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Wien, im März 1938: Ausstellung in der Wienbibliothek des Rathauses

Ich war nun endlich in der Bibliothek des Wiener Rathauses und habe mir die dortige Ausstellung mit dem sprechenden Titel

»Wir wissen es, daß diese Beamtenschaft ihre Pflicht auch im neuen Wien tun wird« – Die Wiener Stadtverwaltung 1938.

angesehen. Die Ausstellung ist empfehlenswert, haben die guten Seelen der Wienbibliothek höchst sehenswerte Originalmaterialien aus dem Archiv „ausgegraben“, diese mit allerlei Anmerkungen versehen und eine chronologische sowie thematische Reihung vorgenommen. Einziger Wermutstropfen ist vielleicht die recht bescheidene Ausstellungsfläche und ich würde mir wünschen, dass hier vielleicht einmal das Wien Museum einspringt und Platz für eine geräumigere Präsentation mit zusätzlichem Material schafft.

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343 Stufen den Wiener Stephansdom hinauf und wieder hinunter

steffl_stufen

Manchmal verschlägt es mich am Morgen zum Wiener Stephansplatz. Dann bleibt nichts anderes übrig als im Schanigarten einer Wiener Kaffeehauskette einen Verlängerten zu schlürfen und dazu eine Topfengolatsche zu verputzen. Wenn man Glück hat, ergattert man ein Plätzchen mit Sicht auf den Steffl. Herz, was willst du mehr? Gegen 10 Uhr wird es dann freilich ein wenig unangenehm, weil Touristenschwärme summen und zirpen. Aber bis dahin hat man wohl schon in sein Tagebuch gekritzelt und ist bereit, für neue Abenteuer. Und weil ich noch nie den Südturm bestiegen habe, dachte ich mir, dass es nun an der Zeit sei. Gesagt, getan.

Für €4,50 darf man nicht nur 343 Stufen hinauf- und hinuntersteigen, sondern erhält als Bonus einen beachtlichen Drehwurm. Als ich gerade die ersten Stufen nehmen wollte, kam mir ein asiatisches Touristenpärchen entgegen – beiden waren ziemlich gezeichnet vom Abstieg. Die junge Frau schien mir in einer besseren Verfassung zu sein als der junge Mann, der scheinbar dem Hergott dankte, wieder zu ebener Erd gehen zu können. Ja, die enge Wendeltreppe ist kein Zuckerschlecken, da büßt man schon ordentlich Kalorien ein. Der „Gegenverkehr“ gestaltete sich aber nicht so schlimm wie anfänglich befürchtet – der eine drückt sich an die Mauer, der andere schiebt sich vorbei. Easy.

Das Glocken- und das Turmzimmer sind schon die Anstrengung wert. Mit dem Aufzug kann ja heutzutage jeder fahren. Aber 343 Stufen zu erklimmen, das hat schon durchaus etwas Gottergebenes. Vergessen wir nicht, dass bereits vor über einem halben Jahrtausend hier Menschen auf- und abgelaufen sind. Später sollte hier die Pummerin (türkische Kanonen!) bis 1945 ihren Platz finden – kaum zu glauben, wie man diese 20 Tonnen schwere Glocke damals durch halb Wien bewegen und in rund 60 Meter Höhe befestigen konnte. In den Nachtstunden hat der Turmwächter im Turmzimmer nach einem möglichen Feuer Ausschau gehalten und gegebenenfalls Alarm geschlagen. Ja, Feuer war seit jeher die größte Gefahr in einer von Wehranlagen eingegrenzten und dicht an dicht gebauten mittelalterlichen Stadt. The Great Fire of London, im Jahr 1666, zeigt, wie schnell ganze Häuserzeilen in Schutt und Asche übergehen können – im Tagebuch von Samuel Pepys ist dieses Großfeuer in aller emotionaler Deutlichkeit beschrieben.

