Das Schwert Damokles über den Häuptern der Historiker und das große Mysterium

Der gute Professor Ben Novak von der Universität Bratislava raufte sich in einer 2005 erschienenen wissenschaftlichen Abhandlung mit dem bezeichnenden Titel Hitler Studies: A Field of Amateurs die Haare.

One of the greatest mysteries …

Eines der größten Mysterien des Jahrhunderts, schreibt Prof. Novak zu Beginn, dürfte das Versagen der Berufshistoriker und Biographen sein, die seit mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ereignis kaum Interesse zeigen, es überhaupt zu erklären. Er führt weiter aus:

„Aber ist es nicht die Aufgabe der Geschichte (tatsächlich die Hauptfunktion der Historiker) historische Ereignisse zu erklären und sie verständlich zu machen? Berufshistoriker haben sich beständig geweigert, ihre Hände schmutzig zu machen und hinauszugehen, um Zeugen zu befragen, wenn es darum ging, die vielen Mysterien rund um Hitlers Leben und Karriere zu untersuchen. Historiker haben diesbezüglich nicht nur versagt, sondern wurden von ihren Kollegen beschuldigt, ihrer Pflicht, die Fakten über Hitlers Leben und Karriere in ein kohärentes und  verständliches, nachvollziehbares Narrativ nicht nachgekommen und ‚ausgewichen‘ (‚evading‘) zu sein.“ [meine Übersetzung]

Obwohl, so lesen wir, es bereits 1995 mehr als 120.000 seriöse Bücher und wissenschaftliche Arbeiten rund um Hitlers Leben und Karriere gab, bleiben zwei fundamentale Fragen, die bereits von Historiker H. R. Trevor-Roper im Jahr 1953 gestellt wurden,  bis dato unbeantwortet:

1) Who was this man? // Wer war dieser Mann?
2) How did he do it? // Wie hat er es gemacht?

Ich kann diese beiden Fragen freilich nicht beantworten, aber ich glaube wenigstens zu wissen, warum die (deutschen) Historiker keinerlei Ambitionen zeigen, dieses historische Ereignis zu erklären. So weit, wie der Universalgelehrte Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim, der sich seinerzeit, also 1525, in einem Aufsatz mit dem Titel Von der Geschichstschreiberei Gedanken über die damalige „Historiker-Zunft“ machte, will ich freilich nicht gehen:

„Denn die Historienschreiber sind so diskrepant und schreiben so divers und auf unterschiedliche Arten untereinander, dass es unmöglich scheint, und man fast notwendig dafür halten muss, dass die meisten unter ihnen die allerverlogensten unter den Leuten sein müssen.“

Nein, nein, die Historienschreiber unserer Zeit sind nicht verlogen, vielmehr sind sie bedauernswerte zerrissene Seelen, die in den Universitäten ihr kümmerliches Dasein fristen müssen, mit dem schmerzlichen Bewusstsein, dass sie nur verlieren würden, sollten sie es tatsächlich wagen, das größte historische Mysterium ihrer Zeit erklären zu wollen. Die Versuche nicht-deutscher Historiker, so weit wage ich mich aus dem Fenster zu lehnen – müssen zum Scheitern verurteilt sein. Gutes Beispiel dafür ist der britischer Historiker A. J. P. Taylor, dessen historische Skizze im Jahr 1975 unter dem Titel From Sarajevo to Potsdam erschien. Ich habe das Buch die letzten Tage gelesen und bin aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen, gab es doch zahlreiche Absonderlichkeiten und Schulterzuckungen, wenn es darum ging, die Deutschen in jener Zeitspanne zu verstehen. Wenigstens erkannte Taylor, dass er auf verlorenem Posten stand. Auf Seite 137 streicht er die Fahne und wirft die Historiker-Flinte ins Korn: „Probably no one will make sense of German Fascism in our lifetime“.

