richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Ein bisschen Weltgeschichte erspielen

Zugegeben, der letzte Eintrag ist viele Wochen her. In der schnell(l)ebigen Internet-Zeit eigentlich eine halbe Ewigkeit. Manch einer wird sich vielleicht gefragt haben, ob es den Kerl noch gibt. Andererseits, dies würde voraussetzen, dass sich jemand Gedanken über meinen virtuellen Verbleib macht. Zu weit hergeholt? Vermutlich.

Die letzten Wochen habe ich mich also intensiv mit Europa Universalis 3 beschäftigt. Eine Computerspiel-Simulation, die geschichtlich die Zeit von 1450 bis 1793 erfahrbar macht und in der man jeden Staat der damaligen noch recht kleinen Welt ins goldene Zeitalter anführen kann. Die Simulation – zwischen Handel und Diplomatie und Konflikt und Forscherdrang pendelnd – ist ausgewogen und – leider – süchtig machend. Das Gute an der Sache ist, dass man beginnt, über die damalige Zeit ernsthaft nachzudenken. Später möchte man freilich wissen, wie nahe die Simulation an die Wirklichkeit heranreicht. Im dicken Schmöker von Fernand Braudel »Aufbruch zur Weltwirtschaft« wird jene Zeit aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten unter die Lupe genommen. Kapitalismus, wenn man so will, ist keine Erfindung der neueren Zeit. Es begann vermutlich schon mit dem Mittelmeerhandel im 9. Jahrhundert, später dann der Rückschlag durch osmanisch-christliche Kriege, aber mit dem 12. Jahrhundert ist der Ansatz erkennbar, wohin die zukünftige Reise führen würde: mehr, mehr, mehr. Die Sache mit den Banken, mit Wechseln und Krediten, Wucherzinsen und Zwangsversteigerungen, die Abwicklung von Exportgeschäften, all das ist im Europa des ausgehenden Mittelalters und der heraufdämmernden Neuzeit längst etabliert. Waren es zuerst die Genuesen und Venezier im Süden Europas, die zeigten, wie Geld und Kredit und Handel zu Macht und Einfluss verhilft, so waren es später die Holländer und schließlich die Engländer und Amerikaner – und allen ist gemein, dass sie den »Fernhandel« mit List und Tücke und Gewalt an sich rissen. Kolonien galt es nicht nur zu erobern, sondern auch auszubeuten. Menschlichkeit spielte dabei keine Rolle.

Die Simulation versteht es, dieses an und für sich recht komplexe Ineinandergreifen spielbar – und damit erfahrbar zu machen. Man beginnt zu begreifen, wie Bündnispolitik betrieben und – vor allem – hintertrieben wurde. Gerade zu Beginn der Neuzeit, als kleinere und größere Fürstentümer unter die Räder der mächtigen Nationen kamen, sei es Frankreich, Spanien oder Österreich. Skrupel durfte dabei kein Staatsmann haben. Und Schwäche wurde gnadenlos bestraft. Klischeehaft, gewiss, und doch Realität. Man lese dazu nur Machiavellis Standardwerk, um zu wissen, wie ein italienischer Fürst der Renaissance zu handeln hatte, um seinen Besitz zu vergrößern oder wenigstens zu behalten.

Nach Burgund (wer kennt schon die Geschichte dieses Königtums?) und Frankreich nun mit Venedig auf der computer-erspielten Geschichtslektion. Dazupassend – wie zufällig ist mir das schmale Büchlein in die Hände gefallen: Maurice Druon »Das Schicksal der Schwachen« – über die Zwistigkeiten im Hause Frankreichs am Beginn des 14. Jahrhunderts. Sieht man sich die vielen Familien an, die um den Thron stritten und sich gegenseitig das Leben schwer machten, dann versteht man erst, welch Leistung ein Kardinal Richelieu zu Beginn des 17. Jahrhunderts vollbrachte, als er die vielen französischen Fürsten und Herzöge entmachtete und seinem König (und sich) alle Macht in Händen legte. Am Ende, dazu würde es kein Computerspiel und keine Bücher benötigen, läuft alles darauf hinaus, dass es die einen gibt, die mehr wollen (und immer mehr) und die anderen, die sich mit wenig begnügen (müssen). Interessanterweise sind es dann zweitere, die für erstere in die Schlacht ziehen und dafür sorgen, dass das gewalttätige Räderwerk nicht zum Stillstand kommt. Das war gestern so. Das ist heute so. Und morgen, ja, morgen genauso. Jetzt muss ich aber diesen kleinen Essay beenden, da mein Erzfeind, die Österreicher – mit Brandenburg und Sachsen und Polen verbündet – meinem Bündnispartner Böhmen auf die Pelle rücken. Das darf nicht sein. Wo sind meine Generäle? Sofort zu mir!

