richard k. breuer

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WM2014: Resümee der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien – Teil 2

Spielplan der WM 2014

Mein zerwurschtelter Spielplan

Zweiter und letzter Teil meines Resümees über die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, die vor wenigen Tagen endete und bereits eine gefühlte Ewigkeit zurückliegt. Im Gedächtnis sind nur noch vage, zusammenhanglose Bilder vorhanden. Erinnerungsfetzen, die zwischen Faktischem und Gefühltem pendeln, dominieren in späterer Folge die Diskussionen rund um diese eine Weltmeisterschaft, als Deutschland drauf und dran war, den Fußball zu dominieren und Brasilien drauf und dran war, eine lächerliche Fußnote zu werden. Dieses Turnier lebte anfänglich von den Überraschungen – positiven wie negativen – aber nach den Achtelfinalspielen war Schluss mit lustig und die üblichen Verdächtigen setzten sich wieder einmal durch. Nichts Neues unter der Fußballsonne, wenn man so will. Leider. Als neutraler Beobachter bin ich immer auf der Suche nach einem Stück Geschichte, das ich miterleben darf und das für eine Weile im kollektiven Gedächtnis seine Runden dreht. Ja, ich wünschte mir – wie so viele andere – das Besondere, das Außergewöhnliche. Zugegeben, davon gab es reichlich, bei dieser WM, aber der letzte Pass, wenn man so will, der kam freilich nicht an. Schad drum.

Für mehrere Wochen war wieder einmal großes Kino auf kleinen Bildschirmen angesagt. Seltsam, wie man in dieses Ereignis hineingezogen wird und sich darin gemütlich einrichtet. Man hatte seinen Spielplan immer griffbereit bei der Hand, trug Ergebnisse ein, kritzelte mögliche KO-Gegner an die Seite und freute sich auf das nächste Spiel, das garantiert in die Fußballgeschichte eingehen würde. Glaubte man. Glaubte ich. Diese Hoffnung ließ mich auch ein 3-Uhr-früh-Spiel verfolgen – mit müden Augen. Überhaupt, diese Mitternachtsspiele, die einem viel Substanz kosteten und trotzdem bäumte man sich (auf der Couch bereits gefährlich dösend) auf – oder ließ das Geschehen im Halbschlaf vorüberziehen. Oftmals war der Schlusspfiff nicht nur für die Spieler und Trainer eine Erlösung. Hier und heute, ja, da denkt man bereits mit verklärten Augen zurück, an diese Abende, als alles für ein Fußballfest angerichtet war. Man freute sich, gemeinsam, mit vielen Hunderten von Millionen Menschen auf das Kommende. Der nüchterne Alltag, das lästige Problem, die dunkle Zukunft, all das wurde für ein paar Stunden vergessen. Schöne, heile Fußballwelt.

 

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Kommen wir zu den Überraschungsmannschaften der Weltmeisterschaft 2014:

Chile Mir gefielen die Südamerikaner bereits 2010 und ich ging damals davon aus, dass sie 2014 einen Sprung nach vorne machen würden. Und das taten sie auch. In einem „Finalspiel“ – für Spanien ging es um alles oder nichts – schickten sie den damals amtierenden Welt- und Europameister nach Hause. Das war eine herausragende Leistung. Im Achtelfinalspiel gegen Brasilien spielten sie über eine Stunde lang gut mit, aber danach ließen wohl die Kräfte nach. Zwar konnten die Chilenen das Unentschieden bis zum Ende der Verlängerung halten, aber im Elfmeterschießen verloren sie dann die Nerven und das Spiel. Schade. Rückblickend betrachtet ist es ein Rätsel, warum sich Chile nicht gegen Brasilien durchsetzen konnte. War es einzig Neymar, der den brasilianischen Laden zusammenhielt? Waren die Chilenen eingeschüchtert? Ich hätte es ihnen gerne vergönnt, den Aufstieg ins Viertelfinale, aber ich glaubte zu bemerken, dass sie (noch) nicht die Klasse und Kondition hatten, um ganz vorne mitzuspielen.

Kolumbien  Die sympathischen Kolumbianer fielen durch einen erfrischenden Kombinationsfußball auf und spielten sich in die Herzen der Fans. Den Ausfalls ihres Superstars Falcao konnten sie überraschend gut wegstecken. Maßgeblichen Anteil am Erfolg der kolumbianischen Mannschaft hatte der junge James Rodriguez, der mit sechs Treffern Torschützenkönig des Turniers wurde. Sein Treffer gegen Uruguay (mit der Brust angenommen und volley abgezogen) gehört mit Sicherheit zu den schönsten dieser WM. Im Gegensatz zu Chile oder Costa Rica hatten sie eine Gruppe mit leichteren Gegnern erwischt. Auch der Achtelfinalgegner Uruguay schien keine ernsthafte Hürde darzustellen. Doch im Viertelfinale kam es mit Brasilien zum südamerikanischen Schlager, der weniger mit spielerischen Höhepunkten glänzte als mit Härteeinlagen auf beiden Seiten. Leidtragende waren in beiden Fällen die Spielmacher Rodriguez und Neymar, die ordentlich abgeklopft wurden. Trauriger Höhepunkt dieser unfairen Taktik war das rücksichtslose Tackling gegen Neymar, der mit einer Rückenverletzung vom Feld getragen werden musste. Ob die Brasilianer nur ernteten, was sie in der ersten Halbzeit säten, ist ein strittiger Punkt. Die Begegnung war von Beginn an zerfahren und keine Mannschaft wollte die andere ins Spiel kommen lassen – Brasilien würde ich hier nicht die Alleinschuld geben. Stimmt es, was man so hört, dann sollen südamerikanische Spiele generell härter und rauer geführt werden. Vielleicht hätte der Schiedsrichter gleich von Anfang an rigoroser gegen kleine Mätzchen und taktische Fouls vorgehen müssen. Tja. Wie so oft bei dieser WM, war es der Unparteiische, der die Partie und damit die Spieler nie in den Griff bekam. Wie dem auch sei, die kolumbianische Mannschaft machte einen guten Eindruck und es wäre interessant gewesen, wie sie sich gegen einen starken europäischen Kontrahenten geschlagen hätte. Gegen die beiden Betonmischmaschinen Griechenland (3:0) und Uruguay (2:0) fand Kolumbien jedenfalls ein überzeugendes Mittel. Respekt.

Algerien Für mich die mit Abstand größte positive Überraschung des Turniers. Weil die Mannschaft gegen den späteren Weltmeister Deutschland eine beeindruckende Show ablieferte und nur knapp mit 2:1 verlor. Diszipliniert, technisch und spielerisch sehr stark, körperlich äußerst robust, lauffreudig und bereit, den Extra-Meter zu gehen, brachten sie die Löw-Truppe an den Rand einer Niederlage. Dass es nicht reichte, ist einerseits Teamtorhüter Manuel Neuer zu verdanken, der eine grandiose (aber riskante) Partie spielte, andererseits die mangelnde Kaltblütigkeit der Algerier vor dem gegnerischen Tor. Erst in der Verlängerung, als Kräfte und Konzentration merklich nachließen, mussten die Nordafrikaner die beiden Treffer hinnehmen. Die souveränste Leistung eines Teams in einer Halbzeit gelang im Spiel gegen Südkorea. Wie die Algerier die Asiaten unter Druck setzten und dabei drei Tore erzielten, muss man einfach gesehen haben. Trainer Vahid Halilhodzic zählt für mich zu einem der besten Trainer dieser WM. Mal schauen ob er seine gute Leistung auf türkischer Klubebene mit Trabzonspor bestätigen kann.

Costa Rica Wer hätte noch vor der WM gedacht, dass der Außenseiter der „Todesgruppe“ mit Italien, Uruguay und England auch nur den Funken einer Chance hätte? Niemand! An ihrer soliden Defensive (nur 2 Gegentreffer in fünf Spielen) mit dem überragenden (Neo-Real Madrid) Torhüter Keylor Navas zerbrachen nicht nur Italien, Uruguay, Italien und Griechenland, sondern auch die Niederlande, die sich nach einer Nullnummer erst im Elfmeterschießen durchsetzen konnten. Apropos. Der holländische Trainer van Gaal wechselte für das Elfmeterschießen den Ersatztorhüter Tim Krul ein, der dann tatsächlich zwei Elfmeter parieren konnte. Dass dieser die Elfmeterschützen Costa Ricas mit kleinen Mätzchen aus der Fassung zu bringen versuchte, trübt in meinen Augen das Bild des niederländischen Sieges. Hatte das der amtierende Vize-Weltmeister wirklich notwendig? Oder war die Angst vor Costa Rica, die im Achtelfinale gegen Griechenland alle fünf Elfmeter staubtrocken verwandelten, dermaßen groß? Wie dem auch sei, die Niederlande waren das bessere Team, sie hatten mehrere Stangenschüsse und ließen so manchen Sitzer sträflich aus. Costa Rica wurde im Viertelfinale die Grenzen aufgezeigt. Aber das Beispiel Costa Rica zeigt, zu welchen Leistungen ein Underdog fähig ist. Ja, für viele war das kleine Land das Salz in der WM-Suppe. Köstlich!

USA Ei, Trainer Klinsmann hat aus durchschnittlichen und in Europa unbekannten Spielern eine formidable Fußballmannschaft geformt, die es bis ins Achtelfinale schafften und dort gegen Belgien eines der denkwürdigsten Spiele ablieferten. US-Torhüter Tim Howard hatte in dieser Begegnung mehr Bälle zu halten als jeder andere Torhüter in einem Achtelfinale, ever! Es ist bewundernswert, dass die US-Mannschaft gerade gegen Belgien, dem Geheimfavorit der WM, eine offensive Spielweise an den Tag legen wollte. Ein Schlagabtausch hätte es wohl werden sollen, aber dazu waren die US-Boys nicht spielstark genug. Der Versuch der US-Mannschaft sich gegen die rollenden Angriffe der Belgier zu stemmen, war großes Kino! Muss man gesehen haben. An Dramatik war das Spiel kaum zu überbieten. Auch wenn die Klinsmann/Herzog-Truppe unterlegen war, so hatte sie doch den (glücklichen) Sieg auf dem Fuß. Schade, schade. Mir gefällt diese so unbekümmerte Spielfreude der US-Amerikaner – ja, sie haben das Fußballerherz am rechten Fleck und auch wenn sie (noch) nicht die spielerischen Qualitäten haben, ihr Bereitschaft, alles zu geben, ist überzeugend. Es wird meiner Meinung nicht mehr lange dauern, bis eine effiziente und schlagkräftige US-Fußballtruppe jeder Mannschaft aus Europa oder Südamerika die Stirn bieten kann.

Spanien Tja. Wer hätte gedacht, dass der Welt- und Europameister bereits in der Gruppenphase ausscheiden würde? Das erste Spiel gegen die Niederlande war eine Hinrichtung, die keinen Zweifel ließ, dass die glorreiche Zeit des vernationalten Barca-Ensembles vorbei war. Die spanischen Spieler wirkten müde und unkonzentriert – vielleicht war es der kräfteraubende Liga-Dreikampf zwischen Barcelona, Real Madrid und Athletico Madrid, der bis zum letzten Spiel andauerte. Dass Trainer-Urgestein Del Bosque auf Athletico-Stürmer Diego Costa setzte, der ein Fremdkörper in der Mannschaft war, konnte bereits als Zeichen gewertet werden, dass er dem althergebrachten Spielsystem nicht mehr vertraute. Dass er im Tor auf Legende Iker Casillas setzte, der in der abgelaufenen Saison bei seinem Verein Real Madrid nicht mehr die erste Wahl war, darf als  eine noble, wenngleich riskante Geste gewertet werden. Die Patzer, die sich Casillas im ersten Spiel leistete, passten freilich zum schwachen Auftritt der ganzen Mannschaft. Die spanischen Funktionäre werden – wohl oder übel – die goldene Generation verabschieden und eine neue Nationalmannschaft auf die Füße stellen müssen. Am Spielermaterial sollte es nicht scheitern. Die spanische Vormachtstellung im Weltfußball ist jedenfalls mal dahin.

