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Wien, im März 1938 #1 Helen Blank

Nun, es ist bald 80 Jahre her, dass Österreich zur Ostmark und ins damalige Deutsche Reich integriert wurde. Ob dieser sogenannte Anschluss freiwillig oder mittels Zwang erfolgte, darüber wird das eine oder andere Mal gestritten, weil damit auch die Frage nach Schuld und Komplizenschaft einhergeht. Je nach politischer Wetterlage wird der Opfermythos zum Spielball intellektueller Agitatoren.

Durch Zufall bin ich auf das Archiv des Leo Baeck Institutes in New York City gestoßen. Das Zentrum für jüdische Geschichte hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben der österreichischen Immigranten vor 1938 mittels eines Fragebogens zu dokumentieren. Im Internetarchiv können Sie einige der eingescannten Fragebögen durchsehen: link

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Paukenschläge II

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Am 1. September 2007 tippte ich diese Zeilen: »Da fällt eine Türe ganz sachte ins Schloss und du vermeinst, einen Paukenschlag gehört zu haben. Vermutlich, weil es einer ist. Oder zwei. Eigenartig ist’s, diese geschlossene Türe zu sehen, die so lange offen stand. Nun heißt es, brav anzuklopfen und zu warten, ob einem aufgemacht wird. Das wird jetzt keiner verstehen. Und das ist gut so.«

9 Jahre später. Vergangenheit. Zukunft. Gegenwart.

Graf Popovic: »Eines noch, mein lieber Märwald, bevor wir uns wohl verabschieden müssen … glaubt nicht, wenn Ihr die Reise mitmacht, dass Ihr dadurch Euer Glück finden werdet … es kann sein … es kann auch nicht sein … wie wurde mir einmal gesagt? Ein weiser Mann, der einen neuen Weg beschreitet, tut es nur deshalb, weil er einen neuen Weg beschreiten will. Versteht Ihr? Es geht nicht um das große, hehre Ziel, das wie eine schwere Schatzkiste hinter der nächsten Biegung auf einen wartet … zu meist wartet da nichts … und es ist auch nicht, dass der neue Weg schöner oder erfüllender wäre als der alte … nein, nein … er ist weder besser, noch ist er schlechter … es ist einfach ein anderer Weg … mehr ist es nicht. Gewisse Ängste, bestimmte Sorgen werdet Ihr auch auf diesem neuen Weg mit Euch tragen, andere werdet Ihr liegen lassen dürfen und andere wiederum werden Euch aufgebürdet werden. Ihr seht, so einfach will es uns das Leben nicht machen … aber so schwierig vielleicht auch nicht. Ich würde es gerne sehen, wenn Ihr die Reise tut, [zwinkert] oder auch nicht tut. Aber –  und das meine ich so ernst, wie nur irgendetwas – lasst es nicht zu, niemals, dass Euer tiefer Wunsch in den Jahren die noch vor Euch liegen, durch die alles zersetzende egoistische Gier ersetzt wird. Denn dann wird er zu einer Gefahr für Leben und Geist. Übt Euch, dann und wann, in einer reinigenden Bescheidenheit, die den sturen Kopf und die träumende Seele wieder freimacht. Wir verstehen uns?«

Azadeh
oder
Die 13 Tage des Leutnant Johann Gottfried von Märwald
niedergeschrieben irgendwann im Jahre 2002

343 Stufen den Wiener Stephansdom hinauf und wieder hinunter

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Manchmal verschlägt es mich am Morgen zum Wiener Stephansplatz. Dann bleibt nichts anderes übrig als im Schanigarten einer Wiener Kaffeehauskette einen Verlängerten zu schlürfen und dazu eine Topfengolatsche zu verputzen. Wenn man Glück hat, ergattert man ein Plätzchen mit Sicht auf den Steffl. Herz, was willst du mehr? Gegen 10 Uhr wird es dann freilich ein wenig unangenehm, weil Touristenschwärme summen und zirpen. Aber bis dahin hat man wohl schon in sein Tagebuch gekritzelt und ist bereit, für neue Abenteuer. Und weil ich noch nie den Südturm bestiegen habe, dachte ich mir, dass es nun an der Zeit sei. Gesagt, getan.

