige Zustände liefern. Begehen Sie aber nicht den Fehler, den Nibelungenschatz bzw. das märchenhafte Gold Roms nur als einen Berg von Münzen und Edelsteinen zu sehen – vielmehr ist der Schatz Ausdruck eines höheren Verlangens, eines tiefgehenden Strebens. Dumm, wenn fremde Kaiser und Könige und Fürsten dieses germanische Strebertum zu nutzen wissen, um Macht und Einfluss zu gewinnen – freilich zum Schaden des gewöhnlichen Mannes, der heutzutage auch eine Frau sein kann.

 

»Die Germanen sollen durch die Germanen vernichtet werden, das war eine so alte Methode der Römischen Politik, dass es nicht einmal für die ‘Erhabenheit’ eines Kaiser Theodosius als herabwürdigend betrachtet wurde.« [To destroy the German by the German was so old a method of the Roman policy that it was not considered derogatory to the ‘greatness’ of Theodosius] [S.84]

»Um gute Gesetze zu haben, muss man erstens ehrliche Leute haben, die diese machen; und zweitens muss man ehrliche Leute haben, die diese Gesetze ausführen, nach dem sie gemacht wurden. Unehrliche Leute können die besten Gesetze, die besten Verfassungen missbrauchen.« [To have good laws, you must first have good men to make them; and second, you must have good men to carry them out, after they are made. Bad men can abuse the best of laws, the best of constitutions] [S.40]

»Das gesellschaftliche Leben gründet sich in der Entwicklung und im Leben der Familie. Und wo die Wurzel korrupt ist, muss der Baum ebenfalls korrupt sein.« [For national life is grounded on, is the development of, the life of the family. And where the root is corrupt, the tree must be corrupt likewise] [S.42]

»Kennt ihr das Nibelungenlied? Ich glaube, es erklärt den wesentlichen Grundgedanken in des alten Germanen Herz, nach dem sein Werk getan war. Siegfried tötet seinen Schwager; die gute Krimhild verwandelt sich in eine rachsüchtige Furie; im Rittersaal von Hunnenkönig Etzel schlagen sich die Helden gegenseitig tot und wissen nicht einmal, warum sie es tun, bis nur noch Hagen und Gunther stehen; Dietrich von Bern (Verona) kommt hinzu, um die letzten überlebenden Helden in Gewahrsam zu nehmen; Krimhild schleudert den abgetrennten Kopf Hagens in Gunthers Gesicht und wird vom alten Hildebrand mit dem Schwert gefällt, all das geht so lange, bis nichts mehr übrig ist, außer Leichen und Tränen, während der Nibelungenschatz, die Ursache für all das Grauen, im tiefen Rhein vergraben liegt, bis zum Jüngsten Gericht.«

»Ist das Ganze nicht die wahre Geschichte über den Untergang Roms, über all die wahnwitzigen Streitigkeiten der germanischen Eroberer? Die Namen in der Heldensage sind freilich verwirrend, sagenumwoben; Orte und Zeiten gehen kreuz und quer; aber die Geschichte ist wahr – zu wahr. Mutato nomine fabula narratur [Mit verändertem Namen erzählt die Fabel von dir – Horaz].«

»Und so gingen sie daran, jeden zu töten, bis keiner mehr übrig war. Taten, so seltsam, schrecklich und brudermörderisch, wurden begangen, immer und immer wieder, nicht nur fielen die Franken über die Goten her, die Langobarden über die Gepiden, sondern auch die Langobarden über die Langobarden, die Franken über die Franken. Ja, sie berauschten sich am Blute des anderen, diese unsere älteren Brüder. Lasst uns Gott danken, dass wir ihr Verlangen, das durch den Gedanken an den Nibelungenschatz geweckt wurde, nicht teilten und es uns so erspart blieb, vom Erdboden zu verschwinden. Welch Glück für uns Engländer, dass wir gezwungen waren, unser Dasein hier, auf dieser einsamen Insel zu fristen. Weit weg vom großen Strom der germanischen Immigration konnten wir uns hier ansiedeln, bekam jeder Mann seine Waldlichtung und seinen Boden, den er in relativer Sicherheit bearbeiten konnte, während er die alten germanischen Gesetze beibehielt, die alten germanischen Vertrauensgrundsätze und Tugenden hochhielt und von Armut genauso verschont blieb wie von Reichtum, aber versorgt mit Nahrung, die ausreichend für uns war. Doch der Friede, der für uns viele Jahrhunderte dauern sollte, brachte Trägheit und Trägheit fremde Eindringlinge und schlimmes Leid: aber besser so, als dass wir unsere Tugenden und unsere Leben weggeworfen hätten, in diesem verrückten Streit über das märchenhafte Gold Roms

