Star Wars 9: Der Aufstieg Skywalkers und das Ende einer Ära #Filmkritik

Vielleicht sollte ich eine Nacht darüber schlafen, bevor ich meine Gedanken zum neuesten Star Wars Film Der Aufstieg Skywalkers ins virtuelle Papier gieße. Gut möglich, dass sich dann mein Groll gelegt hat und ich die Dinge in einem positiveren Licht wahrnehme … [hier geht’s zu meiner Abrechnung mit Episode 8: Die letzten der Jedi]

Jetzt hab ich doch tatsächlich zugewartet, bin ins Bettchen, hab geschlafen und jetzt, nach dem ersten Kaffee am Morgen, möchte ich an der Filmkritik arbeiten, merke aber einen leichten Kopfschmerz im Stirnbereich. Es ist vermutlich jene Gehirnregion, die sich mit der Analyse von Filmen beschäftigt und gerade recht aktiv summt und surrt.

Kurz und gut, Star Wars 9 ist eine 140-minütige Schadensbegrenzung, die zeigt, was geschieht, wenn es Finanz- und Marketingleute mit der Angst zu tun bekommen und diese Angst an die Kreativabteilung weitergibt. Ich kann mir gut vorstellen, dass JJ Abrams jeden Tag am Set eine Nachricht erhielt, in der geschrieben stand, was er unbedingt im Film berücksichtigen müsse („Kavallerie-Angriff auf einem Sternenzerstörer! 95 % aller Jungs lieben das!“), weil eine weitere Umfrage unter Star Wars Fans neue Erkenntnisse gezeigt hätte. Am Ende haben wir zwar keinen zusammenhängenden Film mit einer guten Story, sondern einfach nur eine Aneinanderreihung von Fan-Service-Szenen, garniert mit sentimentalen Rückblicken. Too little too late, heißt es im Englischen. Aber in diesem Fall ist es wohl mehr ein too much too late. Ja, gut gemeint ist oftmals das Gegenteil von gut.

Mittelmaß ist das höchste aller Gefühle!

Und so verkommt der letzte Teil der Trilogie, der den Höhepunkt, den Climax, markieren sollte, zu einer herben Enttäuschung. Der Film ist nur Mittelmaß.

Das Besondere an Star Wars war dieser naiv-erfrischende Optimismus, der Heldentaten erst möglich machte – grenzgenial in Luke Skywalker/Mark Hamill verköpert. Das Dreieck Princess Leia/Carrie Fisher (ihre Autobiographien sollte man gelesen haben, um zu wissen, woher sie kam und wohin sie ging), Han Solo/Harrison Ford (einer der größten Glücksgriffe) und Mark Hamill/Luke Skywalker (perfekt ausgesucht – im Gegensatz dazu griff George Lucas für die Prequels ordentlich daneben!) wurde ergänzt durch Sir Alec Guinnes, der damals dem Film die notwendige Ernsthaftigkeit gab – auch wenn er entsetzt war, was dieser Film mit Kindern anstellen konnte. Kurz und gut, der Originalfilm (nur noch überboten vom zweiten Teil, der reifer und erwachsener wirkte) war das Produkt seiner Zeit. Niemand konnte solch einen Glücksmoment wiederholen.

Vierzig Jahre später gingen die Verantwortlichen daran, diesen filmischen Glücksmoment nachzuspüren, ihn einzufangen und erneut umzusetzen. Was die neue Trilogie gebraucht hätte, hat sie nie bekommen: eine Seele, die sich in drei Episoden entfalten hätte können. Statt dessen gab es Merchandising-Werbeeinschaltungen, Political Correctness Schulungen, erzwungen wirkende Humoreinlagen, Plotlöcher so groß wie der Todesstern, Rätsel und Fragen, die nirgendwo hinführten, liebgewonnene alte Charaktere, die förmlich angspuckt wurden und – als letzten Rettungsanker – einen Kübel voll sentimentaler Rückblicke auf die Originalfilme.

Einer der ersten Teaser für The Rise of Skywalker zeigte einen Zusammenschnitt der schönsten und ergreifendsten Szenen der alten Trilogie, unterlegt mit der Musik von John Williams, die einen melancholisch Seufzen lässt. Hach, gute alte Zeit. Okay, die Prequels, naja, die waren wohl nur auf Sand gebaut. Ich hasse Sand …

In den ersten 45 Sekunden war die Filmwelt noch in Ordnung. Dann ging es nur noch bergab. Mit Lichtgeschwindigkeit!

