eine Affäre, tausend Gedanken

Umschlagentwurf zum Buch
Der Fetisch des Erik van der Rohe

Es ist 6 Uhr 38 und ich beginne gerade mit diesem Eintrag. Ziemlich früh. Ziemlich verregnet. Die besten Voraussetzungen, um kreativ zu sein. Manchmal, da passiert es. Da legst du dich ins Bett, wachst sehr früh auf und schon schmust du mit deiner Muse und deine Gedanken sind voller Ideen und Geschichten. Obwohl der Körper noch nicht bereit ist, hält es dich nicht mehr in der Waagrechten und du musst frühstücken, musst Energie tanken, um dich sogleich hinter den Monitor und vor die Tastatur zu klemmen. Da hilft nichts. Es ist ein besonderer Moment, deshalb auch dieser Eintrag. Um mich später wieder erinnern zu können, dass es diese Zeit sehr wohl gegeben hat. Man vergisst sie so leicht. Weil sie später, im Zuge der Überarbeitungsphase, der Verlagsgeschäfte, einfach untergehen. Dann gibt es nur das fertige Buch mit all den großen und kleinen Schwierigkeiten, es zu vermarkten und zu verkaufen und zu bewerben. Davon ist jetzt – gottlob – nichts zu spüren. Jetzt braucht sich der Geist nur auf das „Fiktive“ konzentrieren. Hier bin ich Herr, hier bin ich Dichter, sozusagen.

Der Fetisch-Roman beginnt bereits mit seinem Eigenleben. Es ist das untrügliche Zeichen, dass aus einem verstaubten Manuskript ernstzunehmende Literatur wird. Das mögen viele belächeln, ist aber so. Gestern mit meiner jungen deutschen Lektorin über zwei Stunden telefoniert. Sie ist streng. Rational. Und hat für literarische Spielchen, die mir so schnell in Fleisch und Blut übergehen, nicht viel übrig. Das ist gut so. Die gestrenge Lektorenhand weiß mich ordentlich zu ohrfeigen. Diese Ohrfeigen sind freilich nicht hart, aber spürbar. Auf eine Art und Weise spürbar, dass sie des Nächtens nachwirken und heute Morgen Antrieb und Motivation sind. So sollte es sein. Im besten Falle. Im gestrigen Gespräch ging es um die „Genesis“, um die Darlegung des „Autors“, warum er das Buch geschrieben hat. Viele der Testleser (alle?) sind unzufrieden. MD. findet es „doof“ und will, dass ich es gleich gänzlich streiche. A. hingegen versteht meine Beweggründe. S. genauso. Warm werden sie alle nicht mit dem Text, der dem „Buch“ vorangestellt ist. Deshalb werde ich heute in mich gehen und daran arbeiten. Dass es eine „Genesis“ geben wird, so oder so, darüber lasse ich mit mir nicht diskutieren. Wie sie aussieht, darüber freilich schon. Weil das Buch, diese „autobiographische Fiktion“ nicht nur mit Innenansichten aufwartet (mehr als mit Erotik!), sondern auch mit einer Entwicklung: Der „Verlagsangestellte“ der sich zum „Schriftsteller“ verändert. Diese Veränderung muss auch lesbar, muss auch spürbar werden. Und die Sache mit der Fiktion, mit der Authenzität, auch darüber gäbe es viel zu sagen.

Gestern Nachmittag mit C. auf einen Kaffee gewesen. Ich erzählte ihr am Vortag, dass ich an einem „erotischen Roman“ schriebe. An ihrer Stimme merkte ich sofort ihr Interesse. sie: „Möchtest du mir nicht davon erzählen? An einem passenden Ort?“ Ich wählte einen neutralen Ort, eine neutrale Uhrzeit. Sogar das Wetter (regnerisch) spielte da mit. Man glaubt gar nicht, was aus der weiblichen Seele alles so heraussprudelt, wenn man das Inhaltsverzeichnis des Romans auf den Tisch legt und über das Thema lang und breit befindet. Unkomplizierte Affären würde sie sich wünschen, die sich überschneiden, so dass sie jede Woche einen Liebhaber treffen kann. Aber so einfach ist es nicht. Obwohl sie meint, im „Chat“ viele Angebote zu bekommen. Das Augenrollen mit einem Seufzer zeigt es mir bereits an, dass die meisten Männer, die sich ihr anbieten kaum der Rede wert sind. Ja, sie könne mir viel über das Internet und die Partnerbörsen und die Männer erzählen. Ich nicke. Und dann, dann fragt sie mich. Direkt. Ohne Brei. „Wie sieht es mit dir aus? Hast du Affären?“

Jetzt stellt sich die Frage, ob diese Unterhaltung tatsächlich so oder so ähnlich stattgefunden hat. Meine Lektorin behauptet ja, dass es dem Leser egal sei, so lange es sich authentisch anfühlt. Ich bin da anderer Meinung. Ich will als Leser nicht erzählt bekommen, was nicht alles passieren hätte können, in der Phantasie des Autors, sondern ich will am Leben des Autors teilhaben. Vielleicht ist es aber auch nur meine unstillbare Neugierde dem Leben gegenüber. Herauszufinden, was das Leben anderen bietet, geboten hat. Um so vielleicht auf das meinige schließen zu können.