[You know the Nibelungen Lied? That expresses, I believe, the key-note of the old Teuton’s heart, after his work was done. Sigfried murderd by his brother-in-law; fair Chriemhild turned into an avenging fury; the heroes hewing each othter down, they scarce know why, in Hunnish Etzel’s hall, till Hagen and Gunther stand alone; Dietrich of Bern going in, to bind the last surviving heroes; Chriemhild shaking Hagen’s gory head in Gunther’s face, herself hewed down by the old Hildebrand, till nothing is left but stark corpses and vain tears: – while all the while the Nibelungen hoard, the cause of the woe, lies drowned in the deep Rhine until the judgement day. – What is all this, but the true tale of the fall of Rome, of the mad quarrels of the conquering Teutons? The names are confused, mythic; the dates and places all awry: but the tale is true – too true.  Mutato nomine fabula narratur.with the name changed the story applies to you . Even so they went on, killing, till none were left. Deeds as strange, horrible, fratricidal, were done, again and again, not only between Frank and Goth, Lombard and Gepid, but between Lombard and Lombard, Frank and Frank. Yes, they were drunk with each other’s blood, those elder brethren of ours. Let us thank God that we did not share their booty, and perish, like them, from the touch of the fatal Nibelungen hoard. Happy for us Englishmen, that we were forced to seek our adventures here, in this lonely isle; to turn aside from the great stream of Teutonic immigration; and settle here, each man of his forest-clearing, to till the ground in comperative peace, keeping unbroken the old Teutonic laws, unstaind the old Teutonic faith and virtue, cursed neither with poverty nor riches, but fed with food sufficient to us. To us, indeed, after long centuries, peace brought sloth, and sloth foreign invaders and bitter woes: but better so, than that we should have cast away alike our virtue and our lives, in that mad quarrel over the fairy gold of Rome] [S.16f]

Dr. Charles Kingsley
The Roman and the Teuton
A Series of Lectures
University of Cambridge
MacMillan and Co., London 1864

Wider der Propaganda: ORF.at und die Abschiebung Dutzender Babys

 

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Ich möchte heute einen Artikel auf ORF.at näher beleuchten. Auf der Eingangsseite ist der Beitrag wie folgt betitelt:

Australien – Weg frei für Abschiebung Dutzender Babys

Klickt man auf das Foto (es zeigt einen Mann, der zwei Kinder bei sich hat), öffnet sich die Seite mit dem Artikel, der folgende Headline aufweist:

Heftige Kritik an Internierungslagern

Im Browser wird die Seite mit Umstrittenes Urteil in Australien angezeigt. Einen Autor weist der Artikel nicht auf. Darin heißt es am Ende des ersten Absatzes:

Das Urteil sorgt weltweit für Schlagzeilen.

Wann ist die Phrase “weltweit für Schlagzeilen sorgen” angebracht und wann nicht? Wie viele Zeitungen müssen über dieses australische Gerichtsurteil schreiben, damit für “weltweite Schlagzeilen” gesorgt ist? Zählen dabei nur Aufmacher auf der Titelseite? Mit anderen Worten, diese Phrase ist eine gern eingeschobene Propaganda-Floskel, die den Anschein erweckt, das behandelte Thema wäre von “weltweitem Interesse”. Wenn es also “die ganze Welt” interessiert, dann muss es auch den gewöhnlichen Leser interessieren, natürlich.

Australien steht regelmäßig wegen seiner restriktiven Flüchtlingspolitik in der Kritik.