Let the past die! Kill it!

Das größte Rätsel der Hollywood-Menschheitsgeschichte ist die Frage, wie es geschehen konnte, dass einer der größten und erfolgreichsten Medienkonzern der Welt die Star Wars Franchise beleben wollte, ohne dabei einen Masterplan in der Lade liegen zu haben und die Ausführung der neuen Trilogie zwei unterschiedlichen Filmemachern anvertraute, die sich aus dem kreativen Weg gingen. Der eine, JJ Abrams, wollte den Ball flach halten, auf Nummer sicher gehen, der andere, Rian Johnson, wollte das Spiel neu erfinden und die Erwartungshaltung der Zuschauer auf die Probe stellen. Während der eine Anleihen an der Original-Trilogie (OT) nahm, diese bis zum Erbrechen ausschlachtete und die Vergangenheit zelebrierte, wollte der andere genau diese sentimentale Vergangenheit töten: Let the past die. Kill it! Yeah.

Seltsamerweise, so viel Hass und Häme Rian Johnson auch für die zweite Episode The Last Jedi (TLJ) über den Kopf geschüttet bekommen hat, der Trailer zeigt einen ernsthaften, dunklen Film, der meines Erachtens gewagt, aber funktionieren hätte können. Ähnlich einem Nolan, der den Superhelden-Film mit der Batman-Trilogie neu erfinden konnte. Aber wie so oft, wenn der Einsatz (zu) hoch ist, bekommen es viele in den Chef-Etagen mit der Angst zu tun und lassen die Kreativen zurückrudern, verwässern eine kongeniale Idee und haben am Ende nur noch einen lauwarmen Brei, der allen ungut im Magen aufstößt. Ich würde mich nicht wundern, wenn es einmal heißen wird, es gäbe einen Rian Johnson Directors Cut von TLJ – und da wäre beispielsweise die „Casino-Ausflugsfahrt“ nur ein kurzer Zwischenstopp und all die „Disney“-Gags und Witzchen, die dazu dienen, die dunkle Ernsthaftigkeit aufzuhellen, gestrichen. Freilich, der Plot ist noch immer schwach, Lukes Charakter noch immer ein Schatten seiner jungen Jahre usw., aber die visuelle Umsetzung ist m.E. unerreicht.

Ha, das wär ein Film gewesen! Dunkel, tragisch, episch.

Abschluss einer Trilogie

Star Wars 9: Der Aufstieg Skywalkers als Abschluss einer Trilogie, die so vielversprechend begonnen hatte, ist eine herbe Enttäuschung. Der erste Teil der neuen Trilogie Das Erwachen der Macht (TFA) ist dem Original ziemlich nah gekommen und hatte ordentlich positiv Staub aufgewirbelt. Die ausgehungerten Fans waren im Großen und Ganzen zufrieden. Der Zaubertrick bei alledem war, dass JJ Abrams eine Vielzahl an Fragen offen ließ, die in den Köpfen der Zuschauer Kapriolen schlug. Die Geschichte konnte in jegliche Richtung gehen, die Charaktere sich in hundert Richtungen entwickeln und alle waren wir gespannt, was die Kreativabteilung von Disney aus den Hut zaubern und wie sie Luke Skywalker als Jedi-Meister ins recht Licht rücken würde.

Ja, und dann kam 2017 Der letzte der Jedis in die Kinos und allen blieb der Mund offen – die Berufskritiker überwarfen sich mit Lob und Applaus, während das Fußvolk zürnte. Regisseur Rian Johnson, der angeblich keinerlei Vorgaben von JJ Abrams erhielt, zimmerte sich seine eigene Version von Star Wars zurecht und war vor allem bestrebt, die Erwartungen der Fans um keinen Preis zu erfüllen. Der Film – als Mittelteil einer Trilogie – war ein Desaster. Die wesentlichen Fragen aus dem ersten Teil wurden nicht beantwortet oder als unwichtig unter den Drehbuchteppich gekehrt und der als übermächtig dargestellte Antagonist bereits zur Halbzeit ins Jenseits befördert, während der hoffnungsfrohe Held früherer Tage – und Liebling vieler Fans – zu einem pessimistischen Nihilisten verkommt, der sogar Kindsmord – wenn auch nur kurz – in Erwägung zieht. Nebenbei werden die dunklen Passagen mit unangebrachten Gags verwässert und die omnipotenten Feinde der Rebellen avancieren im Laufe des Films zu Cartoon-Nazis, die aus Mel Brooks Space Balls entnommen worden sein dürften. Zu guter Letzt zieht sich die Political Correctness wie ein roter Propaganda-Faden, der oftmals Holzhammer-Qualität hat, durch den Film. Die Verantwortlichen im Micky-Maus-Lucas-Film-Konzern-Universum haben eine der lukrativsten Film-Franchises regelrecht mit Bomben und Granaten versenkt.

