Politik und Medien zur Syrienkrise: Wenn sich die Katze ins Knie beißt

Der britische Nah-Ost-Journalist für die Tageszeitung The Independent Robert Fisk durfte sich in Douma umsehen [link]. Es ist jener Ort, wo der medial zelebrierte Giftgasangriff stattgefunden haben soll. Fisk konnte aber keine Spuren todbringender Giftwolken finden. Ein Doktor vor Ort bekräftigte, dass manche Patienten an Sauerstoffmangel litten – Folgen konventionellen Bombardments und eines Sturms, die so Sand und Staub in die unterirdisch gelegenen Räumlichkeiten blies, wo Menschen Schutz suchten. Von Giftgas wusste er – genauso wie andere Bewohner – nichts zu berichten.  Ein amerikanischer Reporter des alternativen Nachrichtenkanals One American News Network (OAN), der sich wie Fisk in Douma umsah, konnte niemanden finden, der etwas über einen Giftgasangriff zu sagen hätte [link]. Schließlich kommt auch der deutsche ntv-Reporter Dirk Emmerich, ebenfalls vor Ort, zu einem ähnlichen Ergebnis: „Ob es einen Giftgaseinsatz gab und wenn, wer ihn verübt hat, das bleibt ungewiss.“ [link]
Über die völkerrechtliche Komponente habe ich mir in meinem letzten Blogbeitrag Gedanken gemacht.

Leichtes Spiel für Kriegstreiber!

Das sind jetzt freilich alles keine Beweise, nur vorsichtig vorgebrachte Indizien in die eine Richtung. Doch egal, ob das eine oder das andere zutrifft, die liberalen Medien und die westlichen Politiker haben sich jetzt endgültig in den Schwanz geschossen. Denn bei der ganzen Sache geht es nicht darum, ob „Assad“ seine eigene Bevölkerung mit chemischen Waffen beschossen hat. Ganz und gar nicht. Vielmehr geht es darum, dass es im Jahr 2018 noch möglich ist, in eine Eskalationsspirale zu geraten, an deren Ende der „begrenzte“ Einsatz von Nuklearwaffen steht. Solch eine Spirale führte im Sommer 1914 zu einem Weltkrieg. Kein Politiker, kein Journalist, kein Bürger dachte zuvor auch nur eine Sekunde daran, dass sich das zivilisierte Europa für einen Balkanstaat zerfleischen würde. Aber die Kriegstreiber wussten es besser, nämlich dass eine vollendete Tatsache zur nächsten führen würde. Sie mussten nur für ausreichend Zweifel und Misstrauen in den Köpfen der Politiker und Militärs sorgen – und die nötigen Desinformationen bereitstellen [siehe Falshood in War-time, 1920, wo Lord Fisher zitiert wird: „The nation was fooled into the war“ – „Großbritannien wurde hereingelegt/getäuscht, um dem Krieg beizutreten“].

Neusprech! Krieg ist Frieden und Bomben sind human.

Seit Jahren heißt es, dass ein dämonischer Putin äußerst gefährlich für den Weltfrieden und ein mental instabiler Trump völlig unberechenbar, vielleicht sogar verrückt sei. Trotzdem haben sich die britische Premierministerin May und der französische Staatspräsident Macron dazu entschlossen, in das syrisch-russisch-iranische Hornissennest zu stochern. Mit anderen Worten, die europäischen Spitzenpolitiker zweier hoch angesehener Demokratien scheuen sich nicht, einen Weltenbrand zu entfesseln. Und wofür? Ja, wofür eigentlich? Wie erklärt man einer späteren Generation, dass der 3. Weltkrieg durch ein viral gegangenes youtube-Video ausgelöst wurde – gegen den Willen der Wähler? Demokratie? Nope!

Theresa May stellte die britischen Abgeordneten vor vollendete Tatsachen. Über „solch militärischen Interventionen“ darf im Parlament nicht abgestimmt werden, da es sonst „ernsthaft unsere nationale Sicherheit, unsere nationalen Interessen und die Leben britischer Staatsbürger, sowohl im In- wie im Ausland, gefährden“ würde [link]. Worin liegt demnach der Unterschied zwischen einem autoritären Regime und einer friedliebenden Demokratie, wenn sich beide nicht um den Willen der Bevölkerung scheren? Ist am Ende „Demokratie“ nur Fassade? Erinnern wir uns an das Jahr 2003, als die Mehrheit der Weltbevölkerung einen Krieg gegen den Irak ablehnte. Doch die gewählten Politiker zuckten nur mit den Schultern und gingen wie die apokalyptischen Reiter daran, Tod, Zerstörung und Pestilenz über die Welt zu bringen. Würden sich nicht Moskau und Teheran an die Seite von Damaskus gestellt haben, die syrische Zivilisation wäre längst eines humanitären Bombentodes à la Libyen gestorben.

Ich sage es immer und immer wieder: Hätte man nach dem 2. Weltkrieg in Nürnberg auch die Verantwortlichen des sogenannten alliierten Bombenterrors angeklagt (und ihnen nicht ein Denkmal gesetzt) und damit vor aller Welt einstimmig erklärt, dass die systematische und planmäßige (strategische) Bombardierung ziviler Einrichtungen ein Kriegsverbrechen darstelle – im Gegensatz zu (taktischen) Angriffen auf militärische Ziele – viele Millionen unschuldiger Menschen wären in all den späteren Konflikten seit 1945 nicht verstümmelt und zerfetzt, deren Lebensgrundlage nicht vergiftet und zerstört worden.