Der letzte Satz des ersten Absatzes ist eine Behauptung, die freilich von den großen privaten und öffentlich-rechtlichen Medienhäusern nicht belegt werden muss. Es wird der Eindruck erweckt, eine globale Bevölkerungsmehrheit würde die australischen Behörden kritisieren, weil diese eine “restriktive” Flüchtlingspolitik anwenden. Stimmt das? Ist nicht nachweisbar, wird aber dem Leser so “verkauft”.

Der Artikelschreiber benutzt das Wort “Flüchtlingspolitik“, obwohl es eine leere Worthülse ist, die sehr ungenau ist und deshalb mit allerlei hochtrabendem Brimborium gefüllt werden kann. Es ist nun mal so, dass zu einem souveränen Staat eine Grenze gehört – ohne Grenze kein souveräner Staat. Jeder Staat muss sich also mit Grenzübertritten von staatsfremden Personen auseinandersetzen. Diese Auseinandersetzung mit “Flüchtlingspolitik” zu beschreiben, ist polemisch, weil nicht jeder Einreisewillige ein Flüchtling sein muss. Falls Sie Ihren Urlaub in Australien verbringen möchten, werden Sie für gewöhnlich nicht auf einer Insel interniert, bis Ihr Rückflugtermin gekommen ist. Genausowenig werden staatsfremde Personen, die von australischen Unternehmen oder Fußballclubs ins Land geholt werden, nach meinem Wissen nirgendwo gegen ihren Willen festgehalten. Und jene einreisewilligen staatsfremden Personen, die den Behörden nachweisen können, dass sie über ausreichend Vermögen verfügen und/oder in einem gefragten Berufsfeld Ausbildung und Erfahrung mitbringen, werden m. E. nicht abgewiesen.

Im Beitrag heißt es weiter:

Jede Mutter, so die Frau aus Bangladesch, habe das Recht auf ein gutes Leben an einem sicheren Platz für ihre Familie.

Für mich stellt sich die Frage, warum die Mutter diese Forderung nicht in ihrem Heimatland Bangladesch erhoben hat. Im allwissenden Wikipedia erfährt der interessierte Leser, dass es sich bei Bangladesch um eine demokratische Republik handelt und dort die öffentlichen Schulen kostenlos, sowohl von Mädchen als auch Buben, besucht werden können. Soweit ich weiß, ist das Land nicht im Krieg, somit ist die Frage, warum die Mutter in diesem Artikel den Status “Flüchtling” zugesprochen bekommt.

Der ehemalige deutsche Bundesrichter Udo di Fabio schreibt in einem Gutachten: “Das Grundgesetz garantiert nicht den Schutz aller Menschen weltweit durch faktische oder rechtliche Einreiseerlaubnis. Eine solche unbegrenzte Rechtspflicht besteht auch weder europarechtlich noch völkerrechtlich.”

Eine Senatsermittlung kam unlängst zu dem Schluss, dass die Internierungsbedingungen unangemessen und unsicher sind. Auch Menschenrechtsgruppen erheben schwere Vorwürfe.

Im Artikel wird der Leser nicht darüber informiert, welche Internierungsbedingungen als angemessen und sicher angesehen werden. Denn, dass es eine Form der Unterbringung geben muss, steht ja außer Frage, meinen Sie nicht auch? Oder möchten Sie, dass traumatisierte Flüchtlinge im australischen Outback herumirren und am Ende verdursten oder von giftigen Schlangen gebissen werden? Sollte man nicht all den unbedarften Menschen, die große Reisestrapazen auf sich genommen haben, über die Gefahren in Zivilisation und Natur aufklären? Was denken Sie, wie man sich um 1900 in den USA um die Flüchtlinge aus Europa “gekümmert” hat? Findige Kapitalisten haben die jungen Leute in Ellis Island abgeholt und sie in menschenunwürdigen Sweat Shops gesteckt, wo sie für ein paar Cent ihre Arbeiten verrichten mussten. Ist es also das, was jene Gutmeinenden unterschwellig im Kopf haben, wenn sie von unwürdigen Internierungsbedingungen sprechen und diese Sammelstellen kurzerhand aufgelöst wissen wollen?