Frankreich Der fulminante Auftaktsieg – ohne den zu Hause gebliebenen Ribbery – gegen die Schweiz (5:2) kam überraschend – erfreute aber Fans und Analytiker. Schon glaubte man, dass die Franzosen endlich zu ihrer alten Stärke zurückfinden würden. Aber im angekündigten Achtelfinal-„Schlager“ gegen Deutschland zeigte sich, dass die Mannschaft von Trainer Deschamps noch nicht die Qualität und das Gefüge besitzt, um Weltspitze zu sein. Doch man sollte nicht gar zu kritisch mit den Franzosen sein, ist doch die gezeigte Leistung eine löbliche Steigerung gegenüber der blamablen Vorstellung während der letzten Weltmeisterschaft. Ich denke, die Grande Nation ist auf dem besten Wege.

Italien Mamma mia! Italien ist am Sand. Zwar konnte die Squadra Azzurra ihr Auftaktspiel gegen eine schwache englische Mannschaft gewinnen, aber dann war Schluss. Gegen Außenseiter Costa Rica 0:1 verloren. Das Schicksalsspiel gegen Uruguay – mit Beißer Suarez – ebenfalls mit 0:1 verloren. Finito. Heimreise. Nach 2010 bereits das zweite Aus in einer WM-Gruppenphase. Unverständlich. Weil es nicht an der Qualität der Spieler liegen kann, die in Top-Clubs auf höchstem Niveau ihre Brötchen verdienen. Sieht man sich die drei Spiele der italienischen Nationalmannschaft an, so fehlt den Spielern eindeutig das Feuer, die Leidenschaft, sicherlich auch Mut und Selbstvertrauen. So war der „gezähmte Widerspenstige“ Balotelli nur noch ein Schatten seiner einstigen Durchschlagskraft. Während sich die Franzosen in dieser WM aus dem Sumpf ziehen konnten, stecken die Italiener mehr denn je drin. Quo vadis, Italien?

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Meine Elf der WM 2014

Keylor Navas (Costa Rica)

 Lahm (D), Mascherano (ARG), Garay (ARG), Blind (NL)

Schweinsteiger (D), James Rodriguez (COL), Müller (D)

Neymar (BRA), Messi (ARG), Robben (NL)

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die dramatischsten Spiele der WM 2014

Griechenland : Elfenbeinküste 2:1

Deutschland : Ghana 2:2

Belgien : USA 2:1 n. V.

Deutschland : Algerien 2:1 n. V.

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die denkwürdigsten Spiele der WM 2014:

Brasilien : Deutschland 7:1

Spanien : Niederlande 1:5

Schweiz : Frankreich 2:5

Südkorea : Algerien 2:4

WM2014: Tag#25 Finale Deutschland : Argentinien

Weltmeister der Fußball WM 2014: Deutschland

Deutschland : Argentinien 1:0 n. V.

Na, das letzte Spiel dieser WM hatte es wahrlich in sich. Spannend bis zum Abwinken respektive Abpfiff. Man muss beiden Mannschaften zu ihrer Einstellung gratulieren. Deutschland, gleich vorweg, hat die überzeugendste Mannschaftsleistung aller Turnierteilnehmer geboten und ist deshalb für mich ein verdienter Weltmeister. Aber es hätte auch anders kommen können, im gestrigen Finalspiel. Ein fürchterlicher Rückpass von Kroos wird zu einer Maßflanke für Higuain, der plötzlich alleine vor Torhüter Neuer auftaucht. Nach 21 Minuten hätte Argentinien in Führung gehen müssen – aber Higuain, der seiner Form seit dem ersten Spiel hinterherläuft, trifft nicht mal das Tor. Als er dann doch ins Tor traf, stand er im Abseits. Sein Ersatzmann Palacio machte es in der Verlängerung auch nicht besser, als er eine gute Einschussmöglichkeit kläglich vergab. Und Messi? Auch er hatte den Führungstreffer am Fuß und man kann davon ausgehen, dass er das Tor gemacht hätte, wäre er in Form gewesen. Einzig Lavezzi überzeugte mich mit starken Antritten und forschem Pressing – warum ihn Trainer Sabella nach der Halbzeit gegen den rekonvaleszenten Agüero ersetzte, bleibt eines der Rätsel dieses Finalspiels und kostete vielleicht sogar dem argentinischen Team den Weltmeistertitel. Für mich steht fest, dass ein Lavezzi viel mehr Unruhe und damit Unsicherheit in die deutsche Hintermannschaft gebracht hätte. Wie dem auch sei, an diesem Tag, man muss es sagen, scheiterte Argentinien an ihren formschwachen Offensivkräften. Der Ausfall des in den Vorrunden so gut aufspielenden Di Maria schmerzt deshalb doppelt und dreifach.

Das deutsche Team hätte übrigens ein weiteres Mal mit ihrer Geheimwaffe – Standardsituationen – den Weg zum Sieg ebnen können, aber Höwedes traf nach einem Eckball nur die Stange. Apropos. Höwedes hatte Glück, dass der italienische Schiedsrichter Rizzoli sein derb-brutales Grätschfoul nur mit gelb ahndete. Über rot hätte sich keiner beschweren dürfen. Ja, und dann, in der 57. Minute wurde einem wieder bewusst, wie nah spielerisches Genie und brutaler Wahnsinn bei Torhüter Neuer zusammenfallen: um einen durchbrechenden Higuain vom Ball zu trennen, springt er mit angezogenem Knie seitlich gegen den Mann und streift dabei mit seinem Knie den Kopf von Higuain. Meine Güte. Diese Aktion erinnerte frappant an die WM 1982, als der deutsche Teamtorhüter Harald ‚Toni‘ Schumachers mit einer ungestümen Sprungattacke den Franzosen Battiston von den Beinen holte. Battiston, der dabei zwei Zähne verlor, musste bewusstlos vom Feld getragen werden. Dass der Schiedsrichter aber auf ein Stürmerfoul von Higuain entschied, ist völlig unverständlich – schließlich war er es, der den Ball führte und Neuer, der ihn förmlich angesprungen ist. Da sich das Ganze im Strafraum ereignete, wäre eine rote Karte für Neuer und ein Elfmeter für Argentinien nicht falsch gewesen. Kurz und gut: die Deutschen hatten gestern das Glück an ihrer Seite – oder war es schlicht und einfach das Glück des (spielerisch) Tüchtigen?

