richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

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EM 2016: Finale – POR : FRA

EM-2016-Finale

Gedanken zum Finale der Europameisterschaft in Frankreich 2016

PORTUGAL : FRANKREICH 1:0 n. V.

Kurios. Nach 13 Minuten humpelte Ronaldo nach einer ungestümen Attacke von Payet den Rasen hinauf und hinunter. Der Geist war willig, aber das geschundene Fleisch schwach – eine viertel Stunde später ließ sich der wohl beste portugiesische Spieler mit Tränen in den Augen vom Feld tragen. Armer Ronaldo, dachten die einen. Guter Payet, die anderen. Ja, Christiano polarisiert die Fans – damals wie heute.

Das Finalspiel selbst war, wie zu erwarten, eine laue, öde Partie. Die Portugiesen wollten nicht, die Franzosen trauten sich nicht. Die Nervosität der Spieler – hüben wie drüben – war ihnen im Gesicht abzulesen. Viel stand auf dem Spiel. Natürlich. Das haben Finalspiele so an sich, hier geht es um das große Ganze. Der zweite Platz ist genauso gut wie der letzte. Nur der Sieg zählt. Wir wissen es. Die Spieler dito. Deshalb beginnt und endet der Kampf im Kopf der Spieler. Wer mental die Oberhand behält, trägt gewöhnlich den Pokal nach Hause – kein Wunder also, dass es an diesem Sonntag in die Verlängerung ging und alles nach einem Elfmeterschießen aussah. Doch zehn Minuten vor dem Ende der Verlängerung nimmt sich der eingewechselte Eder ein Herz und zieht zwanzig Meter vor dem Tor ab. Der scharfe Schuss passte genau in die Ecke. Torhüter Lloris – und damit auch seine Mannschaft – war geschlagen. Dabei hätte Gignac – der für den farblosen Giroud kam – in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit die Entscheidung herbeispitzeln können – aber die Stange hielt die Portugiesen – wie bereits gegen Kroatien – auch diesmal im Spiel.

Wie gesagt, über das Spiel selbst muss man nicht viele Worte verlieren. Es war kein Fußballspiel, vielmehr ein nervöses Abtasten. Dabei hätten die Franzosen nach ihrem überraschenden Sieg gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland und mit dem Heimvorteil im Rücken allen Grund gehabt, mit Verve und élan vitale das Tor zu suchen. Statt dessen versagten Nerven und Beine der sonst so überragenden Spieler des Turniers: Payet, Pogba, Giroud, Griezman.

Man stelle sich vor, die Equipe Tricolore hätte gewonnen und würde in einem Atemzug mit den beiden außergewöhnlichen Siegermannschaften der EM 1984 und der EM 1998 genannt werden. Mon Dieu! Das hätte die besondere Aura der goldenen Generation von Platini & Co sowie Zidane & Co verpuffen lassen. Die Medien und Fans hätten Vergleiche mit der glorreichen Vergangenheit gezogen. Non! Seien wir demnach froh, dass es soweit nicht gekommen ist. Es mag schlimm genug sein, dass eine durchschnittliche portugiesische Mannschaft jenen Pokal nach Hause mitnehmen durfte, der eigentlich der goldenen Generation der EM 2004 gebührt hätte. Figo, Deco, Rui Costa, Maniche, Nuno Gomes, Boswinga usw., sie waren famose Fußballer und hatten das gewisse Etwas. Gerade dieses gewisse Etwas ist dem europäischen Fußball in den letzten Jahren abhanden gekommen. Vielleicht wird die Weltmeisterschaft 2018 das Ende der europäischen Vorherrschaft am grünen Rasen einläuten. Bereits bei der WM 2014 in Brasilien ließen die Newcomer Kolumbien, Chile und Costa Rica aufhorchen, wurde Dauerbrenner Mexiko nur durch ein umstrittenes Robben-Foul aus dem Achtelfinale gekickt, spielte die französische B-Elf der Algerier den späteren Weltmeister schwindlig und zeigten die Amerikaner (wie die Ungarn), dass sie auch bereit waren, mit wehenden Fahnen ins offene belgische Offensivmesser zu laufen. Was den nichteuropäischen Teams bisher gefehlt hat, war diese besondere Abgebrühtheit. Aus Erfahrung gut, kommt einem da in den werbeverseuchten Sinn.

