richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Ein phantastischer Papierflieger

Bevor ich mich zum lukullischen Geburtstagsmahl aufmache, noch schnell die gestrige Begegnung mit R. skizziert. Aus dem Gedächtnis. Mehr Analogie als Realismus. Aber das muss so sein. Manchmal.

R. faltet Papierflieger. Er hat es darin zwar nicht zu einer Meisterschaft gebracht, aber es ist durchaus beachtlich, was er da so aus einem Stück Papier falten kann. Seine Papierflieger sind kleine Kunstwerke. Sagt R. Er möchte von dieser Kunst einmal leben können. Sagt R. Er hat Ambitionen. Sage ich. Er übt sich in Phantastereien. Sage ich.

Ja, das ist die Frage aller Fragen – wenn man so will: Wer hat am Ende recht, wer hat am Ende unrecht?

Würde morgen ein Milliardär über einen seiner Papierflieger stolpern, begeistert sein und ihm einen Koffer voll Geld dafür geben, würde ich mich in den Allerwertesten beißen und mir sagen: „Ein Glück, dass ich es ihm nicht ausgeredet habe.“ oder „Ich wusste es ja schon immer!“ oder „Geduld ist eine wichtige Voraussetzung für einen Künstler!“ oder „Was lange währt, wird irgendwann mal gut.“ oder „Unverhofft kommt oft.“ oder „Die Dummen haben immer das Glück auf ihrer Seite.“ oder „Zufall!“ oder „Blödsinn!“ oder …

Ist es nicht seltsam, wie Geld unsere Sichtweise mit einem Schlag verändert? Was gestern noch absurde Phantasterei war, ist heute vielleicht schon ein glänzendes Geschäft und morgen ein Multinationales Unternehmen. Gewiss, wir lesen und hören immer nur die Geschichten der Gewinner (naja, in Wien ist es eher umgekehrt – da erfahren wir dann von den öster. Erfindern, die es nicht verstanden, ihre Erfindungen gewinnbringend zu vermarkten und zumeist verarmt starben, während die Bizness-Leute gewitzt genug waren, ihnen die Patente abzuschwatzen oder diese einfach ignorierten). Und Gewinner sind rar gesät. Trotzdem sind sie in aller Munde. Während das Heer an erfolglosen Papierflieger-Faltkünstler sich in Träume und Phantasterein flüchten.

Erfolg gesellt sich zu Erfolg. Geld kommt zu Geld. Das ist nichts Neues, oder? Hm. Was sagen wir nur R.? Er lebt in einer künstlichen Welt, in einem Elfenbeinturm und faltet Papier. Hin und wieder blitzt ein absurder Gedanke in mir auf: Was wäre, würde jemand einen dieser Papierflieger in die Hände bekommen und dadurch zu einem anderen Menschen werden, weil es in ihm etwas auslöste? Hätte dann die Phantasterei von R. nicht auch etwas Gutes gehabt? Hm. Aber seien wir mal ehrlich, was soll so ein banaler Papierflieger schon in einem auslösen? Eben!

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