Als der Süd-Koreanische Film im Jahr 2020 Hollywood eroberte und Oscars abräumte: #Parasite

Bedaure. Ich war einfach zu müde um mir die diesjährige Oscar-Nacht um die Ohren zu schlagen. Ach, vorbei die Zeit, als ich noch lang und breit über die Vergabe der goldenen Statuen schrieb – on the fly, sozusagen in Echtzeit (von 2009 bis 2012). Aber da konnte man noch auf hübsch zynische Späße von Moderator Billy Crystal hoffen. Auch sind die Hollywood-Kinofilme des letzten Jahrzehnts kaum der Rede wert – gewiss, Ausnahmen mag es schon geben, aber alles in allem war es die Ära von Marvel und dem bombastischen Superhelden-Film. Mit dem Ende dieser Phase – im wahrsten Sinne des Wortes – beginnt eine filmische Neuorientierung.

Der südkoreanischen Ensemble-Film Parasite schrieb Oscar-Geschichte: Regisseur und Drehbuchautor Bong Joon Ho durfte nämlich gleich vier güldene Statuen mit nach Hause nehmen. Applaus! Aber ist der Film wirklich all die Auszeichnungen wert?

In meinen Augen hätte sich Todd Phillips JOKER (fast) alle Oscars verdient, deutet der große finanzielle Filmerfolg auf die Wiederauferstehung des visionären Autorenfilms hin (hier meine Kritik). Ironischerweise ließ sich Bong Joon Ho unter anderem von den kleinen europäischen Filmen eines Ingmar Bergman oder François Truffaut inspirieren. Wir sehen, am Ende läuft alles auf eines hinaus: eine gute Geschichte zu finden und sie meisterhaft zu erzählen. Das gilt nicht nur für die laufenden Bilder, sondern auch für das geschriebene Wort. Ja, ich weiß, wovon ich schreibe.

Der asiatische Film hat jedenfalls für den unvoreingenommenen Zuschauer einiges zu bieten. Dank Netflix & Co sollte es an der Verfügbarkeit nicht mehr mangeln. Wer weiß, vielleicht ist es gerade der Zugriff auf eine reichhaltige Mediathek exzellenter Filme, der einer zukünftigen Generation die Augen für das künstlerisch Wertvolle öffnet. In einer Zeit, in der die Marketing-Abteilung am Drehbuch mitschreibt, für gewöhnlich das letzte Wort hat, ist es eine Wohltat, Filme zu sehen, die frei von äußeren wirtschaftlichen (und politischen) Einflüssen entstanden sind.

Parasite sind zwei Filme in einem. Die erste Hälfte ist eine amüsante Hochstaplerei, die eine Familie aus bescheidenen Verhältnissen generalstabsmäßig in Szene setzt. Und während man als Zuschauer für die Underdogs Sympathien entwickelt, befindet man sich schlagartig – im wahrsten Sinne des Wortes – in einem anderen Film. Für eine kurze Weile hadert man mit den Charakteren. Wie würde man diese verzwickte Situation, in der die Familie geworfen wurde, lösen? Ein Dilemma, das scheinbar nur das geringere Übel – aber welches? – als Lösung zulässt. Doch Bong Joon Ho lässt nicht den Charakteren die Entscheidung treffen, sie wird für sie getroffen, was wiederum eine Kettenreaktion auslöst, die nur bedingt realistisch ist und mit einem übertriebenen Showdown endet. Darin sehe ich die Schwäche (oder ist es die Stärke?) des Films.

Asiatische Filme sind für unsere von Hollywood geprägten Sehgewohnheiten erfrischend anders – aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir es hier mit einer anderen, sozusagen exotischen Kultur zu tun haben, die wir nur ansatzweise verstehen können. Beispielsweise ist die Suizidrate in Südkorea extrem hoch, in Kambodscha relativ niedrig. Was mögen die Gründe dafür sein? Asien ist ein Kontinent mit einer wechselvollen Historie, die wir zumeist mit einem europazentrierten Blick beschreiben. Immerhin gehörte es noch im 19. Jahrhundert zum guten britisch-imperialen Ton, afghanisches Opium nach China zu verschiffen – die britischen Silber-„Devisen“ waren nämlich zur Neige gegangen und dadurch der Import chinesischer Waren ins Stocken geraten. Die von den Briten ausgelöste Rauschgift-Epidemie füllte wieder die königlichen Schatzkisten, zwang aber die chinesische Regierung zu drastischen Gegenmaßnahmen. Diese chinesische Gegenwehr wurde freilich blutig niedergeschlagen – mit Hilfe anderer europäischer Staaten. Japans Öffnung wiederum wurde nicht mittels Diplomatie, sondern mittels amerikanischer Kanonenboote herbeigeführt. Ja, und über die französisch-amerikanischen Interventionen in Indochina wollen wir gar nicht erst reden. Kurz und gut, Asien und Europa/USA hatten nicht immer das beste Einvernehmen.

Kommen wir wieder zu den laufenden Bildern. Da fällt mir ein, dass ich 2014 ebenfalls keine Lust hatte, die Oscar-Nacht zu verfolgen. Statt dessen unterbreitete ich in einem Artikel meinen Lesern drei asiatische Film-Empfehlungen: der japanische Psycho-Thriller Confessions, das südkoreanische Action-Drama A bittersweet Life und – last but not least – der ebenfalls aus Südkorea stammende Thriller Old Boy. In der Zwischenzeit sind sicherlich noch ein paar besondere Juwelen dazugekommen, aber dahingehend hab ich mir leider, leider (noch?) keine Liste gemacht.

Wer es beschaulicher angehen möchte, dem kann ich die Filme des japanischen Animationsstudios Ghibli ans Herz legen. Da ist beinahe jeder Film ein Meisterwerk. Die letzten Glühwürmchen aus dem Jahr 1988 ist ein Anti-Kriegs-Melodram der besonderen Art. Während sich Hollywood mit dem Oscar nominierten Mel-Brooks-Wes-Anderson-Abklatsch Jojo Rabbit beweihräuchert, in dem der Krieg als absurd bunte Farce herhalten muss, zeigt Isao Takahata, was der Krieg mit den Unschuldigsten anstellt. Herzzerreißend!

Wahrlich, wer bereit ist, sich auf das asiatische Kino einzulassen, der wird mit einer überreichen Film-Welt belohnt. Der nächste Schritt, hin zu den alten Autorenfilmen, ist dann nicht mehr weit. Enjoy the journey!

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