Rückblick auf das Festival International des Jeux in Cannes

Das war es also, das Festival International des Jeux in Cannes, anno 2020. Das Spielefest in der glamourösen Stadt an der Côte d’Azur ist mit seinem milden Klima – man könnte meinen, der Frühling hätte im Februar längst Einzug gehalten – ein wohlig warmer Kontrast zu den vielen grauen und kalten Wintertagen in Wien. Vier Tage waren es, die ich mit dem Herausgeber des österreichischen Spielemagazins frisch gespielt dort verbrachte.

Trotz einer gewissen sprachlichen Barriere gab es auf dem Festival gute Gespräche. Abgesehen vielleicht von den französischen Verlags-Platzhirschen, die das „internationale“ Spielfest zu einem „nationalen“ umdefinierten und uns keinen Termin gewährten. Ja, das kommt zuweilen vor, dass Österreich als deutschsprachiger Absatzmarkt nur die dritte oder vierte Geige hinter Deutschland spielt. Verständlich, sieht man sich die nackten Zahlen an – gottlob ist das bizness noch nicht vollkommen von kühl-nüchternen Entscheidungen bestimmt, es gibt auch ein Entgegenkommen, das auf Respekt und Sympathie beruht.

Im Hintergrund sieht man das Palais. Übrigens mussten sich auch die Aussteller einer Taschenkontrolle unterziehen. Und am Himmel beäugte eine Drohne das Geschehen am Eingang.

Das Fest war im allseits bekannten Palais des Festivals et des Congrès de Cannes untergebracht, das 1982 eröffnet und später noch einmal erweitert wurde. Die Größe des Palastes hat mich überrascht, die Architektur ist ganz im Stile der Moderne gehalten, jedenfalls auf eine Art, wie man sich Anfang der 1980er die Moderne vorstellte. Während in den oberen Stockwerken der eine oder andere Verlag in seinen Räumlichkeiten dem Fachpublikum die Neuerscheinungen präsentierte, war das Untergeschoss für das „Fußvolk“ bestimmt. Dort konnte man in den Kojen der Verlage oder Distributoren die an Tischen aufgelegten Spiele ausprobieren. Das Publikum machte regen Gebrauch davon und ließ sich auch von komplexen Brettspielen nicht abschrecken. Es ist mit der SPIEL in Essen zu vergleichen: Auch dort wird in den „Kojen“ oder Hallenabschnitten der Verlage gespielt, auch dort können Spiele vor Ort gekauft werden, auch dort gewähren die Verlage Einblicke und Ausblicke. Aber die Dimensionen sind ganz andere. In Essen schiebt sich die spielbegeisterte und kaufwütige Menschenmasse von einer großen Halle zur nächsten. All das ist im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend.

Einer der Höhepunkte des französischen Spielefests in Cannes ist die Vergabe des As d’Or, sozusagen das Pendant zum deutschen und österreichischen Spielepreis (Spiel der Spiele bzw. Spiele-Hits). Die Zeremonie fand am Donnerstag Abend im spektakulären Bühnensaal des Palais statt. Die geladenen Gäste, die allesamt aus der Branche waren, machten eine großartige Stimmung. Ich gehe davon aus, dass die Filmfestspiele ruhiger über die Bühne gehen. Die Gewinner des As d’Or, des goldenen Würfels, wurden auf dem Fest natürlich ordentlich beworben, aber wir versuchten uns an einem der nominierten Spiele: Draftosaurus vom Verlag Ankama ist ein Draftingspiel mit kleinen Holzdinosauriern, die in einem Zoo präsentiert werden sollen. Es hat uns so gut gefallen, dass wir ein Exemplar unbedingt mit nach Hause nehmen wollten. Glücklicherweise hatte der Verlag eine Spielanleitung in Englisch vor Ort, die einzige, die uns freundlicherweise überlassen wurde. Und so konnten wir am Flughafen von Nizza die lange Wartezeit mit Draftosaurus spielend leicht verkürzen. Bon.

