richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Eine Blutoper namens Penly

Penly_Box_openSodala. Das Spielemagazin ist mal in trockenen Tüchern und in der Druckerei. Die Conspiracy-Mühlen mahlen derweil langsam und bedächtig – was vorauszusehen war, führt man sich Inhalt und Umfang des Werkes vor Augen. Somit wird es mit Band IV der Tiret-Saga: Penly so richtig ernst. Das blutige Insel-Massaker ist nichts für zarte Gemüter, schließt aber den Kreis vorbildlich. Und was gibt es Schöneres, für einen Schriftsteller, wenn er einen Bogen über vier Bände spannen kann? Reizend, nicht? Ob die tarantinoeske Blutoper noch in diesem Jahr erscheinen wird, steht in den Sternen. Vielleicht im Frühjahr 2015? Oder doch noch vor Weihnachten? Sie wissen schon, der Buchhandel und das Weihnachtsgeschäft, die gehen eine lukrative Symbiose ein. Na, es wird wohl auf die Vorbestellungen/Reservierungen ankommen. Zumindest könnte ich Band IV zunächst mal als E-Book publizieren. Tja. Immer diese Entscheidungen. Ja, leicht hat man es als Autorverleger nicht. *lehnt sich zurück, schlürft Kaffee und starrt Löcher in den Spätsommerhimmel*

 

update: Französische Bauern steckten aus Protest das Büro der Steuerbehörde in Brand. Oui, oui. 1788/89? Non! 2014. link

Célines 9/11

911_2014

… offen gesagt, nicht recht verstanden, was geschehen war … manchmal verheddert sich alles … soviel Schildbürgerstreiche! sollten wir so verblödet sein! … Himmelherrgott, ist doch nicht möglich! … doch! doch! doch! … man wagt sich einfach nicht mehr zu fragen, niemand versucht einen zu verstehen! Leser, Zuschauer, bestimmt, ganz bestimmt, verlangen nur eines, daß man aufgehängt wird! und rasch! hoch und kurz! in welchem Stil man da baumeln wird? komplizieren Sie die Heilige Schrift nicht! das Genie dieser Zivilisation besteht darin, daß sie Gründe für die schlimmsten paranoischen Schlächtereien gefunden hat … der Sinn der Geschichte! … new look, blutige Sozialversicherte, zermanschte Lebern, zersplissene Hirnhäute, sadistische, motorisierte Faulenzer, fernsehübertragen und entzückt! … ganz selig! … und noch mehr! … und noch mehr! … ein Glas! zwei! … Rülpser!

Louis-Ferdinand Céline (1894-1961)
Norden, S. 179
Rowohlt Verlag, Hamburg 1969

Nach dem ich nun das Buch Norden von Céline ausgelesen habe und noch immer von der Wucht dieser rund 400 Seiten langen Wutrede gänzlich vereinnahmt bin, versuche ich mich an ein literarisches Experiment, das freilich nicht ungefährlich ist. Ganz im Sinne des französischen Autors möchte ich den einen oder anderen Gedanken zu Papier bringen. Es geht, wie könnte es an diesem Tag anders sein, natürlich um die Anschlagsserie vom 11. September 2001. Lange her, ja, und trotzdem hat dieser Tag die Welt verwandelt. Nein, nein, nicht die Erdkugel per se, vielmehr die Gedankenwelt der Menschen. Unheimlich, aber so ist es nun mal, wenn Geschichte geschrieben wird. Das literarische Céline-Experiment, ich möchte sie vorweg warnen, ist nichts für zarte Gemüter. Generell, Sie wissen es vermutlich, bin ich ein harmoniesüchtiges Sensibelchen. Ich gehe jeder Konfrontation aus dem Weg und hüte mich davor, anderen meine Wahrheit aufzutischen, wohl wissend, dass es nur Widerwillen und Unverständnis hervorrufen würde. Deshalb habe ich mich erdreistet, ein 600-seitiges Buch über all diese vielen Wahrheiten zu schreiben. Es ist ein work in progress. Ich bin stolz drauf, endlich gesagt zu haben, was sich sonst keiner auszuschreiben getraut. Fein. Sind Sie nun für das Experiment bereit?