Die diesjährige Europameisterschaft hat jedenfalls gezeigt, dass Einzelleistung vor Mannschaftsleistung ging. Ohne Payet hätte Frankreich die Gruppenphase wohl nicht als Sieger beendet und ohne Griezmann wäre es zu keinem Finalspiel gekommen. Im Übrigen bin ich noch immer der Meinung, dass die französische (genauso wie die englische und spanische) Nationalmannschaft kein funktionierendes Team ist. Beim amtierenden Weltmeister Deutschland liefen viele Spieler ihrer Form hinterher bzw. waren mental ausgebrannt. Gleiches gilt für den letzten Europameister Spanien.

Die beste Mannschaftsleistung gab es meiner Meinung nach von Kroatien und Italien. Hätten die Kroaten im Achtelfinale gegen Portugal nicht mit angezogener Handbremse gespielt, vielleicht würden sie nun den Pokal in Zagreb ausstellen. Und hätten die Italiener statt Zaza nur ein wenig Glück gehabt, würde ganz Italien ihren Fußballpensionisten zujubeln können. Gewiss, es ist müßig, jetzt über vergebene Elfmeter (Österreich!) oder unglückliche Stangenschüsse (Österreich!) zu sinnieren. Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht mehr zu ändern ist, wusste bereits Peter Alexander 1962 zu singen.

Diese Europameisterschaft wird man wohl alsbald vergessen. Erwähnenswerte Spiele gab es wenige. Am besten gefiel mir noch das letzte und entscheidende Gruppenspiel zwischen Albanien und Rumänien. Auf dem Papier hätte es eine müde Partie werden müssen – aber auf dem Rasen war einiges los und das Spiel ließ jedes Fußballherz höher schlagen. Sehenswert natürlich auch die übermotivierten Italiener, die den Spaniern die Grenzen ihres Ballherumgeschiebes aufzeigten. Trainer Löw dürfte so beeindruckt gewesen sein, dass er sich eine spezielle Taktik für Buffon & Co überlegte – dadurch machte er die Italiener (defensiv) stärker und die Deutschen (offensiv) schwächer. Der Schuss hätte demnach leicht nach hinten gehen können. Kurz, Löw hatte keine Eier in der Hose – auch wenn er es hin und wieder nachprüfte. Das Elfmeterschießen entwickelte sich freundlicherweise zum absoluten Thriller. Mon Dieu, was haben wir gelacht.

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EM 2016: Halbfinale 2 – GER : FRA

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Gedanken zum Halbfinale 2 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

DEUTSCHLAND : FRANKREICH 0:2

Wer hätte das gedacht? Der amtierende Weltmeister muss die Koffer packen und Monsieur Griezman darf sich mit Senhor Ronaldo um den Pokal streiten. Das Spiel selbst war, nun ja, ein seltsames. In den ersten Spielminuten erinnerten die Franzosen frappant an die Österreicher in der Begegnung gegen Ungarn. Da wie dort wurde Hals über Kopf das gegnerische Tor gesucht. Wie aufgedreht wirkten die französischen Spieler, während die sonst so abgeklärten Deutschen ein wenig unschlüssig wirkten, da sie nicht wussten, ob das übermotivierte Angriffsfurioso nur ein Strohfeuer darstellte – oder einen Flächenbrand. Nach etwa fünf Minuten war das Feuer erloschen. Die Franzosen bekamen plötzlich Angst vor der eigenen Courage. Mon Dieu, dürften sie erschrocken sein, wir spielen ja gegen den amtierenden Weltmeister, der sogar Italien im Viertelfinale aus dem Turnier kickte. Von da an zogen sich die Franzosen tief in ihre Hälfte zurück und ließen die Deutschen kommen – ein taktisches Konzept, das mehr an Island als die Grande Nation erinnerte und für gewöhnlich nur in die Hose gehen kann. Warum das Defensivkonzept trotzdem aufging, wissen nur die Fußballgötter. Vielleicht hatte auch Recke Schweinsteiger bei alledem – im wahrsten Sinne des Wortes – die Hand im Spiel. Monsieur Griezman verwertete den Elfmeter – Sekunden vor dem Halbzeitpfiff – eiskalt! Eigentlich unvorstellbar, dass er keine Nerven zeigte, bedenkt man, was auf dem Spiel stand.

