Bernward Vesper: Die Reise – ein rückblick im Drogenrausch der Geschichte

Es hat viel Geduld gebraucht, um Bernward Vespers nachgelassene Autobiographie zu Ende zu lesen – immerhin musste der Umfang von rund 700 Taschenbuchseiten bewältigt werden. Falls Sie den Autor nicht kennen, nun, laut Klappentext war er der Sohn eines „prominenten NS-Schriftstellers“ und der Lebensgefährte von Gudrun Ensslin, ihres Zeichen Mitglied in der Roten Armee Fraktion (RAF). Das Buch blieb unvollendet – Bernward Vesper nahm sich 1971 in der Hamburger Psychiatrischen Universitätsklinik das Leben und hinterließ seinen 4-jährigen Sohn Felix.

Dass dieser Text überhaupt veröffentlicht werden konnte – meine gelesene Taschenbuch-Ausgabe erschien 2012 im Verlag Rowohlt – ist als kleines Wunder anzusehen. Die Themen, die Vesper ausschweifend behandelt, werden von den Sittenwächtern nicht goutiert und liebend gern unter den Teppich gekehrt. Gut möglich, dass der Text in naher Zukunft nur noch in einer kommentierten Ausgabe erscheinen darf. O tempora o mores.

Hier nun die Themengebiete, die im Buch ausführlich zur Sprache kommen:

Autobiographische Erinnerungen: Kindheit und Jugend

Darin liegt m.E. die größte Stärke des Buches! Der Autor, der auf dem elterlichen Gutshof aufwächst (Jahrgang 1938), nimmt sich kein Blatt vor den Mund, er versucht erst gar nicht seine (zuweilen gefährlichen) Bubenstreiche zu relativieren oder zu verharmlosen. Vespers wühlt in seinen vielen Erinnerungen und berichtet schnörkellos über seine Erlebnisse in der turbulente Friedens- und Kriegszeit. Sein Vater spielt bei alledem eine übergroße Rolle und man kann die Hassliebe, die Bernward ihm gegenüber hat, in jeder Zeile spüren. Höhepunkt der Auseinandersetzung ist dabei das Streitgespräch über die unselige Zeit der 1930er und 1940er Jahre. Zwei Generationen. Zwei Ansichten. Hier der junge, revolutionäre Klassenkämpfer, der dem Land (damals die BRD) und der Kultur mit Hass begegnet und der von den Lügen der älteren Generation angewidert ist. Dort der stolze Gutsbesitzer und „Heimatdichter“, der vom deutschen Kaiser mit einem Orden bedacht wurde, der den Aufstieg der Nationalsozialisten begrüßte und der sich für „die Wahrheit lieber verbrennen“ als sich von ihr trennen will. Es ist der Kampf zweier Giganten. Während der eine mit dem Boden fest verwurzelt ist, einem „Wir“ den Vorzug gibt, schwingt sich der andere in ungeahnte Höhen auf und betont das „Ich“. Wer diese zwei so diametralen Sichtweisen verstehen will, sollte diesen Schlagabtausch, der sich freilich nur auf ein paar Seiten erstreckt, gelesen haben.

Autobiographische Erinnerungen: Der Weg zum Klassenkämpfer

Vespers lässt uns teilhaben, an den Diskussionen in den Kommunen, an den Auseinandersetzungen und am Versuch, die (Konsum)Gesellschaft aufzurütteln und den Kapitalismus anzuprangern. Aber wie sehr ich mich auch bemühte, ich konnte kein klares Bild über diese 68er-Generation bekommen. Warum wollten die jungen und älteren Studenten den Kapitalismus stürzen, die Gesellschaft verändern? Warum spaltete sich aus einer Friedensbewegung eine Terrorgruppe ab, die mit ihren Anschlägen auch unschuldige Opfer in Kauf nahm? Welche Vision für die Zukunft hatten die jungen Menschen? War es „ein lebenslanger Trip ohne Drogen“, wie es Vesper einmal ausspricht? Vielleicht sind all die Antworten im Buch versteckt, ich konnte sie jedenfalls nicht finden. Was Vespers sicherlich richtig analysierte, war der Umstand, dass machtvolle Konzerne auf Politik und Gesellschaft Einfluss nehmen.

Innenansichten eines Drogenessers

Vespers dachte, dass seine Texte, die im Drogenrausch geschrieben oder gedacht werden, das Besondere des Buches sein würden. Für mich waren jedoch diese langatmigen verqueren Gedankengänge unter Drogeneinwirkung die schwächsten Passagen und ich habe sie öfters übersprungen. Als Schriftsteller kenne ich das Gefühl, zu glauben, man sei das Zentrum der Welt und alle Leutchen würden sich für einen interessieren. Aber bist du nicht (welt)berühmt, interessiert sich niemand für deine innersten Gedanken, egal ob sie unter Einfluss von Drogen oder im wachsten Wachzustand niedergeschrieben wurden. Ironischerweise entstand das Buchprojekt aus der Idee einen 24stündigen LSD-Trip aufzuzeichnen.

Conclusio

Wer sich mit den Fakten abseits des Mainstream auseinandersetzt, muss bei der Lektüre des Buches sicherlich öfters seufzen. Man erkennt die Gehirnwäsche, die den jungen „Revoluzzern“ den stabilen Boden unter den Füßen wegzog. Heute wissen wir, dass beispielsweise das FBI, beginnend in den 1950er Jahren, mit der Operation COINTELPRO allerlei Gruppen infiltriert hatte, die damals eine Gefahr für den Status Quo darstellten: Friedensbewegungen, Gewerkschaften, Menschenrechtsorganisationen, Kommunisten, Black Panther, usw. Die Leute aus Langley (CIA) wiederum befeuerten die Hippie-Bewegung, sorgten dafür, dass Drogen in Umlauf kamen und ließen die „richtige“ populäre Musik von ausgewählten Musikern produzieren. Ja, die 1960er waren für den gewöhnlichen Bürger in Ost und West ein großer Mindf*ck.

Gerade die Bundesrepublik Deutschland war damals, im Kalten Krieg, eine große Versuchsanordnung. Wir können davon ausgehen, dass die Kommunen und Fraktionen mit Spitzeln durchsetzt waren und auf die eine oder andere Art und Weise in eine Sackgasse gelenkt wurden. Gerade die Bereitschaft von ein paar jungen Leuten, Gewalt anzuwenden, gab den Behörden die lang ersehnte Möglichkeit, hart durchzugreifen, die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen und die gesellschaftlichen Belange neu zu ordnen. Man höre sich ehemalige Mitglieder der Roten Brigade (Italien) an, die seinerzeit keine Ahnung von militärischen Operationen hatten; praktisch über Nacht gab es einen Zulauf von gut ausgebildeten Soldaten und schwupps, schon wurde der am besten bewachte Politiker Italiens, Aldo Moro, auf offener Straße entführt. Wie sich später herausstellte, waren hier Profis am Werk, die eine von oben angewiesene Strategie der Spannungmade in the USA – umsetzten. Stichwort: Operation Gladio

Das menschliche Urteil über Vergangenes steht nie still; alle historischen Gestalten schwanken in der Vorstellung der Nachwelt. Es gibt keinen endgültigen Spruch über Gewesenes.
Jacob C. Burckhardt, Bildnisse, 1958

In gewissem Sinne war Vesper Teil einer Veränderung, die er zu verhindern trachtete. Vielleicht spürte er diesen Widerspruch, aber wie hätte er jemals hinter die Fassade blicken und das falsche Spiel entlarven können? Jede Revolution frisst ihre eigenen Kinder. So ist das.

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