richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Der Reichtum eines Kindergartens oder Wie sich das Vermögen verteilt

Ich stehe Statistiken etwas skeptisch gegenüber. Denn laut Statistik haben ein Millionär und ein armer Kerl jeder eine halbe Million.
Franklin Delano Roosevelt

Man stelle sich folgendes Szenario vor. In einem Kindergarten werden alle Kinder zusammengerufen, weil es heißt, es gäbe eine süße Überraschung. Es sind exakt 100 Kinder, die mit großen glänzenden und vor allem gierigen Augen nach dem versprochenen Süßen Ausschau halten. Der Leiter des Kindergartens kommt mit einer Reihe von Anzugträger in den Versammlungsraum. Sie haben Kisten mitgebracht, in denen sich 100 Überraschungseier befinden. Die Kinder sind aus dem Häuschen.

So dann wird das Prozedere der Verteilung besprochen. Der Leiter und die Anzugträger geben Alphonse einen Karton mit 36 Überraschungseiern. Die Kinder starren ungläubig zu Alphonse. Der Leiter lächelt und meint, dass der Urgroßvater von Alphons diesen Kindergarten gegründet hätte und ohne seiner generösen Familie es keinen Kindergarten gäbe. Dann wählt der Leiter 8 Kinder aus, denen ein Karton mit 43 Überraschungseiern überreicht wird. Ungläubiges Staunen der anderen Kinder. Der Leiter lächelt und meint, dass deren Großväter viel für den Kindergarten getan hätten und ihnen somit dieser Anteil zustünde. Dann werden 23 Kinder ausgewählt, denen eine Kiste mit 17 Überraschungseiern übergeben wird. Deren Väter, so sagt der Leiter, hätten sich immer für den Kindergarten eingesetzt. Ungläubiges Staunen. So dann wird den restlichen Kindern, 68 an der Zahl, ihre Überraschungseier übergeben. Es sind 4 Stück. Keine Sekunde dauert es und sofort beginnen sich die Kinder zu zanken und zu balgen. Jeder will eines der 4 Überraschungseier. In der Gruppe der 23 Kinder geht es gesitteter zu. Sie teilen ihre 17 Überraschungseier auf – auch wenn der eine oder die andere nicht teilen möchte.

Mit der Zeit stellen sich viele der leer ausgegangen Kinder bei Alphonse an. Sie bitten und betteln um ein Überraschungsei. Alphonse will von Julia ein Küsschen, dann würde er ihr ein Überraschungsei geben. Und von Ivan will er seine Mütze, die ihm so gut gefällt. Und so macht sich Alphonse Freunde und Feinde. Jene, die er beschenkt, werden seine Freunde. Jene, die er leer ausgehen lässt, werden seine Feinde. Die Gruppe der 8 Kinder steht auf Seiten von Alphonse. Es sei genug für alle da, sagen sie. Und dann, dann flüstern sie mit der Gruppe der 23 Kinder und zeigen auf die leer ausgegangenen Kinder: Vorsicht. Die wollen uns die Überraschungseier wegnehmen.

Freilich. Es könnte ganz anders sein. Schlimmer. Besser. Je nach dem. Faîtes vos jeux.

Source: Credit Suisse Research Institute, Global Wealth Report, October 2010.

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