richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Schlagwort-Archiv: film

Dunkirk oder Die rätselhafte Banalität des Christopher Nolan

Dunkirk_Filmposter

Wer löst das Rätsel?

Ehrlich gesagt, ich war ziemlich verärgert. Was wollte uns Regiewunderknabe Christopher Nolan mit seinem neuesten Streich Dunkirk mitteilen? Die Erzählstruktur, die drei oder vier subjektive Ebenen wie Puzzlesteine miteinander verschränkt, wirkt natürlich modern und anders – wurde aber mit Sicherheit schon besser umgesetzt. Die Bilder sind stimmig und photogen, die musikalische Untermalung in der ersten Hälfte passend, in der zweiten verfällt sie in eine pathetische Klangmalerei. Zu guter Letzt lässt Nolan auch noch einen der geretteten Soldaten Churchills Rede We shall fight on the Beaches zitieren. Ja, wir Briten, wir werden uns niemals ergeben und werden überall kämpfen, wir werden unsere Insel verteidigen, was es auch immer kosten mag und so weiter und so fort. Hätte solch eine Rede die andere Seite ins Mikrofon gesprochen, man würde heutzutage ins Gefängnis gehen, würde man sie hoffnungsvoll zitieren. Aber die Geschichte, wie wir wissen, wird immer nur von den Siegern geschrieben und wenn Napoléon Recht hatte, dann ist Geschichte die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.

Mehr von diesem Beitrag lesen

Advertisements

Gedanken zur ORF-TV-Serie Pregau

pregau_orf_1

Mit der Drehbuchversion meiner Wiener Krimikomödie Schwarzkopf habe ich vor einigen Jährchen zum ersten Mal Bekanntschaft mit der österreichisch-wienerischen Filmlandschaft gemacht. Es gibt natürlich viele heimische Produktionsfirmen, aber nur ganz wenige, die eine TV-Serie oder einen Spielfilm stemmen können. Nebenbei bemerkt sind die größten Player mit dem ORF auf die eine oder andere Art verbunden. Ohne Goodwill des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (und der heimischen Filmförderung) wird für gewöhnlich kein Film- oder TV-Projekt in Angriff genommen. Deshalb werden Quereinsteiger ohne den nötigen Verbindungen mit freundlichen Worten bereits am Eingang abgewiesen. Das Drehbuch spielt bei der Entscheidungsfindung keine Rolle und wird auch nur dann herangezogen, um zu zeigen, dass es nicht zur Umsetzung taugt. Man merkt recht bald, wie der Hase läuft und vor allem wohin, nämlich zum Küniglberg.

Die vierteilige Mini-TV-Serie Pregau: Kein Weg zurück war der Versuch des ORFs (mit Unterstützung der ARD), mit dem altmodischen Heimat-Fernsehen aufzuräumen und bei der jüngeren Generation zu punkten. So wurden Anleihen bei beliebten amerikanischen TV-Serien genommen (perhaps Breaking Bad), ließ man die Zuschauer mit ihrem Smartphone und einer speziell für die Serie entwickelten App („Lügendetektor“) interaktiv am Fernsehgeschehen teilnehmen und versuchte in den sozialen Medien für Stimmung zu sorgen. Löblich.

Die Filmemacher von Pregau und die Verantwortlichen in den ORF-Etagen pokerten mit hohem Einsatz und packten alles ins Drehbuch, was noch eine Fernsehgeneration davor für einen handfesten Skandal gesorgt hätte. Aber die Zeiten ändern sich. Nun scheint es sogar am Küniglberg en vogue zu sein, einen heißblütigen Pfarrer beim Liebesspiel zu zeigen oder den amoralischen älteren Bruder des Familienoberhaupts einen Satz in den Mund zu legen, der gläubige Menschen zutiefst schockieren musste. War es Kalkül? War es Provokation? Ist es einfach passiert? Oder is es eh scho wurscht?