Und gibt es da nicht B., die sich mir öffnete, weil sie das dringende Bedürfnis hatte, sich mitzuteilen, als sie von meinem Roman-Projekt erfuhr? Freilich, das Stillschweigen muss ich wahren. Andeutungen will ich keine geben. Aber es tut gut, sich kein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen, wenn es um intime Details geht. Vielleicht sind da die Anonymität des Internets und die Distanz eines E-Mail-Verkehrs noch immer die besten Voraussetzungen, dass es zu so einer Offenheit kommt. Am Kaffeehaustisch, im persönlichen Gespräch, wäre es undenkbar. Und auch bei B. zeigt sich wieder, dass es ein Bedürfnis nach „Erklärung“ gibt, wenn es in den Bereich der Sexualität, der Beziehung, der Liebschaft geht.  Ich glaube ja, dass viele Menschen, jung und alt, nach Antworten suchen. Dumm, dass sie noch nicht einmal die Frage hinreichend gestellt haben. In meinem Buch werde ich keine Antworten geben. Aber vielleicht wird sich der eine, die andere kurz zurücklehnen und zur richtigen Frage finden. Damit würde ich sehr zufrieden sein. Mit mir und meinem Werk.

Madeleine & Lina

Nein, den Film Jacquou le croquant kannte ich nicht, muss ich mir wohl anschauen. Immerhin ein französischer Film. Und es geht um die Revolution. Nicht um die von 1789. Eher später. Aber trotzdem hübsch anzuschauen, wenn die Leutchen mit den Steinschloßpistolen und -gewehren so um sich schießen. Das Musikstück Lina aus dem Film bringt es so wunderbar auf den Punkt: ein wenig Tragik, ein wenig Dramatik und Hoffnung, die leise verklingt. Wie ich sie alle vor mir sehe: Madeleine, wie sie ihre Ziel anvisiert, D. und A., wie sie auf der Steinmauer sitzen und an ihren Pfeifen rauchen, Ludomila, wie sie auf der Chaislongue liegt und in einem Buch blättert, G. wie er sich prügelt und Prügel bezieht,  H. wie sie sich mit gefesselten Händen schützend über B. legen will, aber von den Männern fortgerissen wird, B. wie er aufgeknüpft wird, Z. wie er nur wenig später vom Pferd geschossen wird, mehr beiläufig, als dass man den Fokus darauf gelegt hätte, dann der Blick zur Schlächterei im Wald, kurz, blutig, dann ein hübsches Fest der Aristokratie, so bunt, so erlesen, dann wieder I. und P., wie sie die Flasche kreisen lassen, und G. wie er vor sich herträumt und zu guter Letzt der Kutschenüberfall, wo sich alles zuspitzt, wo die Tragödie ihren Lauf nimmt, weil alle Beteiligten die falsche Entscheidung treffen, obwohl sie es vielleicht nicht so wollten. Aber die Bleikugel, die einmal abgeschossen wird, ändert nicht ihren Weg. Sie ändert nur den Lauf einer Geschichte.

500 Seiten oder Die Sprengung eines Rahmens

Cover Entwurf für Erik von Richard K. Breuer

Zugegeben, als ich vor Jahren (wie lange ist es schon her? Bald 7 Jahre!) mit dem „Tagebuch-Roman eines Fetischisten“ anfing, konnte ich nicht ahnen, dass es seine Zeit brauchen würde. Gut Ding braucht bekanntlich Weile. Vielleicht braucht es auch eine schriftstellerische Weiterentwicklung und die persönliche Reife. Mit Erik hatte ich vielleicht eine zündende Idee, aber nicht das dafür nötige schreibende Rüstzeug. Die erotisch angehauchte Collage aus Tagebucheinträgen, E-Mail-Verkehr, Gesprächen, Interviews und fiktiven Rollenspielen musste meine anfänglich so bescheidenen literarischen Fähigkeiten überfordern. Natürlich denkt sich der Künstler immer zum Erfolg. Glaubt an sich. Manchmal mehr, manchmal weniger. Als ich das Manuskript vor vielen Jahren den ersten Testleserinnen in die Hand drückte, war es unausgegoren. Die Geschichte wusste nicht recht, wohin sie gehen sollte. Es machte den Eindruck, als hätte ich meine privaten E-Mails kopiert und, ohne einen Strich zu ändern, übernommen. Es machte den unrühmlichen Anschein, es wäre einer dieser ekelig explizite Privatvideos, die den Nachbar von nebenan mit seiner Frau zeigen. Das will man eigentlich nicht sehen (wenngleich der Voyeur in uns interessiert ist, was denn das so passiert und wie sie es denn da so machen). Im Nachhinein muss ich mich entschuldigen, solch ein frivoles Stück Papier aus der Hand gegeben zu haben. Fremdschämen ist da durchaus angebracht.