Das Zeitungssterben oder Die Diskussion, die keine ist

Wir haben es sehr eilig eine telegraphische Verbindung zwischen Maine und Texas einzurichten. Aber Maine und Texas haben sich eventuell gar nichts Wichtiges mitzuteilen. [...] Als ob es die Hauptsache wäre, schnell zu sprechen statt vernünftig. Wir bemühen uns eifrig, eine telegraphische Verbindung durch den Atlantischen Ozean herzustellen und die Alte Welt der Neuen um einige Wochen näher zu bringen. Die erste Nachricht aber, die auf diese Weise in das breite, amerikanische Klapprohr hineintröpfelt, lautet vielleicht: Prinzessin Adelheid hat den Keuchhusten.

Henry D. Thoreau
Walden oder Leben in den Wäldern [1854/1922 link]

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Ich habe dort über unabhängige Presse gesprochen und die These vertreten, daß der Dämon des Geldverdienens nicht nur den bürgerlichen Idealismus im allgemeinen, sondern auch die Wahrheitsliebe der Presse zu zerstören begonnen habe und sie schließlich völlig zerstören werde.
Paul Sethe
Mitherausgeber der FAZ
in einem Brief vom 8. Februar 1957

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Ein Blog-Artikel zum Thema Zeitungssterben, aufgeschrieben vom Journalisten Richard Gutjahr, hat im Twitter-Universum die Runde gemacht. Man könnte neben dem »Zeitungssterben« natürlich auch über die Illusionsmaschine Social Community nachdenken, die den Einzelnen glauben macht, eine Rolle zu spielen – siehe hierzu diesen Beitrag. Man könnte auch über die Frage sinnieren, was denn nun eigentlich der Unterschied zwischen Information und Nachricht sei. Ist der Keuchhusten von Prinzessin Adelheid eine Nachricht? Diesbezüglich sei auf das bereits Mitte der 1980er erschienene Buch von Neil Postman Wir amüsieren uns zu Tode [Kapitel 5] verwiesen, der sich über diese Fragen Gedanken macht. Zurück zum Blogbeitrag, wo sechs »Medienprofis« über die Zukunft der Zeitung« Stellung nahmen. Man kann sich das Lesen der einzelnen Beiträge getrost sparen, es reicht, deren »Berufsfeld« zu kennen, um zu wissen, wohin die Antwort galoppiert. Und allein, dass genau jene sechs »Medienprofis« ausgewählt wurden, zeigt eigentlich schon, wie es um die Zukunft der Gesellschaft bestellt ist. Niemand von diesen machte sich darüber Gedanken, worum es eigentlich geht. Eine Zeitung zu drucken und – wichtiger – zu vertreiben, kann nur von einer kleinen elitären Schicht betrieben werden – im Gegensatz zu einem Blogbeitrag oder einer Webzeitung. Mit anderen Worten, die Presse ist nicht demokratisch und war es auch nie – ganz im Gegenteil. Ihre Aufgabe war und ist einerseits die breite Masse abzulenken, sie zu ver-amüsieren, andererseits die intellektuelle Schicht zu beeinflussen, auf dass diese wiederum die breite Masse beeinflusst. Der amerikanische Linguist Noam Chomsky widmete der »gesellschaftlichen Konsensherstellung« [manufacturing consent] viele Essays und Bücher – Edward Bernays, der Neffe Sigmund Freuds und »Erfinder« der Public Relations ging davon aus, dass Demokratie nur dann funktionieren könne, wenn eine »intelligente Minderheit« diesen Konsens in der Gesellschaft künstlich herstellte. Diese Überlegungen spielen freilich in der alle Monate wieder erscheinenden Zeitungssterben-Diskussion keine Rolle. Das Schlusswort überlasse ich George Orwell.