Überhaupt, die Story! Die Ansätze waren gut. Die Ideen frisch. Die Cliffhänger spannend. Aber die Zusammenführung der offenen Stränge mit dem Holzhammer sowie die geistlose Inszenierung des Klimax im vierten und letzten Teil machten alles wieder zunichte. Hätten die Verantwortlichen einfach weniger gewollt, hätten sie sich auf das Wesentliche konzentriert, Pregau hätte durchaus etwas Besonderes (im deutschsprachigen TV-Wald) werden können. Stattdessen stolperte das Drehbuch von einer Exposition zur nächsten – kein Wunder, da viel zu viele Köder ausgelegt worden sind. Die Protagonisten wurden deshalb immer wieder zu Klischee-Figuren oder Drehbuch-Marionetten degradiert, die jenseits des echten Lebens agierten. Die Verantwortlichen hätten sich an der ersten Kottan-Folge orientieren können: Dort wurde die Komödie durch Übertreibung und Zuspitzung in einem realistischen Setting (mit den richtigen Dialekt- und Sprachfärbungen) erzielt. Auf ähnliche Weise hätte die Tragikomödie in Pregau funktionieren können. Vielleicht.

Positiv hervorzuheben ist die technische Umsetzung, die oftmals bei heimischen TV-Produktionen zu wünschen übrig ließ. So muss sich die Serie nicht vor ausländischen Produktionen verstecken: Kamerafahrten und die gewählten Bildausschnitte, sozusagen die Bildkomposition, sind als gelungen zu bezeichnen. Der Soundtrack in den ersten drei Folgen war für mich stimmig. An manchen Stellen gab es eine wunderbare Symbiose zwischen Ton und Bildfolge. Nur im letzten Teil, da haperte es mit der Musik-Auswahl, die mir nicht sonderlich gefiel. Negativ aufgefallen sind mir die sogenannten Action-Sequenzen, die beinahe stümperhaft in Szene gesetzt und äußerst lieb- und ideenlos montiert wurden. Man muss nicht gleich Hollywood nachäffen, aber ein Blick über den heimischen Gartenzaun und in die Film-Vergangenheit hätte nicht geschadet.

Was ist nun mein Schlussresümee? Wie bei so vielen heimischen Produktionen können sich die Verantwortlichen nicht entscheiden, was sie wollen. Oder ist es, weil zu viele Köche den Brei rühren? Ich gehe mal davon aus, dass die grundlegende Idee jene gewesen ist, eine moderne Mini-Serie zu machen und dabei zu zeigen, dass der ORF noch nicht zum alten Eisen gehört. Mission accomplished!

Pregau hat gezeigt, dass es in Österreich ein filmisches Serien-Potenzial gibt. Und es wäre jammerschade, würde man dieses Potenzial brach liegen lassen. Aber es gibt noch viel zu tun.

Zwei Filme, eine Wahrheit: Ist das Leben nicht schön? vs. The Big Short

WonderfulLife-BigShort

Zugegeben, es war der Beitrag von nerdwriter über den »Weihnachtsfilm« It’s a wonderful life [Ist das Leben nicht schön?] aus dem Jahr 1946, der mich auf die richtige gedankliche Spur brachte. Den Film kennt vermutlich jeder. Um den 24. Dezember herum wird er im TV rauf und runter gespielt, weil er zeigt, wie schön das Leben sein kann, wenn man zur Weihnachtszeit all seine Freunde und Liebsten um sich hat und gemeinsam Auld Lang Syne (übrigens die einzige Melodie, die ich im Jugendalter für das Klavier einstudierte) singen kann. Dass ein Engel, ein Schutzengel versteht sich, im letzten Akt des Films auftritt und eine zentrale Rolle spielt, dürfte ebenfalls zur christlich-weihnachtlichen Feststimmung beitragen. Zu guter Letzt freuen wir uns mit Jimmy Stewart, wenn er seine Lebensfreude wiedergewinnt. Herz, was willst du mehr, an einem verschneiten Weihnachtsabend?

