richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Warum die Lämmer schweigen: Die Illusion der Informiertheit

Der Vortrag von Prof. Rainer Mausfeld von der Christian Albrechts Universität Kiel ist eine dringende Empfehlung. Auch wenn er hin und wieder in ein für den Normalbürger unverständliches Universitätsdeutsch verfällt und es ein bisschen braucht, bis das Thema an Fahrt gewinnt, es gibt wenige deutsche Professoren, die den Mut haben, die Öffentlichkeit über die Illusion der Informiertheit aufzuklären.

So mag es nicht weiter verwundern, wenn ich für gewöhnlich auf angloamerikanische Denker Bezug nehme, die sich nicht scheuen, die Realität beim Namen zu nennen. Interessant dabei ist der Aspekt, dass der gebildete Europäer generell abschätzig auf das kulturlose und über-patriotische amerikanische Volk herunterblickt. Aber in Sachen Redefreiheit sind uns die Amerikaner weit voraus. Zum Einen ist es eine „genetisch-historische“ Komponente, die dafür verantwortlich ist, dass sich ein US-Bürger nicht so leicht den Mund verbieten lässt (wobei Washington seit 9/11 alles unternimmt, um diese „Freiheit“ einzuschränken), zum Anderen sehen sich die Amerikaner noch immer als Sieger und die Deutschen als Verlierer zweier Weltkriege. Überhaupt, die stete Gefahr eines deutschen bzw. österreichischen „Dissidenten“ mit der Vergangenheit konfrontiert zu werden, lässt viele ins geistige „Exil“ gehen. Wir sind, man muss es klar und deutlich sagen, eine Nation von Duckmäusern. Die Ausnahme, wie Prof. Mausfeld zeigt, bestätigt hier nur die Regel. So lange es also solche professionellen Querdenker gibt, die sich getrauen, in die Menge zu rufen, dass der König respektive das System nackt ist, so lange hege ich Hoffnung, dass es zu einer zweiten Aufklärung kommt.

Hier nun ein paar Ausschnitte aus seinem Vortrag – die Übersetzungen sind von mir:

„Wird der gewöhnliche Medienkonsument dieser Flut an Informationen ausgeliefert, so dürfte es eher dabei helfen, ihn zu betäuben als ihn wachzurütteln.“ – übers. n.: „Exposure to this flood of information may serve to narcotize rather than to energize the average reader …“, schreibt Paul F. Lazarsfeld (1901 – 1976).

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Man muss Ihnen die Illusion der Informiertheit geben und wenn Sie dann, beim Frühstück die Süddeutsche Tageszeitung gelesen haben, Nachmittags noch mal in Spiegel Online nachgeschaut haben, Abends dann die Tagesschau geguckt haben, dann sind Sie von Ihrem Gefühl der Informiertheit so überwältigt, dass Sie die Krankheit, an der Sie leiden, schreibt Paul F. Lazarsfeld, nicht mal mehr erkennen können, denn jetzt ist es wirklich Zeit zu Bett zu gehen.

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Je weniger wir uns in einem Bereich auskennen, um so stärker neigen wir dazu, alle angetroffenen Meinungen als gleichberechtigt anzusehen. Wir integrieren dann gleichsam über das angebotene Spektrum und suchen die „Wahrheit“ irgendwo in der Mitte, d.h. wir meiden die als „extrem“ angesehenen Ränder des beobachteten Meinungsspektrums (auch wenn tatsächlich die „richtige“ Auffassung dort verortet ist). Wer also den Bereich des öffentlichen Meinungsspektrums festlegen kann, bestimmt auch die Gruppenmeinung und insbesondere die Urteile über das, was als „extrem“ anzusehen ist.

 

„Präsident Truman [1945-53] war in der Lage, das Land mit der Unterstützung einer (noch) verhältnismäßig kleinen Zahl an Wall Street Anwälten und Bankiers zu regieren.“ – übers. n.: „Truman had been able to govern the country with the cooperation of a relatively small number of Wall Street lawyers and bankers.“, entn. Samuel Huntington (1975), The Crisis of democracy (p. 98)

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„Amerika ist keine Demokratie mehr – schon gar nicht die demokratische Republik, die die Gründerväter vor Augen hatten“ – übers. n.: „America is no longer a democracy – never mind the democratic republic envisioned by Founding Fathers“, entn. Washington Post, April 21, 2014

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„Die Meinungen des durchschnittlichen amerikanischen Bürgers hat nur einen minimalen und statistisch gesehen nicht signifikanten Einfluss auf die Politik des Landes. Kurz: So gut wie null Einfluss. […] politische Entscheidungen werden von mächtigen Wirtschaftsorganisationen und einer kleinen Zahl an wohlhabenden Amerikanern.“ – übers. n.: Die Meinungen „of the average American appear to have only a miniscule, near-zero, statistically non-significant impact upon public policy“ … „policymaking is dominated by powerful business organizations and a small number of affluent Americans“, entn. Gilens & Page (2014) Die unteren 70 % auf der Einkommens- und Besitzskala haben überhaupt keinen Einfluss auf politische Entscheidungen.

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Meinungsmanagement ist „günstiger als Gewalt, Bestechung oder andere mögliche Kontrolltechniken“ – übers. n.: Meinungsmanagement ist „cheaper than violence, bribery or other possible control techniques“ entn.: Harold D. Lasswell (1930), Encyclopedia of the Social Sciences.

 

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