Sogar Israel, deren Bevölkerung ja mit Sicherheit eine Abscheu gegenüber Sammellager innewohnt, lädt männliche Infiltratoren in ihr open detention center in der Wüste von Negev ein. Falls der Einreisewillige sich entschließen sollte, wieder in sein Heimatland zurückzukehren, erhält er von den Behörden USD 3.500,- auf die Hand. Ob es sich bei der Zahlung um Schmerzensgeld für die Internierung oder eine Form der Reisekostenerstattung handelt, kann ich nicht sagen.

Conclusio: Der Artikel ist – wieder einmal – nichts anderes als emotionale Propaganda. Generell gilt, immer dann, wenn in einem Medienbeitrag “Babys” eine zentrale Rolle spielen, dann wollen die bezahlten Schreiberlinge den Leser auf ihre Seite ziehen. Gerne vergisst man die leidige Brutkastenlüge, die mit ein Grund ist, warum es im Nahe Osten so menschenunwürdig zugeht. Hören wir zu guter Letzt noch einmal den ehemaligen deutschen Bundesrichter:

Di Fabio warnte bereits seit Wochen vor einer Zersetzung des Rechts in der Migrationsfrage. Gegenüber dem Deutschlandradio sagt er: “Was wir heute teilweise erleben in der Migrationskrise, ist, dass Recht nicht mehr angewandt wird. Dafür kann es gute praktische Gründe geben, aber das muss jemanden, der an den Rechtsstaat denkt, mit Sorge erfüllen.” Und in einem Beitrag für den “Cicero” schreibt er: “Die Staatsgrenzen sind die tragenden Wände der Demokratien. Wer sie einreißt, sollte wissen, was er tut. Es mag schwer sein, Grenzen in einer wirksamen und zugleich humanen Weise zu schützen, aber diese Aufgabe kann keine Regierung entgehen.” [link]

Kurz und gut, für ein Dutzend Babys – die in australischen Spitälern von australischen Ärzten zur Welt gebracht wurden – reißen wir die Grenzen nieder, hängen den souveränen Staat an den Nagel und feiern mit den anderen 6,9 Milliarden Brüdern und Schwestern die neue grenzenlose Freiheit™. Und wenn wir schon dabei sind, wer braucht dann noch Gegensprechanlagen und Wohnungstüren? Hinfort damit! Nie wieder wollen wir andere aussperren. Sollte uns jedoch jemand die Partylaune verderben, weil er meint, er wolle sich – notfalls mit Gewalt – gegen unerwünschte Besucher schützen, dann ist er ein Feind der neuen grenzenlosen Freiheit™ und solch uneinsichtigen Hassprediger sollen in Zukunft in der Hölle Wüste von Negev schmoren.

 

 

Die Presse und die alternativen Medien: Hasch mich, in bin ein Lügner

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Ich beschäftige mich nun seit rund fünf Jahren mit der Wahrheit. Besser gesagt, ich versuche die falsche Spreu vom wahren Weizen zu trennen. Manchmal ist es einfach, manchmal ist es schwierig und dann wieder, dann ist es schier unmöglich, aber eines steht fest: Nichts, aber auch gar nichts, ist so, wie es überliefert oder berichtet wurde und wird. Auf der anderen Seite bewahrheitet sich dann das Paradoxon: Je mehr du weißt, desto weniger weißt du.

Sehen Sie, der gewöhnliche Mensch hat ein tief sitzendes Verlangen nach Informationen und Neuigkeiten, ja, er möchte wissen, was um ihn herum geschieht. Diese neu gewonnenen Informationsbruchstücke setzt er nun in einen Kontext zu seinem angehäuften Wissen und Erfahrungsschatz. Er beginnt, jede Nachricht mit seinem gegenwärtig bestehenden Weltbild abzugleichen und in eine der vielen Schubladen einzuordnen. Ja, der gewöhnliche Mensch ist einfach gestrickt – geht auch gar nicht anders, weil, früher einmal, also, sehr viel früher, Jäger und Sammler ihr Überleben in der Wildnis nicht durch philosophische Wertediskussionen erhöhen konnten. Das Gehirn unserer Vorfahren war nicht dazu da, zwischen Boulevard und Qualitätspresse zu unterscheiden, sondern um simple Schlüsse zu ziehen. Heutzutage ist es nicht anders. Falls Sie mir nicht glauben, dann empfehle ich einen nächtlichen Ausflug in die tiefste Wildnis. Das reinigt Körper und Geist, sozusagen.