Geschichte bedeutet das endlose Durchdenken – und erneute Begutachten – der Vergangenheit. Geschichte, im weiteren Sinn des Wortes, ist revisionistisch.*

Nazi-Trial-Judge_Interv
Chicago Daily Tribune, 23.2.1948

Im Nürnberger Prozess, der im Oktober 1946 zu Ende ging, wurden nicht nur sogenannte „Hauptkriegsverbrecher“ abgeurteilt, sondern auch „historische Tatsachen“, die „offenkundig“ sind und deshalb keinerlei Überprüfung mehr bedürfen, gesetzlich verankert. Es erinnert an Orwells dystopischen Roman  Nineteen Eighty-Four (1984), wo die allmächtige Regierung, der „Große Bruder“, bestimmen konnte, was sich in der Vergangenheit ereignete und was nicht. Unbequeme historische Begebenheiten wurden abgeändert und Dokumente oder Beweisstücke, die davon erzählen hätten können, einfach ins Feuer der Erinnerungslücke (memory-hole) geworfen. Geschichtsklitterung auf höchstem Niveau, wenn man so will. Freilich für die gute politische Sache, die jedes Mittel in Ozeanien rechtfertigte.

In unserer gegenwärtigen Auffassung ist „Geschichtsrevisionismus“ ein Schimpfwort. Aber das ist, was wir Historiker tun. Das Revidieren, das Überprüfen der Geschichte ist unser Job. Auf gewisse Art und Weise ist jeder Historiker ein revisionistischer Historiker.**

Mit anderen Worten, der deutsche Historiker ist nun gezwungen, das Pferd von Hinten aufzuzäumen, weil Juristen, Anwälte und Militärs seine Arbeit in Nürnberg vorweggenommen und eine mögliche Überprüfung zu einem späteren Zeitpunkt unter Strafe gestellt haben. Die nicht-deutschen Historiker, allen voran in den USA, müssen zwar keine Befürchtung haben, juristisch belangt zu werden, sollten sie „revisionism“ betreiben, aber ihre akademische Karriere können sie getrost in den Wind schreiben und ihr Ruf wird auch noch nach ihrem Tod mit Füßen getreten. Bestes und traurigstes Beispiel dafür ist der US-Historiker Harry Elmer Barnes (1889-1968). Dank der mittelalterlichen Sippenhaftung werden nun alle Geschichtsforscher – Amateure genauso wie Profis – die sich auf die Ausführungen eines Prof. Barnes beziehen, ebenfalls des „Geschichtsrevisionismus“ bezichtigt und damit zur Persona non grata erklärt. Die unbequemen historischen Fakten – siehe Orwell – verschwinden sang- und klanglos im Äther des Unbedeutenden, während Angstgeschrei und Zornesreden eine ohrenbetäubende Kakofonie ergeben, die der gewöhnliche Bürger nicht überhören kann, auch wenn er wollte. All das geschieht 230 Jahre nach Veröffentlichung von Kants berühmten Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, der einer Geistesströmung den Namen geben sollte. Man könnte meinen, dieses für die Entwicklung der modernen Welt so wichtige Licht (lumière) ist mit 1945 erloschen.

So sind dem ehrbaren Historiker die Hände gebunden, während Amateur-Historiker – im Guten wie im Schlechten – mit der Vergangenheit tun und lassen können, wie es ihnen beliebt und dabei ein Vakuum füllen, zuweilen mit Haar sträubendem Unsinn und allerlei Lügengespinste.

Das menschliche Urteil über Vergangenes steht nie still; alle historischen Gestalten schwanken in der Vorstellung der Nachwelt. Es gibt keinen endgültigen Spruch über Gewesenes. (Jacob C. Burckhardt, 1958)

Conclusio? So lange es eine von oben verordnete Vorstellung der Nachwelt gibt, so lange wird eines der größten Mysterien des Jahrhunderts weiterhin Mysterium bleiben, so lange ist unsere zivilisierte Gesellschaft in ständiger Gefahr, blindlings in die Falle der Präjudiz zu tappen, in der weitere vergangene Ereignisse als „historische Tatsachen“ gesetzlich verankert werden. Es gilt sich immer vor Augen zu halten, dass in naher oder ferner Zukunft Regierungen an die Macht kommen können, die nicht mehr liberal-konservativ die Mitte bedienen, sondern auf die eine oder die andere Seite extrem ausschlagen.