Die erste Halbzeit war demnach für die Deutschen gelaufen. Dabei hatten sie, wie so oft, mehr vom Spiel. Toni Kroos wird nach dem Abpfiff sagen, sie hätten das beste Spiel im Turnier abgeliefert. Man kann nicht abstreiten, dass der Weltmeister den Ball in den eigenen Reihen halten konnte und den Gegner laufen ließ. Aber Ballbesitz, wie auch Spanien bereits schmerzlich erfahren musste, schießt keine Tore – außerdem ist das nüchterne Tiki-Taka-Ballherumgeschiebe nicht sonderlich schön anzuschauen. Weiters sollte man nicht vergessen, dass eine Mannschaft nur so druckvoll spielen kann, wie es der Gegner zulässt. Frankreich hätte höher verteidigen, hätte mit Gegenpressing den Druck abfedern können – aber dazu bedarf es natürlich das Herz in der Brust, nicht in der Hose. Selten, aber doch, getrauten sich die Franzosen in die gegnerische Hälfte, übten Druck auf den Ballführer aus und stellten die Passwege zu. Siehe da, die Folge war eine deutsche Fehlerkette, die schließlich zum entscheidenden zweiten Treffer führte: Einen Querpass im Strafraum kann der junge Kimmich nicht kontrollieren, der Ball springt ihm einen Meter weit weg; Pogba schnappt sich den Ball, Mustafi – der für den verletzten Boateng ins Spiel gekommen ist – versucht Pogba den Ball abzunehmen, wird aber von ihm schulbuchmäßig verladen, die Flanke kann Neuer weder fangen noch wegfausten, sondern nur ablenken, direkt vor die Füße von Griezman, der den Ball geradewegs ins Tor rollt – Schweinsteigers Versuch, den Schuss zu blocken, kommt um den Tick zu spät – hatte er diese Situation am Ende verpennt?

War die deutsche Mannschaft an diesem Tag die bessere? Non! Wäre sie es gewesen, hätte sie den Sieg davontragen müssen. Der alles entscheidende Faktor war der Umstand, dass die Équip Tricolore einen französischen Müller in Überform auf dem Spielfeld hatte. Während der echte Müller seine Unform auch in diesem Spiel prolongierte und als ›falsche 9‹ den verletzten Stoßstürmer Gomez nicht einmal im Ansatz ersetzen konnte, löste Monsieur Griezman mit seinen beiden Treffern das Ticket fürs Finale. Das Turnier hat gezeigt, dass auch in Zukunft keine Mannschaft auf einen gelernter Stürmer verzichten wird können – Deutschland hat jetzt zwei Jahre Zeit, einen neuen Klose zu finden. Viel Glück bei der Suche.

Da fällt mir ein, dass der italienische Schiedsrichter Nicola Rizzoli auch das Finale der Weltmeisterschaft 2014 gepfiffen hatte. Apropos. Können Sie sich noch erinnern? Torhüter Neuer springt den heranstürmenden Higuain mit angezogenem Knie auf Kopfhöhe an und faustet den Ball weg? In zivilisierten Ländern würde man von Tötungsabsicht, roter Karte und Elfmeter sprechen – aber Rizzoli entscheidet auf ein Foulvergehen von Higuain. Damit hat er den Ausgang des Finales entscheidend beeinflusst. Sogar der Schweizer Ex-Schiedsrichter Urs Meier bekannte im deutschen TV, dass Rizzoli damals falsch lag. Allerhand, diese unrühmliche Aktion vor der Partie gegen Frankreich noch einmal ins Gedächtnis der deutschen Fußballfans zu rufen und so die Saat des Zweifels zu säen.

Nun steht das Finale zwischen Frankreich und Portugal an. Vieles deutet auf einen lauen Stehfußballkick hin. Die letzte Begegnung der Europameisterschaft wird wohl von Einzelaktionen eines Ronaldo bzw. eines Griezman entschieden werden. Vielleicht sollte man am Sonntag ein Nachmittagsschläfchen machen – dann fallen einem nicht bereits Minuten nach Anpfiff die Äuglein zu.