Für €4,50 darf man nicht nur 343 Stufen hinauf- und hinuntersteigen, sondern erhält als Bonus einen beachtlichen Drehwurm. Als ich gerade die ersten Stufen nehmen wollte, kam mir ein asiatisches Touristenpärchen entgegen – beiden waren ziemlich gezeichnet vom Abstieg. Die junge Frau schien mir in einer besseren Verfassung zu sein als der junge Mann, der scheinbar dem Hergott dankte, wieder zu ebener Erd gehen zu können. Ja, die enge Wendeltreppe ist kein Zuckerschlecken, da büßt man schon ordentlich Kalorien ein. Der „Gegenverkehr“ gestaltete sich aber nicht so schlimm wie anfänglich befürchtet – der eine drückt sich an die Mauer, der andere schiebt sich vorbei. Easy.

Das Glocken- und das Turmzimmer sind schon die Anstrengung wert. Mit dem Aufzug kann ja heutzutage jeder fahren. Aber 343 Stufen zu erklimmen, das hat schon durchaus etwas Gottergebenes. Vergessen wir nicht, dass bereits vor über einem halben Jahrtausend hier Menschen auf- und abgelaufen sind. Später sollte hier die Pummerin (türkische Kanonen!) bis 1945 ihren Platz finden – kaum zu glauben, wie man diese 20 Tonnen schwere Glocke damals durch halb Wien bewegen und in rund 60 Meter Höhe befestigen konnte. In den Nachtstunden hat der Turmwächter im Turmzimmer nach einem möglichen Feuer Ausschau gehalten und gegebenenfalls Alarm geschlagen. Ja, Feuer war seit jeher die größte Gefahr in einer von Wehranlagen eingegrenzten und dicht an dicht gebauten mittelalterlichen Stadt. The Great Fire of London, im Jahr 1666, zeigt, wie schnell ganze Häuserzeilen in Schutt und Asche übergehen können – im Tagebuch von Samuel Pepys ist dieses Großfeuer in aller emotionaler Deutlichkeit beschrieben.

Ja, manchmal braucht es ein Feuer. Ein inneres, versteht sich. Dieses innere Feuer – ist es göttlicher Natur? – wird am Ende all die bösen und dunklen Gedanken verbrennen, die einen plagen. Gerade in einer Zeit, in der man an einer Weggabelung steht, braucht es 343 Stufen und einen Drehwurm, um zu verstehen, worum es im Leben wirklich geht. Bedenken wir, dass der Stephansdom, in all seiner Größe, in all seiner Detailverliebtheit, vor über 500 Jahren Stein für Stein gebaut wurde. Unglaublich, dünkt es einen. Und doch hat der Mensch dieses unglaubliche Werk vollbracht. Daran soll man ermessen, wozu der Mensch – so er gemeinsam mit Gleichgesinnten an der Zukunft schmiedet – fähig ist. Ja, das sollte wir niemals vergessen.

Nennen wir es Leben

Ich sitze gerade in der Lokalität einer amerikanischen Kaffeehauskette, Stammplatz, erster Stock, mit Blick auf die Kreuzung, wo Mensch, Auto und Straßenbahn zusammenkommen. Geregelt. Natürlich.

Am Nebentisch eine junge Frau, die gerade eine Art von Interview gibt. Über ihre Trinkgewohnheiten. »Blackout« ist das Wort, das am häufigsten vorkommt. Dann gesteht sie, dass sie erst durch den Alkohol die Freundschaft zu einer Freundin vertiefen konnte, die sie zuvor »unspannend« fand. Während ich also in mein Tagebuch schrieb – grüne Tinte – schnappte ich dann und wann Wortfetzen dieses Interviews auf. Die junge Frau, noch keine 21 Jahre, ist schlank, durchaus attraktiv. Verwunderlich, dass sie auf Alkoholexzesse zurückgreifen muss, um sich »lebendiger« zu fühlen. Darüber dachte ich eine Weile nach.