Ja, tüchtig war es, das deutsche Team, das von der ersten Minute an frech und mutig drauf los spielte, obwohl Löw den beim Aufwärmen verletzten Khedira vorgeben und durch den noch jungen und unerfahrenen Kramer ersetzen musste. Interessant, dass Löw bereits nach einer halben Stunde gezwungen war, den offensiveren Schürrle für Kramer zu bringen, da dieser nach einem Zusammenstoß sichtlich benommen war. Wurde somit Löw ein weiteres Mal – nach Mustafi – zu seinem goldenen Händchen gezwungen? Einen Begleitservice für Messi, der nur selten in Erscheinung trat, gab es nicht. Das Spiel avancierte zu einem fröhlichen Hin und Her – die größeren Spielanteile hatten natürlich die Deutschen, die versuchten, im Mittelfeld die Kontrolle zu übernehmen und ihr Offensivspiel vor dem gegnerischen Strafraum zu zünden. Trainer Löw perfektionierte für die deutsche Nationalmannschaft die Taktik Bayerns unter Gardiola, der ein vertikales Tiki-Taka forciert und bei Ballverlust ein geordnetes Pressing in der gegnerischen Hälfte verlangt. Die Verteidigungslinie steht deshalb sehr hoch und verlangt äußerste Konzentration von allen Beteiligten. Wie man im Spiel gegen Algerien gesehen hat, läuft man bei dieser Taktik Gefahr, mit Bällen, die hinter die Verteidiger gespielt werden, ins offene Messer zu laufen. Vor Nachahmung wird deshalb gewarnt (ich kann mich an ein Spiel der österreichischen Nationalmannschaft erinnern, viele Jahre muss es jetzt her sein, wo eine hohe Verteidigungslinie versucht wurde und grässlich endete). Am besten funktioniert diese offensive Ausrichtung natürlich dann, wenn der Gegner „aufmachen“, also offensiver werden muss. Die sich dadurch ergebenden Räume können spiel- und laufstarke sowie intelligente und disziplinierte Spieler tödlich ausnutzen – gut zu sehen beim Gruppenspiel der Deutschen gegen Portugal (4:0) und beim Halbfinalspiel der Deutschen gegen Brasilien (7:1).

Der Siegestreffer im gestrigen Finale fiel schließlich in der 113. Minute! Flanke von Schürrle auf Götze, der den Ball mit der Brust annimmt und aus spitzem Winkel mit seinem schwachen linken Fuß ins lange Eck einschießt. Respekt. Eigentlich hatte ich Götze ja schon als formschwach abgestempelt, aber wie man sieht, darf man keinen Spieler der deutschen Nationalmannschaft gänzlich abschreiben (mit Ausnahme vielleicht von Özil – andererseits reichte seine in diesem Turnier wohl nur durchschnittliche Leistung allemal). Thomas Müller, die personifizierte Torgefahr, fand gestern kaum Chancen vor – zu gut war das argentinische Bollwerk rund um Mascherano eingestellt. Wenn man die Leistung des deutschen Teams veranschaulichen möchte, dann reicht ein Blick auf Schweinsteiger, der 122 Minuten lang rackerte und rackerte und rackerte. Fast schien es, als würde er den Ausfall von Khedira alleine Wett machen und für zwei spielen wollen. Beeindruckende kämpferische, aber auch spielerische Leistung! Applaus. Vorhang.

WM2014: Gedanken zum kleinen und großen Finale

Heute Abend steigt die entnervte brasilianische Nationalmannschaft ein letztes Mal in den Ring. Ihr Gegner ist ein enttäuschtes niederländisches Team, das sich für die knappe Niederlage im Halbfinale mit einem dritten Platz entschädigen möchte. Vielleicht. Aber das große Fragezeichen sind die Brasilianer selbst – seien es die Spieler auf dem Rasen, seien es die Fans auf den Rängen. Wie werden die Spieler nach der desaströsen 7:1-Schlappe auftreten? Werden sie zu Hause ein fürchterliches Auswärtsmatch bestreiten müssen? Ausgebuht und ausgepfiffen von ihren eigenen Landsleuten, die sie noch vor einer Woche in den Himmel gejubelt und als kommenden Weltmeister gefeiert haben? Ja, so schnell kann es gehen, im Fußball. Ähnliches könnte den Löw-Mannen widerfahren, wenn sie – recht unwahrscheinlich – einen so gut wie sicher scheinenden Weltmeistertitel im letzten Spiel aus der Hand geben.