Es gab eine ganze Reihe von Abteilungen [im Ministerium für Wahrheit], die wertlose Zeitungen produzierten, die nur Sport, Verbrechen und Horoskope enthielten.«
1984
George Orwell
[meine Übersetzung]

Die Propaganda des Systems in einer österreichischen Tageszeitung

There is nothing in history to suggest that kneeling before the dictates of the marketplace is a rational way to create a functioning civilisation.

Pulitzerpreisträger Chris Hedges
Economist vom September 2012

Es geht hier nicht darum, allein die österreichische Tageszeitung K. zu verunglimpfen – immerhin rangiert sie in der  Berichterstattung über dem Gratis- und Bezahl-Boulevard, der wie ein Virus in den Morgenstunden eines Arbeitstages um sich greift und im Verdacht steht, seinen Opfern den letzten Rest an gesundem Menschenverstand zu rauben. Wie dem auch sei, bleiben wir bei der Tageszeitung K., deren dicke Samstagsausgabe ich auf dem Tisch liegen habe. Ehrlich gesagt, ich habe mir nur den Leitartikel von Frau S. durchgelesen und ein paar der Artikel angelesen. Man muss sie auch nicht vollständig lesen, um zu wissen, in welche Richtung die System-Propaganda den Leser zwingen, pardon, überzeugen möchte. Ob Boulevard oder Qualitätsblatt, allesamt spielen sie im Konzert der »Systemerhalter« mit.

Im Leitartikel geht es um die politische Richtung in Ungarn, dessen Regierungschef Orban gegen die internationalen Finanzmächte vorgehen möchte. »Die Sehnsucht nach Abschottung von internationalen Märkten und Verstaatlichung blüht auch hierzulande«, heißt es in der Sub-Titelei des Artikels. Nun, ich weiß leider nicht, welche Qualifikationen frau/man haben muss, um im K. einen Leitartikel zu fabrizieren, aber eine Ahnung davon zu haben, wie die Welt seit Einführung und Erweiterung der Freihandelsabkommen in den 1970er Jahren funktioniert, gehört scheinbar nicht dazu. Vermutlich ist die Dame noch nicht alt genug; andererseits, ich bin es auch nicht, aber irgendjemand hat mir ein einigermaßen brauchbares Gehirn gegeben, womit es mir möglich ist, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.

Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte der schweizer Tagesanzeiger ein Interview mit dem Soziologen Wolfgang Streeck, der über die Diktatur der Finanzmärkte spricht und Lösungen vorschlägt, die freilich nicht jedermanns Sache sind, aber immerhin, er versucht sich wenigstens daran, die Spirale der Finanzgewalt aufzubrechen. Frau S. denkt gar nicht daran – sie bleibt der gewohnt konservativ-überheblichen Spielart vieler Qualitätsblätter treu. Mit anderen Worten, Frau S. hat keine Ahnung, wie eine Lösung der gegenwärtigen Wirtschaftsmisere (vermutlich gibt es diese für sie gar nicht) aussehen könnte, aber sie weiß, wenn »Visionen auf die Spitze« getrieben werden. Immerhin, so schreibt sie, würde Europa zu Recht den Kopf über Orban schütteln. Aha. Also darauf kann ich nur sagen, dass die ganze Welt den Kopf über Frau S. schüttelt, ob solch einer Verallgemeinerung, die nichts beweist.

Dass internationale Großbanken in allerlei dubiosen und illegalen Machenschaften verwickelt sind, sollte hoffentlich schon in den Redaktionsräumen des K. angekommen sein. Beispielhaft sei hier Journalist Matt Taibbi vom Rolling Stone Magazine genannt, der sich lang und breit darüber auslässt, dass noch niemand von den Vorständen in den Knast gewandert ist. Seine letzte Kolumne beschäftigt sich mit der »Drogengeldwaschanlage« des größten britischen Finanzkonzerns, der für die US-Behörden zu groß ist, um ernsthaft juristische Schritte zu erwägen. Ja, so sieht die Wirklichkeit anno 2013 aus, meine Damen und Herren der Presse: »Alle Tiere sind gleich, aber manche Tiere sind gleicher«.