Die Pressefreiheit, sagte einst der Mitherausgeber der FAZ Paul Sethe im Jahr 1965, ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Daran hat sich nichts geändert. Der Staat – also Sie und ich und noch ein paar andere Bürger – scheint seltsamerweise kein Interesse daran zu haben, die Presse zu demokratisieren, ganz im Gegenteil. Da jedermann und jedefrau einen Blog (ohne finanziellen Aufwand) betreiben und Artikel schreiben kann, wird diese “Presse-Arbeit” nicht als solche angesehen. Für das Verwaltungsgericht in Deutschland fallen nur Verlage unter das Presserecht, die ihre Neuigkeiten auf Papier drucken lassen. Weil, da könnte ja jeder kommen …

In letzter Zeit musste ich feststellen, dass man auch durch alternative Medien – seien diese Blogger, Webzines, News-Portale oder Foren – auf eine falsche Fährte geschickt werden kann. Das muss jetzt nicht mit Absicht geschehen, ist aber andererseits nicht auszuschließen. Generell habe ich für alternative Medien die folgende Prüfroutine in meinem Oberstübchen verankert:

Je populärer ein alternatives Medium ist, desto eher ist davon auszugehen, dass es (früher oder später) von den Sittenwächtern unterwandert wird und dass die Betreiber manipuliert, erpresst oder korrumpiert werden.

Je “unglaublicher” der (rasche) Aufstieg eines alternativen Mediums (bzw. Medien-Stars) ist, desto wahrscheinlicher ist die Sache als “kontrollierte Opposition” einzustufen (beispielsweise Wikileaks und Julian Assange – oder Edward Snowden und Glen Greenwald).

Ein alternatives Medium, das erfolgreich eine spezielle Nische besetzt, wird alles daransetzen, seine sensationshungrige Klientel zu befriedigen – Widersprüche werden ignoriert oder emotional diskreditiert.

Je populärer ein alternatives Forum ist, desto wahrscheinlicher werden Sittenwächter in Diskussionen störend eingreifen, um eine vernünftige Diskussion zu verhindern.

Je weiter lechts und rinks ein alternatives Medium steht, desto wahrscheinlicher ist diese als “kontrollierte Opposition” einzustufen, um durchaus sinnvolle Fragestellungen zu diskreditieren.

Nur ein toter Whistleblower ist ein echter Whistleblower (beispielsweise Aaron Swartz oder Dr. David Kelly oder Garry Webb oder James Traficant oder Roberto Calvi).

Ein alternativer Blogger, der nicht anonym veröffentlicht, wird sich nur solcher Themen annehmen, die keine Gefahr für seine Existenz darstellen. Eventuell müssen für die Sittenwächter unliebsame Wahrheiten zwischen den Zeilen versteckt werden.

Ein alternativer Blogger, der anonym veröffentlicht, wird sich nur solcher Themen annehmen, die keine Gefahr für seine Existenz darstellen – da er sich niemals vor Entdeckung sicher sein kann.

Absolut niemand ist gegen Manipulation gefeit.

Jeder Mensch wehrt sich, sein bestehendes Weltbild hinterfragen bzw. auf den Kopf stellen zu müssen – auch und im Besonderen Journalisten und Wahrheitssucher.

[meine Übersetzung:] Beinahe unbewusst zeichnete er mit seinem Finger im Staub des Tisches: 2 + 2 = 5
“Sie können nicht in dein Innerstes dringen”, hatte sie gesagt.
Aber sie konnten in dein Innerstes dringen.

Almost unconsciously he traced with his finger in the dust on the table: 2+2=5
‘They can’t get inside you,’ she had said.
But they could get inside you.

Nineteen Eighty-Four, George Orwell

Antisemitismus goes wild: Lueger, Goethe, Kaiserin Maria Theresia, Luther, u. v. m.

