richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Das Mitteilungsbedürfnis in Zeiten von facebook & co

Erik_NamenIn den nächsten Tagen werde ich – wohl oder übel – meine Leserschaft von meinem neuen literarischen Wurf erzählen. Es ist eine Neuigkeit. Richtig. Ist sie wichtig? Nope. Darin liegt die Crux all dieser Newsletter-Flut. Das Internet hat die Menschen nicht nur zusammengebracht, sondern sie auch zu Marketingchefs in eigener Sache gemacht. Jedes Posting, jedes Tweet, jede E-Mail steht in direkter Konkurrenz zu den Postings, Tweets und E-Mails anderer lieber oder weniger lieber Mitmenschen. Beinahe täglich erfahren wir von Vernissagen, Lesungen, Buchveröffentlichungen, Theateraufführungen, Gesangsdarbietungen und vieles mehr. Jene, die uns von diesen Ereignissen unterrichten, hängen mit Herzblut an der Sache, haben vielleicht viel Zeit, Geld und Energie geopfert, um “ihr Ding” durchzuziehen. Und hier, am Ende der Internet-Leitung, überfliegt man Absender und Betreff der Nachricht und klickt innerhalb eines Augenaufschlags auf “gelesen”. Abgehakt, sozusagen. Mehr ist nicht. Mehr wird nicht sein.

Gelesen: Der Tod des Landeshauptmanns von Eugen Freund

Eugen-Freund-BuchDieses Buch, heißt es in der Vorbemerkung, sei ein Roman und Romane haben es an sich, mit der Realität nichts oder – im Extremfall – nur sehr wenig zu tun zu haben. Folgerichtig ist das Buch eine kriminalistische Klischeeanhäufung und Jörg Haiders Tod nur ein Aufhänger. Enttäuschend. Andererseits, vergessen wir nicht, dass Autor Eugen Freund langjähriger ORF-Mitarbeiter und Korrespondent in den USA war und nun im europäischen Parlament sitzt. Wollte er ernsthaft relevante Verschwörungstheorien wälzen, es würde seiner politisch-journalistischen Karriere mit Sicherheit nicht wohl bekommen.

Nichtsdestotrotz ist es ihm anzurechnen, dass er sich getraute, die israelischen und amerikanischen Geheimdienstagenturen ins Spiel zu bringen. Natürlich lässt er einen (fiktiven) CIA-Mitarbeiter sagen, dass die Zeiten vorbei seien, als man noch Politiker mit Gewalt aus den Weg räumte. Aha. Scheinbar gab es eine dunkle Vergangenheit, in der bezahlte Handlanger ihr blutiges Werk vollzogen. Im Sinne der Staatssicherheit, versteht sich. Gut, das war damals. Kalter Krieg, nicht? Ich bezweifle freilich, dass sich daran etwas geändert hätte. Ein kurzer Abriss über die murder inc.ist hier nachzulesen: The CIA’s Secret Killers von Alexander Cockburn, publiziert in counterpunch. Der israelische Geheimdienst steht dem amerikanischen natürlich in nichts nach. Wenn es der Staatssicherheit dienlich ist, werden Bomben gezündet und Leute exekutiert. Steven Spielbergs Filmdrama München [imdb] führt eindringlich vor Augen, was geschieht, wenn man Tel Aviv ans Bein pinkelt. Einen guten Einblick in das Mindset hochrangiger israelischer Geheimdienstoffiziere gewährt die sehenswerte Doku The Gatekeepers [imdb] von Dror Moreh.