Ich muss mich wieder meinem Sachbuch widmen, die Zeit drängt, deshalb schließe ich am besten mit den Worten des ehemaligen Zeitungsmitherausgebers der Frankfurter Allgemeinen Zeitung  Paul Sethe, der bereits im Jahr 1957 in einem Brief bemerkte, wohin die freie Presse steuern würde:

Ich habe dort über die unabhängige Presse gesprochen und die These vertreten, daß der Dämon des Geldverdienens nicht nur den bürgerlichen Idealismus im allgemeinen, sondern auch die Wahrheitsliebe der Presse zu zerstören begonnen habe und sie schließlich völlig zerstören werde.

Paul Sethe
in einem Brief an Fritz Erler
8. Februar 1957

Hartmus Soell, ›Zum Problem der Freiheit des Journalisten. Aus der Korrespondenz Fritz Erler – Paul Sethe 1956/57‹, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München), 23. Jahrgang 1975, 4. Heft (Oktober), S. 105f. online als PDF abrufbar: link

Papa Hemingway und die Sinnlosigkeit mancher Sätze

Ein Anfang, kein Ende

Im Dezember 1934 schreibt Ernest Hemingway im Magazin Esquire über die Schriftstellerei *) und was damit so einhergeht. Man solle sich darauf vorbereiten, heißt es, dass die Arbeit keinen Beifall finden wird, und wenn man eine Sache zum ersten Male hingeschrieben hätte, würde es einen gutgehen. Aber, so Hemingway weiter, man müsse das Geschriebene wieder und wieder durchgehen und überarbeiten und manche Sätze würden einem sinnlos vorkommen, nachdem man sie gelesen hätte. Ja, der gute Hemingway war ein Handwerker, keine Primaballerina – er wusste es und ließ es auch andere wissen. Wie dem auch sei, der Vollständigkeit halber möchte ich an dieser Stelle – wie so oft – festhalten, dass ich die Überarbeitung zum Sachbuch Con$piracy abgeschlossen habe. Der Text hat sich nun bei 586 Seiten eingependelt – ob dieses Konvolut überhaupt zu bändigen ist, mit einer Fülle an Querverweisen und Übersetzungen, sowie 927 Fußnoten, bleibt dahingestellt. Gut möglich, dass es nie zu einer offiziellen Publikation kommen wird. Was bleibt, ist die private Kleinauflage für interessierte und mitarbeitende Leser und die Gewissheit, wenigstens einen Kieselstein ins Rollen gebracht zu haben. Das mag wenig sein, aber bedenken wir, dass immer nur eines zum anderen führt.

Nun gilt es, das überarbeitete Werk erneut zu lesen. Von der ersten bis zur letzten Seite. Ein kleiner Widerwille macht sich in mir breit. Dabei geht es gar nicht so sehr um all diese Sätze, die einem nun »sinnlos vorkommen« oder nicht funktionieren, sondern es ist diese Angst, dass sich ganze Passagen an anderer Stelle wiederholen oder dass längere Abhandlungen in einem gedanklichen Wirrwarr geschrieben wurden. Einzelne Sätze können geschliffen oder geändert, aber ineinander verwobene Gedankengänge nur schwerlich auf- bzw. herausgelöst werden. Ich bemerke immer wieder, dass ich es mir nicht leicht mache. Hätte ich nicht ein feines kleines Sachbuch schreiben können? Zu einem bestimmten Thema, mit einer exakt festgelegten Struktur? Stattdessen ging ich naiv und mich unverwundbar fühlend an die schreibende Front. Genauso hat sich dann das erste Ergebnis gelesen – es war der Versuch eines Dilettanten. Banal der Ansatz, platt die Gedanken. Es waren schlussendlich die von mir aufgeworfenen Fragen, in denen ich das Potenzial des Textes erkannte. Gewiss, ich wollte zu viel. Von Anfang an. Später, als ich es merkte, konnte ich nicht mehr zurück. Zu sehr war ich davon besessen, die Wahrheit – oder wenigstens eine Wahrheit – zu finden. Am Ende der Reise wird einem schließlich bewusst, dass es die Wahrheit (oder den sagenumwobenen Piratenschatz) gar nicht gab, nie gegeben hat. Der Schatz – und die Wahrheit – sie versteckten sich in der Reise selbst. In einem Hollywoodfilm mag solch ein Ende unbefriedigend sein – im wahren Leben jedoch, da gibt es kein klassisches Happy Ending. Weil der Moment und die Wahrheit nicht eingefroren werden können. Sie sind zu einem Zeitpunkt richtig, zu einem anderen falsch.