***

»Können Sie sich noch erinnern? An diesen Septembertag. Diese Türme … und dann, bumms … bumms … man traute seinen Augen nicht. Konnte es nicht glauben. Wie denn auch? Hatte man so etwas schon mal erlebt? Natürlich nicht. Niemand hatte es. Das war ein Schlag. Man war ganz benommen. Es war so unwirklich. Völlig unwirklich. Man fühlte sich in einem Film. Im falschen, natürlich. Hollywood kam einem da in den Sinn, nicht wahr? Das waren Tage. All diese Gefühle und Ahnungen und Ängste. Wenn so etwas möglich war, war alles möglich. Wirklich alles! Plötzlich könnte man sich all diese mäßigen Sci-Fi-Horror-Storys bildlich vorstellen. Außerirdische, die einem das Gehirn auffressen? Ja, ja, wird gerade live gesendet. Oh. Ah. Man dachte bereits, dass diese Leutchen längst gehirnlos waren. Sah man täglich. Stündlich. Ich schweife ab. Ja, so ist das, wenn man sich die Wahrheit von der Seele schreibt. Einfach drauf los. Schwupp. Schon bin ich wieder wo anders. Das geht schnell, Sie wissen ja, wie die Gedanken springen und hüpfen und in eine Richtung laufen, wo man gar nicht hin wollte. Aber, naja, man ist nun mal hier und Basta! Also, 9/11! Was gäb’s da noch viel zu schreiben, werden Sie mich fragen. Sie wissen alles, nicht wahr? Sie beten die offizielle Version, diese Narrativ, im Schlaf herunter. Würde man Sie mitten in der Nacht aufwecken und Sie fragen, was damals geschah, Sie würden die ›Wahrheit‹ herunterstöhnen: ›Terroristen … Flugzeuge … entführt … Towers … Bumm! Bumm! … heiß, so heiß … die Stahlträger … geschmolzen … der Einsturz. Pfannkuchenartig! … ja, ja. Rutsch! Futsch! Aus!‹