Ja, manchmal braucht es ein Feuer. Ein inneres, versteht sich. Dieses innere Feuer – ist es göttlicher Natur? – wird am Ende all die bösen und dunklen Gedanken verbrennen, die einen plagen. Gerade in einer Zeit, in der man an einer Weggabelung steht, braucht es 343 Stufen und einen Drehwurm, um zu verstehen, worum es im Leben wirklich geht. Bedenken wir, dass der Stephansdom, in all seiner Größe, in all seiner Detailverliebtheit, vor über 500 Jahren Stein für Stein gebaut wurde. Unglaublich, dünkt es einen. Und doch hat der Mensch dieses unglaubliche Werk vollbracht. Daran soll man ermessen, wozu der Mensch – so er gemeinsam mit Gleichgesinnten an der Zukunft schmiedet – fähig ist. Ja, das sollte wir niemals vergessen.

Die Grube, die uns die 68er-Bewegung grub

Novalis_Paradies

Wer die U6-Parabel Wahlkampf in der U6 von Tom Rottenberger noch nicht gelesen hat, der sollte es nachholen, ist das Stück doch eine gelungene Auseinandersetzung zwischen persönlicher Wahrnehmung und politischer Wirklichkeit in Wien, anno 2016. Die Frage, die niemand bis dato gestellt hat, ist, wie es so weit kommen konnte, dass in der U-Bahn, am helllichten Tage, gedealt, randaliert, gepöbelt, gedroht und gestohlen wird. Warum gab es das nicht in den 1960ern oder 1970ern? Und nein, mit der (ersten) Migrationswelle der Gastarbeiter in den 1970ern hat das nichts zu tun. Diese sind eingeladen worden, um sich hier eine Existenz aufzubauen. Und das taten sie.

Der tatsächliche Grund liegt meines Erachtens in der 68er-Bewegung, die in Wien freilich erst in den 1970ern Fuß fasste. Wenn man den damaligen singenden Revoluzzern Gehör schenkt, dann muss Wien ein grauenhaft konservativer Ort gewesen sein, wo es schon reichte, als junger Mann, mit langen Haaren in eine Bim zu steigen um dann von den Fahrgästen mit unsanften Worten und klaren Drohgebärden (‚Ausse mit dem langzoterten Fetzenschädl!‘) zum Aussteigen gezwungen zu werden. Ja, damals war kein Platz für bunte und schon gar nicht für schräge Vögel.

Aber dank der weltweiten politischen Jugendbewegung änderte sich mit den Jahren die gesellschaftliche Geschlossenheit. Was noch zu meiner Kindheit ein Unding gewesen wäre, ist heute nicht mal mehr die Rede wert. Und da liegt der Hase im Pfeffer!

Durch die künstlich herbeigeführte Liberalisierung der Gesellschaft steht es nun jedem frei, zu tun und zu lassen, wie es einem gefällt. Du möchtest deine Haare rot färben und dir dazu Metallteile ins Gesicht stecken? Nur zu. Du fühlst dich nicht mehr wohl in deinem Männerkörper? Kein Problem, dann bist du von nun an eine Frau und darfst dich entsprechend kleiden und verhalten. Eine Gruppe junger Zuwanderer pöbelt in der Straßenbahn? Achselzucken ist angesagt, weil, wer hier einschreitet, macht sich der Diskriminierung einer Minderheit schuldig und könnte ins rechte Eck gestellt werden. Gleiches gilt auch für schwarzafrikanische Männer, die, so scheint es, ein wenig fad in manch einer der U-Bahn-Stationen herumstehen und warten. Worauf? Achselzucken.

Und nun stellen wir uns die eine oder andere Szene im Wien der 1960er Jahre vor. Was glauben Sie, wie die Sache für alle Beteiligten ausgegangen wäre?

Mehr Polizei, mehr Kontrollen, höhere Strafen, all das löst nicht die gegenwärtigen Probleme. Es bräuchte wieder eine homogene Gesellschaft, die an einem Strang zieht und weiß, was richtig ist und was nicht. Die 68er-Akteure, oben wie unten, haben es verstanden, die Jungen gegen die Alten, die Intellektuellen gegen die Arbeiter, die ›Liberalen‹ gegen die Konservativen auszuspielen. Das Resultat dieser gesellschaftlichen Umwälzung, dieser Befreiung, können wir nun in der U6 sehen. Anything goes!