Am Schluss bleibt mir nur noch, ein weiteres Mal Heinrich Cornelius zu zitieren, der vor bald 500 Jahren diese Zeilen schrieb, die so alt mir nicht dünken:

„So sind auch andere, die entweder aus Furcht oder aus Heuchelei, oder aus Hass der Wahrheit derselben etwas abzwacken; andere, indem sie die Taten ihrer Landsleute in den Himmel heben, verkleinern sie der andern ihre und machen sie gering, schreiben also nicht, wie die Sache an sich selber ist, sondern wie sie es gerne hätten, dass sie sein sollte, und wie es ihnen beliebt, und haben dabei die Zuversicht, dass diejenigen, welche sie so artig geschmeichelt haben, ihren Lügen nicht werden widersprechen oder Zeugnis wider sie geben. Dieses Laster, welches vor Zeiten bei den griechischen Skribenten gemein gewesen, ist heutiges Tages fast bei allen Völkern eingerissen, und werden diese Historienschreiber von den Fürsten zu keinem andern Ende unterhalten, als dass, wie Plutarchus sagt, sie durch ihre nachsinnigen Köpfe anderer Leute Tugenden unterdrücken, ihre Taten aber mit lauter unnützem Geschwätz und Erdichtungen durch ihre historische Autorität erheben.“

***

P.S.: In einem anderen Blog-Beitrag endete ich mit den folgenden Zeilen. Diese will ich ein weiteres Mal anführen, da sie meine Gedankengänge zu diesem Thema widerspiegeln. Nur für den Fall, dass ein Leser oder Leserin meinen könnte, ich verfolgte mit dem Text rein böswillige Absichten und wollte „in Wahrheit“ nur leugnen und verharmlosen wollen. Des Weiteren plane ich einen weiteren Blog-Beitrag, der sich im Detail mit dieser komplexen Sachlage auseinandersetzen wird.

Edna Friedberg, Historikerin im United States Holocaust Memorial Museum, kritisiert im amerikanischen Magazin The Atlantic die Auswüchse dieser von oben verordneten Geschichtsdarstellung:

»Ja, die Dokumentierung der Vergangenheit unterlag schon immer der Interpretation und ideologischen Voreingenommenheit. Aber der Geschichtsschreibung sollte niemals durch Politiker Grenzen gesetzt werden.« Yes, the documentation of the past has always been subject to interpretation and ideological bias. But the writing of history should never be circumscribed by politicians.


 

* „History means the endless rethinking – and reviewing and revisiting – of the past. History, in the broad sense of the word, is revisionist„, schreibt der ungarisch-amerikanische Historiker John Lukacz in seinem Buch The Hitler of History;  ein Auszug erschien in der New York Times.

** „In the general culture ‚revisionist historian‘ is a term of abuse. But that is what we do. Revising history is our job. So every historian is a revisionist historian in some sense„, sagt der amerikanische Historiker Eric Froner, Columbia University, in einem Interview mit The Nation.

 

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2 Kommentare zu „Das Schwert Damokles über den Häuptern der Historiker und das große Mysterium“

    1. Der Vortragende, der hier Erwähnung findet, wird in Wikipedia als „geschichtsrevisionistischer deutscher Autor“ definiert, sozusagen „gebrandmarkt“. Der ehrbare Bürger wird also die Finger von Vorträgen solcher „Revisionisten“ lassen müssen, will er sich nicht verdächtig machen. Eine Diskussion über den Inhalt, über die Interpretation der vom „Revisionisten“ vorgelegten Fakten und Daten, die gibt es freilich nicht, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit.

      Genau da liegt der Hund begraben. Unsere (angeblich) aufgeklärte und wahrheitsliebende Gesellschaft agiert wie die Kirche im finsteren Mittelalter, als sie mit den Begriffen „Hexer“ und „Ketzer“ unliebsame Dissidenten isolieren und unbequeme Skeptiker loswerden konnten.

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