Ja, die Wiederholung der Wiederholung. Schlagen Sie heute die Zeitung auf, werden Sie daran erinnert, an DIE Wahrheit. Jedes dieser Blätter spielt Komödie. Boulevard oder Qualität, das spielt keine Rolle. Sie trompeten alle in das selbe Horn. Ekelhaft. Als wäre das Rückgrat abgeschafft. Keiner stellt Fragen. Alle nicken DIE Wahrheit ab. ›So ist es gewesen! Punkt!‹ Wer sich über den einen oder andern Fakt wundert, sich getraut eine Frage zu stellen, wird fertig und runter gemacht. Jene, die ihr Hirn verwenden, werden als ›Verschwörungsfantasten‹ ausgelacht, verhöhnt, belächelt und in die Ecke gestellt. Niemand, der bereit wäre, zu denken, den Gehirnapparat zu verwenden und die Wiederholung der Wiederholung auszublenden. Und immer diese Bilder, diese Fotos, diese Clips, diese Geräuschkulisse. Pffft … Bumm! Schreie! Entsetzen. Pffft … Bumm! Man wird ganz kirre dabei, keine Frage. Beeindruckend, ja, ja. Trotzdem, die Fakten verschwinden nicht, nur weil es diese Bilder gibt. Das ist ja der ganze Trick dabei. Haben Sie’s noch nicht gemerkt? Immer und überall, wenn die Kacke am Dampfen ist, wird eine Erklärung gefunden, die sogar der dümmste Hund verstehen kann. Das ist aber erst der Anfang. Danach wird die Emotionstaste gedrückt. Pausenlos: die armen Opfer! Schrecklich, all diese Toten. ›Wer hier und jetzt nicht mit uns ist, der ist gegen uns!‹ Scheiße, ich will wissen, was da gespielt wird, gespielt wurde. Die Obrigkeit interessiert sich einen Pfennig für die Toten. Soll das ein Witz sein. Hören Sie sich Nixon und Kissinger an, wie sie realpolitisch daran gehen, Nord- und Südvietnam und Kambodscha in die Steinzeit zu bomben. Zweihundertausend Tote? Ist denen aber so was von schnurz: ›You’re so goddamned concerned about civilians, and I don’t give a damn. I don’t care.‹ Ja, so sieht es aus. Die Toten sind nur dann für die da oben relevant, wenn es darum geht, abzulenken oder auf der Klaviatur der Emotionen zu spielen. Hübsche Melodie. So schön schaurig-wütend. Und ich frage mich, warum das niemand kapiert? Die Leutchen werden angelogen, so offensichtlich, so perfide, so heimtückisch, all das während des helllichten Tages, dass einem schwummrig werden kann. Huh. Sie sind alle so überzeugt, dass man nicht mehr weiß, ob man es mit Menschen oder programmierten Maschinen zu tun hat. War das schon immer so? Konnten die da oben wirklich immer schon machen, was sie wollten? Es sieht so aus. Der Pöbel, gehirnlos, rückgratlos, folgt und folgt und folgt. Brav. Dafür gibt es dann ein Stück Zucker. Aber nicht zu viel. Orwell? Man muss nur die beiden Bücher lesen, Sie wissen schon welche, dann weiß man alles. Mehr braucht es eigentlich nicht, um zu verstehen, was in dieser Welt abgeht, vor sich geht. Vergessen Sie Ihre Zeitung, Ihre TV-Nachrichten. Das ist ausgekochter Blödsinn, was da drinnen steht, was da gesendet wird. Kann ja gar nicht anders sein. Fragen Sie doch mal, woher das ganze Geld kommt, um so eine Zeitung tagtäglich zu drucken? Oder einen Fernsehsender zu betreiben? Eine freie Presse, die hat es vielleicht mal gegeben, aber auch da bin ich mir gar nicht mehr so sicher. Wer zahlt, Sie müssen es doch wissen, der schafft an und schreibt die Artikel. In seinem Sinne. Natürlich nur in seinem Sinne. Wär doch gelacht. Glauben Sie nicht, was? Hätte ich auch nicht. Aber ich weiß, was ich weiß. Ihnen wird eine Welt vorgegaukelt, die es so nicht gibt, nie gegeben hat. Huh. Potemkinsches Dorf! Ja, das ist es. Ich hab’s so in meinem Buch benannt. So und nicht anders.