Also, was ist mit den jungen und älteren Menschen in unserer westlichen Gesellschaft nur los? Die Süchte – egal ob reale oder virtuelle – machen täglich neue  »Gefangene«. Da ich es, wenigstens für eine geraume Weile, geschafft habe, dem Hamsterrad des Systems zum größten Teil zu entfliehen (ganz geht es natürlich nicht), mag das Nachdenken über diese Frage leichter fallen. Hin und wieder lese ich in Autobiographien oder Interviews, zumeist sind es ältere Herrschaften, die einen oder gar zwei Weltkriege und die große wirtschaftliche Depression miterlebten. Kurt Vonnegut wäre vielleicht ein Architekt geworden, so wie sein Großvater und Vater. Aber die Depression und der anschließende Weltkrieg ließen es nicht zu. Und so erlebte er als Kriegsgefangener die Feuer-Hölle von Dresden. Hemingway wäre wiederum nicht nach Paris gekommen, hätte es nicht den »großen Krieg« in Europa und danach den günstigen Dollarkurs gegeben. Heinrich Böll wäre vielleicht ein gewöhnlicher Germanist geworden,hätte er nicht in die Wehrmacht einrücken müssen. Auf den Punkt gebracht: Leben bedeutet Gefahren und Risiken eingehen zu müssen. Besser: um sich lebendig zu fühlen, muss man ein Wagnis eingehen. Gewiss, es ist unangenehm, es macht einem Angst. Angst, die auf eine virtuelle Ursache beruht, tötet jede Initiative. Kurz: es ist ein langsames Sterben. Und wer sich im Sterben wähnt, versucht, es zu vergessen.

Nehmen wir uns für einen Moment kurz bei der Nase. Was macht unser Leben lebendig? Ist es der Job in einem Unternehmen, das vielleicht schon morgen auf deine Dienste verzichten kann, obwohl du über die Jahre brav und redlich deine Kraft zur Verfügung gestellt hast. Oder, wie es einer meiner Onkel auf den Punkt brachte: »35 Jahre im Postdienst, niemals krank, am Ende dankt es dir keiner.« Also, was macht unser Leben lebendig?

So mag es nicht verwundern, wenn Menschen ihren (Sehn)Süchten verfallen. Entweder lenken sie einem von jenem Leben ab, das man nicht mehr bestimmen kann, das für einen bestimmt wird – oder sie erwecken die Illusion, sich befreien zu können.

Oftmals hören wir, dass es uns so gut geht, wie noch nie. Stimmt. Wenn wir die Sache von einem materialistischen Gesichtspunkt aus betrachten, dann ist jeder Einzelne Fürst oder Edelmann. Aber wenn wir die Sache von einem lebensqualitativen Gesichtspunkt aus betrachten, dann sieht es düster aus. Althergebrachte Werte sind in den letzten Generationen verpufft. Tradition ist verdächtig. Kulturelle Wurzeln sowieso. Patchwork-Familien bieten nicht mehr den Rückhalt großer zusammenhängender Familienstrukturen. Die Anhäufung von Geld und Material wird zum zentralen Ziel aller. Damit einhergehend ist nur noch der (marktübliche?) Preis, nicht mehr der Wert verhandelbar (bereits zu Beginn der 1980er bemerkte es ein gewisser Wolfgang Ambros in seinem herrlich zeitlosen Lied »A Mensch mecht i bleiben«). Und die Zeit, die wir zur Verfügung haben, wird zum größten Teil damit verbra(u)cht, das Hamsterrad am Laufen zu halten. Wer das nicht glaubt, der muss nur einen Blick in die Shopping-Malls werfen. Samstag Nachmittag!

Gut, Sie können jetzt sagen, ich hätte keine Ahnung, als eigenbrötlerischer Schriftstellerverleger, der in seinem kleinen Elfenbeinturm dahinschreibt. Gewiss, diese Kritik ist nur zu berechtigt. Was weiß ich schon vom Leben der anderen? Von der Gesellschaft als Ganzes? Ich beobachte. Teile. Ausschnitte. Aber ich erkenne, dass es auch andere gab und gibt, die eine ähnliche Sicht auf die Dinge haben. Ist es nur Zufall? In meinem Buch Con$piracy zitiere ich einen amerikanischen Senator, der in den frühen 1990ern bereits anmerkte, wohin uns eine neoliberale Politik (freie Marktwirtschaft auf der ganzen Welt, eine Währung, keine Grenzen) führen wird. Oder ein englischer, durchaus verdächtiger Multimilliardär, der Ende der 1980er das Wirtschaftssystem grundlegend in Frage stellte. Oder wie wäre es mit dem höchstdekorierten US Soldaten, der seine Ansichten über blutige Konflikte klar und deutlich auf den Punkt brachte: »War is a racket« (Krieg ist ein Geschäft). Allesamt nur Rufer in der Wüste. Allesamt nur Statisten in einer sich immer schneller drehenden Welt. Nicht mehr.