The Big Short hat nichts, aber auch gar nichts mit Weihnachten zu tun. Der Film will dem in großen Geldsachen unerfahrenen und naiven Kinogänger über die betrügerischen Hintergründe der Finanzkrise von 2008 aufklären. Ja, die Filmemacher gaben sich die größte Mühe, komplexe und unverständliche Sachverhalte des Wertpapier-Hypothekarkredit-Karussells einfach und simpel auf den springenden Punkt zu bringen. Und trotzdem grübelt man über das Gesagte und versucht, das bestehende, sozusagen eigene Finanzbild mit dem globalen in Einklang zu bringen. Natürlich versagt hier das menschliche Gehirn des einfachen und rechtschaffenen Mannes, wenn die Rede auf Millionen, Milliarden und schließlich Billionen kommt. Wie soll man diese Größenordnungen überhaupt verarbeiten können, wenn man selbst nur mit Tausenden von Euros oder Dollars zu leben hat? Meine Wenigkeit hatte vor vielen Jahren im Wertpapierbereich gearbeitet und dabei Milliarden, freilich noch in den guten alten Schillingen, von einem Konto auf ein anderes geschoben. Gelddisposition nannte sich das damals. Und ist heute nicht anders. Ich habe Kredit-Wertpapier-Finanzkonstrukte genauso wie all die Börsengänge der österreichischen Ent-Staatlichungsmaschinerie abgewickelt. Ich darf mit Fug und Recht behaupten, ein Gespür für die monetär-technischen Belange zu haben – und trotzdem ist der Knopf im Oberstübchen kaum aufzulösen. Es ist diese Abstraktion, die einem so schwer zu schaffen macht. Wer ist der Böse? Wer ist der Verantwortliche? Wie der Film am Ende aufklärt, wurden zwar Billionen von Dollars in der Krise „vernichtet“, aber ins Gefängnis ging dafür niemand. Nebenbei bemerkt, eine Krise „vernichtet“ nur Werte auf dem Papier, mit anderen Worten, das geflossene Geld fließt weiterhin – nur in die Tasche anderer Leutchen.

Zurück zu Frank Capras It’s a wonderful life. Der Film ist oberflächlich betrachtet eine hübsch sentimentale Weihnachtsgeschichte, die zeigt, dass die Community, die Gemeinde, die zusammenhält, gegen alle Widrigkeiten des (Wirtschafts- und Finanz-)Lebens gewappnet ist. Unter der Oberfläche zeigt der Film aber, wie eine Gemeinschaft gewöhnlicher Menschen von einem un-christlichen Finanzsystem in die Knie gezwungen wird. Während The Big Short sich mit allerlei Wall-Street-Vokabeln im Nebel der Abstraktion verliert, bleibt It’s a wonderful life der menschlichen Dramaturgie treu: Hier George Bailey, der rechtschaffen-christliche Sohn des Gründers einer kleinen Bausparkasse, dort Henry F. Potter, der alte geldgierige Spekulant, der den Hals nicht voll genug bekommen kann und alle Mitteln ausschöpft, um Buslinien, Geschäfte und Banken der Stadt an sich zu reißen. Es ist der oft verfilmte Kampf David gegen Goliath – und David gewinnt nur deshalb (vorerst) die eine Schlacht am Weihnachtsabend, weil die Gemeinschaft zusammenhält.

Doch Capras Film geht tiefer. Henry F. Potter ist nämlich nicht nur die Karikatur eines alten böswilligen Geizhalses, sondern er stellt das kapitalistische un-christliche Finanz- und Geldsystem dar. Der Film zeigt, was das System aus einer Gemeinde macht, die sich dem Diktat Mammons beugt – im letzten Akt sehen wir Jimmy Stewart/George Bailey, wie er durch seine ehemalige Heimatstadt Bedford Falls läuft, die sich ohne Widerstand in ein Sodom namens Potterville verwandelt hätte, in der jeder nur noch für sich lebt und wo alles erlaubt ist, so lange es Geld einbringt. Wer diesen Film mit offenen Augen betrachtet, ahnt im Stillen, dass wir längst in Potterville angekommen sind. Die heile Welt eines George Baileys anno 1947, nämlich eine gesunde und damit unbestechliche Gemeinde, die sich an christlichen Werten orientiert, wurde durch die Propaganda der Wall Street Tag für Tag lächerlich gemacht und in den Schmutz gezogen.