Aber wie hoch sind nun die Chancen Deutschlands auf einen Sieg im Finale gegen Argentinien wirklich? Sieht man sich die letzten Ergebnisse beider Mannschaften an, dann dürften die Löw-Mannen klar im Vorteil sein. Das Juwel des deutschen Teams ist das Mittelfeld mit Schweinsteiger, Khedira, Kroos und Müller – ein Besseres wird man gegenwärtig nicht finden und es erinnert bereits an die „gute“ alte Zeit, als Xavi, Iniesta und Alonso alle Gegner (und Zuschauer) mit Tiki-Taka zermürbten und die spanische Nationalmannschaft beinahe im Alleingang zum Welt- und Europameistertitel spielten. Und im Tor der Deutschen, gibt es da nicht noch einen Neuer, der in entscheidenden Momenten goldrichtig steht und die Nerven hat, Risiko zu gehen? Seine Abwehrleistungen, innerhalb und außerhalb des Strafraums, sind beachtlich. Und dann gäbe es da noch Routinier und Strafraumknipser Klose, der immer wieder für ein Tor gut ist. Er spielt unspektakulär, aber effektiv und kommt er von der Bank ist er sofort konzentriert und fokussiert. Jeder Trainer würde sich solch einen Stürmer wünschen. Über den Ausnahmespieler Lahm, einem der besten Außenverteidiger auf der rechten Seite, muss man nicht viel Worte verlieren, er kann ein Spiel lesen, weiß, wo er zu stehen, wohin er zu laufen hat und behält bei wichtigen Tacklings die Nerven. Innenverteidiger Hummels hat gerade gegen Frankreich gezeigt, dass er das Stellungsspiel beherrscht, ansonsten ist er noch nicht ernstlich geprüft worden. Wäre Hummels im Spiel gegen Algerien die bessere Wahl als Mertesacker gewesen? Die Indizien sprechen dafür – trotzdem sollte man nicht vergessen, dass Mertesacker in der englischen Liga seine Brötchen verdient und es da mit pfeilschnellen Stürmern zu tun bekommt. Boateng ist okay, Höwedes zuweilen überfordert und Özil (nicht zentral, sondern mit Höwedes auf der linken Seite) nimmt sich bewusst unbewusst zurück. Energiebündel Schürle kann der Mannschaft nötige Offensivimpulse geben, aber in seiner Chancenverwertung pendelt er zwischen Genie und Wahnsinn. Und Götze, oftmals als Wunderkind gepriesen, nun, er bringt gegenwärtig keinen Fuß auf den Fußballplatz, trotz seines Tores gegen Ghana – das wiederum, passend zu seiner momentanen Form, recht peinlich wirkte.

Die Argentinier können mit dieser individuellen Teamstärke freilich nicht mithalten. Beinahe ist man versucht zu glauben, dass die Argentinier – wie weiland das deutsche Team – als Mannschaft funktioniert, die sich von Spiel zu Spiel steigern kann. Messi dominiert nicht mehr wie früher das argentinische Spiel, jedenfalls nicht für 90 Minuten, aber er strahlt Gefahr aus. Das alleine reicht, um das Angriffsspiel des Gegners zu zügeln. Vergessen wir dabei nicht, dass er Argentinien beinahe im Alleingang ins Halbfinale brachte. Drei Schüsse, ein genialer Pass! Braucht es im gegenwärtigen Fußball tatsächlich nicht mehr, um bis ins Finale einer Weltmeisterschaft vorzustoßen? So einfach ist es freilich nicht. Natürlich braucht es jene „Wasserträger“, die den „Laden“ hinten dicht machen können. Dafür sorgen neben Ex-Bayern-Spieler Demichelis, Garay, Zabaleta und dem junge Rojo vor allem der defensive Mittelfeldregisseur und -rackerer Javier Mascherano von Barcelona. Hätte er im Halbfinalspiel nicht in letzter Sekunde Robben den Ball vom Fuß geholt – es würden wohl die Niederländer im Finale stehen. Eine positive Entdeckung ist Ezequiel Lavezzi – der linke Flügelstürmer, der nur durch die Verletzung von Superstürmer Agüero in die Mannschaft rückte, beeindruckte durch eine ordentliche Defensiv- und Offensivleistung und passt gut in das argentinische Defensivkonzept. Auf der anderen Seite ist ein fitter Agüero – neben Higuain – natürlich Gold wert. Man kann sich gut vorstellen, wie die Offensiv-Achse Agüero – Higuain – Di Maria und Messi jeden Gegner an die Wand spielt – vorausgesetzt, die Spieler sind fit und halbwegs in Form, was bei dieser WM leider nicht der Fall war und ist. Schade, schade. Während Löw keine Ausfälle zu beklagen hat, muss Sabella mit Di Maria einen der besten Offensivakteure vorgeben und kann den rekonvaleszente Agüero nur von der Bank bringen.

Das Spiel gegen Argentinien wird für das deutsche Team jedenfalls ein Geduldsspiel werden. Im Gegensatz zu übermotivierten Brasilianern dürften die Argentinier – wie in den vorangegangenen KO-Spielen – die Pferde im Stall lassen und vorerst nur mal den Mist wegräumen, heißt defensive Drecksarbeit verrichten. Jene Mannschaft, die das erste Tor macht, wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit den Pokal abholen dürfen. Das wissen beide Trainer nur zu gut, somit ist die Marschrichtung vorgegeben: Kontrollierte Offensive der deutschen Mannschaft (immer mit einem Auge auf Messi) und kontrollierte Defensive der argentinischen Mannschaft (immer mit einem Auge auf Messi). Man wird versuchen, dem Gegner keine Räume anzubieten und auf diese Weise versuchen, das gefährliche Kombinationsspiel vor dem eigenen Strafraum zu unterbinden. So lange kein Tor fällt, dürfen wir uns auf eine Wiederholung des Halbfinalspiels zwischen Argentinien und den Niederlanden gefasst machen. Sollte ein frühes Tor fallen, wird die andere Mannschaft an ihrer Spielweise noch nichts ändern und erst in den vielleicht letzten zwanzig Minuten das Spiel offensiver gestalten. Davon gehe ich mal aus.