Rechter Hand die hübsche Widmung des Comic-Zeichners Grelin, oberhalb das Spiel ‚Conspiracy‘

Da ich meine Französischkenntnisse naturellement verbessern möchte, hielt ich Ausschau nach Spielen, die mir ein wenig auf die sprachlichen Sprünge helfen würden. Dafür am besten geeignet erschienen mir die hübsch aufgemachten Detektivspiel-Comics aus dem Verlag Blue Orange. Mit den Heften könnte man in Schulen den Französischunterricht sicherlich spannend gestalten. Der anwesende Comic-Zeichner Grelin signierte mein Exemplar mit gekonnten Strichen. Das Team von Blue Orange war äußerst großzügig und bemüht unsere vielen Fragen zu beantworten. Ähnlich zuvorkommend war auch der kleine Verlag von Oldchap, der uns seine Spiele vorstellte. Darunter Fiesta de los Muertos, eine amüsant-spannende „Stille Post“-Variante, die vielleicht den Weg in deutschsprachige Gefilde findet, eine besondere Lokalisierung vorausgesetzt. Finalement möchte ich noch das Team von Black Rock erwähnen. Der distributeur, der zahlreiche kleinere Verlage unter seine Fittiche genommen hat, zeigte sich von seiner besten Seite. Da könnte sich ein Großkonzern wie Asmodée ein Scheibchen abschneiden. Mais, c’est la vie d’un rédacteur d’Autriche.

Das Festival hatte, es war sicherlich zu erwarten, viel Charme und verströmte das gewisse Etwas, egal, ob man auf der Terrasse des Palais stand und auf die Straßen von oben herabblickte oder an der Croisette, nah am Meer, seinen Nachhauseweg zum Hotel einschlug. Dazu gesellten sich der blaue Himmel, Sonnenschein und frühlingshafte Temperaturen. Man versteht, warum die Filmstars aus nah und fern im Mai das berühmte Filmfestival besuchen wollen. Freilich, der Trubel dürfte dann ordentlich zunehmen.

Apropos „zunehmen“. Die größte Gefahr für Leib und Seele sind all die vielen Pâtisserien und Boulangerien, die ihre süßen Konditor- und Bäckereiwaren feil bieten. Generell versuche ich dem Zucker- und Kohlehydratzeugs ja zu entgehen, aber das war in Cannes freilich nicht möglich. Schwarzer Kaffee, dazu ein Croissant à l’amande, oder ein resches Baguette mit Rohmilchkäse aus der Normandie oder gebackene Fischstücke mit hausgemachter Sauce von zwei Fischerinnen am Markt, das Bäuchlein legte ordentlich an Umfang zu. Vielleicht ist es ein Wink des Schicksals, dass das Festival wenige Tage vor der Fastenzeit zu Ende ging.

Connais-tu le pays où fleurissent les citronniers et les jeux?

Des Weiteren konnte ich erste Einblicke in den Süden Frankreichs gewinnen. Ja, der Kontrast zum Norden ist schon gewaltig. Hier das süßlich milde Klima, dort das salzig raue – und da die Menschen ein Produkt der Umwelt sind, versteht man, wie sich ein charakterlicher Menschenschlag über die Zeit entwickelt. Kurz, während die Küste im Süden Frankreichs mehr einer luxuriösen Kulisse gleicht, einer Bühne, auf der nach Herzenslust gespielt, getanzt und geschlemmt werden kann (so man das nötige Kleingeld hat), ist der Norden ein bodenständiges Steinhaus, das den starken Winden trotzt, wo man die süßen Crêpes salzt und das Leben als eine ernste Angelegenheit betrachtet. Wen wundert es da, wenn all die verspielten Feste im Süden über die Bühne gehen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Im Spielemagazin frisch gespielt wird natürlich über die Messe en detail berichtet und das eine oder andere jeux genauer unter die spielende Lupe genommen. Oui, oui.

Au revoir, Mesdames et Messieurs!
À la prochaine fois.

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