Apropos Con$piracy. Ich habe nun doch noch einmal begonnen, den Text zu überarbeiten und konnte dabei neue Strukturen einflechten. Jetzt sieht es schon nach einem ordentlichen Sachbuch aus. In den nächsten Tagen möchte ich das Buch abschließen und AL. für eine Durchsicht gewinnen. Als Verlagslektorin, die Erfahrung mit Sachbüchern hat, wäre sie genau richtig. Und da der August den September ankündigt, werde ich noch ordentlich in die Hände spucken müssen. MADELEINE und, später, ERIK stehen auf dem Speisezettel. Dann wird es auch wieder notwendig, sozial zu interagieren, sich von seiner kreativsten Seite zu zeigen und sich neu zu erfinden. Ja, dann heißt es ordentlich treten, im Hamsterrad.

Meine Stadt? Deine Stadt? Unsere Stadt?

Bald ist es ein Monat her, seit ich von der Donau in den inneren Gürtel Wiens gezogen bin. Die Wohnung liegt zwischen dem elitär gutbürgerlichen Bezirksteilen (4. Bezirk, 5.Bezirk bis zum Margaretenplatz) und den proletarischen Arbeitervierteln (5. Bezirk ab Reinprechtsdorfferstraße zum Gürtel und dann in den 12. Bezirk). Man könnte also sagen, die Wohnung liegt noch nicht rechts, noch nicht links – somit im bezahlbaren Mittelfeld. Aber was heißt heutzutage schon „Mittelfeld“ und – vor allem – „bezahlbar“?

Heute wieder eine kleine Ahnung davon abbekommen, was es einmal geheißen haben muss, in einer gemeinschaftlich funktionierenden Stadt zu leben. Betonung liegt auf „leben“, nicht auf „wohnen“ oder „arbeiten“ oder „Freizeitgestaltung“. In (relativer) Gehweite einen gemütlich unspektakulären Bio-Laden gefunden, in der die Besitzerin nicht verleugnen kann, dass sie nicht aus Wien stammt, sondern aus den ländlichen Gebieten. So half ich ihr, eine Kiste Äpfel über die Türschwelle zu wuchten (okay, das ist die gewohnt schriftstellerische Übertreibung) und erntete dafür ein erdiges „Dank’schön“. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, im Laden Qualität angeboten zu bekommen, ohne dass es den Preis durch die Decke treibt. Freilich, günstig ist anders. Aber wollen wir nicht raunzen, immerhin stand ich nicht unweit des Sterbehauses von Franz Schubert.

Überhaupt, diese kleinen Lokale, diese altehrwürdigen Bürgerhäuser, da kommen schon sentimentale Gefühle hoch. Als die Stadt noch nicht vom Autoverkehr überrannt wurde (zugegeben, Pferdemist ist auch kein Wohlgeruch), musste das Leben langsamer von statten gehen. Egal wo ich mich hinbewege, überall folgt mir ein stinkend lautes Blechungeheuer – nicht nur, dass es die städtische Geräuschkulisse ruiniert (Franz Schubert würde es uns sicherlich sagen!), nein, es nimmt jeder Straße, jeder Gasse alle Würde und Schönheit. Ein Blick in die Zeinlhofergasse – vermutlich eine der schönsten Wohngassen von Wien (erst heute durch Zufall entdeckt) – verrät, dass der moderne Mensch nicht kapieren möchte, dass weniger oft mehr ist. Was nutzt mir der Samstag-Nachmittags-Einkauf in einem Einkaufscenter, wenn man es dort nicht mit lebendigen Menschen, sondern mit Un-Toten zu tun hat. Eine gräuliche Erfahrung. Gewiss, es mag effektiv und kosteneffizient sein, aber der seelischen Gesundheit ist es abträglich. Definitiv.

Und die Spitze des Ärgernisses und der Verkommenheit ist wohl, dass am Margaretenhof (sicherlich einer der schönsten Wohnhöfe Wiens), gegenüber des Margaretenplatzes, sich die Autos vorbeischieben. Dass in den verglasten Arkaden und im Untergeschoss eine Werbeagentur untergebracht ist und kein gemütliches Kaffeehaus (das fehlt in diesem Bezirksteil!), kann einen schon die Zornesröte ins Gesicht treiben. Weil deren Werbeslogans und Marketing-Schmähs all jene Bürger dazu verleiten, tote Sachen zu kaufen, im Glauben, dass sie diese lebendiger machen. Tja. Wo soll das nur hinführen? Darüber wird noch zu schreiben sein.