EM 2016: Viertelfinale 4 – FRA : ISL

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Gedanken zum Viertelfinale 4 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

FRANKREICH : ISLAND 5:2

Die alte Hackordnung wurde also wieder hergestellt. Es dauerte keine 20 Minuten, da führte der Hausherr bereits mit zwei Toren und ließ erkennen, dass diesmal die Qualität der Einzelspieler die Oberhand gegen eine geordneten Mannschaftsleistung haben würde. Aber, wie so oft, es hätte auch anders kommen können. Weil die französischen Fans bereits nach wenigen Minuten unzufrieden wurden und das ideenlose Ballgeschiebe der Equipe mit Pfiffen bedachte. Aber in diese Pfiffe hinein war es dann ein hoher Ball in den Rücken der isländischen Abwehr auf den ganz leicht im Abseits stehenden Giroud, der Halldorsson durch die Beine ins Tor schoss. Damit waren die Fans zufriedengestellt, damit fiel der erste große Stein vom Herzen der Spieler. Fünf Minuten später erhöhte Pogba auf 2:0 – und die französische Erleichterung war bis in den letzten Rang des Stadions spürbar. Doch wiederum nur fünf Minuten später hätte es beinahe den Anschlusstreffer gegeben – aber Bödvarsson schob den Ball nicht ins, sondern übers Tor. Man mag sich nicht vorstellen, wie Fans und Spieler der Grande Nation reagiert hätten, wäre Island mit dem Anschlusstreffer noch einmal aufgekommen. Müßig darüber zu sinnieren. In den letzten Minuten der ersten Halbzeit machten Payet und Griezmann alles klar und Frankreich ging mit einer wohltuenden 4:0 Führung in die Pause. In der zweiten Halbzeit taten die Franzosen nur noch das Notwendigste, weshalb die Isländer mehr vom Spiel hatten und sogar noch zwei Tore erzielen konnten. Doch Giroud machte mit dem fünften französischen Treffer den Deckel drauf. C’est ça – das isländische Wunder war damit offiziell beendet.

So beeindruckend die französische Demontage der gefürchteten Isländer auch war, die Equipe ist für mich noch immer nicht zu einer Mannschaft zusammengewachsen. Es sind vor allem überragende Einzelleistungen mancher Spieler, die die bisherigen Begegnungen zu Gunsten Frankreichs entschieden haben. Payet! Griezmann! Giroud! Pogba! Lloris! Das sind sie, die Musketiere Dechamps – der Rest der Bleus tut ihren Job – manchmal besser, manchmal schlechter. Man kann die französischen Ausnahmespieler durchaus mit den deutschen vergleichen – vorausgesetzt Fitness, Tagesverfassung und Moral stimmen:

Lloris = Neuer
Payet = Özil
Griezmann = Müller
Pogba = Kroos
Giroud = Gomez

Was den Franzosen definitiv fehlt, ist ein Boateng, ein Hummels, ein Khedira, ein Schweinsteiger. Ironischerweise sind es gerade die letzten drei, die wohl nicht im Halbfinale spielen werden können. Damit ist der Vorteil der Löw-Truppe so gut wie dahin und es wird wohl auf eine ausgeglichene Partie hinauslaufen.

Was dürfen wir uns vom Halbfinale erwarten? Eine Wiederholung des Viertelfinales Deutschland gegen Italien: Rasenschach, kontrollierte Offensive, wenig Räume und der Versuch, die Taktgeber auf beiden Seiten (Kroos und Pogba) aus dem Spiel zu nehmen. Löw, der auf Solospitze Gomez verzichten muss, wird mit Götze eine „falsche 9“ aufs Feld schicken. Damit ändert sich natürlich die Spielanlage – ob zum Guten oder zum Schlechten wird man erst sehen. Wunder Punkt der Equipe ist und bleibt jedenfalls die marode Defensivleistung – im Gegensatz zu den Deutschen, die im Turnierverlauf noch keinen Gegentreffer aus dem Spiel heraus zuließen.

Kurz und gut, in diesem Halbfinale ist alles möglich – und sollte sich eine Mannschaft in einen Spielrausch spielen, könnte es sogar eine Packung für die andere geben. Das ist freilich unwahrscheinlich – aber das haben wir vor zwei Jahren, bei der Weltmeisterschaft, auch gesagt, als Deutschland das Auswärtsspiel gegen Brasilien bestritt. Der Rest ist bekanntlich Geschichte.