Ich habe mir übrigens die erste Hälfte des Spiels respektive der Demütigung zwischen Brasilien und Deutschland ein weiteres Mal in aller Ruhe angesehen. Man konnte mit freiem Auge erkennen, dass zwei brasilianische Spieler äußert übermotiviert in das Spiel starteten – zum einen der linke Außenverteidiger von Real Madrid Marcelo und zum anderen der Innenverteidiger von Chelsea David Luiz. Marcelo legte von der 1. Minute eine offensive Spielweise an den Tag. Jeder weiß – auch Trainer Scolari -, dass die Stärke von Marcelo im Agriffsspiel liegt. In Kombination mit dem linken Flügelstürmer Hulk, der träge und defensiv überfordert war, musste ein Ballverlust von Marcelo am gegnerischen Strafraum gravierende Folgen haben. Im Besonderen, wenn der Gegner Deutschland heißt, das im Umschalten von Defensive auf Offensive weltmeisterlich ist. Da weder das defensive Mittelfeld der Brasilianer noch die beiden Innenverteidiger in der Lage waren, die Löcher auf der linken Seite zu stopfen, war ein Torreigen vorprogrammiert. Wie dem auch sei, ich würde das Halbfinalspiel auf rund 30 Minuten zusammenkürzen: Bis zum 2. Treffer in der 23. Minute und dann wieder von der 85. Minute bis zum Abpfiff. Somit wäre das Spiel 2:1 ausgegangen – was dem tatsächlichen Kräfteverhältnis recht nahe kommt. Alles, was in der einen Stunde, zwischen der 24. und 84. Minute passierte, sollte man einfach ausblenden, da die Löw-Truppe in keiner Weise gefordert wurde und sie mehr oder weniger ein Trainingsspiel absolvierte. Interessant ist bei alledem, dass Marcelo in den ersten Minuten tatsächlich gefährlich in den deutschen Strafraum eindringen konnte und nur durch ein perfektes Tackling von Lahm an einen Torschuss oder Pass gehindert werden konnte. Man stelle sich vor, Lahm wäre zu spät gekommen und hätte ein Foul gemacht! Wäre dann Scolaris „alles-oder-nichts“-Taktik aufgegangen? Denn für mich steht außer Frage, dass Scolari das Heil in der Offensive sah und seine Mannschaft anwies, auf dem Feld entsprechend zu agieren. Tja. Wer hätte auch ahnen können, dass die Mannschaft nach gerade einmal 10 Minuten wieder einmal durch eine Standardsituation erfolgreich sein würde? Das ist eigentlich ihre wahre Stärke und, wenn man so will, das Geheimnis ihres Erfolges.

Zurück zum Finalspiel, wo auffällt, dass beide Mannschaften so gut wie nie einen Rückstand aufholen mussten – Ausnahme ist das Gruppenspiel Deutschlands gegen Ghana, als sie etwa 8 Minuten einem Tor nachliefen. Im Gegensatz dazu waren die Niederländer Weltmeister, wenn es darum ging, ein Spiel noch umzudrehen (gegen Spanien, Australien, Mexiko). Auch schon was, nicht?

WM2014: Tag #23 Halbfinale Argentinien : Niederlande 0:0 4:2 n.E.

Argentinien : Niederlande 0:0  4:2 n. E.

Es war wohl zu erwarten, diese Nullnummer nach 120 Minuten. Weil beide Mannschaften bis dato auf eine stabile Defensive, disziplinierte Ordnung und kontrollierte Offensive setzten. Will heißen: hinten dicht machen und hoffen, dass vorne irgendwie das Tor gelingt. Dass diese „griechische“ Taktik Erfolg hatte und beide Mannschaften ins Halbfinale führte, ist vor allem Messi respektive Robben zu verdanken. Vor Nachahmung wird deshalb gewarnt. Mit einem ähnlichen Spielkonzept reisen übrigens für gewöhnlich die Underdogs, die Außenseiter zu einer Weltmeisterschaft – deren Trainer wissen, dass es gegen große Mannschaften nichts zu holen gibt, würde man ein offenes Spiel wagen. So macht es fußballerisch Sinn, dass beispielsweise der Iran oder Algerien – durchaus erfolgreich – auf diese Taktik setzten. Überraschend ist, dass sich solch große Kaliber wie Argentinien und Niederlande dieser Taktik bedienen. Bedeutet es nicht im Umkehrschluss, dass sie auf einer Stufe mit dem Iran oder Algerien zu stellen sind – von ihrer fußballerischen Einstellung her gesehen?

Das gestrige Halbfinalspiel erinnerte an das Achtelfinale zwischen Argentinien und der Schweiz. Der einzige Unterschied mag sein, dass damals die Entscheidung nicht im Elfmeterschießen, sondern gerade noch rechtzeitig vor Ende der Verlängerung durch ein Tor von Di Maria fiel. Aber sonst gab es nichts Neues unter der brasilianischen Sonne. Offensivfußball oder wenigstens die Intention, ein Tor aus dem Spiel heraus zu machen, fehlte. Risiko wollte keine der beiden Mannschaften nehmen. Hin und wieder erreichte das Aufflackern eines gefährlichen Spielzugs das müde Auge des Zuschauers. Für Sofa-Taktiker und Couch-Analytiker war es natürlich eine Lehrstunde des modernen Catenaccios. Ob man das sehen möchte, als Fußballfan, diese Frage wird erst gar nicht von Trainern und Funktionären gestellt. Der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel und ein Sieg ist, ja, ein Sieg. Das erste Halbfinalspiel hat deutlichst gezeigt, was geschieht, wenn eine Mannschaft Ordnung, Disziplin und Kopf gegen ein Weltklasse-Team verliert. Gut möglich, dass diese siebentorige Demütigung viele Teamtrainer anhält, ihrem Spielkonzept noch mehr Beton beizumischen. Die Argentinier, davon können wir mal ausgehen, werden für das Finale die Betonmischmaschine (Made in Italy) anwerfen. Verständlich.

Das argentinische Team hat mir gestern besser gefallen als jenes der Niederländer. Vielleicht haben die Südamerikaner um ein Alzerl mehr Fußball spielen wollen, aber mit Sicherheit haben sie mehr gekämpft und geblutet und sich den einen oder anderen Brummschädel abgeholt. Das verdient Respekt und Hochachtung.  Noch mehr, wenn man sich vor Augen führt, dass die Mannschaft mit Beginn der zweiten Halbzeit mit einem Mann weniger auskommen musste. Messi, obwohl (angeblich) am Spielfeld, war nicht zu sehen. Aber diese potenzielle Torgefahr, die er ausstrahlte, schreckte die Niederländer dann doch so sehr, dass sie immer ein Auge auf Messi hatten, ja, Trainer van Gaal ging sogar so weit, ihm einen Sonderbewacher zur Seite zu stellen. Damit zementierte der Trainerfuchs aber in den Köpfen seiner Spieler, dass dieser Messi – so unscheinbar er gestern wirkte – tödlich gefährlich sein müsse und wehe, man würde ihn auch nur für einen Augenblick von der Leine lassen. Ob das der niederländischen Entscheidungsfindung geholfen hat, wage ich zu bezweifeln.