Also? Was ist damals wirklich geschehen? Und ersparen Sie mir die 08/15-Platidüden. Ich frage Sie, woher Sie wissen, was Sie wissen? Waren Sie vor Ort. Damals? Vermutlich nicht. Haben Sie mit Leuten gesprochen, die vor Ort waren? Vermutlich nicht. Kurz und gut, Sie wissen nur das, was man Sie wissen lässt. Gucken Sie sich doch mal in Ruhe die LIVE-TV-Berichterstattung der 7 größten TV-Sender an: ABC, BBC, CBS, CNN, FOX, NBC, FOX News. Wie soll das gehen? Internet, you know! One link here, one link there!  Da werden Ihnen die Augen und Ohren übergehen. Oh, welch eine Konfusion im Studio, auf der Straße. Niemand, der wusste, was da gerade abging. Jeder stellte Vermutungen an. Niemand getraute sich, von DER Wahrheit zu sprechen. Ein Flugzeug? Nope. Keines gesehen. Eine Rakete? Ja, ja, eine Rakete! Nein, nein, eine Bombe! Oder doch ein Privatflugzeug. Ein kleines, kein großes. Ein Unfall? Tragisch. Shit happens, ja. Und dann, dann tauchen die Experten auf. Ins Studio geholt, in der Telefonleitung. Und die, die wissen, was Sache ist. TERRORanschlag. Sie posaunen es in die Welt. Wenig später, die ersten offiziellen Erklärungen. Ja, ja, TERRORanschläge. WIR werden angegriffen! Huh. Man kennt bereits den Drahtzieher. Schlapperlot. Ein Ex-CIA-Saudi-Söldner – mit kaputten Nieren – soll diese Anschläge ausgedacht und umgesetzt haben. Wow! Was für ein Preisleistungsverhältnis. Teppichmesser und der Wille, das Unmögliche möglich zu machen, die physikalischen Gesetze für einen ganzen Tag außer Kraft zu setzen. Beeindruckende Leistung. Man möchte beinahe applaudieren, wenn es nicht so ein blutiges Schauspiel gewesen wäre. Wobei, Blut haben wir keines gesehen. Keinen Tropfen. Seltsam, nicht, diese Zurückhaltung? Nein, halt, hin und wieder sah man sie, die Verwundeten, die Feuerwehrleute. Gezeichnet. Blut verschmiert. Mit Staub über und über bedeckt. Woher kam der Staub? Achselzucken. Diese Türme, die haben sich förmlich in Luft aufgelöst. Schwupp. Fast nichts mehr da. Dieser alte Söldner mit seinem ulkigen Bart, wie hat er das nur gemacht? David Copperfield musste einem da in den Sinn kommen. Damals. Sie wissen schon, der Illusionsmeister, der schon mal die Freiheitsstatue verschwinden hat lassen. Oder ein kleines Flugzeug. Das ist ja die Sache, die ich Ihnen versuche begreiflich zu machen. Der gute Copperfield lässt die Freiheitsstatue verschwinden und alle Welt weiß, dass es nur ein Trick ist. Ein teurer, zugegeben, aber eben nur ein Trick. Jeder Zauberer kann eine Taube aus dem Hut zaubern. Huh. Das Publikum ist gelangweilt. Alter Hut. Jeder weiß, dass es ein Trick ist, nicht? Aber wo ist der Unterschied zwischen dem einen und dem anderen? Der einzige Unterschied ist, dass es Leutchen gibt, oben und unten, die Ihnen sagen, was Sie zu glauben haben. Schlagen Sie Ihre Zeitung auf. Schalten Sie das Flimmerkästchen ein. Da. Die Bilder. Die Fotos. Die Geräuschkulisse. Bumm! Erinnern Sie sich! Gedenken Sie! Eine Minute Schweigen. Dann die Werbung. Dann die großformatige Anzeige der Billigfluglinie, die nun auch New York anfliegt. Günstiger geht nicht. Ach, die Experten. Ja, natürlich. Sie erklären, penibelst und im Dampfplauderstil, warum die offizielle Version die endgültige Wahrheit ist. Niemand, der sich – laut und deutlich – verwundert den Kopf kratzt, niemand der ernstlich Zweifel hegt. Nicht in der Zeitung, nicht im TV. Nun, ich weiß schon, hin und wieder werden diese irren Theoretiker mit ihren absurden Theorien vorgeführt. Je irrwitziger, desto besser. Haha. Wirklich zum Schießen, der Kerl da, der meint, es wären keine Flugzeuge entführt worden, ja, es hätte gar keine gegeben. Haha. Lustig. Oder dieser eine Russe da, der behauptet, man hätte die Towers mit ner Atombombe hochgejagt. Haha. Lustig. Oder die durchgeknallte Ingenieurin, die von einer unbekannten Strahlenwaffe faselt. Haha. Ein Schenkelklopfer. Und jetzt gucken wir Mannsterne und Manngrisse, die sind auch so lustig, besser noch, sie machen sich über die einfältigen Leutchen da draußen lustig. Hach, es ist schön, zu wissen, dass man weiß, dass man alles weiß.

