richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Buch- und Verlagsbranche, anno 2011 oder Die Schlange ohne Hörner

Man soll die Schlange nicht gering achten, weil sie keine Hörner hat,
man kann nie wissen, ob aus ihr nicht einmal ein Drache wird.

chinesische Weisheit

Es war viele viele Jahre her. In einer Zeit, als es in der Ostmark gerade einmal zwei (öffentlich-rechtliche) TV-Kanäle gab, da guckte man mit großen gierigen Kulleraugen über den großen Teich und hörte von unzähligen US-Fernsehkanälen. Das war schon allerhand. Und dann, dann kam Telekabel nach Wien und ein paar Häuserblöcke kamen in den Genuss von sechs oder sieben deutschsprachigen Sendern. Eine Revolution. Jedenfalls, an der Schwelle zum Jugendlichen, wurde ich hin und wieder bei Familie B. eingeladen, die mehrere ausländische Sender empfangen konnten. Gierig starrten wir auf die vielen Serien, die wir bis dato nicht kannten. Und eine davon war eine chinesische TV-Serie „Die Rebellen vom Liang Shan Po“ – für damalige Verhältnisse ziemlich blutig und heftig (da wollte man doch tatsächlich einem Rebellen den Kopf absägen!). Jedenfalls, im Vorspann der Serie gab es eine kleine Einführung in die Geschichte Chinas und wie eine kleine Gruppe von Rebellen eine Revolution auslöste. Und aus dem Off hörte man jenes Zitat, das ich diesem Blog-Beitrag vorangestellt habe.

Petra van Cronenburg – Autorin, Journalistin, Übersetzerin und Bloggerin – beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit dem Umbruch im Verlagswesen. Es mag sicherlich damit zusammenhängen, dass sie eines ihrer Bücher, das in einem Verlag publiziert wurde (Korrektur: es hätte veröffentlicht werden sollen, aber der Verlag macht vorher ne Bauchlandung), nun selber veröffentlichen möchte. Sie holte sich die Rechte zurück und arbeitete fieberhaft am Buch, das bald im Print-on-demand erhältlich sein wird. Auf ihrem Blog beschreibt sie sehr detailliert, wie sie ihren Dienstleister gefunden hat und worauf man dabei achten muss. Petra van Cronenburg, wenn man so will, muss niemanden etwas beweisen. Und das ist gut so. Selbstverlegern weht ein rauer Wind entgegen. Warum? Weil jeder sein Buch veröffentlichen kann, wenn er ein paar Scheine dafür locker macht. Die Filterfunktion des (kommerziellen) Publikum-Verlages, in der Fachsprache Gateway, ist einzig in der Lage, Qualität von Schund zu trennen. So heißt es. So sagt man. Aber stimmt das noch?

Die Zeiten ändern sich. Wer es merkt, wer es bereits bemerkt hat, tut gut daran, seine Einstellung dahingehend anzupassen. Ein Paradigmen-Wechsel, wie es Alan Rinzler, ein erfahrener Verlags-Mensch, in seinem Beitrag durchklingen lässt. Natürlich ist Rinzler kein Scharlatan, der einem das Blaue vom Himmel verspricht. Mitnichten. Er spricht von neuen Möglichkeiten. Und sagt, dass es keinen besseren Zeitpunkt gibt, zu schreiben, als heute. Wunderbar.

Zurück zu unserem eingangs erwähnten Zitat. Der Kaiser von China und seine Minister und Beamte belächelten anfänglich den kleinen Bauernaufstand. Nur eine Hand voll dahergelaufene Nichtsnutze, die Unruhe stifteten. Warum sollte ein Kaiser von China, der vom Himmel gesandt ist, vor gewöhnlichen Menschen Ehrfurcht haben? Eben. Geht ja gar nicht. Aber die kleine Gruppe an Rebellen, die den Regierungstruppen zähen Widerstand leistete, wurde von der Bevölkerung heimlich befördert. Es sprach sich wie ein Lauffeuer herum, dass es jemand wagte, gegen den Kaiser aufzubegehren. Und je länger dieser ungleiche Kampf dauerte, umso mehr Bauern und unzufriedene Bürger schlossen sich den Rebellen an. In der Tat, aus der kleinen, lächerlichen Schlange erwuchs ein Drache, der zu guter Letzt den Kaiser hinwegfegte (hübsch gesagt, nicht?).