Und Robben? Ja, der war auch am Feld und spielte mit. Versuchte es wenigstens. Aber gibt ihm der Gegner, der tief steht, wenig Raum, sichert dieser die Seiten doppelt ab, dann kann Robben keine Geschwindigkeit aufnehmen, ergo verpufft die Gefährlichkeit des niederländischen Ausnahmekünstlers. Wenn ich mich recht erinnere, war Robben in den 120 Minuten gerade ein Mal im gegnerischen Strafraum – wurde aber durch den überragenden Mascherano fair vom Ball getrennt. Torschüsse der Niederländer im ganzen Spiel? Nüll! Bei Messi gab es in der ersten Hälfte Ansätze eines Dribblings. Hört, hört. Und die zwei argentinischen Chancen, die möchte ich natürlich erwähnen. Auch schon was.

Höhepunkte im Spiels gab es keine. Das Elfmeterschießen war dann natürlich an Spannung nicht zu überbieten, weil der niederländische Innenverteidiger Vlaar gleich mit seinem ersten Schuss am argentinischen Torhüter scheiterte. Dumm gelaufen. Noch mehr, da Sneijder, ja, Sneijder seinen Elfmeter ebenfalls nicht verwandeln konnte. Wer hätte das gedacht? Die argentinischen Schützen ließen auf der anderen Seite nichts anbrennen. Das war’s dann auch schon wieder, mit Spannung.

Auf das Finale zwischen Deutschland und Argentinien darf man sich als Couch-Analytiker freuen. Immerhin gilt es zu beobachten, was Trainer Löw gegen diesen disziplinierten und bestens geordneten Gegner aus dem Taktik-Hut zaubern wird. Messi, so unscheinbar er auch wirken mag, er ist und bleibt torgefährlich und kann – wie er bereits mehrmals bewiesen hat – im Alleingang ein Spiel entscheiden. Setzt Löw deshalb ebenfalls auf einen Begleitservice? Da Deutschland als Favorit in das Finale geht, wird die Mannschaft das Spiel machen müssen. Das argentinische Team kann demnach das eingespielte Defensivsystem beibehalten, muss aber hoffen, dass der Gegner kein Tor macht – beispielsweise durch eine Standardsituation. Denn wenn das Turnier eines gezeigt hat, dann ist es, dass eine argentinische Mannschaft im Offensivmodus auf ziemlich wackeligen Beinen steht. Und wenn ich eines ganz sicher nicht sehen möchte, am 13. Juli, dann ist es eine einseitige Angelegenheit oder eine weitere Demütigung. Wie dem auch sei, möge die bessere Mannschaft gewinnen.

WM2014: Tag#22 Halbfinale Deutschland : Brasilien 7:1

Deutschland : Brasilien  7:1

[Meine gebloggten Gedanken vor dem Spiel:] Ja, die (deutsche) Mannschaft wird in einen Hexenkessel geworfen – und es wird sich zeigen, ob die Spieler im Druckkochtopf des Mineiraos zusammenschmelzen oder auseinanderbrechen. Ich gehe davon aus – als Schriftsteller sei es mir erlaubt, die Plattitüde zu trällern -, dass nach dem Spiel nichts mehr so sein wird, wie es war.

 

Ich tue mir schwer, Worte für zu finden, für das, was gestern in Mineiraos passierte. Es war, man muss es an dieser Stelle sagen, kein Fußballspiel. Es war die Demütigung nicht nur einer gegnerischen Mannschaft, sondern einer ganzen Nation. Gewiss, die Mannschaft hat gezeigt, dass mit ihr nicht zu spaßen und schon gar nicht zu verhandeln ist. Ein Motor, der, einmal angeworfen, seinen Dienst verrichtet. Aber das ist nichts Neues unter der deutschen Sonne. Wir wissen, zu welchen Höchstleistungen die deutsche Nation fähig ist. Im Sportlichen wie im Weltlichen. Wie konnte es aber geschehen, dass nach Abpfiff des Spieles die Fußballweltmeisterschaft nur noch als Farce zu begreifen ist? Ist das gestrige Ereignis als spielerisches Pendant zur Vergabe der übernächsten WM an Katar zu verstehen? Man wir das Gefühl nicht los – Torlinientechnologie hin oder her – dass etwas faul im Staate FIFA ist. Und weil ich weiß, was ich weiß, würde es mich nicht wundern.

Zurück zum Spiel, pardon, zur Demütigung. Eigentlich begann alles wie gehabt. Die deutsche Mannschaft, von der überwältigenden Atmosphäre im Stadion ein klein wenig verunsichert, steht in den ersten Minuten kompakt und sicher, während die Brasilianer, von Euphorie getragen, das Spiel in die Hälfte ihres Gegners bringen wollen. Scheinbar hat man weder Spielern noch Trainer Scolari gesagt, dass ihr Gegner die deutsche Nationalmannschaft ist – und gegen diese gibt es keine halbe Sachen, da gibt es nur ein entweder-oder. In der 11. Minute – Eckball/Standardsitutation – wird Müller im Strafraum sträflich allein gelassen (in der Wiederholung sieht man, dass sein Bewacher Luiz von Klose (fair) behindert wird) und er schiebt den Ball zum Führungstreffer trocken ein. Tja. Da dachte man noch nicht, dass die Sache entgleisen würde. Wie viele Spiele bei dieser WM wurden noch umgedreht, also nach einem Verlusttreffer doch noch gewonnen? Es waren ja noch mehr als 80 Minuten zu spielen. Zeit genug, um den Deutschen ein Ding reinzuhauen, nicht? Aber dann, ja, dann kamen jene rund sechs oder sieben Minuten, die die Fußballwelt noch nicht gesehen hat. In dieser kurzen Zeitspanne schossen die Deutschen vier, ja, vier Tore! Besser: die Brasilianer luden die Deutschen ein, ihnen die Tore zu machen. Kann man nicht glauben. Muss man aber. Pausenstand war demnach 5 : 0. Wir sprechen hier von einem Halbfinalspiel. Yep.

