Die Träne des Dichters und der Moment der gedanklichen Schwerelosigkeit #Azadeh

Natürlich kann der Verstand jenen Moment nicht verstehen, als das Herz die Zügel an sich riss und die damit ausgelöste Kurskorrektur dem Schreiber dieser Zeilen eine Träne – vielleicht waren es auch zwei – entlockte. Später einmal, wenn die Ordnung im eigenen Hause wieder hergestellt ist, wird der Verstand vernunftgemäß das Geschehene relativieren und nüchtern analysieren. Deshalb diese Zeilen, die bereits Erinnerung sind.

Da lümmelte ich also auf der Couch, das Manuskript Azadeh vor mir aufgeschlagen. Lange hatte ich ja schon nicht mehr reingelesen. Das Ende des Romans scheint nahezu perfekt, den Anfang betrachte ich als gelungen anders, aber das Dazwischen, das war für lange Zeit ein Niemandsland.

Doch dann stolperten meine Augen über ein Kapitel, in dem Leutnant Märwald seiner Azadeh die Aufwartung macht und ihr näher kommen möchte. Es entspinnt sich ein inneres Drama – wer kennt es nicht? – welches zwischen größter Ungewissheit und endgültiger Gewissheit pendelt. Die Szenerie, die poetisch ausgeleuchtet ist, führt den Leser nun zum Höhepunkt, der oftmals in all den vielen Romanen gerne übersehen wird: Der Moment, wenn dunkelste, herzzerreißende Ungewissheit in hellste, ja, alles erstrahlende Gewissheit mündet, die das Herz höher schlagen lässt. Es ist der Moment der gedanklichen Schwerelosigkeit, der sich im Zeitraum eines Augenaufschlags vollzieht.

Diese Passage zu lesen und nicht ergriffen zu sein – weil es dieser so kurze Augenblick ist, nach dem sich jeder Mensch irgendwann einmal gesehnt hat – ist nur schwer vorstellbar.

Natürlich wird später einmal der Verstand seufzend einwerfen, dass dieser Tränenfluss durch äußere Umstände begünstigt wurde und deshalb nicht allein dem Text zuzuschreiben sei. Gab es da nicht eine Stimme, die noch vom Schlaf gezeichnet war und die sich vielleicht gerade deshalb auf angenehme Weise um des Dichters Seele schmiegte?

Ja, eines führt zum anderen.

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