Habe ich übrigens schon erwähnt, dass die 68er-Bewegung – von Kalifornien bis Paris – ein wohl durchdachter Eingriff im gesellschaftlichen Gefüge war? Ohne 68er hätte es weder einen extremen Sittenverfall noch eine ungezügelte Massenmigration gegeben – und damit wäre auch nicht der Ruf für eine starke Regierung laut geworden. Sehen Sie, wir sind am Ende des Arbeitstages nur Bauern auf dem Schachbrett der Elite, die vor allem eines im Sinn hat: eine globale Gesellschaft zu formen, in der jeder Einzelne kultur- und bodenlos, also grenzenlos, somit sinnlos, somit gottlos sein Paradies im Hier und Jetzt sucht. Keine Sorge, auch wenn uns das Paradies versprochen wird, immer und immer wieder – Globalisierung, TTIP, Einheitswährung, Bankenrettung, Wirtschaftsboom, Liberalisierung, Gleichheitsgrundsätze, usw. – die Hölle ist unseren Kindern sicher. Natürlich mit wertvollen Vitaminen.

Der Mord am Brunnenmarkt und was Ihnen die Medien verschweigen wollen

Kraus_Presse-Welt

Falls Sie es nicht wissen bzw. es bereits vergessen haben, in der Nacht auf Mittwoch (4.5.) wurde eine Frau auf dem Weg zur Arbeit (vermutlich) von einem 21-jährigen Kenianer mit einer Eisenstange erschlagen. Die Tathintergründe, so die Polizei, seien »völlig unklar«.

Tauchen wir in den medialen Blätterwald des Qualitätsjournalismus ein, erfahren wir, dass sich der Afrikaner seit 8 Jahren in Österreich illegal aufhält, bereits wegen 18 unterschiedlicher Delikte – u.a. Drogenhandel, Körperverletzung, schwere Körperverletzung – angezeigt worden ist und nebenbei als U-Boot (der Boulevard spricht auch schon mal von einer Obdachlosigkeit) in Wien gelebt hat. Der mutmaßliche Täter, so wird der Polizeisprecher zitiert, sei 2008  »legal mit einem Visum eingereist«, das er aber »nie verlängert« hatte.

Fällt Ihnen etwas auf? Nein? Keine Sorge, Sie sind nicht allein damit. All die gut bezahlten und bestens ausgebildeten Journalisten und Redakteure verlernen plötzlich die Grundrechnungsart der Subtraktion. Wenn also ein 21-jähriger Mann vor 8 Jahren nach Österreich mit einem Visum offiziell eingereist ist, wie alt war der »junge Bursche« (O-Ton Standard) zum Einreisezeitpunkt?

Die Antwort finden Sie in keinem der Medien – weder Boulevard noch Qualitätsblatt getrauten sich zu schreiben, dass der Afrikaner mit 13 Jahren nach Österreich kam. Mit einem Visum! Macht Sie das jetzt nicht ein klein wenig stutzig? Sollen wir uns jetzt vielleicht vorstellen, dass der 13-jährige Junge frech in die österreichische Botschaft stapfte, dort sein Visum verlangte und es von den Behörden ausgehändigt bekam? Und dass er sich dann, Reisepass (?) vorzeigend, ins Flugzeug (one way) setzen und nach Wien fliegen konnte? Bezahlt mit seinem Taschengeld? Und dass er dann, am Flughafen Schwechat am Ausgang stehend und kein Deutsch sprechend, sofort wusste, wie er sich in einer fremden Stadt, mit einer für ihn völlig fremden Kultur, jahrelang durchschlagen würde können. Mit 13 Jahren? Falls Sie das tatsächlich glauben, dann glauben Sie alles.