Hier die vorläufigen Kapitelüberschriften [per 8.3.2013]:

  • Vier Hypothesen
  • Ein Vorwort für die 99,99 Prozent
  • Eine längere Einführung
  • Der manipulierende Mainstream
  • Demokratie auf Abwegen
  • Die Herrschaft Mammons
  • Nur der militärisch-industrielle Komplex
  • Der Terror in der Badewanne
  • Fakt und Fiktion
  • Ein persönlicher Epilog, 2013

*) Ernest Hemingway, 49 Depeschen, Rowohlt 1969, ‘Ein alter Fuchs schreibt’, S. 157

5 Jahre später – des Eigenverlegers rückblickende Vorschau

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das Ouevre des Herrn B.

Am 29. Februar 2008 war es, ein Schaltjahr, wie man am Datum gut erkennen kann, als ich mein erstes Eigenverlagsbuch mit ISBN/VLB offiziell der Öffentlichkeit im Wiener MQ präsentierte. Ein kurzer Videoclip zeigt das Davor und Danach, mit einer Kostprobe der szenischen Lesung. Es war eine durchaus gelungene Veranstaltung – immerhin war es ein kleiner, unbekannter Eigenverleger, der da mit seinem »vanity«-Buchprojekt seine Eitelkeit befriedigen und es der Welt da draußen zeigen wollte.

*

Fünf Jahre später hat sich die Verlagswelt durch das elektronische Buch ein klein wenig verändert. So gut wie jeder ist nun in der Lage, seine Schreibe zu publizieren. War das nicht der Traum aller Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts? Zu lesen und gelesen zu werden. Überall und immerdar? Als ich mit der Tiret-Saga begann, wusste ich noch nicht, wohin mich die historische Reise der Französischen Revolution bringen sollte, aber ich wusste bereits damals, instinktiv, dass diese Revolution ein weltgeschichtliches Schlüsselerlebnis war. Freilich, damals war ich im Mainstream-Historismus gefangen. Ich spekulierte vielleicht hie und da über eine alternative Interpretation, aber im Großen und Ganzen akzeptierte ich die überlieferte Geschichtsschreibung. Fünf Jahre später habe ich mich zu einem skeptischen Verschwörungstheoretiker geschrieben. Die Revolution von 1789 hatte in mir eine Saat aufgehen lassen. Gegenwärtig überarbeite ich mein rund 600 Seiten großes Sachbuch Con$piracy und stelle dabei immer wieder fest, wie wenig Sie und meine Wenigkeit, über das Gestern wissen. Ja, wir leben in einer Illusionsblase. Vielleicht ist das auch die einzige Möglichkeit, um nicht gänzlich verrückt oder fatalistisch zu werden. Gottlob gehöre ich einem Wienertum an, das sich nicht unterkriegen lässt. Immerhin hat die Stadt zwei Mal die Türken vor den Stadttoren aufgehalten (gut, vielleicht war es einmal der frühzeitige Wintereinbruch und das andere Mal das polnisch-deutsche Entsatzheer) und sowohl der Pest, als auch der sowjetischen Besatzung und dem amerikanischen Bombardment standgehalten. Sie dürfen gerne wählen, welches das geringere Übel ist. Sie sehen, die Menschheit hatte und hat immer die Wahl. Sozusagen.

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