Fakten bleiben Fakten!

Israel, auch wenn man es nicht gerne hören will, soll laut Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch in Gaza Bomben mit weißen Phosphor eingesetzt haben, der um keine Spur freundlicher zu den Zivilisten ist als jedes Giftgas. Nachzulesen auf Zeit Online. Im Libanonkonflikt verwendete Israel – gegen die Anweisung der USA – Streumunition (cluster bombs), die kleinere Bomblets über dem Zielgebiet abwerfen und weit streuen. Manche, die nicht bei Bodenkontakt explodieren, können später zu einer Gefahr für Mensch und Tier werden. Nachzulesen im The Guardian. Soweit ich weiß, hatte damals kein westlicher Politiker ernsthaft in Erwägung gezogen Tel Aviv mit Raketen zu beschießen, um dem „Israelischen Regime“ klarzumachen, dass solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht geduldet werden. Nebenbei sei angemerkt, dass die von Washington und London hochgerüstete Monarchie Saudi Arabien nicht gerade human mit ihren Bomben in Yemen verfährt. Auch dort, sagt die Washington Post, dürfte weißer Phosphor gegen die Zivilbevölkerung zum Einsatz gekommen sein.

„I’ve signed legislation that will outlaw Russia forever. We begin bombing in five minutes.“ Reagan, the jester in 1984

Demokratisch gewählte Politiker, damals wie heute, haben immer wieder gezeigt, dass ein Menschenleben nur dann schützenswert ist, wenn es deren politische Agenda stärkt oder sie sich einen Gewinn davon versprechen. Ansonsten interessiert es sie nicht die Bohne. Diesbezüglich höre man sich an, was der ehemalige britische Botschafter Craig Murray über Korruption und die Lügen rund um die Kriege in Afghanistan und Irak zu sagen hat.

 

Vielleicht schließt sich hier wieder einmal der Kreis, wenn wir von der BBC und dem Guardian aufgeklärt werden, dass es kein geringerer als Winston Churchill war, der vorschlug, Giftgas gegen unzivilisierte Naturvölker einzusetzen und rebellische Araber in Mesopotamien aus der Luft zu bombardieren. Der Erfolg der angeordneten Luftschläge stellte sich 1920 auch tatsächlich ein, was die kommenden Militärstrategen dazu veranlasste, zu glauben, Kriege der Zukunft könnten aus der Luft gewonnen werden. Ach, gute alte Zeit, nicht?

Eine Generation später, 1945, lesen wir in der australischen Zeitung Townsville Daily Bulletin, dass Französische Streitkräfte Damaskus mit Panzern, Kanonen und Flugzeugen „gnadenlos“ bombardieren würden. Warum, fragen Sie? Weil sich die Syrer gegenüber ihrem französischen Schirmherrn recht widerspenstig gezeigt haben und schamlos ihre Freiheit verlangten.

Nur eine Deklaration

Jenes Syrien übrigens, das mit dem Libanon und Jordanien, sowie Mesopotamien (Irak), und Palästina aus den Trümmern des zerfallenden Osmanischen Reichs nach 1918 von britischen und französischen Politikern herausgeschnitten wurde – ja, nicht nur in Europa einigten sich die Gewinner des Großen Krieges mit den USA auf eine „gerechte“ Aufteilung der „herrenlosen“ Ländereien. Ach, da fällt mir ein, dass es in diesem Zusammenhang auch noch die Balfour-Deklaration gab. Das ist freilich eine ganz andere, zuweilen sonderbare Geschichte. Aber wie so oft, hängt alles mit allem zusammen. Damals wie heute. Irgendwie. Und trotzdem Träumen sie alle am Reißbrett von einem großen Reich. Die einen wie die anderen. Dunkle Giftwolken ich da seh am Horizont. Und viele Katzen, die sich ins Knie beißen werden.

***

P.S.: Tucker Carlson von FOX News, einer der wenigen kritischen amerikanischen TV-Talkshow-Moderatoren, muss sich gefallen lassen, als „Werkzeug des Putin-Regimes“ [© Washington Post] bezeichnet zu werden, da er es wagte, die Hintergründe der Vergeltungsschläge zu hinterfragen und auf die möglichen weitreichenden Konsequenzen aufmerksam zu machen [„a shooting war with Russia“]. Er zweifelt an den „Beweisen“, die Washington behauptet, zu haben [„it seems clearly fake“], wird aber von einem Politexperten darauf hingewiesen, dass es einen Unterschied zwischen Skepsis und Verschwörungstheorien gäbe. Oder würde Tucker Carlson den Holocaust anzweifeln? Oder die Mondlandungen? Ja, so werden Debatten geführt, im Jahr 2018. [link] In einem anderen Fall ist zu bemerken, dass den Experten aus Washington langsam aber sicher die Argumente ausgehen, so man sich nicht mit deren Plattitüden und  Wischiwaschi-Antworten zufrieden gibt. Es scheint, als würde es kleine Risse im Spin-Reaktor geben und hie und da ein bisschen Wahrheit austreten. Keine Sorge, Schutzanzüge werden Sie nicht brauchen. Aber vielleicht ein neues Weltbild.

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