Zurück zum Buch. Der Täter – Vorsicht Spoiler! – ist Kärntner und Nazi. Ja, er ist nicht nur ein alter, sondern auch noch ein neuer Nationalsozialist. Oh. Wer hätte das gedacht? Gewiss, für einen banalen Krimi muss diese Simplifizierung reichen. In der Realität, irgendwo da draußen, geht es um Netzwerke und Vernetzungen. Verschwörungstheoretisch gehe ich davon aus, dass Geheimdienste oder staatsnahe Agenturen immerzu ihre Finger im kriminellen Spiel haben: Drogen- und Waffenlieferungen, Geldwäsche, Erpressung, Entführung, Mord – you name it. Ein gutes Beispiel, um zu verstehen, wie die Chose läuft, bietet die Iran-Contra-Affäre aus den 1980ern. Im Verlauf der Untersuchungen stellte sich heraus, dass so gut wie die gesamte US-Regierung auf die eine oder andere Weise in illegal-dubiose Machenschaften involviert war. Aber vollends hässlich wird es, wenn man erführe, dass in den 1970ern und 1980ern eine geheime NATO-Sondertruppe Terroranschläge in Europa verübte [Unternehmen Gladio]. Siehe hierzu die Vorträge des Schweizer Historikers Daniele Ganser.

Und Jörg Haider? Ich habe mich mit ihm nicht befasst, aber kratzt man an der Oberfläche, bemerkt man schnell, dass es sich bei ihm nicht nur um einen Populisten und Provinzpolitiker gehandelt haben konnte. Welchem Netzwerk er angehörte, wem er dienlich war, werden wir mit Sicherheit niemals erfahren. Gut möglich, dass er sich zu weit entfernte, sich gewisser Freiräume bediente. Gut möglich, dass er den Bogen überspannte, weil er von populistischen zu ernsthaften Themen wechselte. Was auch immer in dieser einen Nacht geschah, die offizielle Version glaube ich keine Sekunde. Ich darf das. Ich bin ein Spinner Verschwörungstheoretiker ;-)

Die Welt von Gestern verliert Frederic Morton

Frederic Morton besucht sein altes Gymnasium

Frederic Morton besucht sein altes Wiener Gymnasium, 2011 – Fotos by Peter Bosch

Es musste früher oder später geschehen. Die Zeit raubt einen lieb gewordene Menschen. So ist der Exil-Wiener Frederic Morton im Alter von 90 Jahren in die Ewigkeitsgasse zurückgekehrt. Ich hoffe für ihn, dass es dort seine Wurstsemmel mit zehn Deka Krakauer gibt. Seine letzte Rede, die er wenige Tage zuvor im Wiener Haus der Barmherzigkeit gehalten hatte, druckte die Die Presse freundlicherweise ab: Denn die Jugend ist unsere Heimat.

P.S.: Vor vier Jahren besuchte Herr Morton seine alte Schule in Hernals und erzählte über das Damals. Eine Hand voll Eindrücke dieses Besuchs hielt ich in einem Blogbeitrag fest.

Europa auf Crashkurs oder Ein Dokumentarfilm des Ministeriums der Wahrheit

1984_Diktatur

V. machte mich auf den Dokumentarfilm Europa auf Crashkurs (The Great European Disaster link) aufmerksam, der Sonntagnacht im ORF ausgestrahlt wurde. In der ORF-TV-Mediathek (link) habe ich mir den Film angesehen. Erschütternd. Wirklich. Weil die Beweihräucherung der Europäischen Union ohne Skrupel vorgetragen wurde. In den 193oern nannte man solch eine Medienarbeit wahrheitsgemäß Propaganda, heutzutage Public Relations. Dass solche Image-Kampagnen mit öffentlichen Geldern bestritten werden, ist eine bodenlose Unverschämtheit, meinen Sie nicht auch?

Es ist lange her, die Volksabstimmung im Juni 1994 über den Beitritt Österreichs zur EU. Ich habe mein Kreuzerl an der richtigen Stelle gemacht. Jedenfalls glaubte ich es damals. Heute – ich weiß, was ich weiß – bin ich mir nicht mehr so sicher. Meine damaligen Beweggründe, Österreich in der EU aufgenommen zu wissen, waren simpel und einleuchtend. Ich hatte nämlich die Hoffnung, dass die Europäische Union dem politischen Proporz in Österreich ein Ende bereiten würde. Zwanzig Jahre später sieht es so aus, als hätte ich (und viele andere) versucht, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Ja, jetzt haben wir nicht nur den Wiener Salat, sondern auch die Brüsseler Bredrouille.

Ehrlich gesagt, die Zukunft sieht nicht rosig aus. Egal, wie man die Sache auch dreht und wendet, der Karren steckt im Schlamm. Politisch betrachtet, zielen die hohen Herren in Brüssel darauf ab, noch mehr Macht an sich zu reißen. Das ist nun mal so. Ein Mächtiger, der Macht freiwillig abgeben würde, ist, nun ja, nicht mehr mächtig und wird – früher oder später – von einem Mächtigeren ersetzt. Kurz und gut: Die Europäische Union steuert langfristig auf eine Diktatur zu, die sich vielleicht demokratisch nennt, aber elitär handelt. Wirtschaftlich betrachtet ist Europa Teil eines globalen Wirtschaftssystems. Wenn es nach den Plänen der hohen Herren in Washington und London geht, wird es alsbald nur noch eine (westliche) Währung, eine (westliche) Über-Zentralbank geben, die alle Belange des Geld- und Finanzwesens und damit die Wirtschaft selbst “steuert”. Kurz und gut: Eine (westliche) Weltwährung steht ante portas. Militärisch betrachtet ist Europa ein Vasall Washingtons (und Deutschland noch immer besetzt). Die NATO entwickelt sich zu einer Söldnertruppe, die überall dort eingesetzt wird, wo das Machtgefüge des Establishments in Frage gestellt wird und wo Forderungen, seien sie politisch, seien sie finanziell, nicht erfüllt werden. Kurz und gut: Eine NATO-Eingreiftruppe wird auch in Ihrer Heimatstadt für “Ruhe und Ordnung” sorgen.

Conclusio: George Orwells 1984 ist aus heutiger Sicht keine dystopische Novelle, sondern vielmehr ein Tatsachenroman. Lesen Sie das Buch, dann wissen Sie alles, was man wissen muss. Und seien Sie auf der Hut! Das Ministerium der Wahrheit hat Ihre Zeitung und Ihren TV-Sender fest im Griff. Hier eine Kurzkritik der Doku in der britischen Tageszeitung The Telegraph.

Was Sie schon immer über die 1930er Jahre wissen wollten … Teil 1

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“Falls Sie wissen möchten, worum es in einem Krieg ging, sehen Sie sich die Friedensbedingungen an”, schrieb Henry Noel Brailsford in seinem Buch ‘After the Peace’, erschienen im Verlag Thomas Seltzer, New York 1922.

Wer sich auch immer als Mitteleuropäer mit den 1930er-Jahren beschäftigt, läuft Gefahr, von Sittenwächtern in die Ecke gestellt und ausgeschimpft zu werden. Fragen Sie mich nicht, warum das so ist. Scheinbar ist diese Wunde, die das Schicksal geschlagen hat, noch immer nicht verheilt. Wie dem auch sei, ich dachte mir, ich zitiere einen Absatz, der mir interessant scheint. Die Interpretation überlasse ich dem geneigten Leser, der geneigten Leserin.

Im Jahre 1935**) aber, in dem in Österreich nur mehr 89.000 Menschen geboren wurden, während 92.000 starben, verwandelte sich der Geburtenüberschuß in einen T o t e n ü b e r s c h u ß, was seit dem Weltkrieg noch in keinem Kulturstaat der Erde vorgekommen war. Von Österreichs Nachbarstaaten ist die gleichzeitige außerordentliche Entwicklung im Deutschen Reich am bemerkenswertesten, wo um 30% mehr Kinder geboren wurden als im Jahr 1933***).

**) Statistische Nachrichten, XIV. Jg., Nr. 3, Wien 1936
***) Wirtschaft und Statistik, XVI. Jg., Nr. 9, Berlin 1936

entnommen der Seite 36 in:

Bevölkerungs-Spiegel Österreichs
Lebenswichtige Ergebnisse der Volkszählung 1934
veranschaulicht von Oskar Gelinek
Carl Ueberreuters Verlag in Wien, IX., 1936 (2. Auflage)

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