Gut, gut, wollen wir die Kirche im Dorf und die Rebellen in China belassen. Meine Analogie sollte aber trotzdem verständlich sein, nicht? Auf der einen Seite diese beinahe göttliche Macht der Publikumsverlage, auf der anderen Seite eine kleine Gruppe von Unzufriedenen, die ihren Unmut nicht mehr verstecken. Gewiss, viele von ihnen sind rachsüchtig, weil Enttäuschung und verletzter Stolz an ihrer Seele knabbert, aber dann gibt es auch noch andere, nämlich jene, die aus freien Stücken das Rebellentum gewählt haben. Vielleicht haben sie sogar als Beamte im Kaiserreich gedient. Oh. Da bin ich wohl schon wieder in meine Analogie geraten. Sowas aber auch.

Dass es innerhalb der Rebellentruppe nicht gerade zimperlich zu Werke geht, muss ich nicht gesondert erzählen, oder? Jeder Umsturz bringt ein Macht-Vakuum hervor, das gefüllt werden muss. Und viele fühlen sich berufen, es auszufüllen. Tja. Revolten und Revolutionen sind kein Spaß. Wirklich nicht. Viele werden auf der Strecke bleiben. Viele werden zurückgelassen werden. Ist das gut? Ist das schlecht? Sagen wir: es ist absolut, weil niemand diese Bewegung aufhalten kann.

***

Und das nächste Mal erzähle ich dann, wie die Rebellen in unterschiedliche Fraktionen zerfallen, die sich misstrauisch beäugen, während der Kaiser von China und seine Beamten Kniffe und Tricks anwenden, um Zeit zu gewinnen und um die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen.

***

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8 Antworten zu “Buch- und Verlagsbranche, anno 2011 oder Die Schlange ohne Hörner

  1. AlbertKnorr Montag, 13 Juni, 2011 um 11:33

    Der große Vorteil des Kaisers ist, dass die Rebellen alle ihr eigenes Süppchen kochen. Es gibt Tage, da fühle ich mich wie Mel Gibson in Braveheart.

  2. Petra van Cronenburg Montag, 13 Juni, 2011 um 12:58

    Danke fürs Empfehlen, Richard! Klitzekleine Korrektur: Mein Verlag hatte das Buch noch nicht publiziert, er ist leider kurz vor der Produktion eingegangen.

    Ich kann verstehen, dass du vor dem Hintergrund deiner historischen Bücher ein Faible für Rebellionen und Revolutionen hast, aber muss es immer gleich ein „gegen“ sein? Wäre nicht auch ein fruchtbares Miteinander und Nebeneinander möglich? Du bist doch auch Verleger und nicht einfach nur ein Independent-Autor? Hast also längst die Seiten gewechselt 😉

    Ich persönlich glaube, dass sich der Markt auf recht natürliche Weise diversifizieren wird. Die Independent Szene eignet sich schon jetzt hervorragend für das besondere, für die Nische, für Bücher mit einem recht gut umrissenen Zielpublikum, das man zuweilen auch an völlig neuen Orten findet. Verlage werden wir auch künftig brauchen: Für komplexe und aufwändige, auch teure Produktionen, für Stapelware, für die ganz hohen Auflagen für Übersetzungen. Verlage werden sich vielleicht künftig wieder auf ihre Kernkompetenzen besinnen: Autoren und Bücher zu entwickeln und aufzubauen – das kann die Independent-Szene nicht leisten. Großverlage werden nebenher zu Dienstleistern werden, Holtzbrinck macht es vor. Und Distributoren wie Amazon wandeln sich jetzt schon zusätzlich zu Verlegern.
    Direktvertrieb wird neben die Grossisten treten und vielleicht wird eines Tages ein Grossist einen solchen integrieren und ebenfalls zum Dienstleister werden?

    Verlage wird es künftig auch noch geben. Nicht umsonst wollen so viele Independent-Autoren nicht einfach nur Autoren bleiben, sondern Selbstverleger werden 😉 Schließlich kann man mit einem Verlag schon ein bißchen was bewegen, oder?

    PS: Das neue Formular verschluckt die Kommentare, falls es nun 2x kommt, bitte eins löschen!

    • Richard K. Breuer Dienstag, 14 Juni, 2011 um 9:50

      Ja, Petra, natürlich wird es Verlage auch weiterhin geben. Kleinere und größere Rebellionen ändern ja nicht all zu viel an der Machtstruktur. Die Macht liegt dann vielleicht in mehreren Händen oder in anderen Händen, aber sonst bleibt ja vieles beim Alten.