Also? Haben Sie noch immer nicht genug? Sie sind Masochist. Ganz klar. Wobei der gute Sacher-Masoch sicherlich nicht sehr erfreut wäre, würde er wissen, wie man mit seinem Namen Menschen abstempelt. Gleiches gilt natürlich für de Sade. Die beiden können einem Leid tun. Gezeichnet und abgestempelt fürs Leben. Aber so ist das. Eine kleine Perversion, eine größere Abschweifung … und schon ist man darauf reduziert. Als würde das ganze Leben nur aus diesen Unregelmäßigkeiten bestehen. Aber so ist der Mensch, besser: so funktioniert der Kopf da oben. Wir brauchen Simplizität. Wir verallgemeinern, nicht weil wir so blöd sind, sondern weil wir es gar nicht anders können. Deshalb funktioniert die Propaganda so gut. Einfach. Verständlich. Emotional. Mehr braucht es nicht. Oh, doch, die Wiederholung. Und, wichtig, alle müssen in den Chor einstimmen. Wer den falschen Ton trifft, wird gemaßregelt, wer nicht mitsingen will, muss aufkehren. Sauber, sauber. Wie geht es jetzt weiter? Werden wir jemals erfahren, was damals geschah? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich gehe davon aus, dass 9/11 das John F. Kennedy-Attentat des 21. Jahrhunderts ist. Viele Theorien. Viele Überlegungen. Aber der Mainstream, der blökt die offizielle Version nach, die so absurd ist, dass einem die Haare ausfallen. Hilft alles nichts. Interessiert keinen. Genauso ist es bereits mit 9/11. Interessiert eigentlich kein Schwein mehr. Ist lange her, hört man. Ja, schrecklich, entsetzlich, die armen Leute und so. Dass dieser Terror-Event Kriege losgetreten hat, ja, den Frieden förmlich abgeschafft hat, ist jedem schniezpiepegal. Perpetual war, wie es so schön vorausgesagt wurde, von Orwell, von einem US-Historiker. Der ewige Krieg! Hach. Die Oberen, sie klatschen erfreut in die Hände. Krieg, ja, das ist ihr Geschäft, da kennen sie sich aus. Im Krieg, wir sollten es doch längst wissen, ist alles erlaubt. Folglich, wenn wir nicht mehr im Frieden sind, sind wir im Krieg, ergo, kann man mit uns und der Welt alles anstellen. Darum ging es. Darum geht es. Der Persilschein. Freifahrtsschein. Das Wort TERROR öffnet die Bombenschächte, die Steuersäcke. Die da oben, die pfeifen und wir tanzen. Ohne, dass uns das auffiele. Wir schlafwandeln förmlich von einer Katastrophe zur nächsten. Wir nicken den nächsten Krieg ab. Was sollte man sonst tun? Same procedure as every year. Achselzucken. Wir betrauern nur noch ausgewählte Tote. Unsere, freilich. Nicht die dort, auf der anderen Seite dieser Welt. Ein Bombenanschlag dort unten, ja, ist eine Erwähnung wert, nicht mehr. Ein oder zwei Bilder. Ein oder zwei Artikel. Klein. Bescheiden. Emotionslos. Und sonst?

Ich könnte ewig so fortfahren. Verlorene Liebesmüh. Weiß ich. Manchmal möchte man seine Feder hinwerfen. So völlig sinnlos kommt einem alles vor. Wofür? Für wen? Gegen die Masse, blökend, gehirnlos, rückgratverkrümmt, da gibt es kein Mittel. Sie beherrscht den Einzelnen, das Individuum. Das ist ja die Crux. Canetti und seine Angst vor der (Fußballfan-)Masse, ja, diese Angst, die haben sie alle, die Intellektuellen, die Oberen, die Reichen, die Gescheiten, die Erfolgreichen. Deshalb muss sie gebändigt und im Zaum gehalten werden. Koste es, was es wolle. Gewiss, ich habe sie auch, diese Angst vor der Masse. Nicht, weil ich viel zu verlieren hätte – was kann ein brotloser Schreiberling, der es ernst meint, schon zusammenraffen? -, sondern weil ich merke, wie das Schiff langsam absauft. Merken Sie nicht, die Anstrengung, die Leutchen zu verblöden? Manchmal will ich schon gar nicht in die Pöbel-Bezirke, obwohl ich dort doch aufgewachsen, meine Kindheit und Jugend verbracht habe. Aber es ist entsetzlich, diese Verwahrlosung. Nicht nur körperlich, sondern vor allem geistig und kulturell. Es ist so un-menschlich. Wo soll das nur enden? Freilich, es endet nie. Das ist ja die einzige Wahrheit, auch wenn sie falsch ist. Paradox und doch … es geht immer weiter. Und wenn wir wieder zurück müssen, in die Höhlen und uns mit Fellen bekleiden … die Menschheit stirbt nicht aus, es geht immer weiter. Ja, der Mensch ist anpassungsfähig. Zum Guten wie zum Schlechten. Er will leben, überleben – was nimmt er da nicht in Kauf! Seltsam, diese Spezies. So viele Fähigkeiten und doch liegen sie allesamt brach. Ja, die da oben, die brennen uns aus. Von Innen. Langsam. Ganz langsam geschieht das. Beinahe unmerklich. Aber ich sehe es. Jeden Tag aufs Neue. Das ist entsetzlicher als alle 9/11s. Würden wir in einer humanen Gesellschaft leben, in einer funktionierenden, wir könnten es mit allem Unbill aufnehmen. Aber da mache ich mir wohl etwas vor, nicht? Ja, wir leben alle in einer Illusion. Sind gefangen darin. Können nicht raus. Wir sehen, was wir sehen wollen. Das war schon immer so. Ändert sich nicht. Wie denn auch? Man kann nicht raus, aus seiner Haut. Niemals. Niemals.