Deshalb versuchen Medien genauso wie Politiker mit aller Macht, diesen Umstand zu verschweigen. Auf der Webseite des Standard konnten Sie bereits einen Tag nach dem Verbrechen den relevanten Artikel nur noch mittels Suchbegriff finden, obwohl das Interesse der Leser außerordentlich groß ist. 3000 Kommentare sprechen eine klare Sprache, meinen Sie nicht auch?

Also, warum will man dem Leser verschweigen, dass der mutmaßliche Täter mit 13 Jahren offiziell nach Österreich eingereist ist? Weil es die Frage aufwirft, wer sein Visum beantragt, wer ihn ins Flugzeug gesetzt, wer den Flug bezahlt und wer sich in Wien um ihn gekümmert hat. Diese Fragen liegen klar auf der Hand. Kein Kind, kein Minderjähriger, mag er auch noch so ausgefuchst und altklug sein, ist in der Lage, diese Hürden allein zu meistern.

Die (spekulative) Antwort kann nur sein, dass wir es hier mit einer kriminellen Organisation zu tun haben, die (bereits in ihrem afrikanischen Heimatland) indoktrinierte Kinder nach Europa schickt, um sie dort für verbrecherische Handlangertätigkeiten zu missbrauchen. Deshalb konnte der mutmaßliche Täter 18 Straftaten begehen, ohne ernstliche Folgen befürchten zu müssen. Deshalb konnte er als U-Boot untertauchen und sich der Justiz entziehen – weil es ihm die Organisation ermöglichte. Deshalb stellte er erst gar keinen Asylantrag. Deshalb sah man ihn schließlich am Brunnenmarkt stehen. Nicht, weil er dort hauste, sondern weil er dort zu »arbeiteten« hatte. Ähnliches können Sie beispielsweise bei der U6 Station Handelskai – Ausgang Donauufer – beobachten. Dort chillen eine Reihe von Leutchen herum, die auf Kundschaft warten. Das Suchtmittelangebot von ihnen kenn ich natürlich nicht, gehe aber davon aus, dass es sich dabei nicht um Schokolade aus Afrika handelt. Freilich werden die Deals nicht in der Nacht, sondern am frühen Vormittag abgewickelt. Angst vor einer polizeilichen Untersuchung müssen diese Leutchen nicht haben, schließlich steht chillen in der Öffentlichkeit am helllichten Tage noch nicht unter Strafe.

Wie dem auch sei, ich gehe davon aus, dass es in Wien und Österreich (zumindest) eine kriminelle Organisationen gibt, die international agiert und nach oben und unten gut vernetzt zu sein scheint, die junge Menschen aus dem Ausland rekrutiert und hier für kleinere und größere illegale Taten einsetzt: sei es der Drogenverkauf oder die (körperliche) Einschüchterung der Konkurrenz oder die simple Schutzgelderpressung. Deshalb ist nicht die Frage der Abschiebung von abgeurteilten Asylwerber relevant, sondern vielmehr, wie man gedenkt, gegen diese Organisationen vorzugehen, die, ich gehe davon aus, den Behörden bekannt sind.

Bitte beachten Sie, dass ein echter Asylwerber, der es ehrlich meint, alles tun wird, um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, schließlich will er sich hier eine neue Existenz aufbauen. Das heißt, all jene Eingereisten, die bewusst unbewusst ein Verbrechen begehen, gehen davon aus, dass eine schützende Hand über sie wacht. Und diese schützende Hand ist es, die uns Sorgen bereiten sollte. Große Sorgen.

Antisemitismus goes wild: Lueger, Goethe, Kaiserin Maria Theresia, Luther, u. v. m.