2019 oder Alles auf Anfang!

Zwei Jahre später, also 2019, versuch(t)en die Leute rund um JJ Abrams den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Das merkt man dem Film in jeder Einstellung an. Die Story kann nicht atmen, sich nicht entfalten – zu sehr ist man bemüht, das Plot-Knäuel der letzten beiden Teile aufzudröseln und dabei die aufgebrachten Fans zu besänftigen. Aber wer es allen recht machen will macht es am Ende niemandem recht.

Es beginnt bereits bei der Ausgangssituation des Films. In Star-Wars-typischer Scroll-Text-Manier erfahren wir, dass die Rebellen und die Erste Ordnung das selbe Ziel verfolgen. Seltsam, denkt man sich, es gibt also zu Beginn des Films keinen wesentlicheren Konflikt zwischen den beiden Parteien? Nach wenigen Minuten ist freilich klar, wohin die Reise gehen wird und von da an hat man immer das Gefühl, dass hier nur noch Schadensbegrenzung am Werk ist. Aber die Zeit kann niemand mehr zurückdrehen! Carrie Fisher ist leider viel zu früh verstorben und Mark Hamill und Harrison Ford werden auch nicht mehr jünger. Man verabsäumte es, die drei – wenigstens für eine Szene – zusammenzuführen, sie miteinander interagieren zu lassen, als kleiner Wink an eine längst vergangene Zeit, als Kinder noch von Rittern und Prinzessinnen im Weltraum schwärmen durften.

Hach, wie die Zeit vergeht.

Ich war damals gerade einmal 10 Jahre alt als ich 1978 im Kino (Holzstühle!) Star Wars sah. Da war vom Zusatztitel „A New Hope“ noch keine Rede. Weil keiner so recht wusste, ob es überhaupt einen zweiten Teil geben würde. Im Gegensatz dazu wissen heute die Disney-Aktionäre schon Jahre im Voraus, welche Kuh wann gemolken wird. Der Originalfilm hat die damalige Generation nachhaltig geprägt und das familientaugliche Blockbuster-Genre erfunden. Solch ein Weltraum-Spektakel hatten die damaligen Kinderaugen noch nie zu Gesicht bekommen. Natürlich waren wir Kinder adrenalisiert und wollten die Sternenkriege im Kinderzimmer nachspielen. Mit dem Film kam auch das Merchandising und kaum ein Kind konnte sich der Faszination entziehen. Ich hab es ja schon öfters geschrieben, dass ich am nächsten Tag im Spielwarengeschäft nur noch zwischen Chewbacca und Prinzessin Leia (und unbekannten Rebellen-Typen) wählen konnte, weil Han Solo (die Actionfigur wollt ich haben!) und Luke Skywalker nicht lagernd waren. Natürlich verließ ich das Geschäft mit Chewbacca (ordentliche Wumme!), weil Kinder ein Spielwarengeschäft nie ohne einem billigen Klumpert verlassen wollen.

Der Originalfilm hatte, wie ich zuvor bereits geschrieben habe, einen optimistischen Grundton. Er war simpel, leicht verständlich und endete mit einem Happy End, das in den Köpfen der Kinder weitergesponnen werden konnte. Es war eine Story, die wir Jungs verinnerlicht hatten: da der junge noch grün hinter den Ohren seiende Knappe von edlem Geblüt, der dank des Lehrmeisters auf den richtigen Weg geschickt wird, allerlei Abenteuer besteht, den Drachen besiegt und – bejubelt von allen – von der Prinzessin eine Medaille umgehängt und ein Küsschen bekommt. Kinderträume.

Was hat Hollywood aus all diesen Kinderträumen nur gemacht?

Profit!

4 Kommentare zu „Star Wars 9: Der Aufstieg Skywalkers und das Ende einer Ära #Filmkritik“

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