Gut. Gut. Abschluss. Was bleibt zu sagen. Glauben Sie nichts, was man Ihnen vorschreibt zu glauben. Denken Sie! Akzeptieren Sie keine offiziellen Erklärungen, die bereits von Weitem faulig und falsch riechen. Es liegt nicht an Ihnen, DIE Wahrheit herauszufinden, dafür sind andere zuständig. Ja, es ist unangenehm, wenn eine Sache nicht als abgeschlossen betrachtet werden kann. Man möchte doch eine runde Geschichte haben: Anfang – Mittelteil – Ende. Was wäre eine hübsche Geschichte mit offenem Ende? Unbefriedigend. Aber so ist es. Was soll man da machen, ha? Ich weiß, was ich weiß. Das ist gut. Manchmal. Manchmal, ja, manchmal, wünschte man sich, nichts zu wissen. Dann hätte man dieses literarische Experiment nicht geschrieben, das einem in Teufels Küche bringen kann. Und Hitze vertrage ich nicht sonderlich gut. Ich bitte also darauf zu achten, bevor Sie mir einheizen.«

Grillparzers Unzufriedenheit …

Stuhl_2014

Du hast dir einen bequemen Armstuhl machen lassen, fast zu bequem. Erinnere dich, daß du die ›Ahnfrau‹ auf einem elenden Rohrstuhl geschrieben, dessen geflochtener Sitz eingedrückt war, den du daher mit einem Brett bedecktest und dieses mit einer Decke um nicht gar so hart zu sitzen. Du warst damals der unbekannteste der Menschen, ohne Mittel, ohne Aussicht, ohne Freude, ohne Hoffnung – jetzt bekannt, berühmt fast. – Deine Unzufriedenheit ist Verbrechen.

Franz Grillparzer (1791-1872)
Tagebuch, 1820

Die Feinde einer stabilen Gesellschaft oder Wie Nixon die Welt sah

»Homosexualität, Drogen, Sittenlosigkeit im Allgemeinen. Dies sind die Feinde einer stabilen Gesellschaft.«

US-Präsident Richard Nixon im Jahr 1971 [meine Übersetzung]