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Die Stadt Wien gibt bekannt: »Laut Abschlussbericht der im Auftrag der Universität Wien und der Stadt Wien eingesetzten Forschungsgruppe zur Untersuchung und Kontextualisierung der Benennung der Wiener Straßennamen seit 1860 war die politische Rhetorik von Karl Lueger (1844-1910) von aggressiver antijüdischer und deutschnationalistischer Polemik geprägt. Als maßgeblicher Politiker der damaligen Zeit verstärkte Lueger, der durchaus gute Kontakte zu Personen jüdischer Herkunft pflegte, die antisemitischen und diskriminierenden Tendenzen in der öffentlichen politischen Diskussion (etwa wenn er auf Grund der “Verjudung” der Wiener Universität einen Numerus clausus zugunsten von “Deutschösterreichern” forderte) und fungierte damit als Vorbild für nachfolgende Politiker

Ich hätte von diesem “Abschlussbericht” keinerlei Kenntnis genommen, wäre ich nicht zufällig vor wenigen Wochen bei der Technischen Universität am Karlsplatz vorbeigekommen. Erstaunt musste ich feststellen, dass eine Gedenktafel übermalt wurde. Sie gab darüber Auskunft, dass der Vater des späteren Bürgermeister im damaligen Polytechnischen Institut (der heutigen TU), eine (Amts-)Wohnung bezog – Leopold Lueger hatte seinerzeit die Aufsicht über das technologische Kabinett.

Ja, und diese Gedenktafel wurde im Zuge der Fassadengestaltung übermalt – irrtümlich, heißt es von Seiten der TU-Sprecherin. Hm. Also, ich bin nicht mit den Gepflogenheiten der Maler- und Anstreicherbranche vertraut, aber ich wüsste noch von keinem Fall, dass ein Maler mit reinem Gewissen und fröhlicher Unschuld eine Gedenktafel übermalt hätte. Für gewöhnlich wird nachgefragt. Aber wollen wir uns die Sache nicht weiter ausmalen, sondern bleiben beim Faktischen. Nach Wiederherstellung der übermalten Gedenktafel soll eine zusätzliche Tafel Auskunft über „Lueger als Antisemit“ geben:

Derzeit gibt es in Absprache mit der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) an der TU einen ersten Rohentwurf für den Text der Tafel. Darin heißt es: “… Dabei hat er während seiner Amtszeit, wie schon während seines politischen Aufstiegs ab 1882, den Antisemitismus virtuos als Instrument eingesetzt und damit zur Entwicklung eines aggressiven, durch Hetze und Diskriminierung gegenüber Juden, aber auch Vertretern anderer Nationalitäten geprägten gesellschaftlichen Klimas und zur Verrohung der politischen Sprache beigetragen …” [Quelle: orf.at]

Warum diese zusätzliche Tafel mit der ÖH abgesprochen werden muss, bleibt ein Rätsel – scheinbar soll hier universitäre Basisdemokratie gelebt werden.

Der wunde Punkt bei alledem ist aber jener, dass die Stadt Wien eine Forschungsgruppe einsetzte, die sich mit der antisemitischen Vergangenheit Wiener Straßennamen lang und breit auseinandergesetzt haben dürfte. Für mein Dafürhalten könnte dieses gut gemeinte Projekt Pandoras Kistchen öffnen und böse Geister in die Welt entlassen.

Denn, wer entscheidet schlussendlich, welche Persönlichkeiten nun antisemitisch, judenfeindlich oder antijudaistisch waren? Sind demnach nicht Hobbyhistoriker und Sittenwächter förmlich dazu aufgerufen, Nachforschungen anzustellen und mögliche Verfehlungen einstmals populärer Ehrenmänner anzuprangern? Es braucht nicht viel Phantasie, um sich eine eingeschüchterte Stadtregierung vorzustellen, die etwaigen laut vorgetragenen Forderungen Stück für Stück nachzugeben bereit ist – bis am Ende von der Größe Wiens und Österreichs nur noch belanglose Bruchstücke übrig bleiben. Glauben Sie nicht? Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele, die ich ohne große Nachforschungsarbeit bereits jetzt aus dem Ärmel schütteln kann:

