richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Die Propaganda des Systems in einer österreichischen Tageszeitung

There is nothing in history to suggest that kneeling before the dictates of the marketplace is a rational way to create a functioning civilisation.

Pulitzerpreisträger Chris Hedges
Economist vom September 2012

Es geht hier nicht darum, allein die österreichische Tageszeitung K. zu verunglimpfen – immerhin rangiert sie in der  Berichterstattung über dem Gratis- und Bezahl-Boulevard, der wie ein Virus in den Morgenstunden eines Arbeitstages um sich greift und im Verdacht steht, seinen Opfern den letzten Rest an gesundem Menschenverstand zu rauben. Wie dem auch sei, bleiben wir bei der Tageszeitung K., deren dicke Samstagsausgabe ich auf dem Tisch liegen habe. Ehrlich gesagt, ich habe mir nur den Leitartikel von Frau S. durchgelesen und ein paar der Artikel angelesen. Man muss sie auch nicht vollständig lesen, um zu wissen, in welche Richtung die System-Propaganda den Leser zwingen, pardon, überzeugen möchte. Ob Boulevard oder Qualitätsblatt, allesamt spielen sie im Konzert der »Systemerhalter« mit.

Im Leitartikel geht es um die politische Richtung in Ungarn, dessen Regierungschef Orban gegen die internationalen Finanzmächte vorgehen möchte. »Die Sehnsucht nach Abschottung von internationalen Märkten und Verstaatlichung blüht auch hierzulande«, heißt es in der Sub-Titelei des Artikels. Nun, ich weiß leider nicht, welche Qualifikationen frau/man haben muss, um im K. einen Leitartikel zu fabrizieren, aber eine Ahnung davon zu haben, wie die Welt seit Einführung und Erweiterung der Freihandelsabkommen in den 1970er Jahren funktioniert, gehört scheinbar nicht dazu. Vermutlich ist die Dame noch nicht alt genug; andererseits, ich bin es auch nicht, aber irgendjemand hat mir ein einigermaßen brauchbares Gehirn gegeben, womit es mir möglich ist, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.

Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte der schweizer Tagesanzeiger ein Interview mit dem Soziologen Wolfgang Streeck, der über die Diktatur der Finanzmärkte spricht und Lösungen vorschlägt, die freilich nicht jedermanns Sache sind, aber immerhin, er versucht sich wenigstens daran, die Spirale der Finanzgewalt aufzubrechen. Frau S. denkt gar nicht daran – sie bleibt der gewohnt konservativ-überheblichen Spielart vieler Qualitätsblätter treu. Mit anderen Worten, Frau S. hat keine Ahnung, wie eine Lösung der gegenwärtigen Wirtschaftsmisere (vermutlich gibt es diese für sie gar nicht) aussehen könnte, aber sie weiß, wenn »Visionen auf die Spitze« getrieben werden. Immerhin, so schreibt sie, würde Europa zu Recht den Kopf über Orban schütteln. Aha. Also darauf kann ich nur sagen, dass die ganze Welt den Kopf über Frau S. schüttelt, ob solch einer Verallgemeinerung, die nichts beweist.

Dass internationale Großbanken in allerlei dubiosen und illegalen Machenschaften verwickelt sind, sollte hoffentlich schon in den Redaktionsräumen des K. angekommen sein. Beispielhaft sei hier Journalist Matt Taibbi vom Rolling Stone Magazine genannt, der sich lang und breit darüber auslässt, dass noch niemand von den Vorständen in den Knast gewandert ist. Seine letzte Kolumne beschäftigt sich mit der »Drogengeldwaschanlage« des größten britischen Finanzkonzerns, der für die US-Behörden zu groß ist, um ernsthaft juristische Schritte zu erwägen. Ja, so sieht die Wirklichkeit anno 2013 aus, meine Damen und Herren der Presse: »Alle Tiere sind gleich, aber manche Tiere sind gleicher«.

Ich muss mich wieder meinem Sachbuch widmen, die Zeit drängt, deshalb schließe ich am besten mit den Worten des ehemaligen Zeitungsmitherausgebers der Frankfurter Allgemeinen Zeitung  Paul Sethe, der bereits im Jahr 1957 in einem Brief bemerkte, wohin die freie Presse steuern würde:

Ich habe dort über die unabhängige Presse gesprochen und die These vertreten, daß der Dämon des Geldverdienens nicht nur den bürgerlichen Idealismus im allgemeinen, sondern auch die Wahrheitsliebe der Presse zu zerstören begonnen habe und sie schließlich völlig zerstören werde.

Paul Sethe
in einem Brief an Fritz Erler
8. Februar 1957

Hartmus Soell, ›Zum Problem der Freiheit des Journalisten. Aus der Korrespondenz Fritz Erler – Paul Sethe 1956/57‹, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München), 23. Jahrgang 1975, 4. Heft (Oktober), S. 105f. online als PDF abrufbar: link

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: