richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Gedanken zum Bachmannpreis 2011

Bachmannpreis 2011 3sat Web-TV

Das TV-Bild ist flöten gegangen!

Heute hat also der »Lesemarathon« zum Bachmannpreis begonnen. 14 Autoren lesen ihre Wettbewerbstexte einer Jury vor und hoffen auf gnädige Akzeptanz. Aha. Im TV und im Web wird dieser literarische Event live-haftig ausgestrahlt und der geneigte Literaturzampano in spe kann somit an den Lippen der Autoren hängen. Aha.

Heute standen demnach 5 Autoren im Rampenlicht. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich gehe davon aus, dass diese Angelegenheit explizit gegen die Genfer Konvention verstößt, aber das juckt natürlich niemanden. Wir wissen doch, wozu solche Casting-Shows in erster Linie dienen, oder? Wenn es also den Verantwortlichen des Bachmannpreises um Literatur und die (ernsthafte, also längerfristige) Auseinandersetzung mit literarischen Texten ginge, dann würden sie alles daran setzen, die Veranstaltung in der bücherfreundlichsten Stadt durchzuführen und nicht in Klagenfurt, die laut Schriftsteller Winkler keine einzige Stadtbibliothek hat. Das ist, man verzeihe mir diese brachiale Wortmeldung, erbärmlichst. Wirklich.

Der Wettbewerb sieht vor, dass der Autor seinen Text vor Publikum, Jury und laufenden Kameras vorliest. Danach wird diskutiert. Also, die Jury befindet über den Text – und damit natürlich auch über den Verfasser. Das erinnert mich an jene Eltern, die im Beisein ihrer Kinder über ihre Kinder erzählen. Ich finde dieses Verhalten ziemlich grotesk. Weil es ja den Kindern anzeigt, dass sie wie eine stumme Sache wahrgenommen werden, über die man sprechen kann. Genauso verhält es sich auch in Klagenfurt. Die Jury lästert sich einen ab, beflegelt Sätze und Komposition und zieht allerlei literarische Querverweise. Die Eitelkeit der Jury-Mitglieder findet jedenfalls Raum und Zeit sich hübsch hässlich zu entfalten. In Zeiten der Casting-Shows sind die Jury-Mitglieder ja die heimlichen Stars. Jedenfalls wollen sie das glauben.

Über die Texte will ich nicht viel sagen. Ich finde das ganze Getue irgendwie seltsam übertrieben. Gewiss, ein bisschen Trommelwirbel im sonst so leisen Literaturbetrieb kann nicht schaden. Aber die Ernsthaftigkeit geht dabei flöten. Ich meine, man stelle sich vor, es käme, sagen wir, Ernest Hemingway auf die Bühne und liest einen seiner Texte. Würde er im Anschluss duckmäuserisch den Kommentaren der Jury lauschen? Würde er sich vielleicht eingestehen, dass er besser Journalist bleiben sollte? Nope. Ich würde mir wünschen (und das ist jetzt natürlich dem Mythos Hemingway geschuldet), der junge Hemingway steht langsam auf, geht zu einem der Jury-Mitglieder, nimmt diesen am Kragen und zischt ihm ein »An intelligent man is sometimes forced to be drunk to spend time with some fools.« – Und dann würde er langsam aus dem Saal gehen und in die nächste Bar. Ja, das würde ich mir wünschen. Das ist nämlich gelebte Literatur. Die heutigen Schreiberlinge sind brav und angepasst und entwickeln sich zu seltsam langweiligen Bürokraten ihrer Texte. Gut. Das muss wohl für viele so sein. Texte entstehen nicht in der Bar, sondern am Schreibtisch und vor allem im Kopf. Punkt.

Der Bachmannpreis hat so viel mit Literatur zu tun wie Catchen am Heumarkt (Wrestling) mit Sport. Amüsanter Nervenkitzel. Aber am Ende tut sich keiner wirklich ernsthaft weh. Schließlich geht es um Show. Und Verkaufszahlen. Aber nicht um Bücher und Bibliotheken.

Ich habe mir schon oft Gedanken darüber gemacht, wie es sein kann, dass in einem Land, das von sich behauptet einer aufgeklärten kulturell hochstehenden Zivilisation anzugehören, dass in diesem Land es zwar hunderte von Glücksspiel-Lokalitäten gibt, die rund um die Uhr offen haben, aber keine einzige kulturelle Einrichtung, die dem Bürger 24/7 offen steht. Wer jetzt mit der Erklärung kommt, dass es dafür kein Geld gäbe, wird sofort und auf der Stelle ausgepeitscht. Wirklich. Wofür in einer Gesellschaft Geld da ist, bestimmt die Gesellschaft, also die Bürger. Niemand sonst. Wenn morgen die Finanzwelt kollabiert, mit all ihrem virtuellen Derivat-Spielgeld, dann werden die Bürger gebeten, ihrer Bürgerpflicht nachzukommen und die horrenden Verluste der privatwirtschaftlichen Banken- und Finanzwelt zu tragen. Ohne dass darüber lang und breit befunden werden würde. Was sein muss, muss wohl sein. So heißt es. Tja. Schöne neue Welt.

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3 Antworten zu “Gedanken zum Bachmannpreis 2011

  1. Peter Hellinger Donnerstag, 7 Juli, 2011 um 18:30

    Dass der Autor nichts sagen darf über den Text, ist wohl der Gruppe 47 geschuldet (http://de.wikipedia.org/wiki/Gruppe_47), die diese Regel bekannt gemacht hat. Schliesslich soll der Text wirken und nicht die Erklärungen des Autors. Was ein Grass akzeptiert hat, wäre auch einem Hemmingway nicht zu schade. Zum anderen kennen natürlich die Jury-Mitglieder die Texte schon vorab und können sich auf die fraglichen Stellen schon mal einschießen. Und ja, es geht auch um die Eitelkeit der Jurymitglieder, die auch ihren Vorschlag (die Teilnehmer werden ja von der Jury vorgeschlagen) naturgemäss besser wegkommen lassen wollen (war Herrn Winkels heute sehr anzumerken). Trotzdem gibt es keinen deutschsprachigen Preis, der das Publikum so unmittelbar an die Literatur heranführt wie Klagenfurt und die öffentlichen Lesungen. Meist werden die Preise ja doch im stillen Kämmerlein ausgelost und mit „Hurra, wie haben einen Sieger!“ präsentiert. Insofern finde ich die Veranstaltung schon wichtig, wenn auch nicht immer die Texte, die da präsentiert werden.

    • Richard K. Breuer Donnerstag, 7 Juli, 2011 um 20:37

      Ja, ja, mehr Öffentlichkeit tut der Literatur gut, keine Frage, Peter. Aber irgendwie würde ich mir wirklich schillerndere Figuren wünschen. Klar, ein Reich-Ranicki gibt es nicht mehr. Aber der Denis Scheck ist ja zum Beispiel auch nicht schlecht, in seiner hochnäsig arroganten Art. Mir gefällt das. Bei den gegenwärtigen Jury-Mitglieder fällt mir nicht viel ein. Belanglose Mittelklasse. Der Burkhard Spinnen ragt da vielleicht heraus. Aber wenn man zum Beispiel meiner Landsmännin Daniela Strigl zuhört, also, da erinnert sie dann doch an eine frustrierte Deutschlehrerin, die die Aufsätze ihrer Schüler zerpflückt. Aber vielleicht müssen die Leutchen ja noch warm werden. Schauen wir mal, wie sie sich die nächsten Tage tun.

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