Wenn Sie also wissen wollen, wie es zu der globalen Finanzkrise von 2008, die in den USA ihren Anfang nahm, überhaupt kommen konnte, so gibt Frank Capras »Weihnachtsfilm« die Antwort: Es mussten über die Jahre nur all die politischen, medialen und wirtschaftlichen Schlüsselpositionen mit korrupten und geldgierigen, sozusagen un-christlichen Henry F. Potters besetzt werden, die von einem erstrebenswerten »Paradies« namens Sodom fabulierten, während die Gemeinde und der Einzelne Stück für Stück in die Knie gezwungen wurde: weniger Jobs, mehr Kredite, skrupellose Vertrauensleute, brachialer Medieneinfluss, leicht zugängliche Suchtmittel usw. George Baileys Monolog, der vermutlich gerne überhört wird (und in der deutschen Synchronfassung ein wenig entschärft wirkt), ist der Schlüssel zum Verständnis für all die „unvorhersehbaren“ Finanz- und Wirtschaftskrisen, die das Vieh ärmer und abhängiger und die Viehtreiber reicher und mächtiger gemacht haben.

[meine Übersetzung:] »Augenblick, Mr. Potter. Sie haben Recht, wenn Sie sagen, dass mein Vater kein Geschäftsmann war. Ich weiß das. Warum er überhaupt diese wertlose und kleinkrämerische Building and Loan (Hypothekenbank) gegründet hat, werde ich wohl nie mehr erfahren. Aber weder Sie noch irgendjemand anderes kann etwas gegen seinen rechtschaffenen Charakter sagen, weil er sein ganzes Leben … weil, in den 25 Jahren, seit er mit seinem Bruder, Onkel Billy, diese Sache gestartet hatte, dachte er kein einziges Mal an sich selbst. Stimmt’s, Onkel Billy? Er sparte nicht mal genug Geld, um (meinen kleinen Bruder) Harry oder mich aufs College zu schicken. Aber er half ein paar armen Leuten, um aus Ihren Elendsquartieren (Slums) herauszukommen, Mr. Potter, und was ist daran falsch? Sie hier … Sie sind alles Geschäftsleute. Machte mein Vater nicht aus all diesen armen Leuten bessere Steuerzahler? Machte er nicht aus ihnen bessere Kunden? Sie … Sie sagten … Was haben Sie vorhin gesagt, Mr. Potter? Diese Leute sollten warten und ihr Geld sparen, bevor sie überhaupt von einem neuen Heim sprechen. Warten? Wie lange sollen sie warten? Bis die Kinder erwachsen und sie selbst alt und gebrechlich sind? … Wissen Sie eigentlich, wie lange ein Arbeiter braucht, um den Preis für ein neues Heim anzusparen? Denken Sie doch darüber einmal nach, Mr. Potter, dass dieses Gesindel, wie Sie diese Leute nennen, der größte Teil der Gemeinde ist, der arbeitet und zahlt und lebt und stirbt. Ist es dann wirklich zu viel verlangt, wenn man diesen Leuten die Möglichkeit bietet, all ihr Arbeiten und Zahlen und Leben und Sterben wenigstens in ein paar ansprechenden Zimmern und einem Bad zu tun? Wie dem auch sei, mein Vater dachte jedenfalls nicht schlecht von ihnen. Die Leute waren für ihn menschliche Wesen. Aber für Sie, Mr. Potter, einem krummen, frustrierten alten Mann, für Sie sind diese Leute nur Vieh. Und in meinem Buch starb mein Vater viel reicher als Sie es je werden können.«

»Just a minute… just a minute. Now, hold on, Mr. Potter. You’re right when you say my father was no businessman. I know that. Why he ever started this cheap, penny-ante Building and Loan, I’ll never know. But neither you nor anyone else can say anything against his character, because his whole life was… why, in the 25 years since he and his brother, Uncle Billy, started this thing, he never once thought of himself. Isn’t that right, Uncle Billy? He didn’t save enough money to send Harry away to college, let alone me. But he did help a few people get out of your slums, Mr. Potter, and what’s wrong with that? Why… here, you’re all businessmen here. Doesn’t it make them better citizens? Doesn’t it make them better customers? You… you said… what’d you say a minute ago? They had to wait and save their money before they even ought to think of a decent home. Wait? Wait for what? Until their children grow up and leave them? Until they’re so old and broken down that they… Do you know how long it takes a working man to save $5,000? Just remember this, Mr. Potter, that this rabble you’re talking about… they do most of the working and paying and living and dying in this community. Well, is it too much to have them work and pay and live and die in a couple of decent rooms and a bath? Anyway, my father didn’t think so. People were human beings to him. But to you, a warped, frustrated old man, they’re cattle. Well in my book, my father died a much richer man than you’ll ever be!«