Vor wenigen Tagen hat der US-Bezahl-Sender HBO die Doku Nixon by Nixon: In His Owen Words gezeigt. In den rund 70 Minuten wird dem (vermutlich unbedarften) Zuseher ein zynisch-realpolitischer Blick hinter die Kulissen des Oval Offices gewährt. Der damalige Präsident Richard Nixon (1969 – 74) ließ nämlich mehrere Amtsräume im Weißen Haus heimlich abhören und auf Tonband aufnehmen. Diese Tonbänder, die – dank des Watergate Skandals – in die Öffentlichkeit gelangten, sind nun zur Gänze public domain, also für jedermann und jederfrau einseh- und abhörbar. Starker Tobak, was wir da zu hören bekommen. Nichts für zarte Gemüter. Freilich, der gewöhnliche Bürger sollte längst wissen, dass jeder, der sich für die allerhöchste Politik entscheidet, mit Sicherheit eine – pardon – Schraube locker haben muss. In meinem Buch widmete ich Nixon und seinem Watergate Skandal jeweils ein großes Kapitel, vor allem deshalb, um dem Leser zu zeigen, was Macht mit Menschen anstellt und umgekehrt. Eine Ausnahme stellt Nixon in keinem Fall dar. Er ist die Regel eines Systems, das nur ein Ziel kennt: Kontrolle! Aber Nixon zu den bösen Halunken zu zählen, also, nein, so einfach ist es nicht. Bis dato bin ich noch nicht dahintergekommen, was es mit ihm und dem Watergate Skandal auf sich hat. Vermutlich bleibt es eines der größten Rätsel der hohen Politik der Nachkriegszeit. Hier nun eine ausgewählte Kostprobe Richard Nixons im O-Ton:

 »Homosexuality, dope, immorality in general. These are the enemies of strong societies. Goddammit,  we have got to stand up to these people. I do not mind the homosexuality. I understand it. Nevertheless, the point that I want to make is that goddammit, I do not think that you glorify the homosexuality. Any more than you glorify whores. Now we all know we have weaknesses and so forth and so on. But, goddammit, what do you think that does to kids? You know what happend with the greeks. Homosexuality destroyed them. Sure, Aristotle was a homo; we all know that, so was Socrates. You know what happend to the Romans? The last six Roman emperors were fags. You know what happend to the Popes? The Po-po popes were laying the nuns. That’s been going on for years, centuries. But when the Popes — When the Catholic Church went to hell it was homosexuality. And finally had to be cleaned out.« [HBO Documentary]

Es scheint, dass die Macher der Doku die Tonband-Aufzeichnungen ein wenig geglättet haben. Im Original (das ich nicht verifizieren konnte!) heißt es laut der NGO Common Sense for Drug Policy wie folg:

Nixon: »But, nevertheless, the point that I make is that God damn it, I do not think that you glorify on public television homosexuality. The reason you don’t glorify it, John, anymore than you glorify, uh, uh, uh, whores. Now we all know people who have whores and we all know that people are just, uh, do that, we all have weaknesses and so forth and so on, but God damn it, what do you think that does to kids? What do you think that does to 11 and 12 year old boys when they see that? Why is it that the Scouts, the, why is it that the Boys Clubs, we were there, we constantly had to clean up the staffs to keep the Goddamned fags out of it. Because, not because of them, they can go out and do anything they damn please, [unintelligible] all those kids? You know, there’s a little tendency among them all. Well by God can I tell you it outraged me. Not for any moral reason. Most people are outraged for moral reasons, I, it outraged me because I don’t want to see this country go that way. You know there are countries — You ever see what happened, you know what happened to the Greeks. Homosexuality destroyed them. Sure, Aristotle was a homo, we all know that, so was Socrates.«

Ehrlichman: »He never had the influence that television had.«

Nixon: »Do you know what happened to the Romes, Romans? The last six Roman emperors were fags. The last six. Nero had a public wedding to a boy. Yeah. And they’d [unintelligible]. You know that. You know what happened to the Popes? It’s all right that, po-po-Popes were laying the nuns, that’s been going on for years, centuries, but, when the popes, when the Catholic Church went to hell, in, I don’t know, three or four centuries ago, it was homosexual. And finally it had to be cleaned out. Now, that’s what’s happened to Britain, it happened earlier to France. And let’s look at the strong societies. The Russians. God damn it, they root them out, they don’t let them around at all. You know what I mean? I don’t know what they do with them. Now, we are allowing this in this country when we show [unintelligible]. Dope? Do you think the Russians allow dope? Hell no. Not if they can allow, not if they can catch it, they send them up. You see, homosexuality, dope, immorality in general: These are the enemies of strong societies. That’s why the Communists and the left-wingers are pushing the stuff, they’re trying to destroy us.«

May 13, 1971, between 10:30am and 12:30pm — Oval Office Conversation 498-5– meeting with Nixon, Haldeman and Ehrlichman [The President and his advisors were discussing a recent episode of "All in the Family," a television show on CBS. President Nixon was offended by the show's favorable treatment of homosexuals.]

