richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

das erste Mal: 20. April 2007 oder Die bloggende Unschuld

der kleine Dichter ein bisserl nervös, ein bisserl fickrig, aber sonst geht es ganz gut, mit dem wordpress.blog. Es wird freilich seine Zeit brauchen, bis ich es in meine Website einbinde und darin schreibe.

***

Das war er. Der erste Eintrag auf dem wordpress.blog. Nicht gerade weltbewegend. Natürlich nicht. Die Entscheidung, dem deutschen Community.blog nach zwei Jahren den Rücken zu kehren, war wohl eine gute, eine erwachsene, eine notwendige. Hier, in meinem blog, da ist meine Welt. Komme, was wolle. Ich habe das Recht und die Pflicht, zu schreiben, was mir im Kopf herumspukt. Ja, ja.

Ich werde deshalb kein bisschen eitel sein, weil ich weiß,
dass die Publikumsgunst den schlechtesten Büchern zu teil wird.
Marcel Proust an Gaston Gallimard, 1919

Das Web2.0 und die Möglichkeit, blog-Artikel zu schreiben und (wichtig) zu kommentieren und (noch wichtiger) zu verlinken, hat die schreibende Welt näher zusammenrücken lassen. Plötzlich konnte sich jeder als Journalist oder Kinokritiker sehen. Da fällt mir ein: meine Blog-Seite mit den Kinokritiken ist irgendwo im virtuellen Äther verschwunden. Andererseits, man sagt ja, dass im Internetz nichts verschwinden kann, demnach müssen also meine Ergüsse noch irgendwo sein. Aber so wichtig sind sie auch wieder nicht. Gut. Zurück zum Web2.0. Die Blogs waren anfänglich überschaubar. Es gab sogar junge und ältere Menschen, die sich nicht getrauten, so öffentlich zu schreiben. Es war mit einmal eine seltsame Situation: Leute, die irgendwo und nirgendwo zu Hause waren, konnten sich nun Gehör verschaffen. Grenzübergreifend. Weltweit. In jeder Sprache. Vielleicht auch nur mit Fotos. Bewegend!

Aber man erkannte bald, wie es um die Euphorie bestellt war. Ein Auflodern. Kurz. Kräftig. Dann die Ernüchterung. Weil so einen blog zu machen, einen gehörigen Aufwand darstellt. Man muss konsequent sein. Darf sich nicht zu lange Zeit lassen, mit dem nächsten Eintrag, ansonsten geht man unweigerlich verloren, in der Masse der anderen aktuelleren Seiten. Und dann die Frage, was man denn schreiben soll. Vermutlich machte sich anfänglich kaum einer Gedanken darüber. Hauptsache die Möglichkeit ausschöpfen, zu publizieren. Egal was. Egal wie. Und so sahen sie auch aus, die hingerotzten Blog-Artikel. Fehlerhaft. Verstümmelt. Mäßig. Erbärmlich. Und heute? Jahre später? Ich kann nicht sagen, in letzter Zeit einen grottigen Blog angeklickt zu haben. Ist es Zufall? Oder hat sich hier einfach die Spreu vom Weizen getrennt? Hat hier tatsächlich die Gemeinschaft von selber nachgeholfen? Oder haben die Blogger bemerkt, dass es keinen Spaß macht, wenn die hingeschmierten Beiträge einerseits nicht gelesen, oder, wenn doch, nicht beachtet, nicht kommentiert werden?

Wie dem auch sei. Zu guter Letzt, da fällt mir ein, dass es heißt, dass jeder Blogger auch Journalist ist bzw. sein kann. Gewiss. Aber noch mehr wird er bemerken, dass er nun auch eine Zeitung zu stemmen hat, die nach eigenen Gesetzen und Vorgaben geführt werden muss. Leserzahlen! Einfluss! Interaktion mit anderen Journalisten/Zeitungen! Ja, der Blogger rauft sich alsbald die Haare. Soll er jenen Artikel verfassen, der ihm zwar am Herzen liegt, der aber wenige Klicks und kaum Interesse mit sich bringen wird? Hm. Bald ertappt sich der Blogger, bewusst kontroverse, absichtlich übertriebene Themen aufzugreifen und, hie und da, ein kleinwenig zu provozieren (nur die harmoniesüchtigen Wesen unter den Bloggern, die sträuben sich noch). Ja, das Web2.0 hat den Menschen die Augen geöffnet und gezeigt, was es heißt, eine Zeitung zu führen. Citizen Kane im Mikroformat. Und am Ende zählt nur eines. Rosebud.

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2 Antworten zu “das erste Mal: 20. April 2007 oder Die bloggende Unschuld

  1. nebenschauplatz Dienstag, 26 April, 2011 um 7:25

    oh wie beschwerlich, wie schwierig, dran zu bleiben. schön, dass du es so gut kannst. lese gerne.

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