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Wie erklärt man sich als aufgeweckter Literat die Esther-Geschichte im Schönbartspiel Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern? Freilich, in der ersten Version von 1773 ist nichts Verwerfliches oder Anstößiges festzustellen – man kann sich darüber auf Spiegel Online Projekt Gutenberg überzeugen. Sieht man sich jedoch die überarbeitete Fassung von 1778 an, huh, da schlackern einem die Knie. Würde man daraus zitieren, die Sittenwächter würden einen sofort in die rechteste aller rechten Ecken prügeln. Sollte nun die Stadt Wien angehalten werden, am Denkmal Goethes eine Hinweistafel anzubringen, dass es der gute Dichter sicherlich nicht so ernst gemeint hatte, bei alledem? Schließlich soll es ja eine Art von Lustspiel sein – auch wenn der Berliner Professor Max Hermann bekennen muss: “… wenn man nicht wüßte, daß es sich um einen Ulk handelt, an vielen Stellen glauben könnte, etwa ein Drama aus Gottscheds deutscher Schaubühne zu lesen.” [Entstehungs- und Bühnengeschichte, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1900, S. 171]


Kaiserin Maria Theresia (1717-1780)
Im Jahr 1744 und 1745 erließ sie ein Edikt, dass die Juden zwang, Prag, Böhmen und Schlesien zu verlassen. Wie gehen wir nun mit dieser judenfeindlichen Entscheidung um? Sind nun in der Kapuzinergruft, neben ihrem Sarg, Hinweistafeln aufzustellen, die besagen, dass die “junge” Kaiserin unter bösem Einfluss ihrer Berater stand? Oder dass man die Ausweisung im Kontext der Zeit sehen soll? Aber dann müsste öffentlich gemacht werden, in welchem Jahr die Linie zwischen dem Akzeptierten und dem Nicht-Akzeptieren liegt. Ich erwarte mir eine spannende Diskussion.


Martin Luther
(1483-1546)
Möchte man auf das Alterswerk des Urhebers der Reformation hinweisen, könnte einen bereits die bloße Nennung der Buchtitel in Verlegenheit bringen, deshalb verzichte ich an dieser Stelle darauf. In Wikipedia gibt es zu diesem Thema sogar einen eigenen Eintrag – vermutlich um zu retten, was noch zu retten ist. Darin heißt es, dass sich die evangelische Kirche “seit 1950 allmählich von Luthers judenfeindlichen Aussagen und deren historischen Wirkungen im Protestantismus distanziert. Ob und wie weit auch seine Theologie zu revidieren ist, wird diskutiert.” Bedeutet das am Ende, dass an allen evangelischen Kirchentüren eine “Mea culpa”-Informationstafel angeschlagen werden muss? Und wird die katholische Kirche – in christlicher Verbundenheit – nachziehen?

Nur damit wir uns verstehen – ich stelle nicht die sogenannte Aufarbeitung vergangener Ereignisse in Frage, sondern wie mittels eines un-demokratischen “Kommisarbriefes” ein Teil Wiener Identität sang- und klanglos geopfert und übermalt wird. Vergessen wir nicht, dass die Geschichtsschreibung immer von seiner gesellschaftlich-politischen Zeit geprägt ist. Gestern Rebell. Heute Freiheitsheld. Morgen Verräter. Das Geschichtsforscher-Ehepaar und Pulitzerpreisträger Will und Ariel Durant bringt es auf den springenden Punkt:

[meine Übersetzung:] Wissen wir denn wirklich, wie die Vergangenheit war, was tatsächlich geschah, oder ist Geschichte “eine Fabel”, auf die wir uns “geeinigt” haben? Unser Wissen über ein vergangenes Ereignis muss immer unvollständig, womöglich fehlerhaft sein, verhüllt durch mehrdeutige Beweise und voreingenommene Historiker, und vielleicht sogar durch unsere patriotische oder religiöse Parteinahme verfälscht. […] Do we really know what the past was, what actually happend, or is history “a fable” not quite “agreed upon”? Our knowledge of any past event is always incomplete, probably inaccurate, beclouded by ambivalent evidence and biased historians, and perhaps distorted by our own patriotic or religious partisanship.

The Lessons of History
H. Wolff, New York [E-Book]

Ich hoffe, ich habe meinen Standpunkt als Bürger der Stadt Wien klar gemacht.

 

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