Lueger-Goethe

Die Stadt Wien gibt bekannt: »Laut Abschlussbericht der im Auftrag der Universität Wien und der Stadt Wien eingesetzten Forschungsgruppe zur Untersuchung und Kontextualisierung der Benennung der Wiener Straßennamen seit 1860 war die politische Rhetorik von Karl Lueger (1844-1910) von aggressiver antijüdischer und deutschnationalistischer Polemik geprägt. Als maßgeblicher Politiker der damaligen Zeit verstärkte Lueger, der durchaus gute Kontakte zu Personen jüdischer Herkunft pflegte, die antisemitischen und diskriminierenden Tendenzen in der öffentlichen politischen Diskussion (etwa wenn er auf Grund der „Verjudung“ der Wiener Universität einen Numerus clausus zugunsten von „Deutschösterreichern“ forderte) und fungierte damit als Vorbild für nachfolgende Politiker

Ich hätte von diesem „Abschlussbericht“ keinerlei Kenntnis genommen, wäre ich nicht zufällig vor wenigen Wochen bei der Technischen Universität am Karlsplatz vorbeigekommen. Erstaunt musste ich feststellen, dass eine Gedenktafel übermalt wurde. Sie gab darüber Auskunft, dass der Vater des späteren Bürgermeister im damaligen Polytechnischen Institut (der heutigen TU), eine (Amts-)Wohnung bezog – Leopold Lueger hatte seinerzeit die Aufsicht über das technologische Kabinett.

Ja, und diese Gedenktafel wurde im Zuge der Fassadengestaltung übermalt – irrtümlich, heißt es von Seiten der TU-Sprecherin. Hm. Also, ich bin nicht mit den Gepflogenheiten der Maler- und Anstreicherbranche vertraut, aber ich wüsste noch von keinem Fall, dass ein Maler mit reinem Gewissen und fröhlicher Unschuld eine Gedenktafel übermalt hätte. Für gewöhnlich wird nachgefragt. Aber wollen wir uns die Sache nicht weiter ausmalen, sondern bleiben beim Faktischen. Nach Wiederherstellung der übermalten Gedenktafel soll eine zusätzliche Tafel Auskunft über „Lueger als Antisemit“ geben:

Derzeit gibt es in Absprache mit der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) an der TU einen ersten Rohentwurf für den Text der Tafel. Darin heißt es: „… Dabei hat er während seiner Amtszeit, wie schon während seines politischen Aufstiegs ab 1882, den Antisemitismus virtuos als Instrument eingesetzt und damit zur Entwicklung eines aggressiven, durch Hetze und Diskriminierung gegenüber Juden, aber auch Vertretern anderer Nationalitäten geprägten gesellschaftlichen Klimas und zur Verrohung der politischen Sprache beigetragen …“ [Quelle: orf.at]

Warum diese zusätzliche Tafel mit der ÖH abgesprochen werden muss, bleibt ein Rätsel – scheinbar soll hier universitäre Basisdemokratie gelebt werden.

Der wunde Punkt bei alledem ist aber jener, dass die Stadt Wien eine Forschungsgruppe einsetzte, die sich mit der antisemitischen Vergangenheit Wiener Straßennamen lang und breit auseinandergesetzt haben dürfte. Für mein Dafürhalten könnte dieses gut gemeinte Projekt Pandoras Kistchen öffnen und böse Geister in die Welt entlassen.

Denn, wer entscheidet schlussendlich, welche Persönlichkeiten nun antisemitisch, judenfeindlich oder antijudaistisch waren? Sind demnach nicht Hobbyhistoriker und Sittenwächter förmlich dazu aufgerufen, Nachforschungen anzustellen und mögliche Verfehlungen einstmals populärer Ehrenmänner anzuprangern? Es braucht nicht viel Phantasie, um sich eine eingeschüchterte Stadtregierung vorzustellen, die etwaigen laut vorgetragenen Forderungen Stück für Stück nachzugeben bereit ist – bis am Ende von der Größe Wiens und Österreichs nur noch belanglose Bruchstücke übrig bleiben. Glauben Sie nicht? Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele, die ich ohne große Nachforschungsarbeit bereits jetzt aus dem Ärmel schütteln kann:

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Wie erklärt man sich als aufgeweckter Literat die Esther-Geschichte im Schönbartspiel Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern? Freilich, in der ersten Version von 1773 ist nichts Verwerfliches oder Anstößiges festzustellen – man kann sich darüber auf Spiegel Online Projekt Gutenberg überzeugen. Sieht man sich jedoch die überarbeitete Fassung von 1778 an, huh, da schlackern einem die Knie. Würde man daraus zitieren, die Sittenwächter würden einen sofort in die rechteste aller rechten Ecken prügeln. Sollte nun die Stadt Wien angehalten werden, am Denkmal Goethes eine Hinweistafel anzubringen, dass es der gute Dichter sicherlich nicht so ernst gemeint hatte, bei alledem? Schließlich soll es ja eine Art von Lustspiel sein – auch wenn der Berliner Professor Max Hermann bekennen muss: „… wenn man nicht wüßte, daß es sich um einen Ulk handelt, an vielen Stellen glauben könnte, etwa ein Drama aus Gottscheds deutscher Schaubühne zu lesen.“ [Entstehungs- und Bühnengeschichte, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1900, S. 171]


Kaiserin Maria Theresia (1717-1780)
Im Jahr 1744 und 1745 erließ sie ein Edikt, dass die Juden zwang, Prag, Böhmen und Schlesien zu verlassen. Wie gehen wir nun mit dieser judenfeindlichen Entscheidung um? Sind nun in der Kapuzinergruft, neben ihrem Sarg, Hinweistafeln aufzustellen, die besagen, dass die „junge“ Kaiserin unter bösem Einfluss ihrer Berater stand? Oder dass man die Ausweisung im Kontext der Zeit sehen soll? Aber dann müsste öffentlich gemacht werden, in welchem Jahr die Linie zwischen dem Akzeptierten und dem Nicht-Akzeptieren liegt. Ich erwarte mir eine spannende Diskussion.


Martin Luther
(1483-1546)
Möchte man auf das Alterswerk des Urhebers der Reformation hinweisen, könnte einen bereits die bloße Nennung der Buchtitel in Verlegenheit bringen, deshalb verzichte ich an dieser Stelle darauf. In Wikipedia gibt es zu diesem Thema sogar einen eigenen Eintrag – vermutlich um zu retten, was noch zu retten ist. Darin heißt es, dass sich die evangelische Kirche „seit 1950 allmählich von Luthers judenfeindlichen Aussagen und deren historischen Wirkungen im Protestantismus distanziert. Ob und wie weit auch seine Theologie zu revidieren ist, wird diskutiert.“ Bedeutet das am Ende, dass an allen evangelischen Kirchentüren eine „Mea culpa“-Informationstafel angeschlagen werden muss? Und wird die katholische Kirche – in christlicher Verbundenheit – nachziehen?

Nur damit wir uns verstehen – ich stelle nicht die sogenannte Aufarbeitung vergangener Ereignisse in Frage, sondern wie mittels eines un-demokratischen „Kommisarbriefes“ ein Teil Wiener Identität sang- und klanglos geopfert und übermalt wird. Vergessen wir nicht, dass die Geschichtsschreibung immer von seiner gesellschaftlich-politischen Zeit geprägt ist. Gestern Rebell. Heute Freiheitsheld. Morgen Verräter. Das Geschichtsforscher-Ehepaar und Pulitzerpreisträger Will und Ariel Durant bringt es auf den springenden Punkt:

[meine Übersetzung:] Wissen wir denn wirklich, wie die Vergangenheit war, was tatsächlich geschah, oder ist Geschichte „eine Fabel“, auf die wir uns „geeinigt“ haben? Unser Wissen über ein vergangenes Ereignis muss immer unvollständig, womöglich fehlerhaft sein, verhüllt durch mehrdeutige Beweise und voreingenommene Historiker, und vielleicht sogar durch unsere patriotische oder religiöse Parteinahme verfälscht. […] Do we really know what the past was, what actually happend, or is history „a fable“ not quite „agreed upon“? Our knowledge of any past event is always incomplete, probably inaccurate, beclouded by ambivalent evidence and biased historians, and perhaps distorted by our own patriotic or religious partisanship.

The Lessons of History
H. Wolff, New York [E-Book]

Ich hoffe, ich habe meinen Standpunkt als Bürger der Stadt Wien klar gemacht.