It’s a wonderful life
Frank Capra, 1946

 

The Wolf of Wall Street oder Das Ringelspiel des Händlergeistes

„The name of the game, moving the money from the client’s pocket to your pocket.“

Endlich Martin Scorseses dreistündiges Geld-ist-geil-Märchen The Wolf of Wall Street gesehen. Der Film erzählt die wahre Geschichte von Jordan Belfort, einem unbedeutenden Jungen aus der New Yorker Bronx, der Ende der 1980er die Gelegenheit beim Schopfe packt, und über die Jahre mit »Wertpapieren« viel, sehr viel Geld scheffelt. Natürlich lässt er Moral und Legalität außen vor – immerhin geht es für ihn um das große Ganze:

The real question is this: was all this legal? Absolutely f***ing not. But we were making more money than we knew what do with.

Schließlich, Belfort kann den Hals nicht genug bekommen – sei es Frauen, Drogen und (vor allem) Geld -, beginnt sein Stern zu sinken. Mitte der 1990er Jahre wird der Wolf der Wall Street zu vier Jahren Haft verurteilt – davon sitzt er schlussendlich 22 Monate ab. Wieder in Freiheit schreibt er seine Autobiographie und beginnt, als Motivationstrainer durch die Welt zu wandern. Und wenn er nicht gestorben ist, tut er es wohl noch heute.

Die erste Frage, die sich ein skeptisch-kritischer Cineast stellt, ist, warum zum Teufel ausgerechnet Martin Scorsese sich solch eines Themas annehmen wollte. Zugegeben, die Exzesse, die sich die Protagonisten erlauben, sind nicht von schlechten Eltern. Das abgehobene Geld-Drogen-Frauen-Ringelspiel dreht sich und dreht sich und dreht sich. Als geerdeter Zuschauer kann einem da ganz schön schwindlig werden. Aber was, verdammt noch mal, will uns Scorsese, der Sohn sizilianischer Einwanderer, mit alledem vor Augen führen?

Ich habe eine Weile über das Gesehene nachgedacht, habe mir meine Gedanken gemacht und bin dabei auf den deutschen Ökonom und Soziologen Werner Sombart (1863-1941) gestoßen. Falls Sie den Namen schon mal gehört haben, werden Sie jetzt vermutlich einen nervösen Schluckauf bekommen. Aber ich kann Sie beruhigen, es geht hier nicht um Verallgemeinerung und Schuldzuweisung, sondern vielmehr um eine mögliche Erklärung, warum Scorsese ausgerechnet das Leben von Jordan Belfort auf Zelluloid bannte.

Es gibt auf dieser Welt, wenn man so will, einen ständigen Kampf zwischen einer natural-qualitativen und einer abstrakt-quantitativen Betrachtung bzw. Auffassung und Bewertung. Vereinfacht gesagt, geht es bei alledem um die Gegensätzlichkeit zwischen Handwerks- und Händlergeist. Der Handwerker, wie es ihn jedenfalls in der alten Gesellschaft gegeben hatte, war in einem organischen Gefüge eingegliedert. Er musste Rohstoffe beziehen, diese mit Werkzeuge bearbeiten und die an ihn gerichtete Nachfrage zur Zufriedenheit aller Beteiligten stillen. Da der Ort seiner Produktion auch der Ort seines Lebensmittelpunktes war, gab es für ihn und seiner Familie für gewöhnlich kein Entkommen, d.h. er war Bestandteil der sozialen und sittlichen Ordnung im gesellschaftlichen Gefüge. Kurz und gut, kein Handwerker konnte es sich erlauben, minderwertige Erzeugnisse herzustellen, ohne dass er mit Schimpf und Schande und Strafe bedacht worden wäre. Der (fahrende) Händler wiederum schlug nur für eine notwendige Verweildauer die Zelte auf und pries seine Waren an, die er jedoch nicht mit seinen Händen geschaffen hatte. Für ihn machte es keinen Unterschied, ein Paar Schuhe oder ein Paar Strümpfe gegen Münzen einzutauschen. Während sich der Handwerker mit seinen Erzeugnissen identifizierte – sie waren sozusagen ein Teil von ihm – konnte der Händler gegenüber seinen Waren völlig wertfrei agieren, ja, ging es ihm doch nur darum, die Waren recht flott gegen gutes Geld an den Mann bzw. an die Frau zu bringen. Während der Handwerker für ein Erzeugnis viele Arbeitsstunden investieren musste, konnte der Händler innerhalb kurzer Zeit viele seiner Waren vertreiben.

Wir müssen hier gar nicht akademisch-abstrakt denken, vielmehr genügt der gewöhnliche Hausverstand, um die Unterschiede zwischen Handwerks- und Händlergeist zu erkennen: Da der sesshafte, dort der bodenlose. Da der fleißige, dort der auf seine Gelegenheit wartende. Da der Recht schaffen(d)e, dort der Gewinn machende. Da der langfristige, dort der kurzfristige Gedanke. Da die qualitative, dort die quantitative Bewertung. Da die Ordnung, dort die Unordnung. Da die Aufrichtigkeit, dort die Verkaufslüge. Da die moralische Grundlage, dort die kaufmännische Basis. Und so weiter und so fort.

Der Kapitalismus, im Sinne von Sombart, ist sozusagen der Händlergeist, der alle Bereiche der Gesellschaft durchzieht. Und hier machen wir wieder den Bogen zurück, zu Scorseses The Wolf of Wall Street. Der junge Belfort, noch ist er ein unbeschriebenes Blatt, wird in den Kreis der (Börsen)Händler aufgenommen und erhält von Matthew McConaugheys Charakter beim Mittagessen in einem luxuriösen Restaurant die Initiation: Wenn du viel Geld hast, kannst du dir so gut wie alles erlauben – auch und gerade in einem (Fress-)Tempel der herrschenden Klasse. Damit ist der junge Belfort, ein Außenseiter, der sich der herrschenden Klasse völlig unterlegen fühlt, mit dem Händlervirus infiziert und es braucht nicht lange, bis der Virus seine Wirkung an ihm und seine getreuen Mitstreiter, die sich ebenfalls als Außenseiter verstehen, entfaltet.

Bitte beachten Sie, dass der Händlergeist in keiner Weise mit einer Rasse, einer Religion, einer sozialen Gruppe unzertrennlich in Verbindung zu stehen hat. Jeder, und das zeigt gerade der Film, ist diesem Geist, dieser abstrakt-quantitativen Auffassung ausgeliefert und es braucht nicht viel, um junge und ehrgeizige Menschen, die sich ungerecht in die Schranken gewiesen sehen, dafür zu gewinnen. Bestes Beispiel mag das schwarzafrikanische Hip Hop-Narrativ in den USA sein – hier ist es ein Gewalt-Geld-Frauen-Drogen-Ringelspiel. Man könnte sich als skeptischer Geist natürlich fragen, warum sich dieses Narrativ gerade in diese Richtung entwickelt hat. Eine mögliche Antwort gibt uns Prof. Jerry Kroth in seinem Vortrag The Media Matrix: How propaganda and mass media are impacting America’s contact with reality. 

Scorsese zeigt uns zu guter Letzt den geläuterten Belfort, der nun nicht mehr andere mit allerlei Tricks und Kniffe über den Tisch zu ziehen versucht. Was tut er? Er motiviert Menschen. Er motiviert sie, den abstrakt-quantitativen Geist an- zunehmen und die moralischen Bedenken über Bord zu werfen. Kurz und gut, er gibt den Virus weiter. Mit all den Konsequenzen – für den Einzelnen genauso wie für die Gesellschaft. In der letzten Einstellung sehen wir die gewöhnlichen Gesichter gewöhnlicher Menschen – keine Schauspieler, keine Statisten – die allesamt hoffen, von Belfort erleuchtet und auf den richtigen Weg zum Geld geführt zu werden.