Als ich Erik aus der Schublade holte, ist zwischenzeitlich viel geschehen. Ich habe das eine oder andere Buch geschrieben, habe intensive Gespräche mit meinen Lektorinnen geführt. Habe Kritiken eingesteckt und hingenommen. Kurz: es gab eine literarische Entwicklung. Die kann jeder sehen, der, sagen wir, Tiret aufschlägt und danach Brouillé. Interessanterweise kann sich Rotkäppchen 2069, das zeitgleich mit Erik entstand, noch immer recht gut behaupten, Warum? Weil das Buch und die Geschichte nicht den Anspruch machen, ernst genommen werden zu wollen. Ich muss dankbar sein, es nicht mit Erik versucht zu haben, sondern mein Entree in die Verlagswelt mit einer absurden Science-Fiction Burleske gemacht zu haben. Mit Erik hätte es eine böse Bruchlandung gegeben („fasten your seatbelts“).

Lange Zeit war ich mit Erik unglücklich. Ich bin nicht recht warm geworden. Oft aus der Lade geholt. Oft in die Lade gegeben. Oft überlegt, es wieder anzugehen, mit ihm. Oft wieder fallen gelassen. Erik und die Idee. Und dann, es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich das Manuskript wieder hervorgeholt. Mehr aus einer übellaunigen Fadesse, weil ich noch nicht an Penly arbeiten wollte (da Madeleine gerade im Lektorat war; die gute Vic nimmt es mir ein wenig übel, dass ich den 4. Band so einfach auf die Seite schob, was mir dann doch recht schmeichelt). Ich habe reingelesen, den Kopf geschüttelt. Abgesehen von den ersten Kapiteln war der Rest in einer bescheidenen Qualität. Ich habe also einmal versucht, jemanden zu finden, der sich für das Thema und die Geschichte interessieren könnte. Da spielt wieder der Zufall und das Internet ihre wesentlichen Rollen. Es fanden sich Testleserinnen, die mir ein gutes Gefühl gaben (auch wenn es nur um die ersten Seiten ging). Von da an war mein Interesse an Erik geweckt. Ich krempelte meine Ärmel auf und machte mich daran, das alte Manuskript zu entstauben.

Simona war und ist mir dahingehend eine große Unterstützung. Obwohl sie ihrerseits viel um die Ohren hat und an ihrem eigenen Text arbeitet #wip (Work in progress). Natürlich gibt es noch eine Reihe anderer Testleserinnen, die sich (zum Glück) kein Blatt vor den Mund nehmen und deshalb auch nicht genannt werden wollen. Wenn es in den Bereich der Sexualität geht, sind viele vorsichtig, mit ihren Äußerungen. Ich trage diesem Vorbehalt natürlich Rechnung und achte peinlichst darauf, von den virtuellen Gesprächen nichts nach außen dringen zu lassen. Am Ende steht ja alles im Buch. Mehr oder weniger.

Die letzten Wochen also verstärkt an Erik gearbeitet. Geschrieben und geändert. Gespräche geführt und in mich gegangen. Zumeist Musengeküsst aufgewacht. Das erfreuliche Resultat dieser Küsserei war und ist, dass ich den Rahmen bei weitem sprengte. 500 Taschenbuchseiten sind bald erreicht und ein Kapitel möchte ich noch einfügen. Dieses Konvolut zu lektorieren, zu korrigieren scheint mir in absehbarer Zeit gar nicht möglich. Noch dazu, wo ich plane, das Buch zur Buchmesse im November zu präsentieren. Gut möglich, dass ich mich für eine Leseprobe entscheide und jedes Kapitel, wenn es fertig ist, also wirklich fertig, dass ich es dann zuerst als ebook veröffentliche. Dahingehend gibt es keine Einschränkungen und das Geschriebene ist nicht für alle Ewigkeit in Stein (Papier) gemeißelt. Angenehm!

Das wollte ich nur gesagt haben. Jetzt muss ich aber mit Alice weitermachen. Hurtig noch dazu.

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