      Primär geht es freilich um die finanziellen Mitteln. So lange Indie-Autoren und Indie-Verleger nicht ans große Geld kommen, werden finanzstarke Unternehmen oder Publikumsverlage immer die Nase vorne haben. Geht ja gar nicht anders. Und so lange die Medienhäuser eng mit den Verlagshäuser kooperieren, wird auch da für Indie-Autoren und Indie-Verlage kein Pott zu holen sein.

      KNV hatte mal einen Print-on-Demand-Backlist-Nachdruck propagiert. Leider habe ich bis dato noch nix gehört davon, aber primär ist das natürlich die große Zukunft. Oder wäre es. Hm. Darüber sollte ich natürlich schreiben.

  3. PvC Dienstag, 14 Juni, 2011 um 11:20

    Welche normal verlegten Autoren kommen denn an das große Geld??? 😉
    Ich glaube wie du, dass das Problem tatsächlich im Vertrieb liegt. Da haben Indie-Leute einfach noch nicht die gleichberechtigten Strukturen und können sich auch keine Vertreter leisten. Auf der anderen Seite: Wie viele wunderbare Verlage werden heutzutage aus dem Buchhandel ausgemustert, weil sie die geforderten Rabatte nicht stemmen können oder nicht regalkompatibel sind?!

    Backlist sollten Autoren selbst nachdrucken und die volle Kontrolle und Tantiemen behalten. Bereits jetzt kann man manchen Rechterückgabebriefen ansehen, dass einige Verlage planen, womöglich künftig auf den Zug aufzuspringen. Dann werden noch schneller Bücher verramscht, weil man sie als Backlist profitbringender verschleudern kann?

    • Richard K. Breuer Dienstag, 14 Juni, 2011 um 11:57

      Naja, im elektronischen Bereich ist der Vertrieb ja nicht mehr das Problem, da liegt der Indie-Autor (theoretisch) neben dem belletristischen Gottvater der Autorenschaft. Die Frage ist nur, wie wird in der digitalen Welt gefiltert, wer findet die Perlen, wer die Schweine?

      Erst unlängst hat mir eine Literatur-Bloggerin unter der Hand erzählt, dass die alteingesessenen Blogger das Handtuch werfen, weil immer mehr jüngere nachkommen, die sich den Verlagen andienen, um Aufmerksamkeit und ein (gratis) Lese-Exemplar zu bekommen. Ihre Rezensionen und Buchbesprechungen sind nur noch schlampig geschrieben und nicht mehr wirklich objektiv. Tja. Publikumsverlage üben mit Geld und Ansehen noch immer eine große Macht auf den gewöhnlichen Leser aus. Das wird sich so schnell nicht verändern. Social Media hin oder her.

  4. PvC Dienstag, 14 Juni, 2011 um 16:15

    Schade, wenn sie das Handtuch werfen, denn:
    – Verlage vergeben nur noch ungern unendlich Bücher mit der Gießkanne und sondern Blogger zunehmend nach Qualität und Effektivität aus.
    – Leserinnen und Leser reagieren zunehmend allergisch auf Blogs, denen man das indirekte Sponsoring durch Verlage ansieht.
    Auf Dauer gewinnt auch hier die Qualität!

    • AlbertKnorr Dienstag, 14 Juni, 2011 um 16:26

      „Verlage vergeben nur noch ungern unendlich Bücher mit der Gießkanne…“
      Sorry, aber das widerspricht der Realität. Genau das Gegenteil ist der Fall. Nie zuvor wurden von den Branchenriesen so viele Bücher zu Rezensionszwecken verschenkt. Sie überfluten die Buchhändler, Blogs, Journalisten und jeden, der ihr Buch irgendwo erwähnen könnte. Einige Verlage drucken sogar eigene Auflagen nur für Vorab-Promo!

      „Leserinnen und Leser reagieren zunehmend allergisch auf Blogs“
      Nicht, wenn sie dort Bücher geschenkt bekommen 😉

      lg
      albert

      • PvC Mittwoch, 15 Juni, 2011 um 15:15

        Das mag bei Konzernverlagen der Fall sein – ich kenne Verlage, die schwarze Listen für Rezensenten führen, die nichts bringen und die Bücher womöglich lieber bei ebay verscherbeln…

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