 

Die Berlinisierung Wiens

Realität und Fiktion

Bemalte Realität in 1050 Wien, anno 2014.

Laut dem Arbeitsmarktservice [AMS] waren in der Wiener Baubranche im Juni dieses Jahres 9.977 Personen beschäftigungslos. Wie viele davon in der Lage wären, mit Pinsel, Roller und Farbtopf zu hantieren, lässt sich nicht sagen. Dabei gäbe es viel, sehr viel Arbeit für all die zum Nichtstun gezwungenen Maler und Anstreicher da draußen. Geht man nämlich durch die Straßen Wiens, dann fällt einem die Berlinisierung der Straßenzüge auf (Ausnahme sind natürlich die Tourismus- und Hochpreisgegenden): Geschmiere an Wänden und Haustüren wohin man guckt. Manchmal mehr, manchmal weniger – aber die Tags sind ein stetiger Begleiter auf den Stadtwanderungen. Warum diese Form des Vandalismus keine breite Debatte findet, ist mir Schleierhaft. Scheinbar wird es achselzuckend hingenommen. Vielleicht haben die Behörden die Befürchtung, dass sie mit einem zu harschen Vorgehen Öl ins Feuer respektive auf die Wand gießen. Kids und pubertierende Teenager brauchen bekanntlich eine Reibefläche. Und sie gehen so lange mit ihren Sprühdosen zur Wand, bis diese bricht oder leer ist. Einsicht dürfen wir von den kleinen Erdenbürgern nicht erwarten, das liegt in der Natur der erzwungenen Zivilisierung. Ich gestehe, dass ich als Kind, rund 40 Jahre ist das bald her, hin und wieder bei einer Klingerlpartie mitmachte und – laut meiner Mutter – einem älteren Herren in meinem Grätzel das Leben schwer machte. Ich denke, mein damaliger Freund Franzi, ein Spitzbub wie er im Buche stand, hatte nicht unwesentlichen Anteil an meiner gesellschaftlichen Auflehnung. Aber ich wusste zu jeder Zeit, dass mir diese Aktionen, so ich erwischt werden würde, teuer zu stehen kämen. Lang gezogene Ohren inklusive. Interessanter Aspekt am Rande: die jungen Revoluzzer-Vandalen taggen vorrangig Häuserwände, während Werbeplakate und Autos unbehelligt bleiben. Was mag wohl der Grund dafür sein? Ich tippe darauf, dass sie vor erzürnten Autobesitzern und verärgerten Werbemachern großen Schiss haben. Deren Lobby ist, wie jedermann weiß, gewaltig einflussreich.

Pinki and the Brain?

Geht es gar um die Weltherrschaft? Wie jeden Abend?

Wie dem auch sei, die 68er-Bewegung, die bekanntlich das (Spieß)bürgertum ausgehöhlt und verächtlich gemacht hatte, ist Schuld an der Wurschtigkeit der Masse und der Egomanie des Einzelnen. Dass diese seinerzeitige Studenten- und Bürgerrechtsbewegung vom Establishment mit voller Absicht ausgelöst, unterstützt und vorangetragen wurde, klingt nach einer Verschwörungstheorie, aber die Indizien sprechen eine klare Sprache. Bedenken Sie, dass wir gegenwärtig in einer Welt leben, die in den 1960er Jahren undenkbar schien. Es war vorrangig eine Wirtschaftselite, die mittels Globalisierung, Einführung von Wirtschaftszonen und uneingeschränktem Geldverkehr die Weichen für das Kommende legen sollten: zunehmende Überfremdung in den Ballungszentren sowie stetige Abnahme des Mittelstandes. Falls die Globalisierungschose so weitergeht – und davon ist auszugehen – dann ist das Übermalen von Tags und Graffitis bald der einzige krisensichere Job.

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