Falls Sie von dieser Thematik nicht genug bekommen können, empfehle ich den im Jahr 1992 gedrehten Film Glengarry Glen Ross anzuschauen. Aber ich warne Sie, im Gegensatz zum bunten und komödiantischen The Wolf of Wall Street ist das glänzend gespielte Bühnenstück im höchsten Maße deprimierend. Weil es den Abgrund zeigt, der auf uns wartet. Und Rettung ist keine in Sicht.

Unterrichtsfilm: The Work of the US Public Health Service von 1936: Der Umgang mit Fleckfieber-Patienten

In diesem Unterrichts- und Aufklärungsfilm über die Arbeiten des US Public Health Service aus dem Jahr 1936 erfährt der interessierte Zuseher, wie man damals dem Fleckfieber aus der Alten Welt, übertragen durch die Kleiderlaus, beizukommen gedachte. Weiters erklärt der Film, dass die amerikanischen Behörden seit 1925 in vielen Emigrationsländern – beispielsweise im damaligen Deutschland – Ärzte beauftragten, die nach den USA einreisen wollende Menschen bereits vor Ort auf Herz und Nieren zu untersuchen hatten. Nur wer diese körperliche und geistige Untersuchung bestand, durfte die Reise antreten und mit einer möglichen Aufnahme im Land der unbegrenzten Möglichkeiten rechnen.

Falls Ihnen das geschriebene Wort lieber ist als das gesprochene, hier das Transkript des von mir ausgesuchten Ausschnitts:

 

[07:41] The quarantine officer is taken to the sick bay in the crew’s quarters to examine the patient.

[07:49] His experience and training in the detection of the symptoms of rare, as well as common diseases, tells him that this patient is suffering from typhus fever.

[07:59] He orders the patient to be removed from the vessel,

[08:09] and put aboard the quarantine tug to be taken ashore.

[08:16] All persons who have been in contact with the patient, and thus have been exposed to the disease, are also ordered on board the tug.

[08:27] The patient and the contacts are taken to the detention hospital, in this instance, Hoffman Island in New York Harbor.

[08:41] On their arrival, the sick patient is taken directly to the hospital.

[08:50] Here he is given appropriate treatments and cared for until he has recovered.

[08:56] Every facility is made available in such cases, both for the benefit of the patient himself, and for the protection of others.

[09:05] As this happens to be a case of Old World, which is known to be spread by the body louse, the contacts, those who have had association with the patient during the voyage, are first taken to the delousing plant.

[09:20] Here they must remove all of their clothing,

[09:26] Thoroughly sprayed with soap and water.

[09:31] Next they are sent under the shower.

[09:37] And finally, each one is sprayed with an insecticide that kills any lice or nits that may still remain in their hair.

[09:47] The clothing of these contacts is placed in net bags, and these bags are sent to the fumigating room.

[09:53] This clothing, together with the baggage of the contacts, is placed in fumigating chambers, were it is thoroughly disinfested.

[10:00] If necessary, the contacts are isolated in the detention hospital for observation.

[10:05] Every precaution is taken by the quarantine officers to prevent the introduction of disease into the United States.

[10:13] When the quarantine work has been completed, and the ship declared free from danger, the medical officers of the Public Health Service then turn to the inspection of immigrants.

[10:25] This scene shows the well-known immigration station at Ellis Island New York.

[10:34] During the busy period of a few years ago, more prospective citizens of this country arriving from abroad entered through this world-renowned station than through any other port of the country.

[10:43] In past years thousands of aliens arrived at Ellis Island daily, and each one had to undergo an examination at the hands of the medical officers of the Public Health Service.

[10:55] In past times too, many of them arrived only to be turned back at our very gate, because of mental or physical defects.

[11:01] This was a necessary, but somewhat cruel procedure, and caused many heart aches, untold hardships, and much unnecessary expense.

[11:09] To avoid this condition, a new system was inaugurated by international consent in 1925,

[11:15] since which year, intending immigrants have been examined in foreign countries by Public Health Service officers who are assigned to American consulates for this purpose.

[11:23] The prospective immigrant makes application through the American consul, who, if the applicant comes within the quota prescribed by Congress, arranges for an examination by the Public Health Service medical officer.

[11:33] If the applicant passes these physical and mental tests successfully, there is little chance that he will be refused admittance later.