 

EM 2016: Viertelfinale 3 – GER – ITA

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Gedanken zum Viertelfinale 3 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

DEUTSCHLAND : ITALIEN 1:1  6:5 n. E.

Das Elfmeterschießen – 18 Mal musste der Ball auf den Punkt gelegt werden – ging wohl für alle Beteiligten an die Grenze der nervlichen Belastbarkeit. Gerade die sonst so unerschütterlichen und nervenstarken Deutschen zeigten sich nicht nur im Elfmeterkrimi, sondern bereits davor, in den 120 Spielminuten, verunsichert. Der Respekt vor Italien, das noch im Freundschaftsspiel Ende März d. J. mit 4:1 vom Platz geschossen wurde, war nach deren fulminantem Sieg gegen Spanien recht groß. So groß, dass Trainer Löw von der gewohnten 4-5-1-Aufstellung abging und es mit der 3-5-2-Formation versuchte. Im Interview, nach dem Ende des Spiels, begründete er diese Umstellung als Gegenmaßnahme italienischer Offensivbewegungen. Scheinbar hatte Löw das spanische Fiasko analysiert und kam zum Schluss, dass man diese italienische Mannschaft nur mit ihren eigenen Waffen schlagen könne: In der Abwehr massiert stehen, dem Gegner wenig Raum geben und bei Ballgewinn schnell in die Offensive umschalten. Kurz und gut: Der amtierende Weltmeister mutierte von einer offensiven Ballbesitz-Kombinationsfußball- zu einer defensiven Kontermannschaft. Und weil Italien genausowenig das offensive Spiel machen wollte, gab es in den 120 Minuten nicht allzu viele Torchancen zu beklatschen. Ein müder Kick, wenn man so will, der an Polen : Portugal erinnerte. So kam der Führungs- und Ausgleichstreffer mehr zufällig und glücklich zustande. Auf der einen Seite fälschte Bonucci einen Querpass im Strafraum so unglücklich ab, dass Özil den Ball nur noch ins Tor spitzeln musste. Auf der anderen Seite übte sich der sonst so fehlerlose Boateng im eigenen Strafraum in einer Aerobic-Übung, streckte dabei seine beiden Hände in die Höhe und behinderte so einen Flankenball – Ergebnis: Piff! Elfmeter! Ausgleich!

Und so kam, was kommen musste, wenn keine Mannschaft die Entscheidung am Feld sucht: Elfmeterschießen. Es kann einen schon recht nachdenklich stimmen, dass ausgerechnet die verlässlichsten Schützen der deutschen Nationalmannschaft – Müller, Özil und Schweinsteiger – vom Punkt versagten. Auf italienischer Seite wird sich Conte in den Allerwertesten beißen, dass er noch knapp vor Abpfiff der Verlängerung Stürmer Zaza für Verteidiger Chiellini einwechselte, im Glauben, besagter Zaza würde seinen Elfmeter ohne Probleme verwandeln. Tja. Zaza schoss den Ball in den dritten Rang. Hätte er getroffen, es gäbe jetzt ein italienisches Sommermärchen.

Das Spiel hat jedenfalls gezeigt, dass der amtierende Weltmeister keine unbesiegbare Ballbesitz-Maschine ist, die ihre in Ehrfurcht erstarrten Gegner zu Tode kombiniert – vor allem dann nicht, wenn Trainer Löw seinen Spielern ein neues taktisches Kleid aufzwingt. Apropos. Erinnert es nicht an (einen verzweifelten) Marcel Koller, der im letzten Spiel gegen Island ebenfalls mit der 3-5-2-Formation das Unmögliche möglich machen wollte? Theoretisch hätte es den Deutschen wie den Österreichern ergehen können, wäre Italien – wie auch immer – in Führung gegangen. Aber der Erfolg gibt einem Trainer im Nachhinein natürlich immer recht – weil am Ende niemand weiß, ob die Deutschen jetzt wegen oder trotz dieser Umstellung ins Halbfinale eingezogen sind. Unbestreitbar ist jedoch der Umstand, dass Trainer Löw verunsichert wirkte und dass diese Verunsicherung auch auf die Spieler übergegangen sein dürfte – der Nimbus der spielerischen Unbesiegbarkeit verpuffte jedenfalls im Nervenkrimi von Bordeaux.