Hätte man beispielsweise die färöische Fußballnationalmannschaft  auf den Platz gestellt, sie hätte es wohl auch nicht besser oder schlechter als die gestrige Scolari-Truppe gemacht. Das ist die Crux bei der ganzen Sache. Wenn eine der vier weltbesten Fußballteams von einer Nationalmannschaft, die den 170. Weltrang einnimmt, ersetzt werden könnte, welche Berechtigung hat dann noch so ein Turnier? Schlimme und fürchterliche Niederlagen, gewiss, gab es schon immer. Dazu müssen wir gar nicht so weit in die Vergangenheit reisen, es reicht an dieser Stelle nur auf die Gruppenspiele zwischen Niederlande und Spanien (5:1) oder Frankreich : Schweiz (5:2) oder Deutschland : Portugal (4:0) hinzuweisen. Entsetzliche Niederlagen. Ja. Aber diese Spiele sind als Standortbestimmung zu verstehen. Die spanische Tiki-Taka-Fußballphilosophie wurde (endlich) zu Grabe getragen, der französischen Nationalmannschaft wurde (endlich) Leben eingehaucht und den Portugiesen ließ man wissen, dass Fußball immer noch ein Teamsport ist. Diese Spiele verblüfften, überraschten, aber sie schockierten niemanden. Doch nach der Standortbestimmung, nach der Gruppenphase, bleiben für gewöhnlich jene Mannschaften im Rennen, die das Prinzip Fußball verstanden haben. Natürlich sind manche Mannschaften spielerisch besser oder disziplinierter als andere. Das ist nun mal so. Oftmals wechseln sich in den KO-Runden Glück mit Unvermögen und Unvermögen mit Glück ab. Und hin und wieder erwischt die eine Mannschaft einen schlechten, die andere einen guten Tag. Shit happens, ja, aber nicht mit 7 Gegentreffern. Nicht mit 4 Gegentoren in 6 Minuten. Unter keinen Umständen.

Also, zurück zum Start. Das gestrige Spiel war eine Farce. Die deutsche Nationalmannschaft, es tut mir Leid sagen zu müssen, hat genauso ihren Anteil an der Entehrung des WM-Turniers wie die brasilianische Mannschaft. Vielleicht sogar einen größeren. Man erinnere sich an die hitzige Konfrontation zwischen Kapitän Luiz und Thomas „ich-will-Torschützenkönig-werden“ Müller, der mit großem Einsatz dem Brasilianer den Ball abzujagen versuchte. Luiz versuchte Müller klar zu machen, dass sie bereits sechs Tore geschossen hätten und wozu er sich dermaßen hineinsteigere. Müller dürfte es nicht verstanden haben oder wollte es nicht verstehen. Es ist, als würde man in einem Faustkampf auf einen bereits am Boden liegenden Gegner hintreten. Gewiss, es gibt kein Gesetz, keine Regel, dass man es nicht tun dürfe. Aber welches Zeichen sendet das Spiel in die Welt aus? Wie werden unsere Kinder dieses gestrige Ereignis verarbeiten? „Keine Gnade! Immer feste druf!“

Man muss nur das Interview von David Luiz, kurz nach dem Spiel, gehört und gesehen haben, um zu begreifen, was es heißt, auf das Schlimmste gedemüdigt worden zu sein. Herzzerreißend. Wirklich. Wer hier nicht den brasilianischen Abwehrchef trösten und herzen würde wollen, versteht vielleicht viel von Fußball, aber nichts von einem sportlichen Wettkampf. Man hat dem Gegner  Gesicht, Anstand und Würde zu lassen, so es sich um einen fairen sportlichen Wettkampf handelt – das ist meine Meinung. Ist das vielleicht nicht mehr so? Hat der machiavellische Geist – der Zweck heiligt die Mittel – nun endgültig den Siegeszug im Sport und im Fußball angetreten? Ist es das liebe Geld (besser: die Schuldenlast der Vereine!), das den Fußball Stück für Stück in den Abgrund reißt? Ist das Gewinnen so sehr in den Vordergrund gerückt, dass man das Zwischenmenschliche, das Gemeinschaftliche, das Menschliche völlig außer Acht lässt? Oder lebe ich in einer Phantasiewelt und verkläre die Vergangenheit?

Zurück zum Start. Deutschland zieht ins Finale ein. Brasilien wird um den dritten Platz spielen (müssen). Der Finalgegner wird heute zwischen den Niederlanden und Argentinien ermittelt. Beide Mannschaften haben gezeigt, dass sie die defensive Ordnung einigermaßen aufrechterhalten können. Ob das reicht, gegen die entfesselten und von der Leine gelassenen Deutschen, ist fraglich. Die Brasilianer haben nur für kurze Zeit Ordnung und fußballerischen Verstand verloren und wurden dafür schlimm bestraft. Als Finalgegner der Löw-Truppe würde ich mir wohl die Niederlande wünschen (wer hätte gedacht, dass ich das mal schreiben werde?). Warum? Weil die Deutschen wohl mehr Respekt vor Robben & Co als vor Messi & Co haben dürften. Weil die Niederländer in der Lage sind, den Raum eng zu machen, sie verschieben gut, strahlen offensiv eine stete Gefahr aus, haben den amtierenden Weltmeister regelrecht vorgeführt und schließlich gezeigt, dass sie mental und konditionell äußerst stark sind. Und Erzrivalen sind sie obendrein. Was nicht heißen soll, dass Robben und seine Mannen das Ticket fürs Finale schon fix gebucht haben. Da reicht bereits ein einziger Messi-Geniestreich aus, um die Niederländer aus ihren Träumen zu reißen. Weil gegen den angerührten argentinischen Beton ist nur schwer durchzukommen. Man darf gespannt sein.