Im Schatten eines verwunschenen Gartens

Wie lange mag es jetzt wohl her sein, dass ich an dieser Stelle einen Beitrag aufs virtuelle Papier brachte, der sich nicht um politische Querelen oder weltmeisterliche Fußballspiele drehte? Eine gefühlte Ewigkeit und eine Nacht.

Dieser Blog – gute 11 Jahre in Betrieb – zeigt den Bogen, sozusagen die Entwicklung, eines Jungen im mittleren Alter, der all seine überquellende Phantasie auf den springenden Punkt bringen möchte. Hie und da ist es – wenigstens in seinen Augen – gelungen. Hie und da – gibt er seufzend zu Protokoll – gänzlich misslungen. Aber so ist das Leben, so spielt das Schicksal – am Ende können wir nur die Fäden, die uns gereicht werden, aufnehmen und weiterspinnen.

Als mir meine Muse Azadeh damals die Aufwartung machte – auf einer Parkbank irgendwo in Wien – konnte ich nicht ahnen, dass solch Fügung nur jene zu treffen vermag, die bereit sind, den steilen und steinigen Weg einzuschlagen, der nirgendwo hin führt, nicht auf einen Gipfel, nicht in ein gemachtes Bett. Es ist einfach nur eine Reise, mit einem Anfang, gewiss, aber mit keinem Schlusspunkt.

In der tropischen Hitze der letzten Woche konnte ich im Schatten eines verwunschenen Gartens meine Gedanken ohne Wenn und Aber fließen lassen. Es erinnerte mich ein wenig an meinen Aufenthalt in Salzburg, fünfzehn Jahre ist das jetzt schon wieder her, als ich bei extremer Hitze im Schatten der Veranda in Bücher blätterte und meiner Phantasie lauschte. Damals kam mir die Idee zu Rotkäppchen 2069. Einfach so. So einfach. Ein Bild. Ein Satz. Der Anfang war gemacht. Der Rest ein Kinderspiel, auch wenn es kein Kinderbuch werden sollte.

Mit diesem Geschreibsel wird der geneigte Leser, die geneigte Leserin, freilich nicht viel anfangen können. Aber vielleicht hilft es, eine verblassende Erinnerung, ein vages Gefühl ins Gedächtnis zurück- und auf diese Weise den Wunsch nach einem gedanklichen Abenteuer wachzurufen. Wäre das nicht schön? Möchten wir denn nicht für einen Moment, ob kurz, ob lang, zu uns finden?

Ist es nicht faszinierend, dass es für gewöhnlich äußere Ereignisse sind, manchmal gute, manchmal böse, die Türen in unserem Inneren öffnen und in Zimmer führen, die immer schon in uns waren und die wir trotzdem zum ersten Mal betreten? Es ist, als bräuchten wir für jede dieser Türen einen Schlüssel, den wir nicht besitzen, der uns – wenn wir Glück haben – gereicht wird. Ein Musenkuss, eine seltene Inspiration, die uns auf eine Reise schickt, ist ein Schlüssel, der die Tür zu einem traumhaften Schlafgemach öffnet. Wie viele Nächte durfte ich dort zubringen? War ich nicht selig, obwohl der Morgen längst graute?

Beinahe hätte ich zu Feder und Papier gegriffen und einen Brief geschrieben. Aber der Einfall kam wohl zu spät. Ein Tag früher und ich hätte mich unter einem blauen Himmel verloren. Ist es nicht die erste Aufgabe eines Dichters, gegen die Wirklichkeit anzuschreiben? Der nüchterne Verstand, er diktiert, er befiehlt, er gebietet. Sich ihm zu widersetzen ist kein kleines Verbrechen und kann eine Strafe zur Folge haben, von der wir uns lange Zeit nicht mehr erholen würden können. Der gewöhnliche Mensch akzeptiert und gehorcht, doch der Dichter, dem eine Muse zur Seite gestellt ist, muss sich zur Wehr setzen und den rachsüchtigen Verstand in die Schranken weisen.

Jetzt, in dieser sinnierenden Stimmung, frage ich mich, ob ich das aufklärerische Pferd nicht von hinten aufgezäumt habe. Mit Vernunft und Verstand ist vielleicht eine Schlacht zu gewinnen, aber mit Sicherheit kein Krieg. Wächst hier bereits die Quintessenz für das Kommende heran?

Der Mensch dürstet nach magischen Momenten, die so selten sind, dass er sie nie mehr vergessen wird können. Wehmütig blickt er zurück. Träume, die kommen und gehen. Die Vernunft ruft schließlich zur Ordnung und droht mit Konsequenzen. Doch das Leben steht niemals still, ist stets in Bewegung und führt uns überallhin, so wir uns nicht zu Tode ängstigen.

Diese Zeilen, es mag für den Leser, die Leserin, recht eigentümlich scheinen, die ich aus meinem Inneren holen durfte, sind einem Klingeling um Mitternacht zu verdanken. Es war der Moment als eine Tonabfolge im exakten Winkel des Seelenspiels mein Ohr traf und sich einen Weg durch dicke Mauern und feste Steinblöcke bahnte und die Tür zu einem mir nicht gänzlich unbekannten Zimmer öffnete. Wie lange wurde es nicht mehr betreten?

Eine gefühlte Ewigkeit.

Ja, eine gefühlte Ewigkeit und eine Nacht.

 

 

 

 

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