EM 2016: Viertelfinale 2 – WAL : BEL

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Gedanken zum Viertelfinale 2 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

WALES : BELGIEN 3:1

Die erste Überraschung. Wer hätte das gedacht? Die Waliser waren gut gegen die sonst so offensiv starken Belgier eingestellt, gaben ihnen wenige freie Räume und waren im Angriff selbst immer brandgefährlich. Die belgische Verunsicherung war schon in den ersten Minuten zu bemerken – ein Grund dafür ist in den Abwehrspielern zu suchen, die allesamt jung und unerfahren waren – Trainer Wilmots musste vier Innenverteidiger vorgeben. Ärmstes Schwein war wohl Linksverteidiger Jordan Lukaku (jüngere Brüder des Stürmers Romelu), der sich nach rund zwanzig Minuten mit Gareth Bale auseinanderzusetzen hatte und bald nicht mehr wusste, wie ihm geschieht. Obwohl anfänglich alles für Belgien lief – da funktionierte das Offensivräderwerk noch wie geschmiert. Bereits nach 13 Minuten hämmerte Radja Nainggolan den Ball ins Netz. Sehenswert. Doch dieser Führungstreffer änderte nichts an der Tatsache, dass die belgische Hintermannschaft überfordert war und die Offensivspieler nur wenig zur Entlastung beitrugen. Die Waliser verstanden es, die Wege von Hazard und De Bruyne einzuschränken – überhaupt waren sie defensiv wohlgeordnet und ließen in späterer Folge nicht allzu viele Torchancen zu. Aus der gesicherten Abwehr leiteten sie ihre Angriffe ein, nutzen die Schwächen in der belgischen Verteidigung aus und schlugen bei einem Eckball eiskalt zu. Kopfball. Ausgleich. Damit drehte sich das Spiel. Die walisische Hintermannschaft wurde noch sicherer, noch abgebrühter, während die Vorderleute immer wieder gefährlich in die Spitze gingen. Der Führungstreffer von Robson-Kanu zeigt, wie leicht es ein Stürmer mit unerfahrenen Verteidigern hat – eine Körperdrehung im Strafraum reichte, um drei Belgier dumm aussehen zu lassen – darunter der eingewechselte Fellaini, baumlanger Mittelfeldherumtreiber bei Manchester United.

Die Stärke der Waliser ist einerseits in ihrer Defensivleistung zu sehen, andererseits in ihrer effizienten Torausbeute und dem Quäntchen Glück. Das erinnert bereits an die griechische Europameistermannschaft von 2004, deren Taktik man recht simpel auf den Punkt bringen kann: hinten den Laden dicht machen und vorne mit Standardsituationen das Spiel entscheiden. Dass den Belgiern ein Elfmeter sowie eine mögliche Gelb-Rote Karte für Verteidiger Davies vorenthalten wurde, sollte man fairerweise nicht unter den Teppich kehren. Aber am Ende hat sich dann doch die Mannschaft aus Wales gegen elf Einzelspieler aus Belgien durchgesetzt. Spricht das nicht für den Fußball?

Im Halbfinale bekommen es die Waliser mit Portugal zu tun, das mit Pepe einen der besten Abwehrspieler dieser EM stellt. Ich gehe davon aus, dass er sich nicht so leicht austanzen lässt. Ich erwarte mir ein 120-minütiges Rasenschach. Beide Mannschaften werden demnach versuchen, die Räume eng zu machen und das gegnerische Offensivspiel bereits im Mittelfeld zu zerstören. Auch ein früher Gegentreffer dürfte an dieser Ausrichtung nichts ändern, da beide Trainer wissen, dass man einen Bale, einen Ronaldo nicht von der Leine lassen darf, möchte man nicht in den Allerwertesten gebissen werden. Und eines ist klar: Wer ins Finale einziehen möchte, muss nicht unbedingt nach 120 Minuten gewonnen haben. Siehe Argentinien bei der WM 1990, das sowohl im Viertel- als auch im Halbfinale ins Elfmeterschießen ging und glücklich ins Finale einzog. Ach ja, Irland hat es mit keinem einzigen Sieg nach 90 Minuten geschafft, sogar bis ins Viertelfinale vorzudringen. Soll also keiner die sieglosen Portugiesen schelten.